Stefan Höltgen

FreiSpiel

15.04.2010 | 14:19

Geschichten der Programmiersprecher

Eine Geschichte der Programmiersprachen zu schreiben, stellt sich als schwierig dar: Es gab sie zuerst nur ideell: Ada Lovelace beschrieb die Bedingungen unter denen ein Mensch mit einer Maschine kommunizieren konnte anhand der mechanischen Rechenmaschinen ihres Arbeitgebers Charles Babbage. Das war Mitte des 19. Jahrhunderts – Computer waren noch nicht in Sicht. Die Frau gilt heute dennoch als Pionierin auf dem Gebiet und die Programmiersprache „Ada“ (erschienen 1983) wurde nach ihr benannt. Auch auf den Lochkarten, mit denen Joseph-Marie Jacquard kurze Zeit später automatische Webstühle steuerte, befand sich in gewisser Weise eine Programmiersprache, auch wenn sich deren Syntax wohl nur schwer formulieren ließe. Selbst wenn man sich auf der Suche nach der ersten Programmiersprache das beschränkt, was nach Erfindung des elektronischen Digitalcomputers Anwendung fand, hat man es nicht leicht: Dazu zählen die Maschinen-nahen Assembler-Sprachen, mit denen zu Beginn der 1950er Jahre programmiert wurde. Aber auch ihre Synax richtet sich noch eher nach den materiellen Gegenbeheiten als nach den Anforderungen, die man an eine für menschen erlernbare Sprache richten würde.

Der Journalist Federico Biancuzzi und der Programmierer Shane Warden haben vielleicht aufgrund dieser Definitionsschwierigkeit gar nicht erst versucht, eine Ereignisgeschichte der Programmiersprachen zu schreiben, sondern sind bei ihrem Buch „Visionäre der Programmierung“ nach einem anderen Verfahren vorgegangen: Interviews mit noch lebenden Entwicklern ausgewählter, bedeutender Programmiersprachen. Die ersten wichtigen Sprachen der späten 1950er und frühen 1960er Jahre (wie COBOL, LISP, Fortran und ALGOL) sind zwar leider nicht mehr im Band, jedoch Interviews mit den Entwicklern der 17 Sprachen APL (1960er), BASIC (1964), FORTH (1970), ML (1973), SQL (1975/79), AWK (1977), C++ (1979), Objective-C (1980er), PostScript (1982), PERL (1987), UML (1990er), Haskell (1990), PYTHON (1991), LUA (1993), JAVA (1995), Eifell (1995) und C# (2001).

Die meisten dieser Sprachen dürften auch computerinteressierte Nicht-Informatiker vom Namen her kennen, ihre Entstehungsbedingungen und -prozesse sind jedoch nur selten Thema von ausführlichen Abhandlungen geworden. Einige davon, wie FORTH und natürlich BASIC gab es für Privatanwender auch in Versionen für 8- und 16-Bit-Homecomputer und es ist nicht uninteressant zu erfahren, welche Anlässe hinter den Entwicklungen und dem Erfolg der Sprachen stehen. So beschreibt BASIC-Miterfinder Thomas E. Kurtz etwa den Grund dafür, dass in seiner Sprache die White Spaces zunächst keine Rolle spielten, damit, dass man es den Eletrotechnik-Studenten, für die man BASIC Mitte der 1960er in Darthmouth (New Hampshire) entwickelte, nicht allzu viel Orthografie-Kenntnisse zumuten wollte. Sein Ansinnen war es, eine Sprache zu entwickeln, die in kürzester Zeit ohne Schulungen, allein durch das Lesen einer Anleitung und sofortiges Ausprobieren erlern- und anwendbar sein sollte um so auf kompliziertere Sprachen wie Fortran oder Algol vorbereitete. BASIC wurde aber auch für Menschen entwickelt, die nicht regelmäßig professionell programmieren, sondern auch noch nach zwei Wochen Programmierpause leicht einen Wiedereinstieg in ihre Programme finden sollten. Die Karriere von BASIC, insbesondere in seinen unzähligen Dialekten auf Homecomputer-Systemen und PCs bis heute sollte den Entwicklern Recht geben.

Das BASIC-Kapitel besteht aber nicht allein aus Anekdoten und historischen Erörterungen; die „Philosophie“ der Programmiersprache und ihrer Entwickler kommt darin klar zum Ausdruck. Damit gleicht es den 16 anderen Kapiteln, in denen die Interviewer die jeweiligen Anwendungsschwerpunkte der Sprachen zum Anlass nehmen, nachzuforschen, welchen Blick deren Entwickler auf die Probleme des Programmieralltags hatten und haben. Dass es bei den Beschreibungen dann teilweise ans Eingemachte geht und das Fachvokabular der Informatik benutzt wird, ist notwendig um in die Tiefen der Materie eindringen zu können. Daher richtet sich das Buch wohl vor allem an jene Leser, die Programmiererfahrung haben – am besten sogar regelmäßige Programmierer sind. Für alle anderen ist eine Lektüre in Gegenwart von Wikipedia oder ähnlichen Nachschlagwerken aber dennoch unbedingt zu empfehlen, wenn sie einen „praktischen Einblick“ in die Geschichte der Verständigung des Menschen mit dem Computer bekommen möchten. Der für professionelle Computer-Fachliteratur einschlägige O‘Reilly-Verlag hat die deutsche Übersetzung im Herbst vergangenen Jahres auf den Markt gebracht und damit wie auch bei allen bisherigen Ausflügen von der Programmierpraxis in eher historische und philosophische Gefilde dieselbe Sorgfalt gelten lassen. Das etwa 480-seitige Paperback enthält neben Vor- und Nachworten ein Sachregister und biografische Notizen zu den Interviewten.

Federico Biancuzzi/Shane Warden:
Visionäre der Programmierung. Die Sprachen und ihre Schöpfer
Deutsche Übersetzung von Thomas Demming
Köln u.a.: O‘Reilly 2009
487 Seiten (Paperback), 34,90 Euro

Dieses Buch bei Amazon kaufen.

Stefan Höltgen

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Zachor! schrieb am 15.04.2010 um 16:06
Vielen Dank für den Tipp. Fand die Vorstellung des Buches sehr interessant, wenngleich ich mir etwas mehr zum Inhalt gewünscht hätte.
Als Laie frage ich mich etwa, warum/wofür/für wen es der vielen Programmiersprachen bedarf, warum man nicht alle verschiedenen Anwendungen mit einer (oder zwei-drei) Sprachen abdecken kann.

Was mich stört, ist die Werbung für den Onlineshop. Das entwertet die Buchvorstellung in meinen Augen, denn ich werde den Beigeschmack nicht los, der ganze Text soll lediglich zum Link hinführen.
Stefan Höltgen schrieb am 15.04.2010 um 16:12
Die Frage, warum es so viele Programmiersprachen gibt, wird im Buch natürlich nicht angesprochen - es wird aber schon deutlich, dass jede der Sprachen andere Vorzüge und Möglichkeiten bietet. Im Fortschritt der Sprachen-Entwicklung zeigt sich auch, dass die Maschinen mehr und mehr leisten und die Anforderungen an Software komplexer werden.

Zum Amazon-Link: Als freier Journalist muss ich ja auch von etwas leben. Die Leistung ist die Rezension und der Lohn vielleicht, dass jemand das Buch über meinen Shop bestellt.
luggi schrieb am 15.04.2010 um 22:34
gelesen,
highlight wäre gewesen (Achtung Wolfram Heinrich sein Konjunktiv), wenn der Artikel in z.B. JAVA übersetzt worden wäre. Wär' bestimmt nett und interessante Denksportaufgabe. ;-)
Stefan Höltgen schrieb am 16.04.2010 um 06:07
Ich habe zuerst überlegt, ob ich eine Überschrift in PASCAL schreibe ... gerade weil diese doch ziemlich wichtige Sprache im Band fehlt. :-D
luggi schrieb am 16.04.2010 um 13:33
1. zu deiner Antwort; sowas hatte ich mir schon gedacht
2. es gibt Perlskripter, die schreiben Skripts mit lyrischem Anspruch, wirklich kein Witz und man findet solche Perlen auch im Netz
3. empfiehl doch mal das Perl-Kochbuch unseren Hobbyköchen in der FC; bin gespannt, was da an Gerichten rauskommt ;)
Stefan Höltgen schrieb am 16.04.2010 um 14:32
Es gibt Programmiersprachen, die sind einzig und allein zur Produktion von Lyrik (etwa: experimentelle Lyrik). Siehe:

de.wikipedia.org/wiki/Whitespace_%28Programmiersprache%29
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.04.2010 um 22:38
überflogen.
man man man.
fortran ist ein schöner name.
kr
hibou schrieb am 16.04.2010 um 07:03
Bei Programmiersprachen ist mir erst deutlich geworden, dass es viel mehr Sprachen gibt als Deutsch, Französisch und Englisch, und vor allem viel wirksamere. Was bewirkt schon ein Imperativ bei meinen Blagen? Mit Programmiersprachen aber bring ich die Software zum laufen.......
Stefan Höltgen
Film- und Medienwissenschaftler, Freier Journalist für Medienkultur, Film und Videospiele
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
2 Jahre 43 Wochen
Zuletzt aktiv:
15.12.2010
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 66
Kommentare: 40
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
01:36
Malte Krøgergaard hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:35
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:29
Malte Krøgergaard hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:28
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:27
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG