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Gedanken ums Leben im sozialen Brennpunkt und Selektion durch Wohnbaugesellschaften
Als Sohn einer alleinerziehenden Mutter, aufgewachsen in einem „sozialen Brennpunkt.“ Sozialer Brennpunkt! Ich weiß nicht, wie oft ich mit Vorurteilen konfrontiert war, weil ich aus diesem Stadtteil komme. Eigentlich ist er nur einer von vielen. Im Vergleich zu früher sieht er heute sogar ganz ordentlich aus, nachdem er von der Wohnungsbaugesellschaft saniert wurde. Als die Sanierung damals anfing, warb man damit, dass man aus dem Viertel einen ansprechenden und kinder- sowie familienfreundlichen Wohnort machen wolle. Ebenfalls hieß es, dass man bei der Auswahl der Bewohner bereits selektieren würde und nur „exklusive“ und „ausgewählte“ Mieter in die frisch sanierten Häuser ziehen würden. Ich persönlich finde die Selektion in einer Siedlung die explizit für sozialschwache ausgelegt ist, schon irgendwie paradox und außerdem wer gibt einer Wohnungsbaugesellschaft das Recht, dass sie zwischen guten und schlechten Menschen entscheiden dürfen? Manche dürfen also in den Genuss von schlecht sanierten Wohnungen kommen und andere nicht.
Parfümierte Scheiße bleibt Scheiße
Nach der Definition des Deutschen Städtetages von 1979 handelt es sich bei einem „sozialen Brennpunkt“ um ein Wohngebiet in dem die Faktoren, die Lebensbedingungen und die Entwicklungschancen von Jugendlichen und Kindern schlechter sind als in anderen Wohngebieten bzw. die Faktoren, die zu einer negativen Entwicklung führen können vermehrt auftreten.
Und wie vermindert man solche Faktoren? Man streicht soziale Dienste, schließt Jugendhäuser und schickt die Jugendlichen praktisch auf die Straße. Alleine mit sich selbst. Zusätzlich streicht man die Miethäuser in dem Wohngebiet neu, stellt eine völlig überteuerte, abstrakte Skulptur vor die ansässige Bäckerei und verpasst der ganzen Fassaden den Titel „Vingst Veedel“. Wunderbar. Meiner Ansicht nach ist Scheiße, die man in Regenbogenfarben bemalt immer noch Scheiße. Verzeihen sie werter Leser, dass ich in die Gossensprache abweiche, die sie mit Sicherheit von mir erwartet habe. Ich werde mich bemühen aus den 4 Jahren, die ich in der ersten Klasse verbracht habe das beste rauszuholen, damit sie mich verstehen.
Die Fassade geändert, aber dahinter wohnen weiterhin die gleichen Leute.
Wir haben jetzt also eine medienwirksame Sanierung hinter uns gebracht, ein überteuertes Kunstwerk aufgestellt, um zu zeigen, dass wir kulturell durchaus bewandert sind und eigentlich ist unsere PR Aktion doch sehr gut gelaufen. Nur trotzdem bekommt unser Stadtteil immer noch Schlagzeilen als „sozialer Brennpunkt.“ Gut; Problem erkannt, Problem gebannt. Ein Alibi-Projekt muss her. Wir richten also in einem unserer Büros einen Raum ein, in dem Grundschulkinder Nachhilfe bekommen, stellen vor unsere Garage ab und zu eine Tischtennisplatte und die Jugendlichen werden sicher keinen Mist mehr anstellen.
Wir machen Fotos, wenn ihr uns nicht passt
Und sollten die Jugendlichen doch auf die Idee kommen sich an einem Spielplatz zu treffen, dort zu lachen, Musik zu hören oder einfach nur abzuhängen, machen wir Fotos von ihnen und laufen damit zu den umliegenden Mietern und fragen sie, ob sie diese Jugendlichen kennen, denn diese würden das Gesamtbild der Siedlung verschlechtern indem sie Drogen konsumieren und die heilige Ruhe des Viertels stören würde. Kaum zu glauben, dass Jugendliche so etwas wie Freizeit besitzen. Sollten die nicht den ganzen Tag über den Büchern hocken und lernen. Bücher? Lernen? Verzeihung, es handelt sich ja um Kinder aus einem Problembezirk. Also laufen wir wohl doch besser mit unseren Fotos durch die Gegend und wenn wir genug Mieter finden, die einfach alles bestätigen, was wir sagen, erstatten wir Anzeige bei der Polizei.
Abschluss des Autors
Falls meine nette Wohnungsbaugesellschaft noch einige Portrait Aufnahmen von mir möchte. Ich empfehle Ihnen meine Facebook Seite und bedanke mich dafür, dass sie mit meinem Foto und denen von Freunden von mir hausieren gehen. Das nächste Mal setzten sie unter mein Foto bitte einen Link auf die Freiheitsliebe.
Original veröffentlicht auf: www.diefreiheitsliebe.de
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Passt.
Manchmal frage ich mich beim Anblick solcher Siedlungen - ich kenne Vingst -, was sich die Erbauer eigentlich gedacht haben, was die Bürger außer Schlafen dort tun sollen. |
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Vingst ist nur unwesentlich anders als Kalk oder Chorweiler. Dass sich die Perspektivlosigkeit von einigen dort nur begrenzt mit Drogen betäuben lässt, haben die meisten auch begriffen. Nur: was bleibt dann übrig, wenn die 3 F (fressen, ficken, fernsehen) der deutschen Gemütlichkeit nicht mehr ausreichen, ein Leben in Armut und Isolation zu ertragen? Oder wenn die neuen Blockwarte der Nation mit Photos von Tür zu Tüt gehen, um andere anzuschwärzen?
Eines ist jedenfalls sicher, öffentliche Gelder gibt es für diese Bereiche nicht. Das Geld ist nach Meinung der regierenden Kaste besser angelegt in Projekten wie Stuttgart 21, wo Kosten von 7 Milliarden (!) geplant, nach neueren Berechnungen vermutlich bis zu 18 Milliarden an Gesamtkosten anfallen, oder in kommunalen Protzbauten, die niemand braucht - von den Baufirmen, die die unterschriebenen Verträge zum Teil vor den Ratsbeschlüssen haben, mal abgesehen - in Bankenrettungen mit 500 Milliarden, oder mit Wohltaten für Energieriesen... Dafür fehlt das Geld dann in sozialen Einrichtungen, für die Jugendarbeit, für Schulen, für Universitäten. Obendrein schicken diejenigen, die ihre Steuerlast mit ausbalancierten Steuersparmodellen bis aufs Letzte optimiert haben, ihre lieben Kleinen dann auf Internate, die im Monat horrende Summen kosten, nur weil die öffentlichen Schulen zu schlecht seien. Ihr da Ohm, macht doch Watt ihr Volt? |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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