Die Kino- und TV-Filmserie "Ju-On" gehört zu den beeindruckendsten Produktionen des so genannten "J-Horror"-Genres. Dabei handelt es sich um Geisterfilme aus Japan, die ab Ende der 1990er Jahre auch verstärkt im Westen rezipiert wurden und in Folge dessen eine interkulturelle Filmästhetik der Angst etablieren konnten, die sich heute in zahlreichen Produktionen auch des europäischen und US-Kinos wieder findet. Takashi Shimizu, der sich mit "Ju-On" einen Zyklus um Rachegeister ersann, ist bis heute einer der produktivesten japanischen Regisseure dieses Genres und eine Besonderheit gerade seiner Stoffe ist die zunehmende "Internationalisierung" der Ästhetiken, die letztlich sogar soweit führte, dass Shimizu 2004 ein Remake seines eigenen ersten "Ju-On"-Kinofilms in den USA produzierte, bei dem er US-amerikanische Darsteller den titelgebenden "Fluch" in Japan erneut erleben ließ. Das jüngste Produkt aus Shimizus Medien-Geister-Fabrik ist ein Videospiel, das das "Ju-On"-Motiv erneut aufgreift. Zunächst ist es nur für die Wii-Konsole erschienen, die in keinem Land so populär ist, wie in Japan - vielleicht, um es schon vorweg zu nehmen, ist das einer der Gründe, warum das Spiel "im Westen" zumeist schlechte Kritiken bekommt.
Der Plot von "Ju-On" nimmt einen denkbar einfachen Ausgangspunkt, um die Spielfigur, die aus der First-Person-Perspektive gesteuert wird, in Fluch-beladene Häuser zu locken: Beim Spaziergang mit dem Hund reißt sich dieser von der Leine und läuft in eine verfallene Industrieruine. Man sieht gerade noch, dass sich darin wohl ein Kind befindet, welches vor dem Hund davon läuft. Als dieser patout nicht zurück kommt, betritt man selbst das völlig finstere Gebäude. Einziger Ausrüstungsgegenstand ist eine Taschenlampe mit schwachen Batterien. Im Folgenden heißt die Aufgabe also nicht nur, den Hund zu finden, sondern auch noch das Licht am Ausgehen zu hindern. Dazu muss man neben den Hinweisen und Schlüsseln, die sich in den einzelnen Levels verbergen, auch immer wieder frische Batterien aufspüren, von denen es zwar genug gibt, die aber dennoch schnell zur knappen Ressource werden, wenn man sie nicht rechtzeitig in die Finger bekommt.
"Schnell" ist das Stich- und gleichzeitig Reizwort beim "Ju-On"-Spiel, denn die eigene Spiefigur bewegt sich mit alptraumhafter Langsamkeit voran. Das Leveldesign ist zwar vollständig gradlinig und führt einen eigentlich nie komplett in die Irre, aber dennoch gibt es genügend kleine Sackgassen, in die man geraten kann und die dann mit dazu führen, dass das Licht der Taschenlampe schneller erlischt. Die Dunkelheit ist einer der Todfeinde der Spielfigur: In ihr verbergen sich zwei Geister, die einem wärend des Spielverlaufs immer wieder überfallen: jener kleine Junge, dem der Hund nachgejagt ist - vielleicht, weil er ständig Katzenlaute von sicht gibt - und eine junge Frau, die fürchterlich entstellt ist, kehlige Grunzlaute von sich gibt, sich ruckartig verkrümmt bewegt und deren Haare vor allem jene Ecken überwuchern, in denen man nichts Gutes zu erwarten hat. Sie ist es auch, die die Spielfigur regelmäßig überfällt und schließlich vollständig überwältig, wenn es mangels Taschenlampenbatterien dunkel wird.
Man entzieht sich ihren Angriffen durch die Bewegung der Wii-Mote in auf dem Bildschirm angezeigten Richtungen, was nicht sehr schwierig ist. Ansonsten beschränkt sich die Steuerung des Spiels ausschließlich auf die Bewegung der Taschenlampe mit Hilfe der Wii-Mote: Die Spielfigur geht immer genau in die Richtung des Lichtstrahls - mit gähnender Langsamkeit. Dabei sind Steuerungsschwierigkeiten, die sich einstellen, wenn man nicht die optimale Position vor dem Sensor der Wii eingenommen hat, der bei weitem nervigste und zeitverschwendenste Faktor.
"Ju-On" proklamiert in seinem Untertitel eine "Fright Simulation" zu sein und wer die Filme Shimizus kennt, weiß, dass das eine durchaus ernst gemeinte Ankündigung sein könnte. Dem Spiel gelingt es jedoch nur äußerst selten Angstmomente zu entwickeln. Zumeist versucht es sich an Schreck- und Schock-Einlagen, etwa wenn eines der Geisterwesen plötzlich auftaucht oder der - zugegeben sehr gute Soundtrack des Spiels - in unerwartete Kakophonien ausbricht. Ansonsten ist das Spielvergnügen durch die inadäquate Steuerung (die Werbung zum Spiel behauptet, die Wii-Mote übertrage die Angst des Spielers auf die Figur!) und die Langsamkeit des Ablaufs bestimmt - oder besser: begrenzt. Spiel-Schwierigkeit damit zu konzipieren, dass die Figur den Steuervorgaben nicht korrekt folgt, weil die Wii-Mote eben nicht immer das optimale Eingabe-Gerät ist, und künstliche Dramatik durch ein "Rennen" gegen die Uhr zu erzeugen, wenn man gar keinen Einfluss auf die Geschwindigkeit der Spielfigur hat, sind schon äußerst fragwürdige Mittel der Spannungserzeugung.
Da wirkt die Möglichkeit, einen zweiten "Spieler" in das Geschehen zu integrieren nur noch entlarvender, wenn man dies so verwirklicht wie bei "Jo-On" geschehen: Mittels der zweiten Wii-Mote kann ein Mitspieler ab und zu Grusel-Effekte auf den Bildschirm bringen, um den Hauptspieler damit zu erschrecken: Blutflecken, Geisterfratzen, Kakerlaken-Schaaren usw. Das verlangsamt das Spielgeschehen dann nur noch weiter - aber wenigstens wird während dieser Einstreuungen Taschenlampen-Energie gespart. Von einem echten Koop-Modus kann hier genauso wenig die Rede sein, wie von einem Vs.-Modus; es ist einfach ein Gag - ein ziemlich sinnloser, der wohl nur bei den aller einfachsten Gemütern wirklich Angst und Erschrecken verursachen dürfte.
Glaubt man den Promo-Videos zum Spiel (s. o.), gibt es solche Gemüter sogar jenseits der 16-Jahres-Grenze (ab diesem Alter hat die USK das Spiel in Deutschland freigegeben) tatsächlich. Wie bei nicht wenigen originalen J-Hooror-Filmen, scheint wohl auch im "Ju-On"-Spiel einiges an mythologischen Konzepten mitzuschwingen, das aus der kulturellen Distanz schlicht nicht nachvollziehbar und deshalb wohl auch nicht gruselig ist. Shimizu, der das ja durchaus verstanden und in seine "Ju-On"-Film-Remakes einfließen lassen hat, hätte gut daran getan, dies bei seinem "Ju-On"-Spiel auch zu berücksichtigen. Ein Blick auf erfolgreiche Survival-Horror-Spielserien wie "Silent Hill" oder "Resident Evil" hätte schon genügt um herauszufinden, welche Grusel-Ästhetiken in einem Videospiel als erfolgversprechend angesehen werden. Dysfunktionable Steuerung und künstlich verlangsamtes Gameplay gehören sicherlich nicht dazu.
Ju-On - Der Fluch
Entwickler: Rising Star
Vertrieb: KOCH
System: Wii (getestet)
USK: ab 16 Jahren
Preis: 37,95 Euro (Amazon)
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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