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Dem einen oder anderen Leser von mir könnte hier schon einmal der Verdacht gekommen sein, dass es sich bei mir um einen zwanghaften Zensurgegner handeln könnte, der fiktionale mediale Gewalt, ganz gleich in welcher Form, nur deshalb gutheißt oder tolerierbar findet, weil er seine Freieheitsrechte gefährdet sieht. Dem ist nicht so. Es gibt Fälle, bei denen auch mir die Gewaltdarstellungen so unzusammenhängend mit ihrem Kontext erscheinen, bei denen sie ein Maß an Realismus oder Zynismus überschreiten, dass ich sie auch nicht mehr tolerieren mag.
Das scheint beim in Kürze in Deutschland erscheinenden Spiel "Call of Duty: Modern Warfare 2" (Blizzard) der Fall zu sein. Heute Morgen haben ich auf GamePro einen Kommentar der beiden Chefredakteure Markus Schwerdtel (GamePro) und Michael Trier (GameStar) gelesen, in welchem sie Stellung gegen das Spiel beziehen. Ihr zentrales Argument ist, dass "Modern Warfare 2" durch seinen unverholenen Zynismus den Befürwortern der Killerspiele-Debatte nun endlich ein Argument in die Hände spielt, dem auch die Gegner solcher Verbote nichts mehr entgegenzusetzen haben - nämlich das Spiel selbst, das für sich, also gegen "Killerspiele" spricht.
Endgültig den Morgenkaffee versalzt hat mir dann das Anschauen der monierten Spiel-Sequenz, in der es darum geht als Undercover-Agent mit einer Terroristengruppe einen Moskauer Flughafen zu überfallen und unter den dortigen Reisenden ein Blutbad anzurichten. In der Originalfassung kann man als Spieler dabei "mit helfen" und sogar verletzten, davonkriechenden Menschen noch einen Todesschuss verpassen. Die Deutsche Version geht in ihrer Zensurierung meines Erachtens (wieder einmal) einen Schritt weiter, indem sie den Spieler zum regelrechten "Mitläufer" verdammt und ihm die Möglichkeit nimmt, ebenfalls auf die Zivilisten zu schießen - so hätte sich meines Erachtens wenigstens noch das fiktionale Setting retten lassen.
Wer mutig genug ist, kann sich bei GamePro die Sequenz in der deutschen und der Original-Fassung als Videomitschnitte ansehen - sei aber gewarnt, dass das wirklich kein schöner Anblick ist.
Den Entwicklern sei es darum gegangen die Schrecken des Terrorismus für den Spieler erfahrbar zu machen. Schwerdtel und Trier halten dem entgegen, dass man über die Motive des Terrorismus aber gar nichts erfährt. Das scheint mir der falsche Ansatz zu sein - die Motivation von Terroristen lässt sich auf dem Wege der Fiktionalisierung ihrer Taten ohnehin nicht "klären" - allenfalls lässt sich versuchen sie verstehbar machen; dazu bedürfte es aber verschiedener, differenzierter Standpunkte, die in "Modern Warfare 2" offenbar aber nicht eingenommen werden. Hier werden einfach zwei ideologische Systeme (von denen das eine auch noch das Stereotyp bedient, dass "der Russe" ohnehin alles für Geld tut) einander entgegen gestellt und mit dem Spieler mit der altbekannten Retributivismus-Logik Rache-Bedürfnisse eingeimpft, die sein späteres Handeln gegen die Terroristen legitimieren, wenn nicht nobilitieren sollen.
Aber gerade derartige Revenge-Stories haben schon immer die größten Kontroversen und Verbotsschreie ausgelöst. Das hätten sich die Macher von "Modern Warfare 2", bei vielleicht allen guten Absichten, die sie gehabt haben mögen, einmal vor Augen halten sollen. Indem Sie ihren Spielern eine Szenerie, wie die hier dargestellte, anbieten, stellen sie sich eigentlich schon auf deren Gegenseite. Ein Spiel zu programmieren, von dem man weiß, dass es auf einen sensibilisierten Diskurs trifft und als Argument gegen das Medium en toto missgebraucht werden wird - das macht aus einem Programmieren eigentlich schon einen Spiele-Gegner. Fast könnte man meinen, ein Killerspiele-Gegner sei in das Entwicklerteam eingeschleust worden ...
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"von denen das eine auch noch das Stereotyp bedient, dass "der Russe" ohnehin alles für Geld tut" - na ja, lieber Stefan Höltgen, das Russenbild ist ja ein enorm weites Feld...... mir scheint ja eher, dass die Programmierer dieser Spiele für Geld alles tun..... vielen Dank für Deine Berichte aus den blutigen Niederungen der Vergnügungssucht :-)))
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Bei diesem speziellen Stereotyp habe ich vor allem an die Horrorfilm-Produktionen der letzten Zeit gedacht, in denen zwar nicht explizit "der Russe", aber "der Ostblock" auf diese Weise dargestellt wurden.
Den zweiten Gedanken habe ich in meiner Überschrift aufzugreifen versucht. Die Wege zwischen Kulturproduktion und -akzeptanz sind wie immer verschlungen! |
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Rainer Sigl vom ORF scheint mir (am Ende) zuzustimmen:
fm4.orf.at/stories/1631876/ |
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Auf Gulli* findet sich heute noch einmal ein Beitrag zum Thema, weil ein Schweizer Menschenrechtsverein "Call of Duty: Modern Warfare 2" zum Anlass genommen hat, folgendes zu fordern:
>> Pro Juventute fordert nun, dass in "Kriegsgames" keine Zivilisten mehr getötet oder gefoltert werden dürfen. Das Völkerrecht soll auch in Computerspielen Anwendung finden. Die Idee ist gar nicht so schlecht, wenn Sie nur nicht zum Vorwand benutzt würde, Nachzensur zu verüben. * www.gulli.com/news/pro-juventute-menschenrechte-auch-in-killerspielen-2009-11-20 |
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Der Schweizerische "Beobachter" hat sich des Spiels nun auch angenommen:
www.beobachter.ch/familie/erziehung/artikel/ego-shooter_massaker-zum-mitmachen/ ... und entdeckt Verbotsgelüste: www.beobachter.ch/familie/erziehung/artikel/standpunkt_brutale-killerspiele-verbieten/ |