Stefan Höltgen

FreiSpiel

15.12.2010 | 10:48

Genosse Roboter

An fiktiven Prolongationen des Kalten Krieges in die Nahe Zukunft hat es bis zur Beendigung desselben nicht gemangelt: Vom Genre des (post)apokalyptischen Endzeitfilms, der nach dem Atomkrieg spielt, bis hin zu Szenarien, in denen der Konflikt immer weiter eskaliert, ohne dass er je heiß wird und offen ausbricht, reichen die Szenarien. Gemein ist ihnen jedoch stets gewesen, dass sie immer den Status Quo in der Frage verlängerten: "Was wäre, wenn es mit dem Kalten Krieg so weiter geht?" Das hinter dieser Frage eine kathartische Funktion, ein Ausweichen aus der Angstspannung steht, scheint offensichtlich. Umso erstaunlicher ist es, dass auch nach dem Ende des Kalten Krieges dieser immer noch als Folie für Konflikterzählungen genutzt wird. Im Videospiel war dies zulettzt bei "Singularity" der Fall. Mit "Vanquish" rückt nun ein weiterer Titel nach, der die Stereotype der Kalten Krieger in ein perfektes Science-Fiction-Szenario versetzt.

Irgendwann in der nahen Zukunft, die UdSSR nennt sich nun "Oder of the Russian Star" und wird von einem Wahnsinnigen regiert, wird Chicago vom Weltraum aus per Laserstrahl zerstört. Das ruft eine seit längerer Zeit entwickelten Technologie der DARPA auf den Plan: Ein Soldat, Sam Gideon, wird in einem "Augmented Reaction Suit" auf die Raumstation "Space Colony 01" beordert, wo er mit amerikanischen Einheiten eine Invasion von russischen Robotern stoppen soll. Diese haben die Station zuhauf überfallen und dort überall feindliche Technologie installiert. Als Sam Gideon und ausgestattet mit regelrechten Superkräften durch den "Augmented Reaction Suit" kämpft man sich nun, angeleitet von einer netten Dame bei DARPA, die die Übersicht behält, zum Kern des Bösen vor, muss Horden von Robotern zerlegen, gigantische Bossgegner bekämpfen, hat zwischendurch aber immer noch Zeit für eine Zigarette.

"Vanquish" stammt aus Japan. Vielleicht erklärt das die seltsam archaischen Attitüden, mit denen der Konflikt und insbesondere seine Protagonisten stilisiert werden: rauhbeinige Kriegshelden, die sich nichts schenken, ständig einen zynischen Spruch auf Lager haben und keine Furcht kennen. Eine Haltung, die aus Action- und Kriegsfilmen der 1980er-Jahre sattsam bekannt ist und natürlich auch in der japanischen Kultur goutiert wurde. Auf jeden Fall durch die japanische Herkunft des Spiels herleiten lässt sich dessen Bild- und Tonästhetik. "Vanquish" ist Megalonamie reinsten Wassers: Die durch ihre Ringförmigkeit stets in ihrer Enormheit sichtbare "Space Colony 01", die komplette Städte und Wälder enthält; die riesenhaften Boss-Gegner, die sich teilweise in Echtzeit in andere Roboter-Ungetüme morphen, während man gegen sie kämpft; die rasanten Fahrten und Jagden durch die Setting (etwa mit einer teilweise überkopf fahrenden "Ringbahn", die durch die Station rast, während man vorn, hinten, links und rechts Roboter zerstören muss) - und das alles unterlegt von einem fetzigen Techno-Soundtrack.

Das Spiel gehört sicherlich zu den hektischsten seines Genres und man tut gut daran, sich genau zu konzentrieren, um nicht zu verpassen; etwa von den Zwischensequenzen, die filmreif vorführen, worum es in der Spielhandlung geht. Sam stehen durch seinen Suit verschiedenen Möglichkeiten zur Verfügung, das Spielgeschehen selbst zu beschleunigen oder zu verlangsamen: So gibt es einen Raketenantrieb, mit dem man sich blitzschnell gefährlichen Situationen entziehen kann oder an Gegner vorbeischlittert und sie en passent beschießt. Der AR-Modus verlangsamt das Geschehen im Gegenteil und lässt es zu, genauere Treffer zu platzieren, wenn man den Überblick zu verlieren droht. Sam verfügt über die Möglichkeit, drei Waffen und zwei Sorten Granaten zu tragen und zu nutzen. Die Waffen  können während des Spiels nachgeladen und getauscht werden.

Gleichzeitig entschärfend wie verschärfend wirkt sich auf den Eindruck von "Vanquish" aus, dass man es fast ausschließlich mit Robotern zu tun hat. Verschärft wird dadurch vor allem das Tempo und das Ausmaß an Bedrohlichkeit (selbst unheimliche Sequenzen, wie in einem düsteren Tunnel, in dessen Tiefe tausend seltsame gelbe Augen leuchten, forcieren diesen Eindruck). Entschärfend wirkt hingegen, dass man es ganz offensichtlich mit Marionetten zu tun hat; eine sicherlich veritable Metapher auf alles, was den Eindruck des "Gleichgeschalteten" erweckt: Soldaten, Kommunisten, ... Selbst die Marines bestechen entweder durch Unverwundbarkeit oder können von Sam mit Vitalitätsspritzen reanimiert werden - zur Belohnung erhält er von ihnen neue Munition: Das ist soldatische Dankbarkeit.

Sam selbst ist durch seinen "Augmented Reaction Suit" ein Cyborg, der - die First-Person-Shots in den Zwischensequenzen zeigen es - teils in einem virtuellen, teils in einem realen Krieg kämpft; und letzterer findet zudem noch in dem künstlichen Biotop einer Weltraumstation statt. So archaisch der Spielplot ist und so futuristisch das Geschehen zugleich wirkt: Sam und sein Anzug als Konstrukt der DARPA stellen das Wunschbild des Soldaten der Zukuft dar, der nur noch auf "Ziele" schießt, nicht mehr auf Menschen, der benahe unverwundbar und verstärkt durch bionische Gadgets auf ein Schlachtfeld tritt, dass am besten schon zuvor von potenziellen "Kollateralschäden" bereinigt wurde. Ein Stellvertreterkrieg mit Robotern, fernab von der Erde (keine neue utopische Vision) - so hätte man sich den Kalten Krieg gewünscht. Damit ist "Vanquish" letztlich eine Retro-utopische Vision, die vielleicht dadurch, dass sie erst jetzt erscheint, wie ein Treppenwitz der Geschichte wirkt.

Vanquish
(Japan 2010)
Entwickler/Publisher: Platinum Games/Sega
Plattformen: PS3 (getestet), X-Box-360
USK: ab 18 Jahren
Preis: 47,90 Euro (Bei Amazon kaufen)

 
Senden Bookmarken Drucken
Stefan Höltgen
Film- und Medienwissenschaftler, Freier Journalist für Medienkultur, Film und Videospiele
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
2 Jahre 43 Wochen
Zuletzt aktiv:
15.12.2010
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 66
Kommentare: 40
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
01:36
Malte Krøgergaard hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:35
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:29
Malte Krøgergaard hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:28
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:27
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG