Ich habe mich hier in der Vergangenheit bereits öfter kritisch über die Berichterstatttung zu Videospielen und über die Politik, die damit gemacht wird, geäußert. Dass zu den kritisierten Parteien eben auch die der Gamer und ihre Magazine gehören, die die "Killerspiele"-Debatte jedes mal, wenn etwas geschieht, förmlich herbeireden, ist dabei ein nicht zu vernachlässigender Punkt - gerade, weil die Politik dem nun auch nacheifert.
Eine gesellschaftliche Debatte, das halte ich als Medienkonstruktivist für sehr plausibel, gründet sich nämlich nicht auf Tatsachen, sondern auf Diskursen. Wenn Spiegel Online heute in seinem Prozessbericht über die 16-jährige Bonner "Amokläuferin" also schreibt: "Gewaltspiele am Computer, wie sie bei Tätern in anderen Schulamokfällen aufgefallen waren, spielten demnach bei der Angeklagten keine Rolle", dann ist der diskursive Effekt derselbe, als wenn diese "Gewaltspiele" "eine Rolle" gespielt hätten: im Diskurs über den Prozess tun sie es nämlich (auf Grund ihrer herbei zitierten Abwesenheit; das hat sich vor ein paar Wochen schon deutlich im Ansbacher "Amok"-Fall gezeigt - man musste nur einmal das Schlagwort "Killerspiele" in der Google-News-Suche eingeben und schon hatte man ein "Thema").
Die neue Bundesregierung scheint ihre politischen Berater aus der Sphäre der Konstruktivisten zu rekrutieren, denn sie nutzt diese Diskurseffekte jetzt auf sagenhafte Weise aus. Hieß es vor der Wahl noch, man wolle "Killerspiele verbieten" (und auf privaten PCs herumschnüffeln, Verbindungsdaten sammeln und Stopp-Schilder im Internet aufstellen und ...), so ist dies nun offenbar vom Tisch. Anstelle restiktiver Verbotspolitik werden nun auf einmal ganz neue Töne angeschlagen: Aufwertung von Computerspielen als Kultur- und Wirtschaftsgut, Medienkompetenzbildung, ... Da hat die Realpolitik die polarisierende Wahlkampfrhetorik offenbar abgelöst.
Es steht zu vermuten, dass das damit zu tun hat, dass Frau Merkel nach der Wahl Respekt vor der nunmehr sechstgrößten Partei, den Piraten, bekommen hat und sich deshalb nun eine medienliberale Neulackierung verpasst hat. Man könnte es auch so sagen: Der Diskurseffekt, den die Piraten auf das Thema Spielepolitik hatten, wog wohl schwer genug, das CDU-Wahlvolk, das viel weniger bereit ist, kulturkonservative Vorurteile gegenüber Medien aufzugeben, vor der Wahl zu belügen, damit man es hinterher mit Vernunftargumenten (großteils ökonomischer Natur) auf den "neuen" Kurs bringen kann. In der Koalition ist es als Ausrede dann ja immer noch möglich, die allzu liberale Neugesinnung auf den Partner FDP zu schieben.
Ich will mich ja gar nicht beschweren, denn "entscheidend ist, was hinten rauskommt", wie es Altkanzler Kohl so schön formulierte. Und dass das, was da jetzt hinten rauskommt, weniger Braun (also Schwarz+Gelb), sondern Orange ist, ist ja schon positiv. Und dennoch ist dem Farbspiel nicht zu trauen - gerade weil sich dieser neue Medienliberalismus funktional nach wie vor an den öffentlichen Diskurs über Medien klammert. Es braucht nur noch einen medienwirksamen Anlass (einen weiteren Amoklauf) und die Politik wird der Kampagnen-Berichterstattung von "Bild" und Co., aber auch den Diskurseffekten aus den gegenüber liegenden Lagern wieder nacheifern und dann vielleicht mit doppelter Härte zuschlagen - auch um den zuvor proklamierten Medienliberalismus durch doppelt so laute Agitation ungehört verhallen zu lassen. Die einjährige "Prüfphase", in der der Uschifilter ausgesetzt wird, deuten sehr stark in diese Richtung ...
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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