Dort wo sonst regelmäßig für einige Wochen oder Monate selbstorganisiertes, alternatives Radio zu hören war, geht es ab 1. April 2011 auf der Berliner 99.1 MHz nur noch monothematisch um einen einzigen Zweitliga-Fußballverein. Das "Aufstiegsradio" will ausschließlich Herta-Fans erreichen als "deutschlandweit erstes Vereinsradio mit eigener UKW-Frequenz".

Berlins zweitgrößtes Privatradio "94,3 rs2", als Antragsteller und Medienpartner des Vereins, erhält von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg mabb nun Zugang zu einer weiteren attraktiven Frequenz. Weitere Medienhäuser wie der Berliner Rundfunk 91.4, KISS FM oder Springers B.Z. sollen das Projekt ebenso unterstützen. Damit ist dann aber wohl vorerst auch die Tür zugeschlagen für eine berlinweite Community-Radio-Frequenz, wie sie Pi Radio der mabb für den Umgang mit der Veranstaltungsfrequenz vorgeschlagen hatte:
"Die optimale Lösung für alle Beteiligten wäre: Sie schaffen für Community Radio eine eigene, selbstverwaltete Frequenz - z.B. als einjähriges Pilotprojekt zu Testzwecken auf 99,1 MHz. Aus technischer Sicht spricht nichts gegen die 99,1 MHz. Die Frequenz wurde über 5 Monate lang als Veranstaltungsradio getestet und jeweils ohne Beanstandungen von der Bundesnetzagentur abgenommen."

Pi Radio, das gestern auch ausführlich in der taz vorgestellt wurde, und auch andere Initiativen müssen sich damit weiter mit einigen Stunden Sendezeit pro Woche auf der reichweitenschwachen "88vier" begnügen. Dieses im Frühjahr vorigen Jahres gestartete Pilotprojekt der Medienanstalt auf der 88,4 MHz (vor allem im Südwesten Berlins) und der 90,7 MHz (in Potsdam) sechs nichtkommerzielle Radioinitiativen mit dem Offenen Kanal ALEX (Träger: mabb) auf einer Frequenz zu koordinieren gestaltet sich schwierig, wie Pi Radio kritisiert:
"Ein anspruchsvolles, hörerorientiertes redaktionelles Arbeiten ist aktuell für uns auf 88vier nur bedingt möglich. Denn: das Gesamtkonzept 88vier verlangt von uns, dass wir uns mit der 88vier identifizieren und eine Partnerschaft mit den uns zugeteilten Programmpartnern eingehen. Wir haben allerdings keinerlei Einflussmöglichkeiten, das Gesamtprogramm zu optimieren, wenn andere Programmpartner ihre Sendeversprechen nicht erfüllen. In der Folge machen uns die Hörer - bewirkt durch das Gesamtkonzept 88vier - für die Unzulänglichkeiten anderer Gruppen mitverantwortlich (obwohl wir eine eigenständige Sendeerlaubnis haben)."
"Die 88vier wirkt nach außen nicht attraktiv. Das Hörer-Feedback ist im Vergleich zu Veranstaltungsradios wie Herbstradio oder Radio Einheit äußerst gering, was in Anbetracht der hohen Anzahl an Musikrotation und Playlisten ohne Moderation kein Wunder ist. Die schlechte Empfangbarkeit in der Nordhälfte Berlins verstärkt die Attraktivität nicht gerade. Wir können daran leider nichts ändern, da wir die 88vier nicht gemeinsam mit den anderen 88vier-Partnern selbst optimieren dürfen, sondern diese Aufgabe nur einmal im Jahr dem Medienrat (als übergeordnete Programmdirektion) zukommt."
Es bleibt für die Initiativen für einen selbstbestimmten Zugang zum Medium Radio in Berlin also weiter beim "Gedränge im Äther".
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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