Störtebeker

Aktion Störtebeker

22.05.2009 | 15:37

Ohnesorg-Mörder mit SED-Parteibuch: Merkwürdige Enthüllungen

Ich muss schon zugeben, dass mich die jüngste Enthüllung aus den Kellern der Birthler-Behörde gestern ziemlich überrascht hat. Ausgerechnet der Westberliner Polizist, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg am Rande einer Demonstration gegen den Schah von Persien, erschossen hat, soll SED-Mitglied und inoffizieller Mitarbeiter des Ministerium für Staatssicherheit der DDR gewesen sein - damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Wobei der heute 81jährige Karl-Heinz Kurras, der in Berlin-Spandau lebt, eine Agententätigkeit für die Stasi vehement bestreitet.

Das Foto von damals mit dem Toten ist aktuell gerade in vielen Übersichten zu "60 Jahre Bundesrepublik" zu sehen. Denn der Mord an Benno Ohnesorg trug wesentlich zum Erstarken der Studentenbewegung bei und war ein Wendepunkt in der BRD-Geschichte. Der militante Flügel übernahm das Datum des Todestages sogar in seinen Namen: "Bewegung 2. Juni". Dass der angebliche Spitzel bei seinem Todesschuss im Auftrag der DDR gehandelt haben könnte, behaupten auch die Mitarbeiter der Birthler-Behörde nicht.

Laut deren Akten hat das MfS damals Karl-Heinz Kurras ins Gebet genommen. Seine Darstellung des tödlichen Schusses liest sich dort so:

„Die Situation wurde zu einer reinen Existenzfrage, zu der Frage, ob Leben oder Tod. Aus diesem Grunde hat er so gehandelt. Sein Leben war durch das Angreifen der Radikalen mit einem offenen Messer gefährdet. Der Kurras sagte sinngemäß, daß er sich nichts vorzuwerfen hatte und nichts bereut. (…) Seine Darlegungen zum bekannten Vorkommnis trug er sehr impulsiv vor. Aus der Art und Weise seiner Bemerkungen kann geschlußfolgert werden, daß der Kurras von der Richtigkeit seiner Handlungsweise überzeugt ist, kein Mitleid in irgendeiner Form hat und die Handlungen der anderen beteiligten Personen verurteilt.“

 

Als Mörder wurde der Waffennarr Kurras nie angeklagt. Selbst vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung sprach ihn die bundesdeutsche Justiz in zwei Verfahren 1967 und 1970 unter Protest der demokratischen Öffentlichkeit frei. Seiner Karriere in der Westberliner Polizei war diese Tat auch nicht abträglich. Kurras ging später zur Kriminalpolizei und und arbeitete in einer Sonderermittlungsgruppe, die nach „Verrätern in den eigenen Reihen“ suchen sollte. Damit hatte man den Bock wohl zum Gärtner gemacht.

Jetzt soll das Verfahren wegen der Schüsse auf Benno Ohnesorg wieder neu aufgerollt werden, da Mord nicht verjährt. Die Berliner CDU hat heute vom rot-roten Senat eine Stellungnahme zu den neuen Erkenntnissen über den Todesschützen verlangt. Das verblüfft mich nun ebenfalls. Denn kann es sein, dass ein Mord anders bewertet wird, wenn der Täter ein SED-Parteibuch hat? Wo bleibt da die Unabhängigkeit der Justiz? 

Entweder sind die bisherigen Verfahren gegen Kurras (wohlgemerkt nicht wegen Mord!), in denen er "mangels Beweisen" freigesprochen wurde, nicht ordentlich durchgeführt worden. Waren sie womöglich sogar politisch gesteuert, um dieses Ergebnis zu bekommen? Oder will man jetzt die Gunst der Stunde nutzen, um dem "Unrechtsstaat DDR" weiter am Zeug flicken zu können? So oder so: Merkwürdig ist diese geschickt terminierte Enthüllung aus der Birthler-Behörde auf jeden Fall.

 
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Kommentare
Magda schrieb am 22.05.2009 um 18:10
Hallo,
ich bin auch blogmässig am Grübeln über die ganze Geschichte.
Mein Beitrag steht weiter unten.

Wie es auch immer zusammenhängen mag, man ist über den Fund nicht böse. Wenn er mal nicht schon eine Weile auf Halde lag. Man sagt ja das ist der Unterschied bei einer Meldung zwischen neu und aktuel. Jetzt ist sie aktuell.
Erstaunlich finde ich erstens, dass auf einmal ein Mord wahrscheinlich scheint, damit wäre die Justiz aber ziemlich blamiert.

Die andere Seite scheint mir, dass jetzt die Stasi-Wogen mehr in Richtung Westen rollen. Und natürlich die DDR als Hort alles Bösen.
Eines ist aber wahr, die "Genossen" hatten ihre Finger überall drin.
Raffaela J. schrieb am 22.05.2009 um 19:29
Ein makabrer Witz - die CDU, die sich in der Vergangenheit noch nie für Benno Ohnesorg und seinesgleichen interessiert hat und unter deren Ägide dem "Todesschützen" ja sogar Straffreiheit zugebilligt worden ist - die CDU will plötzlich das Ganze als Mord neu aufrollen lassen: wir werden hier Zeugen der Instrumentalisierung eines Vorgangs, nicht zuletzt auf Kosten des Opfers, und ich habe nicht nur in Hinblick auf diese Geschichte den Eindruck, das bestimmte politische Kreise heftig daran arbeiten, unser Land gesellschaftlich und politisch zu einer "Bananenrepublik" zu degenerieren ...
josse schrieb am 22.05.2009 um 19:58
Da Mord nicht verjährt, muss die Staatsanwaltschaft bei neuen Erkenntnissen zu einem Todesfall ohnehin ermitteln, da es ein Offizialdelikt ist.
Ob da CDU oder Verfolgte des Stalin-Terrors anzeigen, ist unwesentlich.
Interessant finde ich hingegen die Frage, wie es im kältesten Kalten Krieg möglich war, dass dieser "Maulwurf" nicht enttarnt worden ist, obwohl er durch die Tötung von Benno Ohnesorg lange im Blickpunkt des öffentlichen Interesses stand.
Man müsste doch meinen, solch ein Mann würde "durchleuchtet" bis auf die Knochen.
Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die Qualität der Arbeit von BND und Verfassungsschutz.
Aber es gab möglicherweise auch auf beiden Seiten geschätzte Leute.
Wir werden es wohl nicht erfahren.
EmperorOfPersia schrieb am 22.05.2009 um 20:08
Ganz ausgezeichnet, Eure Kommentare, Ela und Magda! Bananenrepublik und ein Karlsruher Justizskandal. Seinerzeit habe ich mich mit dem Schah & Farah Dibah
sowie dem persischen Premierminister und dem amerikanischen Boschafter darüber
unterhalten. Und mit Rezah Pahlevi, dem Sohn des Perser-Schahs, verbindet mich
eine lange Unterhaltung dazu. Haha! Sich vom CIA Videos zu Mohammed Atta(9/11)
von einem Londoner Fernsehmaterial-Fälscher-Bureau als echt unterschieben zu lassen, sowas erweitert den Karlsruher Justizskandal[BGH]. Wenn Ihr bitte dazu
die BGH Rechtsexpertisen und ergangenen Urteile dazu vergleicht.
Raffaela J. schrieb am 22.05.2009 um 21:52
Eine detaillierte und lesenswerte Dokumentation der Ereignisse des 2.Juni 1967 sowie des unmittelbaren Umfelds findet sich beispielsweise hier:
archiv.hanflobby.de/archiv/68er-ohnesorg.html
task schrieb am 22.05.2009 um 23:00
So wirklich aus den Socken hauen mich diese neuen Erkenntnisse nicht gerade - autoritäre Spiesser mit Kopf-ab-Gesinnung waren halt in den Apparaten hier und dort wohlgelitten. Eine schöne deutsche Geschichte.
marsborn schrieb am 22.05.2009 um 23:00
Was soll denn dieser verschwörungstheoretische Unsinn von der "geschickten Terminierung" dieser Fakten? Was wäre denn bitteschön ein "geeigneter", den potenziellen Verschwörungstheoretikern eher genehmer Termin dafür?? Wenn man aus diesen Erkenntnissen ernsthaft durch Terminierung politisches Kapital hätte schlagen wollen, dann wäre eine Bekanntgabe zu rot-grünen Schröder-Zeiten oder wenigstens erst im herbst, vor der Bundestagswahl sinnvoll, oder?
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Ich bin Autor des Politthrillers "Aktion Störtebeker", der auf der Insel Rügen spielt und unter der ISBN 3839115248 in jeder Buchhandlung erhältlich ist.
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