Streifzug

Einfach, aber nicht simpel

31.10.2009 | 14:32

Eva Schweitzer vs. Blogger

Journalisten geht es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, momentan nicht besonders gut. Statt in einer festen Stelle dürfen sie als "Freier Mitarbeiter" ihren Lebensunterhalt verdienen. Oft bedeutet das den Abstieg zum schreibenden Tagelöhner.

Meiner Meinung nach eine dramatische Entwicklung. Wie so oft wird die dabei entstehende Wut und Enttäuschung in die falsche Richtung gelenkt. Meist nach unten, auf (vermeintlich) Schwächere, momentan auf Blogger. Blogger werden als das personifizierte Böse dargestellt, verantwortlich für den Untergang des ehemals heilen Journalismus.

Der Unsinn ist es nicht weiter wert erörtert zu werden. Zurück zum konkreten Fall.

Eine Journalistin veranlasst eine "Schleppnetzfahndung" nach unerlaubter Fremdverwertung ihrer Artikel. Zwei Sorten Fische sind dabei ins Netz gegangen: dicke, kommerzielle "Raubfische" und kleine Bloggerzierfische.

Wie so oft ist es mit den dicken Fischen nicht so einfach. Ganz anders bei den kleinen Bloggern. Denen kann man doch schnell mal eine Abmahnung schicken incl. 1.200 Euro Schadensersatz für ein Textzitat.

Der Fall eines betroffenen Bloggers machte schnell die Runde. Er hatte einen (meiner Meinung nach etwas zu langen) Text in sein Blog eingestellt, als Zitat gekennzeichnet, mit einem Link auf die Quelle verwiesen und das alles als Empfehlung, also positiv.

Der bekam nun also Post, eine saftige Rechnung. Ob so ein Vorgehen schlau ist? Jack Wolfskin hat gerade noch gezeigt, wie schnell ein Ruf massiv beschädigt ist. Der Barbara-Streisand Effekt schlägt bei Frau Schweitzer schon in den Suchmaschinen voll durch.

Nun könnte ich nach den Texten und Kommentaren in dem Fall einfach sagen: Selbst schuld, dumm, arrogant, zickig ;)

Wenn da nicht ein Buch wäre. Ich hab extra noch einmal ins Buch geschaut. Tatsächlich, es scheint die gleiche Person zu sein.

Es geht um das Buch: "Amerika und der Holocaust".

Ein sehr heißes Eisen. Mutig. Neu zugängliche Quellen ausgewertet, verständlich aufbereitet. Merkwürdigerweise ist von dem Buch in ihrer Biografie auf der taz-Seite nichts zu lesen. (Nicht, dass es doch nur eine virtuelle Zwillingsschwester ist und ich bin das leuchtende Bespiel eines schlecht recherchierenden Bloggers ;)

Und nun so was. In meinen Augen eine Riesendummheit.

Ich sag es mal andersrum.

Was würde eine Interessengruppierung im heutigen Umfeld tun, um einer "schreibenden" Person massiven Schaden zuzufügen? Sie würde dafür sorgen, dass folgende Devise im Netz die Runde macht.

Löscht alle Verweise auf sie, alle Textstellen, radiert ihre Existenz so weit es geht aus. Dann wird ihr bei den nächsten Verhandlungen gesagt: "Werte Frau, sie sind nicht relevant, wir zahlen, wenn überhaupt, nur sehr wenig."

Genau das passiert gerade.

Daher liebe Frau Schweitzer, bei ihren "sprachlichen Fähigkeiten" müsste es doch möglich sein, die Sache wieder hinzubekommen, ohne dabei wie bisher arrogant und von oben herab zu wirken.

Ihr Ruf ist es wegen des mutigen Buches wert.

[Der Artikel ist ein persönliches Werturteil]

 
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Kommentare
mh schrieb am 31.10.2009 um 15:17
ja, es ist die gleiche dame.

die blogs haben sich in der angelegenheit einen bärendienst erwiesen.

erst wurde die frau selbst nicht kontaktiert, was ob der begründungen als schlechte recherche bezeichnet werden muss und dann wird die angelegenheit hochstilisiert, obwohl sie bereits nachgegeben hat .. sonderlich souverän war sie dabei nicht, aber das recht ist nunmal auf ihrer seite und ich kanns verstehen, wenn man prozesse automatisiert und auslagert, die nicht zum eigenen geschäftsfeld gehören.

da wurde skanalisiert, aus reflex heraus, was das zeugs herhält. und das obwohl die lage bei weitem nicht so schlimm war wie behauptet. spreeblick ernährt sich von sowas... da braucht man nichts erwarten. netzpolitik war dann wenigstens sehr schnell ruhig. aber dass ein niggemeier, der genau das tagtäglich bei anderen kritisiert, dann betreibt, ist wohl auch nur noch ein ausdruck dessen, dass mans auch nicht mehr anders kann und will.

ihre schreibweise erklärt auch sehr simpel darüber auf, dass sie beim nachgeben einfach nur noch die oberhand behalten wollte. es musste also jedem klar sein, der da nochmals draufhaut, dass man ihr da etwas nimmt was sie nicht bereit sein wird zu geben. die weitere eskalation beweist das dann auch.

an ihrer stelle würd ich das jetzt übrigens durchziehen, wenn spreeblick und niggemeier sich nicht entschuldigen.

mfg
mh
Streifzug schrieb am 31.10.2009 um 15:26
Ein in meinen Augen sehr unglücklicher Satz, in dem ersichtlich wird, warum man sich besser an die kleinen Fische hält.

Anbei ein Zitat (Mannomann, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, sonst kommt sie mit dicken Kanonen angerückt ;) aus ihrem Artikel: "Empire Strikes Back"
Empire Strikes Back

Dabei stellte ich fest, dass eine Tageszeitung einen Artikel von mir, für den sie ungefähr 80 Euro bezahlt hat, an sage und schreibe 15 andere Zeitungen verkauft hat, ohne mir Bescheid zu sagen.

Ich beschwerte mich, mir wurde bedeutet, ich könne eine Nachzahlung verlangen, dann würde man mich aber hinauswerfen. Wenn man mich hinauswirft, möchte ich gerne, dass sich das richtig lohnt
mh schrieb am 31.10.2009 um 16:28
die großen geht sie aber über diese anbieter doch an, so habe ich es verstanden, und dabei hat es halt auch ein paar kleine erwischt.

da muss sie ja auch n paar artikelchen verkaufen, ehe sie mit den 80 euro dann bei 1.200 landet. also das kann sich fast schon wieder lohnen. ^^

mfg
mh
O. Mueller schrieb am 31.10.2009 um 20:03
MH120480 schrieb "an ihrer stelle würd ich das jetzt übrigens durchziehen, wenn spreeblick und niggemeier sich nicht entschuldigen."

Was soll sie durchziehen? Die Abmahnung gegen den Blogger, weil sich Spreeblick und Niggemeier nicht entschuldigen? Oder war gar etwas anderes gemeint?
mh schrieb am 31.10.2009 um 20:11
genau das war gemeint.

und der grund ist ganz simpel mit der funktionsweise des internets zu begründen.

wenn man über alles reden kann, sich das netz aber durch ein paar anstachler dazu hinreißen lässt trotzdem wild durch die gegen zu schießen, dann muss das netz die eigenen grenzen gesetzt bekommen.

würde der druck dann auf die anstachler gelenkt, dann sind es halt jene die schuld oder demut auf sich laden müssen. aber das ist bekanntlich dem netz überlassen.

mfg
mh
M1xP1yne schrieb am 31.10.2009 um 20:44
1. "Das Recht" ist nur bedingt auf ihrer Seite. Zwar kann sie bei unerlaubter Nutzung ihrer Texte diesen Weg gehen. Aber ob sie wirklich diese Höhe geltend machen kann, wage ich doch sehr zu bezweifeln. Und ob es sich hier um eine unerlaubte Nutzung handelt, können wir nicht bestimmen, dafür gibt es Gerichte.

Siehe auch:

www.internet-law.de/2009/10/die-urheberrechtliche-abmahnung-ein.html

2. Skandaliert wurde vor allem wegen der unverschämten Art der Dame. Wenn Sie sich jetzt mal die Beiträge Frau Schweitzers anschauen, dann sollten Sie sich fragen, ob Sie gerne so herablaßend behandelt werden würden. Das Ganze hätte nicht zu eskalieren brauchen. Wie man Netzpolitik und Spreeblick entnehmen konnte, war die BEreitschaft zur Entspannung da. Wenn man aber mich von Oben herab mit "MAx" anspricht, und eine Argumentation verwendet, die diesen Namen nicht mal ansatzweise verdient, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn es eskaliert.

3. Der Hinweis, sie solle das "jetzt durchziehen", gerade wegen Niggemeier und Häußler, ist gelinde gesagt, dämlich.
Denn diese Strategie der verbrannten Erde kann ihr nur mehr schaden, als den anderen Beteiligten. Das Netz (von Ihnen mal schnell pauschalisierend abgewatscht) vergisst nicht.
Das Beste wäre m.E. eine nichtöffentliche Auseindandersetzung der BEteiligten, mit dem Ziel, den Schaden gering zu halten

Im Übrigen finde ich das Ganze in zweierlei Hinsicht schade:
1. Schätze ich Frau Schweitzer sehr (als Autorin und Trekkie), weshalb ich persönlich doch sehr enttäuscht bin.
2. Erwarte ich gerade von Ihnen eine bessere Argumentation als diese Kindergartengehabe a la "wenn der Stefan und der Johnny böse zu mir waren, dann haue ich halte dem Phillip (der besagte Blogger) eine rein"
mh schrieb am 31.10.2009 um 21:05
zu 1.: die höhe ist doch irrelevant. wenn sie klagt wird geld fließen und wenn die kosten dann nicht ob der zahlung an sie zustande kommen, dann halt durch gerichts- und anwaltskosten.

über schuld oder unschuld wird selbstverständlich ein gericht entscheiden müssen. außer er ist ein fussballfan, aber das ist ein anderes thema.

zu 2.: natürlich hat sie blödsinn geschrieben. ich habe es nur bereits gesagt, die formulierungen weisen doch eindeutig den weg. sie wurde per internet angegangen und vor den kopf gestossen. sie sieht sich generell im recht (was nicht umbedingt als unwahrscheinlich einzustufen ist) und steht nun vor ein paar blogs die rumstressen und sie angreifen.

generell hat sie nix dagegen hier nicht auf dem betreffenden rumzuhacken, ob der gesamtkonfrontation sieht sie es aber nicht ein das heft aus der hand zu geben und verpackt es in einer art und weise die denen entgegenkommt und ihr selbst die gesichtswahrung lässt.

dass man es dann trotzdem noch so hochkochen lässt, ist einfach nur dämlich und hat scheinbar genau die konsequenzen die es immer hat. wir reden hier über ganz normale menschliche verhaltensweisen.

zu 3.: dass das netz nicht vergisst ist mehr mythos als tatsache und in dem fall ist es wohl sogar noch strittig. die meisten menschen interessieren sich doch gar nicht für die vergangenheit anderer. das nimmt man zur kenntnis und das wars.

wenn es auch nur ansatzweise stimmt, was wir den verlegern nachsagen, dann werden se die gute frau demnächst mit aufträgen überschütten, ob ihrer heldenhaften gegenwehr. dem absatz des buches wird es auch kaum schaden, zumal amazon solche mieswertungen mittlerweile durchaus raus nimmt. geschieht bei spielen immer wieder und öfter.

mir sind die personen aber egal, ich betrachte es aus der warte des generellen prinzips heraus. in diesem fall hat sich das netz wie der mob in pariser vorstädten verhalten. und die leute gewöhnen sich daran, sie berauschen sich an der macht ihrer masse, die sie dadurch erhalten, und wenn zugleich auch noch aufstachlungen dieser untersten schublade das verhalten befördern, dann braucht das netz ein korrektiv. wer dann persönlich darunter leidet ist egal, ebenso die personen die es auslösen und in meiner "anregung" jederzeit verhindern könnten.

du weißt genauso gut wie ich, dass das netz-mob durch nette worte sicher nicht dazulernt.

mfg
mh
Katrin Schuster schrieb am 01.11.2009 um 00:25
Dass wir beide, MH, mal einer Meinung sind ... (Nur bitte schämen Sie sich nicht dafür, Sie waren ja vorher da!)
M1xP1yne schrieb am 01.11.2009 um 00:28
@ MH

OK, mein Fehler, wir sind uns scheinbar weitestgehend einig. Das mit dem Netzmob sehe ich nicht so extrem, auch und vor allem nicht bei den von Dir benannten Personen. Allerdings existiert er, und man ist schneller ein Teil davon, als man zugeben will (Sind wir nicht eigentlich auch Teil des Mobs?).

Mit der Höhe meinte ich, dass Sie das nicht unbedingt vor Gericht durchbekommt. Der Gegenstandswert ist lächerlich hoch, das schaffen die nie, nicht mal annähernd.

Das mit dem "Gesichtswahren" ist so ne Sache. Wenn sie es versucht hat, dann ging es in die Hose, und das lag nicht unbedingt an der Blogosphäre (hässliches Wort!).

Schade eigentlich, denn die BEtroffenen haben nichts gewonnen. Die einzigen, die sich freuen können, sind wir als Zuschauer. Wieder ne Sau durchs Dorf getrieben...

LG,

MAx

P.S.
Ein Mob, Netz oder ohne, lies sich noch nie mit netten Worten besänftigen...dafür gab uns Gott das Tränengas ;- )
mh schrieb am 01.11.2009 um 10:20
@katrin schuster: wo waren wir es denn mal nicht?

also kann ich mich da nur nicht dran erinnern oder wird es mir nur immer verschweigen, wenn es mal so ist? also bei einer widerspruchsquote von 75%+ könnte ich es verstehen, wenn ich nur informiert werde, wenn man mir mal zustimmt. das könnte sonst wahrlich zu aufwendig werden. :P

@max: nunja, der popcorn-faktor ist auch nicht zu verachten. aber da habe ich was schönes für dich, nicht gestellt, hat sich auf meinem tisch so ergeben. ;o)

yfrog.com/caionj

mfg
mh
mh schrieb am 01.11.2009 um 11:14
ach jetzt hab ichs... das eine mal.

"wirkt halt verbissen. beim lesen des bashings bildet sich da vor meinem augen so n kleiner gnom der sich in einer wade festbeißt."

das war ein ausdruck höchster zuneigung. standpunkte vertreten find ich immer gut. meinung anpassen kann man hinterher im stillen kämmerlein, wenn die diskussion weg ist.

mfg
mh
M1xP1yne schrieb am 01.11.2009 um 14:19
@ MH

Yum Yum!
Katrin Schuster schrieb am 02.11.2009 um 23:40
@MH Aber das war doch keine Meinungsverschiedenheit, was Sie da zitieren, sondern eine ganz banale Beleidigung - wenn auch voller Zuneigung, Ehrensache.
mh schrieb am 03.11.2009 um 12:49
hatte doch noch mehr geschrieben und von deinen kommentaren wollen wir gar nicht erst anfangen. weder hier noch anderswo, die schamesröte sollte dich ergreifen! :P

mfg
mh
ruhrrot schrieb am 31.10.2009 um 21:55
Interessanter Artikel! Guter Blog! Sehr lesenswert!
Jakob Augstein schrieb am 31.10.2009 um 23:07
Sie schreibt an Häusler:
"Eigentlich wollte ich ja Philipp vom Haken lassen, aber nach dem Theater habe ich keine Lust mehr. Was halten Sie von dem Vorschlag: Ich lasse die ursprüngliche Forderung fallen, Philipp zahlt aber zehn Euro pro email, das ich bearbeiten muss, an eine gemeinnützige Organisation meiner Wahl? Dann ist beiden Seiten gedient."
Tja.
Also.
Das macht mich sprachlos.
"vom Haken lassen" ??
Mannomann...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 01.11.2009 um 21:56
Da waren ja noch andere Vokabeln, die Stirnrunzeln machen: »Schleppnetzfahndung«, »Drohbriefe« – alles ironischer Sprachgebrauch oder was?
zelotti schrieb am 31.10.2009 um 23:27
Die taz ist eine Genossenschaft, also können ihre Mitglieder eine Autorin feuern lassen, die sich solcher Instrumente bedient.

Die Abmahnpraxis in Deutschland ist missbräuchlich. Solange keine rechtlichen Verbesserungen vorliegen müssen Ihre Vollstrecker geächtet werden.
Streifzug
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