Steffen Kraft

Blog von Steffen Kraft

22.08.2011 | 17:25

Openleaks vs. Wikileaks: Immer mehr Schlamm

Der Hahnenkampf von Wikileaks-Mitgründer Julian Assange, CCC-Vorstand Andy Müller-Maguhn und Openleaks-Mitgründer Daniel Domscheit-Berg ist womöglich in die entscheidende Phase eingetreten.

Nachdem Julian Assange und Wikileaks in der Nacht zum Sonntag zwei Stellungnahmen zu Openleaks und Daniel Domscheit-Berg ins Netz stellte, veröffentlichte der Spiegel die Aussage Domscheit-Bergs, er habe die von Wikileaks mitgenommenen Dateien "in den letzten Tagen geschreddert, um sicherzustellen, dass die Quellen nicht gefährdet werden". Anders als andernorts angekündigt, ist dies also offenbar nicht in Anwesenheit eines Notars geschehen. Zumindest ist davon auf Spiegel online nicht die Rede. Dem Freitag gegenüber wiederholte Domscheit-Berg jedoch am Samstag seine Ankündigung, dass er eine vom Notar beglaubigte eidesstattliche Versicherung abgeben wolle.

In Assanges Stellungnahme ist von direkten und indirekten Kontakten von Domscheit-Berg und seiner Frau zu verschiedenen Geheimdiensten die Rede, stets versehen Zusätzen, die wahrscheinlich Verleumdungsklagen verhindern sollen - etwa "Ich weiß nicht, ob DDB sich mit dem vermeintlichen Kontakt konspirativ verhalten hat (was complicit with)" oder "Das könnte irrelevant sein".

Heise Online schreibt dazu:

Als Konsequenz habe Wikileaks reagiert: "At this point WikiLeaks issued a policy directive that DDB not be permitted contact with source material." Abseits der absurd klingenden Geheimdienstvorwürfe erklärt die Darstellung von Assange nicht, wieso es Daniel Domscheit-Berg trotz des ausdrücklichen Verbotes möglich war, nach der Suspendierung durch Assange vier von ihm finanzierte Server abzuschalten und dabei das Material der "Submission Platform" verschlüsselt zu sichern.

Über Twitter gab Wikileaks mittlerweile Auskunft über den Inhalt der von Domscheit-Berg zerstörten Daten. Es handele sich beispielsweise um eine Kopie der kompletten Liste jener Menschen, die in den USA aus Sicherheitsgründen kein Flugzeug betreten dürfen, um fünf Gigabytes der Bank of America und um Interna von rund 20 Nazi-Organisationen (mehr dazu hier).

Zugleich verdichten sich Anzeichen, dass CCC-Vorstand Müller-Maguhn, der im Spiegel öffentlich die Integrität Domscheit-Bergs in Zweifel zog, in den vergangenen Monaten nicht als neutraler Vermittler im Konflikt von Open- und Wikileaks agiert hat. Laut eines Blog-Eintrags, der inzwischen auch auf der Enthüllungs-Webseite cryptome.org (pdf davon hier) erschienen ist, habe Wikileaks wenige Tage nach dem Ausschluss Domscheit-Bergs - am 17. August 2011 - Andy Müller-Maguhn von seiner Liste empfohlener "Kommentatoren" zu Wikileaks gestrichen. Der Blogger Matthijs R. Koot schreibt dazu:

If WL acted in bad faith themselves while aggressively attacking DDB's integrity, that needs to be brought to light.  For now I assume that WL removed AMM from the list because he has perhaps not been working with WL for a long time

Dem Freitag hatte Daniel Domscheit-Berg gesagt, die Openleaks-Aktivisten hätten Müller-Maguhn schon vor Monaten gesagt, dass Sie ihn nicht als Vermittler akzeptierten:

Der Grund: „Wir hatten ihm ja ein Teil der Daten gegeben, das Wikileaks-Archiv nämlich. Danach kam es zu einem massiven Sicherheitsleck, das Unbeteiligte gefährdet“, sagt Domscheit-Berg. Andy Müller-Maguhn wollte sich zu diesem Vorwurf bis zum Ende der „internen Abstimmung“ im CCC nicht äußern.

Das Dossier mit den Artikeln des Freitag zu Openleaks und dem Streit mit Wikileaks und dem Chaos Computer Club findet sich hier.

 
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Kommentare
Achtermann schrieb am 22.08.2011 um 18:15
Die Redaktionsbeiträge zu diesem Thema lassen beim Lesen die Verbandelung des Freitag mit einer der beteiligten (Schlamm-)Parteien gegenwärtig sein. Die präsente Leserfrage ist die nach der Äquidistanz des Verfassers.
Steffen Kraft schrieb am 22.08.2011 um 18:32
Die Frage nach meiner Unparteilichkeit muss aufgrund der Partnerschaft des Freitag in der Testphase von Openleaks natürlich aufkommen. Wenn Sie konkrete Hinweise auf journalistisch unsaubere Arbeit von mir haben, weisen Sie mich bitte darauf hin.
Achtermann schrieb am 22.08.2011 um 18:35
@ Steffen Krafft

Wenn Sie konkrete Hinweise auf journalistisch unsaubere Arbeit von mir haben, weisen Sie mich bitte darauf hin.

Ich bin guter Hoffnung, dass ich das nicht muss.
Achtermann schrieb am 22.08.2011 um 18:45
P.S.: Die Frage ist, ob die Verantwortlichen beim Freitag, die für diesen Schritt hin zu Openleaks verantwortlich sind, wenige Tage danach immer noch tun würden. Diese Schlammschlacht lässt das Vertrauen deutlich schwinden. Und Vertrauen ist in dieser Branche die Grundlage des Gelingens.
Calvani schrieb am 22.08.2011 um 18:50
"Ich bin guter Hoffnung, dass ich das nicht muss."

Ist das kryptisch für: "Hoffentlich kommen Sie selbst darauf, wo Ihre journalistische Arbeit unsauber war oder ist" oder für: "Das kam bisher nicht vor und wird hoffentlich auch zukünftig nicht vorkommen"?

Es geht hier ja um Transparenz, nicht wahr?
Rosa Sconto schrieb am 23.08.2011 um 00:14
@ Achtermann lesen Sie das bitte ganz gut: " Wenn Sie konkrete Hinweise auf journalistisch unsaubere Arbeit von mir haben, weisen Sie mich bitte darauf hin."

Auch wenn ich, wie schon in anderen Kommentaren erwähnt, Zweifel an DDBs Integrität habe, ein Mangel an Objektivität in den Beiträgen von Steffen Kraft habe ich (bisher) nirgends gefunden. Das eigentlich enttäuschende ist das dies Thema viel zu wichtig ist um an einzelnen Personen festgemacht zu werden. Die bisherige Bilanz dürfte sein das KEINE der anonymen Briefkästen mehr vertraut wird, d.h. nichts, was von den Medien nicht bekannt wird, wird dann niemals bekannt.
Calvani schrieb am 22.08.2011 um 18:22
Ganz ehrlich, Steffen, wenn Sie im Besitz hochbrisanter Dokumente wären, deren Veröffentlichung Sie für wichtig hielten, die Sie selbst aber nicht in Gefahr bringen sollte, würden Sie sich Openleaks anvertrauen?
Fro schrieb am 22.08.2011 um 19:00
DDB hat sich durch sein Herumgeeiere bei mir jedenfalls unglaubwürdig gemacht. Assange und Wikileaks sind für mich aber auch nicht mehr vertrauenswürdig... - Naheliegend, dass Organisationen wie Wikileaks, Openleaks und CCC für Geheimdienste von besonderem Interesse sind. Und Kontaktversuche zu Mitarbeitern/Aktivisten sind wahrscheinlich an der "Tagesordung" – ob derartige Versuche erfolgreich waren, kann der außenstehende Beobachter natürlich nicht beurteilen. Daher lieber auf Nummer Sicher gehen.
Da bleibt nur die alte Methode: Daten (von Herkunftsspuren bereinigt) auf DVD brennen und an die Zeitung/en/TV-Redaktionen seiner Wahl schicken – oder über ein fernes Internetcafe versenden.
barshai schrieb am 22.08.2011 um 19:17
Vielleicht ist dies die, außerordentlich bedauerliche, Folge des "Hahnenkampfs" zwischen Assange und Domscheit-Berg:

Tyler Durden, JensMander 22. August 2011 09:06
"Die Frage lautet schon lange nicht mehr "Wem von den beiden glaube ich?" und wer von den beiden Egomanen häufiger seltener lügt ist mir eigentlich egal: Die Whistleblowerplattformen sind "verbrannt" und bleiben es.
TD
www.heise.de/newsticker/foren/S-Die-Frage-lautet-schon-lange-nicht-mehr-Wem-von-den-beiden-glaube-ich/forum-207656/msg-20669947/read/

Und dann könnte man sich, bei aller offensichtlichen "Paranoia" (Geheimdienstkontakte) und dem unübersehbaren Hang zu Verschwörungstheorien, tatsächlich langsam einmal fragen, "wem nützt die, bereits weit vorangeschrittene, Zerschlagung von Wikileaks und Openleaks?"
ed2murrow schrieb am 22.08.2011 um 20:26
Nicht nur ein paar Eingeweihte lesen das. Sondern vor allem die potentiellen Leaker, also die Personen, die mit der Weitergabe von Daten Job, Lebenssicherheit und Reputation ganz persönlich und konkret aufs Spiel setzen. Wer wollte sich bei derartigen Prämissen -buchstäblich- anvertrauen?

Ich mache einmal eine ganz banale Parallele auf: Was war bis vor kurzem der Erfolg Schweizer Bankkonten? Dass sie verschwiegen waren, Geheimnisse aller Art waren dort zu treuen Händen bestens aufbewahrt. Bei open- und wikileaks sowie nun auch beim CCC hat es nicht einmal der Kavallerie bedurft, dem Nimbus tiefe Risse beizubringen.
merdeister schrieb am 22.08.2011 um 22:53
Können die sich nicht einfach prügeln, wie alle normalen Männer?
Susanne Lang schrieb am 23.08.2011 um 09:55
Aber was würde dann aus den Hähnen?
Nietzsche 2011 schrieb am 23.08.2011 um 10:52
@Susanne Lang um 09.55
Die Hähne würden den Kamm verlieren - und sich unter den Hennen verbergen.
lisi stein schrieb am 23.08.2011 um 12:35
@Merdeister

Vielleicht würden "Rescue-Tröpfchen" hochdosiert helfen :)
merdeister schrieb am 25.08.2011 um 10:31
Hochdosierte "Rescue-Tröpfchen" können auch schon mal im Binge-Drinking enden, und was Hähne machen, wenn sie betrunken sind ist ja bekannt. Wobei es auch heißt: In vinum veritas.
Lethe schrieb am 23.08.2011 um 12:42
da ist wohl nichts mehr zu retten

wenn Nerds sich streiten, suchen normale Menschen ihre eigenen Lösungen. Die Nerds scheinen zu meinen, ihre Spielzeuge seien Selbstzweck
shalako schrieb am 23.08.2011 um 13:50
"Nach Angaben von Wikileaks ist das nun von dem Aussteiger Domscheit-Berg „geschredderte Material“ unersetzlich. Es enthalte Daten, die bis August 2010 zurückgehen. Darunter seien unter anderem 60000 E-Mails der rechtsextremen NPD und „Interna von rund 20 Neonazi-Organisationen“. Auch Daten der Bank of America seien gelöscht worden, erklärte das Enthüllungsportal über Twitter. Weiterhin habe zu dem Datensatz eine US-Liste von Personen gehört, denen der Zutritt zu amerikanischen Flugzeugen verwehrt bleibt."

Quelle:
www.noz.de/deutschland-und-welt/gut-zu-wissen/56592233/wikileaks-daten-geschreddert
Fro schrieb am 23.08.2011 um 16:42
Sieht wirklich nach einem großen Verlust aus.

Warum konnte Assange nicht sagen: Ok Daniel, du vertraust uns nicht mehr, egal, Hauptsache die Informationen werden veröffentlicht – mach du es.
Warum konnte DDB nicht sagen: Scheiß auf Assange, ich veröffentliche die Dokumente. Wenn Assange seine Arbeit ernst nimmt, sollte er damit keine großen Probleme haben.
?
Für mich sind die beiden abgehakt.
Gold Star For Robot Boy schrieb am 23.08.2011 um 23:21
"We can confirm that the claimed Domscheit-Berg destroyed leaks include the videos of a major US atrocity in Afghanistan."
WikiLeaks Tweet Dienstag Nacht
Gold Star For Robot Boy schrieb am 23.08.2011 um 23:21
"We can confirm that the claimed Domscheit-Berg destroyed leaks include the videos of a major US atrocity in Afghanistan."
WikiLeaks Tweet Dienstag Nacht
shalako schrieb am 24.08.2011 um 14:31
Neues Material von Wikileaks - jede Menge zu tun.

wikileaks.org/reldate/2011-08-23_0.html
Steffen Kraft
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