Stefan Höltgen

FreiSpiel

13.09.2009 | 11:08

heilen & lernen & killen

Der Tag fing gut an: "Killerspiele" unterstützen Krebs-Therapien, wie ich zuerst auf Contator lesen durfte:

Bestes Beispiel für innovative Konzepte in diesem Bereich ist der Third-Person-Shooter 'Re-Mission' der US-Non-Profit-Organisation HopeLab, der speziell für krebskranke Kinder entwickelt worden ist und diesen spielerisch neuen Mut und Aufklärung in Bezug auf die eigene Krankheit geben soll.

... heißt es da. Es geht also vornehmlich darum zu lernen - am virtuellen Modell. Analoges liest sich heute auch bei Psychologie-Aktuell. Dort ist man allerdings der Meinung, dass man von nicht-medizinischen Spielen vor allem Schädliches, wie Agreesion lernen kann:

Aggressives Verhalten nahm zu, Empathie-Fähigkeit ging zurück. Der starke Effekt von Videospielen ist psychologisch leicht erklärbar: Sie fördern aktives Lernen und wiederholtes Üben von Fertigkeiten; sie geben schnelles und direktes Feedback über die jeweiligen Lernerfolge. Die erworbenen Fertigkeiten werden solange geübt und wiederholt, bis sie automatisiert ablaufen können.

Und als wäre das der "Killerspiele"-Nachrichten nicht genug, gibt es gleich noch einen Nachschlag bei Spiegel Online, wo ein Psychologe Struktur-Vergleiche zwischen "Far Cry 2" und dem School-Shooting in Winnenden anstellt:

Laut SPIEGEL geht der psychiatrische Gutachter Reinmar du Bois davon aus, dass die Ego-Shooter-Spiele, mit denen sich Tim K. beschäftigte, Einfluss auf das spätere Tatgeschehen hatten. Du Bois teilt den Amoklauf in zwei Phasen ein. In einer ersten Phase habe Tim K. seine "Counter-Strike"-Erfahrungen in die Realität umgesetzt. Seine spätere Flucht vor der Polizei und die Geiselnahme mit vorgehaltener Pistole gleicht dem Gutachter zufolge "dem Handlungsschema aus 'Far Cry 2'". Geiseln kann der Spieler in "Far Cry 2" allerdings nicht nehmen.

Na, was denn nun? "Counter Strike" oder "Far Cry 2"? Anstatt die Frage zu beantworten könnte man natürlich auch annehmen, dass wir es hier mit einer klassischen "post hoc ergo propter hoc"-Hypothese zu tun haben, die änliche Muster in verschiedenen Kontexten wiedererkennen will. (Von einem Kollegen werde ich - genauso richtig - gerade darauf hingewiesen, dass sich wohl die meisten First-Person-Shooter an Amok-Szenarien orientieren. Huhn-Ei-Frage also?)

Dass die Erklärung der Tat wohl komplizierter ist, als durch derartige Homologien suggeriert wird, offenbart bereits die Fülle an "Hinweisen", die sich im SpOn-Artikel finden: Waffenkäufe, Videospiele, Filme, Schulmobbing, schlechte Noten etc. Und dennoch konstruiert der Text rhetorisch aus jeder einzelnen Facette eine hinreichende Bedingung für die Tat.

Als Zyniker (bzw. Medienwissenschaftler) könnte ich nun geneigt sein, einmal eine Diskursanalyse anzuregen, die fragt, wie die Kommunikation über Action-Shooter unter derartigen Prämissen eigentlich funktioniert und wie komplexe Metaphern in ihr funktionalisiert werden. Hätte der erste Bericht über Therapie-Ansätze mit Videospielen aus "Contator" überhaupt irgend eine Relevanz im aktuellen Nachrichten-Kosmos, wenn es nicht Artikel wie den von "Spiegel Online" gäbe? Und anders herum gefragt: Braucht "Contator" also in diesem Fall also die Katastrophe, um durch sie/mit ihrer Hilfe die positiven Aspekte des Themas beleuchten zu können.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass alles Generieren von Nachrichten-Inhalten auf einer solchen Dialektik basiert. Damit lässt sich selbst ein schwer verständlicher Text wie der von "Psychologie Aktuell" publizieren, weil das Kontextwissen hier die Kohärenz stiften kann. Oder haben Sie bei den Fachmetaphern "Präventionsprogramm" und "Best-Practice-Programm" etwa nicht auch ein bisschen an Computerprogramme, die "Killerspiele" ja nun einmal sind, gedacht? (Es kann jetzt allerdings auch sein, dass ich schuld an der Produktion dieser Assoziaton bin ...)

 
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Kommentare
Stefan Höltgen schrieb am 14.09.2009 um 16:53
Ein wunderschönes Beispiel für obiges:

"Eine Erklärung für die Brutalität der Täter hat auch am Montag niemand. Außer Horst Seehofer. Man müsse auch manches überprüfen, was auf dem Markt erhältlich sei, meint er nach der Sitzung. Der CSU-Chef meint damit allen Ernstes Killerspiele."

www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/doppeltes-spiel-der-csu/
Thyara schrieb am 16.09.2009 um 10:58
Ich frage mich immer wieder, wie so viele blind auf das Thema Killerspiele springen können. Da kommt einem doch zwangsläufig der oft gehörte Satz: 40% der Amokläufer spielen Killerspiele, 100% essen Brot - verbietet Brot...

Aber es ist eben - gerade für Politiker - leichter zu sagen, dass die bösen Killerspiele schuld sind, anstatt den Bürgern auf die Füße zu treten und zu sagen: Es gibt z.T. große Probleme in der Erziehung und dem Umfeld etc.
Stefan Höltgen
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