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Vor Somalias Küste werden Schiffe gekapert. Militärschutz wird zur Notwendigkeit, um den Weg nach Asien gefahrlos zurücklegen zu können. Auf diese Weise wird der Gütertransport mit den riesigen Containerschiffen immer kostspielieger und es tritt die Frage in den Vordergrund, ob es wirklich sinnvoll ist, eine Vielzahl an Vorprodukten weiterhin aus Fernost zu beziehen, zumal die Qualität teilweise zu Wünschen übrig läßt, oder ob ein Umdenken einsetzen sollte.
Ist die Globalisierung irreversibel oder geben uns Piraten und Finanzkrise die Möglichkeit, in uns zu gehen und die Weichen noch einmal neu zu stellen. Durch die Globalisierung haben wir als Konsumenten einen Kostenvorteil. Noch nie waren Fernseher und Textilien so preiswert, wie im Moment. Doch, was auf der einen Seite positiv ist, bringt auf der anderen Seite die schmerzhafte Erkenntnis mit sich, daß diese Industrien wohl niemals nach Deutschland zurückkehren werden. Nur vereinzelt gibt es ermunternde Gegenbeispiele.
Das Traditionsunternehmen Steiff, das berühmt ist für seine Plüschteddys, holte einen Teil seiner nach China ausgelagerten Produktion wieder nach Deutschland zurück, weil die Qualität der asiatischen Produktion nicht den hohen Anforderungen genügte. Obwohl es illusorisch erscheint, wäre es gut, wenn viele andere Unternehmen folgen würden. Bestimmte Produkte wären dann erheblich teurer als heute, aber die Rückkehr der Produktion, und damit der Arbeitsplätze, würde die höheren Kosten mehr als aufwiegen.
Spiegel-Autor Gabor Steingart sprach in seinem Buch "Weltkrieg um Wohlstand" von den Angreiferstaaten, die uns in der westlichen Welt das Leben schwer machen. Möglicherweise ist eine Zeit der Krise der richtige Moment um aufzuwachen und zu begreifen, daß die Globalisierung nicht Gott gegeben ist, sondern von Menschen gemacht ist. Das bedeutet nichts anderes, als daß sie gestaltbar ist.
Bisher haben sich viele Menschen in der westlichen Welt ihr eigenes Grab geschaufelt. Besonders diejenigen, die einfache Tätigkeiten in der Produktion verrichten. Bei Kaufentscheidungen haben sie aufgrund ihres geringen Einkommens nicht die freie Wahl. Sie sind gezwungen das preiswertere Produkt zu kaufen.
So fiel die Entscheidung für einen neuen Fernseher gegen das teure Gerät von Grundig und für den Apparat aus Fernost. Bis es Grundig dann irgendwann nicht mehr gab. Auf diese Weise wurden Tausende von Arbeitsplätzen in der Produktion vernichtet. Obwohl natürlich auch die Besserverdienenden den Preisvorteil genutzt haben, ist die paradoxe Situation entstanden, daß vor allem die Geringsverdiener im Endeffekt ihren eigenen Job beseitigt haben.
Mit dem Kauf von Billigprodukten aus Fernost, um es klipp und klar zu sagen, werden Arbeitsplätze in Asien geschaffen und im Westen vernichtet. Schwierig ist die Tatsache, daß der Mensch im Zweifelsfall immer vom billigeren Produkt angezogen wird. Man könnte die Konsequenzen tausendfach heraufbeschwören und trotzdem würde es nichts nützen: Denn der Preis ist heiß !
Für das Gutmenschentum stellt die Globalisierung ein besonderes Problem dar. Wie schön war es, in Sonntagsreden über die armen Menschen in der Dritten Welt zu philosophieren. Wir in der westlichen Welt zahlten, angesichts unserer kolonialen Vergangenheit, schuldbewußt Entwicklungshilfe. Es machte doch einfach Freude, diesen armen Menschen zu helfen. Unzählige gescheiterte sozialwissenschaftliche Existenzen verdankten den armen Menschen in der Dritten Welt ihren Job.
Sicherlich wäre es grundverkehrt, die Entwicklungshilfe in toto zu kritisieren. Es gibt viele sinnvolle Projekte und der Einsatz und Elan der Helfer vor Ort ist hoch anzurechnen. Trotzdem ist es ebenfalls eine Tatsache, daß die Entwicklungshilfe nicht in erster Linie gut für die armen Menschen unseres Planeten war, sondern sich gleichfalls als Jobmotor für Entwicklungshelfer bewährt hat.
Nahmen diese vormals bedauerten Menschen aber ihr Schicksal selbst in die Hand, wie es in China geschehen ist, dann rückte die Entwicklungshilfe mehr und mehr in den Hintergrund. "Samstags gehört Papi mir", hieß eine Losung der Gewerkschaften in Deutschland. Eine sympathische und verständliche Forderung.
Gelingt es jedoch immer mehr Ländern, dem Beispiel Chinas zu folgen, dann ist Papi leider die ganze Woche zu Hause. Dann wird es unangenehm. Der Angriff beginnt. Die Jobs wandern ab. Die gerade noch (zu recht) bedauerten Menschen, nehmen plötzlich Papi den Job weg. Sie wollen auch ein kleines Stück vom Wohlstand haben. Und sie arbeiten hart für diese Chance. Eine Globalisierung, die allen gleichermaßen nützt, so wie es die Idealmodelle aus den Lehrbüchern der Ökonomie suggerieren, gibt es nicht.
Irgendwie, so wird der eine oder andere denken, hat das mit der Entwicklungshilfe zuvor mehr Spaß gemacht. Es war wie mit einer Droge. Wir gaben ihnen ein bißchen ab, vom großen Kuchen des westlichen Wohlstands, um die Hoffnung zu nähren, und um sie abhängig zu machen vom süßen Gift der Subvention; hofften aber insgeheim darauf, daß sie nie auf die Beine kommen würden.
In einer Situation in der sich die Spielregeln gewandelt haben, in der es nicht mehr um die Zahlung von Almosen, sondern um einen globalen Verdrängungswettbewerb auf dem Arbeitsmarkt geht, wäre es interessant, mitzuerleben, wie sich ein Arbeiter aus der Dritten Welt und einer aus einem Industrieland von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Die Tragweite der Problematik wird dann auf einmal glasklar.
Der hungernde Bauer, der unter höllischen Qualen aus den Weiten der chinesischen Provinz in eine der boomenden Zentren vorgedrungen ist, sagt plötzlich zum Arbeiter aus Bochum: "Es tut mir Leid, aber ich möchte Deinen Job." Und der Arbeiter, nennen wir ihn Jupp, sagt: "Aber ich habe Dir doch immer Entwicklungshilfe gezahlt, warum bleibst Du nicht einfach arm. Ich muß doch meine Familie ernähren". In der realen Welt werden sich beide niemals begegnen. Sie leben in unterschiedlichen Welten. Und dennoch ist ihr Schicksal eng miteinander verwoben.
Gerade bei den Tätigkeiten, die austauschbar sind, die so einfach sind, daß sie überall auf der Welt erledigt werden können, hat sich seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs und dem Aufstieg Chinas das Arbeitskräfteangebot in den Milliardenbereich erweitert. Nur derjenige, der über besondere Fähigkeiten verfügt, kann sich dem Druck widersetzen. Die Höherqualifizierten haben noch eine Gnadenfrist. Doch auch hier rollt die nächste Welle.
In jedem Jahr verlassen eine Vielzahl an gut ausgebildeten Fachkräften die chinesischen oder indischen Universitäten. Auch an westlichen Universitäten werden Nachwuchstalente aus Fernost ausgebildet. Ein Großteil der Studenten kehrt in ihre Heimatländer zurück. Sie werden es sein, die in den kommenden Jahren der Elite des Westens das Fürchten lehren wird. Niemand ist mehr sicher, vor der Konkurrenz aus Asien.
Nur die Tätigkeiten, die ausschließlich vor Ort erledigt werden können, sind nicht gefährdet. Es ist unpraktisch sich seine Haare in China schneiden zu lassen und auch unsere Hauselektronik lassen wir vom örtlichen Elektriker verlegen. Doch im Großen und Ganzen steigt die Konkurrenz unaufhörlich.
In der Bundesrepublik haben wir uns bemüht die "Gute Gesellschaft" zu sein. Dem Ideal von John Kenneth Galbraith sind wir dabei vor allem in den 1960er und 1970er Jahren sehr nahe gekommen. Jeder, der hart genug arbeitete, hatte eine Chance, den sozialen Aufstieg zu schaffen. Doch gegenwärtig schuften sich viele Menschen in der westlichen Welt vergebens ab und bekommen lediglich einen Hungerlohn.
Die Konkurrenz in China ist nicht besser dran - eher schlimmer. Menschen verunglücken in Bergwerken, sie ruinieren ihre Gesundheit in menschenunwürdigen Fabriken und sie lassen ihre Kinder, ihr eigen Fleisch und Blut, aus purer Not schwerste Tätigkeiten verrichten. Diese Kinder sind es dann, die dem Arbeiter aus Bottrop und Gelsenkirchen die Arbeit wegnehmen. Was für eine traurige Geschichte.
Am Ende setzt sich die harte Wahrheit durch, daß nicht alle zur selben Zeit reich sein können. Im Rückblick erscheint der westliche Arbeitsmarkt im Kalten Krieg als eine Insel der Seligen - oder ein Kartell, je nach Betrachtung. Viele Menschen im kommunistischen Osten konnten nicht an der Globalisierung teilnehmen, weil sie nicht durften. Die anderen waren zu arm. Für sie war die Hürde zu hoch, um überhaupt eintreten zu dürfen, in das Paradies der Arbeitenden.
Jetzt wollen alle ein Stück abhaben vom Kuchen. Und irgendwie haben sie es alle verdient. Sie sind alle Gottes Kinder. Hieß es nicht immer: "Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern".
Was ist aber, wenn wir nur reich sein können, wenn die anderen arm sind. War es nicht gut so, all die Jahre? Die Globalisierung stellt die westliche Welt vor ein Dilemma. Müssen wir am Ende egoistisch sein, um zu überleben? Ist es gar nicht möglich, uns das tägliche Brot zu geben und uns gleichzeitig von aller Schuld freizusprechen?
Die Unternehmen agieren weltweit. Das Kapital geht dahin, wo es die beste Verzinsung erzielt. Es findet dabei immer seltener den Weg zurück in den Westen. Gegenwärtig scheint der Slogan zu lauten: "Überall gehen wir hin - nur nach Hause wollen wir nicht".
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"Buy britisch, kaufe deutsch" usw.
Ist das wirklich erstrebenswert, oder liegt die "Lösung" nicht vielleicht eher im Besinnen auf eigene Fähigkeiten und Talente, in Verbindung mit der besseren Handhabung und Vermarktung von Patenten? Länder, die praktisch alle Konsumgüter, die von der eigenen Bevölkerung gekauft werden, im eigenen Land produzieren ... das dürfte endgültig der Vergangenheit angehören und ... das gab's wahrscheinlich auch niemals (Südfrüchte aus Deutschland? Erdöl in nennenswerter Menge? bezahlbare Unterhaltungselektronik? ... Video-Recorder, Faxgeräte, CD-Player, DAT- und DVD-Geräte, andere HiFi-Komponenten wurden - wenn in Deutschland hergestellt - nicht ernsthaft vermarktet und blieben dadurch, obwohl häufig die Patente aus Deutschland stammten, Nischen-Produkte, bis zuerst Japan, später Korea und heute China gute Qualität zu erschwinglichen Preisen lieferten). Ich will damit sagen, der "Markt" für diese Produkte wurde überhaupt erst von den asiatischen Ländern geschaffen (wobei wir uns nicht über "unfaire" Regierungs-Subventionen für die Anschubphase unterhalten brauchen, das weiß ich alles). Nur was nützen mir hochwertige Produkte, wenn sie weitgehend unerschwinglich bleiben? Dann wird damit kaum nennenswerter Umsatz zu erzielen sein und - Umkehrschluss - sie bleiben dadurch auch zu teuer, um eine größere Rolle spielen zu können. Es gab übrigens (Thema Autos) schon immer Länder, ohne eigene Autoindustrie, die aber trotzdem einen hohen Lebensstandard erreichten (Schweiz, Dänemark, Belgien usw.). Also, ich bin nicht der Meinung, dass jedes Land unbedingt "alles" herstellen muss. Lieber auf die eigenen Stärken konzentrieren und vor allem ... eine professionelle Vermarktung betreiben, dann ... (vielleicht in Verbindung mit Inspirationen aus dem u.s.-amerikanischen Steuerrecht = knallharte Besteuerung von "Fluchtkapital" mit drakonischen Strafen und Sanktionen für Steuerflüchtlinge) dann ... |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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