starkerkaffee

Blog von starkerkaffee

20.07.2010 | 18:02

Wenn Angie lächelt

Ein fiktives Rücktrittsschreiben

 

Jogi Löw bleibt also. Ein seltenes Zeichen des Rückhalts, der Standfestigkeit, der Kontinuuität, wie man so schön sagt. Doch ich mag nicht mehr. Kann nicht mehr. Will nicht mehr.

Hier, auf meinem schicken Schreibtisch, steht ihr Bild. Angies Lächeln, wenn die nicht ganz heruntergezogenen Mundwinkel als Lächeln durchgehen. Das muss so sein, das gehört sich so in einer konservativen Partei. Die Vorsitzende und ihre Weisungen immer im Blick, und ja nicht zu sehr aufmucken, sonst gibt es was aufs Dach. Irgendwann. Da ist sie wie Kohl, der hat seine Gegner auch meist leise erledigt. Telefonate, SMS, alles das gleiche. Wozu soll ich mir das noch antun.

 Nein, es geht mir nicht um Inhalte, es geht in diesem Betrieb eigentlich niemandem mehr um Inhalte. Nach einer gewissen Zeit. Alles wird zu einer taktischen Frage. Aber der Jogi macht weiter. Der hat gut Lachen. Ist ja auch bekennender Fan der "Andschela Merkel", wie er sagt. Die Nationalmannschaft auch. Ihre Besuche würden die Mannschaft motivieren. Deshalb sind die bei der WM wohl so schnell gelaufen, weggelaufen. Aber ich muss hier sitzen, dieses Bild ertragen. Ich kann nicht mehr.

Die schlimmsten Momente hat man beim Bürgerkontakt, wenn einem die Menschen sagen, wie toll die Kanzlerin doch sei - und vor allem, dass sie eine Frau ist. Wirkliche Blitzmerker, diese Wähler. Dann noch diese Journalisten, die diese Frau als Durchbruch des Feminismus feiern. "Neuer weiblicher Stil". Was für ein Quatsch, wenn das neuer weiblicher Stil ist, dann ist Aspirin die medizinische Entdeckung des Jahres! Würde ich meinen besten Kumpel so ins Messer laufen lassen wie die Merkel die von der Leyen bei der Nachfolge des Bundespräsidenten, wäre ich ein Beispiel für die männliche Arroganz der Macht, die keine Freundschaften kennt.

So wird Merkel zum Inbegriff einer Frauenpolitik, die sich auf einen Kopf und das Geschlecht beschränkt, die Inhalte entleert und auf formelle Quoten reduziert. Wie man frauengerechtere Politik macht, Ausbildung und Arbeitsplätze weiblichen Bedürfnissen anpasst und eben auch politische Laufbahnen anders gestaltet, darüber wird nicht diskutiert. Wenn ich morgen zurücktrete und eine Frau mir nachfolgt, wäre das ja nur ein Erfolg für die Emanzipation, wenn sie das Amt an ihre Bedürfnisse anpassen könnte. Kann sie aber kaum. Ich auch nicht, und deshalb gehe ich. Jetzt. Nächste Woche ist Elternabend bei meiner Tochter. Da will ich auch mal hin. Als Vater. Aber dafür muss ich diesen Job abgeben, am gleichen Abend wäre sonst Händeschütteln bei einem Empfang angesagt. Ich will nicht mehr. 12 Stunden am Tag Ministerpräsident sein, das reicht. 24 Stunden schafft kein Mensch, kein Mann, keine Frau. Nicht in dieser Welt.

Jogie bleibt. Ich gehe.

Ihr Ministerpräsident a.D.

Hochmut vor dem Fall


 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Magda schrieb am 20.07.2010 um 19:31
"Dann noch diese Journalisten, die diese Frau als Durchbruch des Feminismus feiern."

Also, ich kenne nur den Blinddarm-Durchbruch. Einen Durchbruch des Feminismus....nee, ist mir nicht bekannt . Und feiernde Journalisten, aus diesem Anlass.
Überhaupt: Durchbrüche sind selten geworden.

"Würde ich meinen besten Kumpel so ins Messer laufen lassen wie die Merkel die von der Leyen bei der Nachfolge des Bundespräsidenten, wäre ich ein Beispiel für die männliche Arroganz der Macht, die keine Freundschaften kennt."

Man muss ja erstmal einen besten Kumpel haben. Von der Leyen war nicht der beste Kumpel von Merkel, glaube ich.
Aber unter Kohl gabs reihenweise hingehangene Männer.

"So wird Merkel zum Inbegriff einer Frauenpolitik, die sich auf einen Kopf und das Geschlecht beschränkt, die Inhalte entleert und auf formelle Quoten reduziert."

Also Merkel ist aber keine Freundin von Frauenpolitik und schon gar keine von Quoten.

"Wenn ich morgen zurücktrete und eine Frau mir nachfolgt, wäre das ja nur ein Erfolg für die Emanzipation, wenn sie das Amt an ihre Bedürfnisse anpassen könnte"

Stimmt, Frauen folgen immer nach. Auf eine zurückgetretene Frau folgt selten ein Mann. Das Amt ist dann - meist - irgendwie für Männer versaut.
starkerkaffee
Freier Autor, pendelnd zwischen Köln und Brüssel, meist ironisch, oft zynisch und zu oft Realist. Links von der Mitte, wo sie auch immer sein mag und wer sie auch verkörpern mag.
Ort:
Brüssel
Mitglied seit:
2 Jahre 10 Wochen
Zuletzt aktiv:
02.02.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 14
Kommentare: 126
Mein Web:
Logbuch
01:36
Malte Krøgergaard hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:35
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:29
Malte Krøgergaard hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:28
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:27
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG