stephan1097

Blog von stephan1097

01.02.2010 | 18:36

LIEBESDROGEN UND DIE ZUKUNFT DER EHE

Vor einiger Zeit beschäftigte sich der Ökonom David Friedman in seinem Blog "Ideas" auf unkonventionelle Weise mit dem Thema Liebe. Unter der Überschrift "Liebesdrogen und die Zukunft der Ehe" analysiert Friedman zunächst den Grund warum Menschen zueinander finden, um anschließend eine interessante, wenn auch unrealistische, Alternative anzubieten.

Die moderne Wissenschaft hat mit hoher Sicherheit nachgewiesen, daß der Prozeß des Verliebens und die Entwicklung von langfristiger Zuneigung aufgrund von chemischen Vorgängen im Gehirn ablaufen.

Im Moment ist verliebt sein ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Ehe. Jedoch ist laut Friedman überhaupt nicht klar, ob die Person, in welche man sich verliebt, die am besten geeignete ist, um langfristig glücklich zu werden. Ein Argument, welches vor allem von Verteidigern des alten Systems herangeführt wurde, wo die Eltern die Partner für die Kinder auswählten.

Friedman weist darauf hin, daß unsere Emotionen von einem Prozeß bestimmt werden, der einer darwinistischen Selektion nicht unähnlich ist.

Dieser Prozeß kümmert sich allerdings wenig um das Glück des Menschen. Unterbewußt sucht jeder Mensch nicht nach dem größtmöglichen Glück, sondern orientiert sich an archaischen Mustern des reproduktiven Erfolgs. Im Endeffekt spielt das Glück eine sehr untergeordnete Rolle. Vielmehr interessiert sich dieser  Auswahlprozeß in erster Linie für die Gene des potentiellen Partners.

Friedman versucht in seinem Artikel einen Ausweg aus diesem Dilemma zu konstruieren. Er fragt danach, wie es wäre, wenn der Mensch den gesamten Prozeß kontrollieren könnte, zum Beispiel mit Hilfe von Liebesdrogen.

Die Partnersuche wäre dann eine ganz und gar rationale Angelegenheit. Mit Hilfe der Liebesdrogen würde die Partnerwahl weder durch unsere Eltern noch durch unsere Hormone geschehen, sondern ausschließlich durch unsere Vernunft.

Im Rahmen der Suche wendet der Beziehungswillige sodann eine geeignete Suchstrategie an, um einen Partner zu finden, welcher paßt und der das gleiche über ihn selbst denkt. Wenn dann der Heiratsvertrag unterschrieben ist, nehmen die Partner laut Friedman die Drogen ein und schauen sich tief in die Augen.

Zur angemessenen Regulierung der Emotionen bekommen die Eheleute ein Rezept, um ein paar Monate verliebt zu sein und ihre Flitterwochen in vollen Zügen genießen zu können. Das Gefühl des Verliebtseins ist auf Dauer jedoch zu intensiv.

Friedman schlägt daher vor, daß das Paar im weiteren Verlauf auf ein Rezept wechselt, welches langfristige Zuneigung verspricht. Doch damit muß der Spaß nicht zu Ende sein. Später kann das Paar, je nachdem wie es der Zeitplan erlaubt, ohne Probleme einen zweiten und dritten Honeymoon erleben.

Friedmans Szenario ist sicherlich provokant. Dennoch bietet es spannende Ansatzpunkte zum Nachdenken. Vor allem ist es interessant zu fragen, warum die Liebesheiraten der heutigen Zeit zum Teil schlechter funktionieren als die pragmatischen Verbindungen in früheren Jahrhunderten oder Jahrzehnten.

Die Heirat aus Liebe ist nicht so alt, wie viele Leute denken. Erst seit dem Entstehen der modernen Wohlstandsgesellschaft haben die Menschen immer mehr Optionen, sei es im Berufsleben oder eben in der Liebe. Daraus resultiert eine permanente innere Unruhe. Der Mensch möchte nichts verpassen, nicht im Beruf und auch nicht auf dem Partnermarkt. Die Ansprüche an die perfekte Liebesbeziehung steigen in schwindelerregende Höhen. Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wächst dramatisch. In der Folge halten viele Ehen immer kürzer.

Noch in den 1950er und 1960er Jahren war dies anders. Viele Menschen heirateten aus Pragmatismus und um zu überleben. Liebesheiraten waren nicht die Regel, was auch damit zusammenhing, daß die Emanzipation der Frau noch in den Kinderschuhen steckte und sie daher in der Regel von ihrem Mann abhängig war.

In der Folge stellte es eine wesentlich bedeutendere Hürde dar, sich scheiden zu lassen, als in der heutigen Zeit. Obwohl die Emanzipation der Frau sowie ihre Berufstätigkeit mit Sicherheit zu begrüßen sind, stellt sich die heutige Multioptionsgesellschaft dennoch nicht als Paradies dar.

Beide Geschlechter sind zu einem gewissen Grad orientierungslos. Zwänge, wie sie in früheren Zeiten von Seiten der Kirche auf die Ehepartner ausgeübt wurden, gibt es heute nicht mehr. Aber bedeutet dies wirklich Erlösung? Braucht der Mensch nicht feste Strukturen, die ihn zwingen auch schlechte Zeiten gemeinsam durchzustehen und nicht gleich beim ersten kleinen Sturm aufzugeben?

Am Ende scheint es einen perfekten Weg nicht zu geben. Friedman entzaubert mit seiner Beschreibung zwar die klassische Liebesbeziehung indem er ihre latenten Grundlagen offenbart. Dennoch ist es fraglich, ob dies die einzige Erklärung darstellt.

Der Philosoph David Richard Precht hat in seinem Buch "Liebe - ein unordentliches Gefühl" bemerkt, daß der Mensch alles mögliche lieben kann, seien es Frauen mit schiefergrauen Augen oder Vollmondnächte in der Taiga. Es besteht laut Precht auch die Möglichkeit, daß ein Mensch sich in einen Partner verliebt, der unfruchtbar ist, was die These von Friedman wiederum ad absurdum führen würde.

Wie dem auch sei, fest steht: Der Mensch irrt solange er strebt. Gerade das macht ihn ja auch sympathisch. Aber warum sollte er nicht auch dazulernen und vielleicht zu dem Schluß kommen, daß einerseits die romantische, feurige Liebe notwendig und wichtig ist, es aber andererseits auch Traditionen und Konventionen geben muß, die sich in der Menschheitsgeschichte nicht ohne Grund entwickelt haben. Gerade sie sind es, die dem Paar einen stabilisierenden Rahmen geben, auch dann wenn die aufregende, bedingungslose Liebe der Anfangszeit bereits lange vorbei ist.

Originalbeitrag: daviddfriedman.blogspot.com/2007/06/love-drugs-and-future-of-marriage.html

 
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Kommentare
Hermanitou schrieb am 01.02.2010 um 18:44
Das Grundproblem der Beziehungen (auch der Ehe) ist doch, daß die Leut' heute nach immer mehr und immer Besserem streben und nicht nur im Fernsehen herumzappen, sondern auch nicht mit dem Partner zufrieden sind, den sie haben. Es könnte ja immer noch was Besseres geben. Und Durch Dick und Dünn gehen, dicke Bretter bohren, Streit austragen und Krisen durchstehen können und wollen immer weniger Männer und Frauen. Die Zapp-Gesellschaft beeinflusst schon lange auch das Beziehungsgeflecht der Menschen. Zewa-wisch-und-weg, der/die Nächste bitte!
Alien59 schrieb am 02.02.2010 um 06:40
Interessantes Thema. Gerade wenn man wie ich öfter in Diskussionen über die Zulässigkeit arrangierter Ehen verwickelt wird, ist eine kritische Betrachtung der Liebesehe aus anderer Sicht mal ein Novum.

Manchmal frage ich mich auch, ob nicht das durch die Scheidungszahlen dokumentierte Scheitern der Liebesehe der unbewusste Grund für die harsche Kritik an der arrangierten Ehe ist. Ja, das ist absichtlich provokativ formuliert.
Knüppel schrieb am 02.02.2010 um 09:55
"(...) Braucht der Mensch nicht feste Strukturen, die ihn zwingen auch schlechte Zeiten gemeinsam durchzustehen und nicht gleich beim ersten kleinen Sturm aufzugeben? ..."

Um dem Thema ein wenig die "Allgemeingültigkeit" und "Praxisferne" zu nehmen, erlaube ich mir eine kleine Schilderung meiner eigenen Zweier-Beziehung:

In sehr jungen Jahren unsterblich verliebt in einen etwa gleichaltrigen jungen Mann. Schon schnell war uns beiden klar, dass wir unser Leben gemeinsam verbringen wollten. Eingetragene Lebenspartnerschaft lag noch in weiter Ferne, zunächst konnte man sich glücklich schätzen überhaupt eine gemeinsame Wohnung zu bekommen und von Familie und Bekannten halbwegs als mann-männliches Paar akezeptiert zu werden

Das alte Vorurteil der "Bindungsunfähigkeit" haben wir sicher widerlegt (und ich behaupte, wir sind keinesfalls "die Ausnahme von der Regel", dazu kennen wir einfach zu viele Paare, mit ähnlichem Hintergrund). Es gab also (eben weil die rechtliche Institution der "Eingetragenen Lebenspartnerschaft" nicht existierte) für uns keine "... feste(n) Strukturen, die ihn (uns) zwingen auch schlechte Zeiten gemeinsam durchzustehen ..."

Wir haben uns (inzwischen leben wir seit ca. 36 Jahren zusammen)immer wieder vor Augen geführt: Es gibt keine "Heiratsurkunde"; es gibt keine gegenseitige Unterhaltspflicht und folglich könnte theoretisch jeder von Heute auf Morgen seiner eigenen Wege gehen. Das kam aber nie in Frage, weil unsere gegenseitige Liebe geblieben ist.

Nun gab es vor einigen Jahren (auf Drängen der GRÜNEN) die Einführung der sog. "Eingetragenen Lebenspartnerschaft", wir haben uns dieses Konstrukt näher angesehen und bewußt darauf verzichtet! Begründung: Während nahezu alle Pflichten der (heterosexuellen) Ehe übernommen wurden (z.B. die gegenseitige Unterhaltspflicht und die Anrechnung des Partnereinkommens bei Arbeitslosigkeit des anderen), hat die CDU/CSU damals durchgesetzt, dass fast alle Privilegien, die eine (auch die bewußt kinderlos bleibende Hetero-Ehe) genießt (Steuer-, Erb-, Adoptionsrecht etc.), "uns" vorenthalten wurden.

Ich möchte das jetzt nicht vertiefen, bei Interesse verlinke ich aber gern zu div. Diskussionen, die u.a. ich in der Vergangenheit in verschiedenen Internet-Portalen darüber geführt habe.

Seit einiger Zeit kämpft u.a. der LSVD, www.lsvd.de/
dafür die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen. Und ... sollten wir diese Veränderung im Denken und Bewerten von Partnerschaften, die nicht dem Mann-Frau-Schema entsprechen, noch erleben, dann ... werden wir diese Möglichkeit mit Sicherheit nutzen. Eine "Ehe zweiter Klasse", mit nahezu allen Pflichten, aber bei weitem nicht deren Privilegien (die "Eingetragene Lebenspartnerschaft") lehnen wir strikt ab.

Ich halte es für durchaus legitim auch diesen, von mir angeführten, Bereich von Partnerschaften zu benennen. Scherzhaft bezeichne ich mich in diesem und anderen Internet-Foren gelegentlich als "Quoten-Schwulen" :-), aber ... wie Sie meinem Profil entnehmen können, bin ich der Auffassung "wenn wir uns nicht (um unsere Rechte) kümmern, macht das niemand ..."

Beste Grüße
SexPower
stephan1097
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