Stefan Höltgen

FreiSpiel

01.10.2009 | 14:43

Besuchen Sie den Nordpol ...

In einem alten Song von "Geier Sturzflug" heißt es, mit augenzwinkerndem Hinweis auf die mögliche atomare Apokalypse: "Besuche Sie Europa, solange es noch steht" und angeblich hatte sich die Band diesen Vers nicht ausgedacht, sondern vom Prospekt eines US-amerikanischen Tourismus-Unternehmens geborgt. Um zum Thema zu kommen: Reisen in ein (mögliches) Katastrophen-Szenario haben immer schon eine besondere Faszination ausgeübt. Und wenn man nur zu Besuch dort ist, lässt sich der Kollaps bestaunen wie die Tiere im Zoo.

Von interkontinentalen Atomraketen werden wir heute zwar nicht mehr mit Weltuntergang bedroht, wohl aber von der stattfindenden Klima-Erwärmung. Die zeigt ihre ersten Auswirkungen bereits in den Polargebieten, wo die Eismassen langsam wegschmelzen und in der Änderung des Wetters auf der ganzen Welt. Dennoch sind die Veränderungen immer derartig schleichend, dass ein Katasrophen-Tourismus-Konzern damit noch keine Gewinne erzielen könnte. Da schafft die Virtualität Abhilfe. Im Frühsommer war bereits das Videospiel "Fuel" (Codemasters) erschienen, das einen diesbezüglichen Blick in das Nordamerika der nahen Zukunft wirft: Die Klimakatastrophe hat die USA weitgehend unbewohnbar gemacht, was von verwegenen Offroad-Rennfahrern genutzt wird, um neuartige Strecken zu "erfahren".

Offroad-Racing-Spiele erfreuen sich gerade auf der PlayStation 3 einer gewissen Beliebtheit und jeder neu erschienene Titel versucht den Platzhirsch "MotorStorm" (Evolution/Sony), von dem es für die PS3 mittlerweile zwei Teile gibt, vom Thron zu stoßen. Mit "MotorStorm Arctic Edge" (BigBig Studios/Sony) ist nun ein dritter Teil erschienen, der jedoch nur für die PlayStation 2 und Sonys Handheld PSP erhältlich ist. Man will die Marke "MotorStorm" wohl auch in der letzten Konsolengeneration und im portablen Bereich positionieren. Wie seine großen Brüder ist die Besonderheit von "Arctic Edge" abermals das Terrain, auf dem gespielt wird: das Nordpolargebiet. Der Ausflug in die Winterwelt, die vielleicht bald nur noch im Medienarchiv bestaunbar ist, hat nach "Pure" nun also ebenfalls seine virtuelle Entsprechung gefunden.


In der Bedienungsanleitung wird gleich in den ersten Sätzen angedeutet, worum es bei MotorStorm ging und geht:

"Bei den bisherigen MotorStorm-Festivals haben Motorsport-Fanatiker in der Wüste von Monument Valley ein verheerendes Chaos angerichtet und eine tropische Pazifikinsel völlig zerstört. Diesesmal findet das unbarmherzigste Rennfestival am verrücktesten Ort überhaupt statt: in der eisigen Steppe und den zerklüfteten Bergen der Arktis von Alaska."

Das ist zwar etwas übertrieben, denn die Umwelt wurde und wird auch nicht vom Spieler "völlig zerstört", die Gegner kann man hingegen schon ziemlich ramponieren - wenn auch nicht für lange Zeit. In der virtuellen Welt des Rennsports ist wieder einmal Pflicht, was in der Realität allenfalls Kür ist: Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern. Wenn das Spiel damit Kompensation für real ausgelebte Aggressionen im Straßenverkehr leistet, soll es recht sein. Wem das nicht gefällt, der kann sich - wie in Offroad-Rennen üblich - einfach eine ungenutzte Nebenstrecke als Route wählen. Irgendwann finden die Gegner einen jedoch auch dort ...

Auf dem recht kleinen Display der PSP bekommt man die detailreiche Schönheit, in der man motorisiert seine Spuren hinterlässt, gar nicht in ihrem vollen Glanz zu sehen. Erst in der PS2-Version oder beim Anschluss des Handhelds an den Fernseher erstrahlt die virtulle Winterwelt: Weite Schneelandschaften, Eisflächen, Schneestürme und Gletscher. Die Erhabenheit der arktischen kommt er auf den großen Bildern zum Vorschein. Die Stille, die eine solch beschauliche Winterlandschaft haben könnte, wird mit dem (einstellbar lauten) Motorenlärm gefüllt und 20 Rocksongs, die der Reihe nach oder per Zufall abgespielt werden (aber auch stumm geschaltet werden können). Zu Motörheads "Runaround Man" mit einem Motorrad über Sastrugis zu hoppeln besitzt schon einen ganz eigenen Reiz. Es lassen sich jedoch auch bis zu 128 eigene auf der Speicherkarte abgelegte Songst im MP3-Format in das Spiel integrieren.

Die Steuerung auf der kleinen PSP ist zunächst gewöhnungsbedürftig und orientiert sich in der Werkseinstellung an der Bedienung der Vorgängerteile. Der kleine Analogstick neben dem Display ist zum Lenken allerdings denkbar ungeeignet, weswegen es sich lohnt, in den Optionen die Tasten-Belegung zu wechseln und das digitale Steuerkreuz zu verwenden. Auch die Belegung der Beschleunigungs- und Boost-Tasten ist zunächt etwas ungewohnt - aber auch dies lässt sich ändern. Eine nette Idee ist, dass man mit der aus den vorherigen "MotorStorm"-Spielen bekannten Hup- resp. Beleidigungsgesten-Taste nun auch Lawinen auslösen kann, wenn man gerade unter schneebedeckten Abhängen entlang fährt. Die nachfolgenden Fahrzeuge wirft eine solche Aktion gehörig aus der Bahn.

Neben dem grafischen Detailreichtum verblüfft die Flüssigkeit mit der das Spiel abläuft. "MotorStorm Arctic Edge" zeigt einmal mehr, welche Kapazitäten in der kleinen PSP schlummern, von denen Nintendo-DS-Besitzer nur träumen können. Das Spiel bietet 24 Rennstrecken (zwölf, die aus beiden Richtungen befahren werden können) für die verschiedenen Events: Festival-Rennen, in denen es um Medaillengewinne geht, an "Fuel" orientierte Zeit-Rennen, in denen man in immer kürzer werdender Zeit Wegmarken passieren muss, und freie Spielrunden, in denen man die erwirtschafteten Fahrzeuge und Erweiterungen testen kann. Man kann gegen virtuelle Gegner fahren oder über drahtlose Verbindung gegen einen anwesenden oder via WLAN gegen mehrere auf dem Playstation-Server wartende PSP-Spieler - antreten.

"MotorStorm Arctig Edge" liefert also Rennspielfreunden, zumal solchen, die sich weniger für hyperrealistische Formel-1-Simulationen als für fantastische Fahr-Vehikel in erdachte Umgebung interessieren, alles, was derzeitige Games desselben Genres im Programm haben. Dabei übernimmt es Ideen aus Konkurrenzprodukten (etwa die Zeitrennen aus "Fuel"), so wie die Vorgänger auch diesen als Inspiration gedient haben. Der Clou ist sicherlich das Spielsetting, das gleichermaßen schön wie herausfordernd ist und nicht bloß als Ambiente dient, sondern in die Funktionalitäten des Spiels integriert ist (beispielsweise lässt sich der heiß gelaufene Boost durch Fahrten über Schnee und durch Eiswasser wieder abkühlen).

Ein Gefühl von Winter nach diesem recht heißen Sommer vermittelt "MotorStorm Arctic Edge" allemal und bietet denjenigen, die es nicht bis zur Ski-Saison abwarten können, schon einmal ein paar schöne Ausblicke - und natürlich künftigen Generationen, die den Anblick von Eis und Schnee vielleicht gar nicht mehr kennen werden, eine virtuelle Rundfahrt durch den arktischen Winter - solang man dabei nicht von der Strecke abgedrängt wird.

MotorStorm Arctic Edge (2009)
Entwickler: BigBig Studios
Publisher: Sony
Plattformen: Sony PlayStation 2, Sony PlayStation Portable (getestet)
Veröffentlichung: 18.09.2009
USK: ab 12 Jahren
Preis: 45,46 Euro (PSP), 38,95 Euro (PS2)

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Stefan Höltgen

 
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Stefan Höltgen
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