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Mein Gesprächspartner: Nils, 34, Referent bei einer europäischen Partei
Ich sitze im Karsmakers(www.karsmakers.be), einem Coffeehouse gegenüber des Gare de Luxembourg. Der Laden hat die Atmosphäre eines Wohnzimmers, es ist hell, man kann es sich in Sesseln gemütlich machen, an längeren Holztischen auch mit mehreren Leuten arbeiten oder draussen auf der Terrasse die hoffentlich vorhandene Sonne geniessen. Eine kleine Bibliothek bietet Lesestoff vom National Geographic über Kaffeebände bis hin zu einer Che Guevara Biographie. Die meisten hier nutzen aber dann doch lieber den Wifi-Zugang und suchen etwas Ruhe zum arbeiten, wenn sie sich nicht gerade entspannt unterhalten.
Während ich noch mal bei einem Tee meine Fragen durchgehe, klingelt das Handy. Nils entschuldigt sich, es wird 10 Minuten später. Er habe beim Rausgehen seinen Chef getroffen, und das habe zu weiteren Arbeitsaufträgen geführt. Ich lasse mir also etwas Zeit und beobachte die anderen Gäste. Neben den üblichen Lobbyisten sitzen auch einige Studenten hier und arbeiten an Referaten oder Seminararbeiten. Der Eigentümer nimmt auch des öfteren seine Kinder mit, daher fühlt man sich hier auch wohl, wenn man keinen Anzug trägt. Das ist nicht unbedingt in jedem Café der Umgebung der Fall.
„Die Europäische Politik hat auf mich immer eine ungeheure Faszination ausgeübt“
Schließlich hat es Nils geschafft, und nachdem wir uns neue Getränke besorgt haben, beginnen wir das Gespräch.
Als Jugendlicher habe er eine Weile gebraucht, bevor er sich für eine feste politische Heimat entschieden habe. Demokratie bringe verschiedene gesellschaftliche Perspektiven zusammen und erst am Ende der Schulzeit habe er die innere Überzeugung gewonnen, für welche Perspektive er eintreten wollte. Dies sei die Sozialdemokratie gewesen. „Aber von der Europäischen Union war ich schon immer fasziniert vor allem wegen der Ratssitzungen. Die haben schon während meiner Schulzeit eine ungeheure Faszination ausgeübt, wegen dieser einmaligen Mischung zwischen politischer Ebene und diplomatischem Umgang.“
Nils trat 1998 in die SPD ein. Kurz darauf wurde er in der Bürgersprechstunde seines Stadtrats gefragt, was er denn in der Zukunft machen wolle. Da habe er geantwortet, er wolle einmal in Brüssel arbeiten und sozialdemokratische Politik vertreten. „Das wurde mit der amüsierten Bemerkung abgetan hier sei endlich unser Mann für Europa. In diesem Satz schwangen wohl zwei Botschaften mit: Zum einen, dass ich schon ziemlich abgehoben sei, wo ich doch gerade erst in die Partei eingetreten war. Und zum anderen die Überraschung darüber, dass sich überhaupt jemand für Europa interessiert.“
Dieses Interesse an Europa habe er tatsächlich schon früh entwickelt. „Ich habe zum Beispiel einen binationalen Studiengang belegt und die Hälfte meines Studiums in Italien verbracht. Zum Studienende habe ich dann ein Erasmus-Semester in Brüssel gemacht und hatte schon die Hoffnung, hier dann auch eine Arbeitsstelle zu bekommen. Und am Ende bin ich geblieben.“ Einem Praktikum bei einer Europaabgeordneten sei ein weiteres Praktikum bei der SPE (Sozialdemokratische Partei Europas oder im Englischen PES: Party of European Socialists) gefolgt, wo er dann eine feste Stelle bekommen habe.
„Die Politik der EU wird durch die konservativ-liberale Mehrheit im Rat bestimmt!“
„Was ist denn die eigentliche Aufgabe der SPE? “ frage ich nach. Er antwortet nach kurzem Nachdenken: „Letztlich werden die wichtigen Entscheidungen heutzutage auf globaler oder wenigstens europäischer Ebene getroffen. Wenn man als Sozialdemokrat etwas gestalten will, anstatt nur Abwehrkämpfe auf nationalstaatlicher Ebene zu führen, dann geht das nur über eine starke europäische Parteiorganisation. Ich betrachte die SPE als das Projekt der Zukunft, wenn es um sozialen Fortschritt, soziale Gerechtigkeit geht.“ Der letzte SPE-Parteitag habe die Weichen gestellt für ein gemeinsames Grundsatzprogramm, was bei 33 Mitgliedsparteien aus den 27 Mitgliedstaaten ein großer Schritt nach vorne wäre.
„Konkret machen wir Gegenvorschläge zu den konservativ-liberalen Initiativen der EU-Kommission. Das geht natürlich nur in wenigen Bereichen, aber unser Ziel muss es sein, den Menschen und den Medien begreiflich zu machen, dass europäische Politik auch anders aussehen kann, dass es die nationalen Regierungen sind, die diese Politik in Rat und Kommission durchsetzen und die konservativ-liberale Mehrheit im Europäischen Parlament, die eine wirkliche europäische Sozialpolitik unmöglich macht.“ Das sei ein langwieriger Prozess, aber man müsse damit anfangen, die politische Debatte aus dem EU-Viertel in die Öffentlichkeit zu tragen. Ansonsten werde es nie eine wirklich demokratische europäische Politik geben, trotz Parlament und Wahlen.
Ich unterbreche ihn kurz und frage, ob das denn kein mehr oder weniger aussichtsloses Unterfangen sei. „Das werden wir sehen. Ernsthaft hat es ja noch keine Partei versucht, eine europäische Öffentlichkeit herzustellen. Unsere Bemühungen sind bis jetzt eigentlich recht erfolgreich mit unserer Medienarbeit, wenn man die Vorraussetzungen betrachtet, aber es reicht bei weitem noch nicht aus. Wir müssen weiter die Konfrontation mit dem politischen Gegner suchen, dann werden wir als europäische Ebene auch von den Medien stärker wahrgenommen.“ Ich frage Nils, warum dann in Deutschland nicht öfters etwas über die SPE zu lesen sei. Er antwortet mir, dass die SPD mit Martin Schulz als Fraktionsvorsitzenden im Europäischen Parlament über einen herrausragenden Vertreter der europäischen Sozialdemokratie verfüge und es daher nur verständlich sei, wenn sich die deutschen Medien bei ihrer Arbeit auf den SPD-Vertreter und S&D-Fraktionsvorsitzenden konzentrieren.
„Andererseits ist es auch Teil unserer europäischen Parteiarbeit, konkret Einfluss zu nehmen auf den Entscheidungsprozess. Zum Beispiel über die sozialdemokratischen Kommissare beziehungsweise über den Austausch mit den sozialdemokratischen Ministern und Regierungschefs vor den Ratssitzungen. Außerdem gibt es auch zwischen der Fraktion im Europäischen Parlament und der Partei eine Arbeitsaufteilung. Während die Fraktion ihr Augenmerk darauf richtet, bei der parlamentarischen Arbeit möglichst viele sozialdemokratischen Positionen in den Beschlüssen zu verankern und daher eine Kooperation mit anderen Parteien notwendig ist, kann die europäische Partei plakativer agieren und so die politischen Unterschiede in den Positionen klar erkennbar machen. Für die Zukunft würde Nils sich wünschen, wenn die Partei der Fraktion im Europaparlament einen formalen Auftrag zu Koalitionen und politischen Kooperationen geben würde, wie dies auf nationaler Ebene geschehe. So könnte für die Bürger die eigene politische Arbeit klarer erkennbar gemacht werden. Durch die historisch gewachsene Rolle des Europäischen Parlaments neigen die Fraktionen zur informellen, technischen Zusammenarbeit. Da sei es dann für die SPE mitunter schwer zu vermitteln, warum manche Entscheidungen gegen die Sozialdemokraten getroffen wurden.
„Eine Europäische Öffentlichkeit kann man nur von beiden Seiten entwickeln: Die Basis und Brüssel dürfen kein Gegensatz sein.“
„Das Problem ist, dass wir europäische Debatten auch in die Mitgliedsparteien tragen müssen. Dabei muss die Zusammenarbeit und Koordinierung mit den Mitgliedsparteien gestärkt werden. Diese Forderung kommt gerade auch von den Mitgliedsparteien, die regelmäßig in ihren Programmen schreiben: Die SPE muss stärker werden. Aber eine einfache Aufgabe ist das nicht, denn es handelt sich vielfach um ein Mentalitätsproblem: Die Erfolge von Sozialdemokraten und Gewerkschaften wurden im Rahmen der Nationalstaaten errungen. Aller internationalistischer Rhetorik zum Trotz fällt es nun schwer, die EU als Chance zu sehen und sich nicht auf Abschottung und Konkurrenzdenken zurückzuziehen.“ Deshalb sei die SPE auch dabei, den direkten Kontakt zu den europäisch interessierten Parteimitgliedern an der Basis zu stärken.
Ich bin etwas skeptisch: „Wie soll das gelingen?“. Nils lächelt. Er sei für das Projekt der so genannten SPE-Aktivisten zuständig. Man organisiere durch dieses Projekt europaweit Parteimitglieder in Gruppen, die sich für die EU und europäische Themen interessierten. „So wollen wir einerseits einen Mentalitätswandel vor Ort einleiten, als auch den direkten Kontakt zur Basis bekommen. Es ist ja richtig: Die europäische Ebene muss raus aus dem Elfenbeinturm, und das muss man organisieren. Wir haben jetzt 110 Aktivistengruppen, der Austausch ist äußerst wertvoll, weil so auch die Basis der Mitgliedsparteien voneinander lernen kann.“ Seines Wissens sei die PES die einzige Partei, die ein solches Projekt initiiert habe. Die Teilnahme von Aktivisten als Vertreter der Parteibasis habe bereits viele Parteiveranstaltungen bereichert.
„Es gibt weltweit nirgends so viele Idealisten auf so engem Raum“
Wir brauchen eine kurze Pause, das Café ist nach wie vor recht voll, obwohl es langsam auf den Abend zugeht. Wir holen uns noch einen Kaffee, und ich frage Nils, ob er sich in Brüssel eigentlich wohl fühle? „Hmm“. Er grübelt ein wenig. „Also Brüssel ist für mich eine Stadt ohne einen Kern, ohne eine einheitliche Identität. Vor allem gibt es hier Parallelwelten: die flämische, die wallonische, die arabischen, die afrikanischen und die EU-Community. Zwischen diesen Sphären gibt es selten einen Austausch, daher geht auch der Kontakt zwischen der EU-Community und der Normalbevölkerung verloren - was schon problematisch ist. Dabei gibt es wohl weltweit nirgends so viele Idealisten auf so engem Raum wie hier im EU-Viertel.“ Brüssel selbst gebe sich große Mühe, die Lebensqualität zu verbessern. Jedoch ist sie seiner Meinung nach immer noch deutlich geringer als in anderen europäischen Metropolen. Gerade das Verkehrssystem, die Kriminalitätsbekämpfung sowie die Bausubstanz der Wohnungen seien verbesserungswürdig.
Was, er von Belgien als Land halte, möchte ich wissen. Da kommt Nils auf die wiederkehrenden Regierungskrisen in Belgien zu sprechen. „Ich habe ein wenig Angst, dass Belgien ein böses Omen für die EU sein könnte. Belgien ist für mich nicht wirklich ein Nationalstaat, sondern eine Konstruktion, die verschiedene Volks- bzw. Sprachgruppen unter einem Dach beherbergt. Viele Belgier haben gar keine Beziehung zu Belgien, sondern fühlen sich als Flamen oder Wallonen. Daher gilt für Belgien wie für die EU: wenn verschiedene Identitäten verbunden werden sollen, muss auch eine emotionale Beziehung zum Gesamtgebilde hergestellt werden. Die Menschen müssen das als Teil ihrer Identität empfinden.“ Daran mangele es Belgien wie der EU. Es helfe niemandem, wenn man Europa intellektuell herleiten könne, solange sich die Bürger nicht emotional mit dem Projekt verbunden fühlen.
Wir beenden das Gespräch, und trinken langsam unseren letzten Kaffee. Es ist bereits nach 18 Uhr, das Café schließt ohnehin gleich. Nils muss gleich noch an den Schreibtisch, Brüssel schläft nie und die Partei ohnehin nicht. Wir gehen, sind fast die letzten an diesem Abend und ich genieße die Sonne, während ich durch den Parc Léopold den Heimweg antrete.
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Jemand sollte dem guten Nils mal erklären, daß jeder Nationalstaat eine Konstruktion ist, "die verschiedene Volks- bzw. Sprachgruppen unter einem Dach beherbergt."
Was wir in Belgien erleben, ist nun wirklich kein typisch belgisches Problem, sondern ein Identitäts- und Verteilungskampf wie es ihn überall in Europa und auf der Welt gibt, man nehme hierzulande nur mal Deutschland Ost/West. Die Bayern fühlen sich auch heute noch zuerst als Bayern, dann als Deutsche. Da kann die SPE noch so viele Aktivistengruppen gründen - als Europäer wird man sich auf der Alm niemals fühlen. Warum habe ich eigentlich immer den Eindruck, daß sich Leute wie Nils nur mit sich selber beschäftigen? Guter Artikel, dennoch :-) |
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Hallo Querdenker,
"Guter Artikel, dennoch :-)" - Vielen Dank! Zu Belgien: Ich denke, in Belgien wird im Gegensatz zu Deutschland ja der Gesamtstaat in Frage gestellt, während in Deutschland ja häufig eher der Föderalismus und damit die Länder in die Kritik geraten - jedenfalls außerhalb Bayerns ;-) Aber ich werde versuchen, für den nächsten Blogbeitrag eine Belgierin zu gewinnen. Grundsätzlich sollen ja auch unterschiedliche Einschätzungen zu Europa, Belgien, Brüssel geäußert, dargestellt oder diskutiert werden. |
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Lieber Starker Kaffee,
ein ganz wunderbarer Artikel. Was Ihr Gesprächspartner sagte, "Zwischen diesen Sphären gibt es selten einen Austausch, daher geht auch der Kontakt zwischen der EU-Community und der Normalbevölkerung verloren - was schon problematisch ist. Dabei gibt es wohl weltweit nirgends so viele Idealisten auf so engem Raum wie hier im EU-Viertel" kenne ich aus der FAO und von den Menschen, die darin arbeiten sowie ihren Familien. Ein eigenartiges Völkchen, das sich ständig um den Hunger in der Welt kümmert (oder kümmern sollte), mit einem ungrlaublichen Impetus, der auch auf die Kinder durchschlägt, deren Eltern dort arbeiten. Und irgendwann die Institutionalisierung, so als wäre ein Schalter umgelegt worden -vielleicht die Erkenntnis, nicht überall und immer helfen zu können- und damit einhergehend die Bürokratisierung. Was mir schon damals als endogener Vorgang vorkam. Man kann Niels nur wünschen, dass er sich einen Teil seiner sympathischen Naivität erhält. |
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Lieber ed2murrow,
erstmal herzlichen Dank für das Lob. Macht wirklich Spaß, diese Reihe, aber ist in der Tat doch sehr viel Arbeit. Was diese Expat-Communities angeht, scheint es überall das gleiche Phänomen zu sein: Trotz des anfänglichen idealistischen Engagements lebt man auf Dauer nur unter einer Glocke, die nie den Kontakt zu den Lebensrealitäten vor Ort aufbaut und immer weiter von den jeweiligen Lebenswelten in der Heimat entfernt. Der Kampf gegen dieses Phänomen, die bewußte Auseinandersetzung mit dem Leben außerhalb dieser speziellen Community erfordert große Anstrengungen, so erlebe ich das hier in Brüssel jedenfalls. Wenn man das nicht schafft, dann verzweifelt man automatisch an der eigenen Arbeit, denn auf Dauer kann dieser Impetus nicht aufrechterhalten werden, wenn die Ergebnisse der Arbeit nirgendwo spürbar sind. |
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Immer ein Vergnügen, hibou!
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die sache mit den nationen ist tatsaechlich spannend, zeichnet sich derzeit in belgien am staerksten ab, ist aber latent (fast) in jedem land ein problem. redet man in brüssel eigentlich noch von wilson?
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Hallo hibou,
nein, Wilson habe ich hier in der Debatte noch nicht gehört. Interessanterweise haben mir einige Flamen in Brüssel gesagt, dass sie die Wahl der gemäßigten flämischen Separatisten für Belgien insgesamt für hilfreich halten. Die Überlegung lautet so: Eine Teilung Belgiens werden sie ohnehin nicht hinkriegen, sind deshalb aber gezwungen, endlich die notwendigen Staatsreformen auf den Weg zu bringen. Da sie mit den wallonischen Sozialisten und einigen kleineren Parteien werden regieren müssen, werden diese Reformen aber auch nicht einseitig gegen Belgien gerichtet sein. Die Idee im Moment lautet sozusagen: Die werden nicht das machen können, was sie wollen, und damit sie in 4 Jahren überhaupt noch jemand wählt, müssen sie wohl das machen, was die Menschen eigentlich wollen... Ich bin gespannt. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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