Survival International

Blog von Survival International

11.03.2011 | 16:04

Risiko Tourist: Urlaub auf Kosten der Menschenrechte?

 

Diese Woche findet in Berlin die ITB, die weltweit größte Tourismusbörse, statt. Rund 11.000 Aussteller aus über 180 Ländern präsentieren den Besuchern die gesamte Vielfalt des Reisens. Für Survival ein Anlass, einen genaueren Blick auf die Auswirkungen von Tourismus auf indigene Völker zu richten.

Der Tourismus ist einer der weltweit bedeutendsten Wirtschaftssektoren. Nach Angaben des WTTC („World Travel and Tourism Council“) verdienen rund 240 Millionen Menschen direkt oder indirekt durch den Tourismus ihr Geld – als Angestellte von Hotels und Reiseunternehmen, als Besitzer von privaten Pensionen oder als Fremdenführer und Straßenhändler.

Aber auch die Lebenswirklichkeit derjenigen, die nicht in der Tourismusbranche beschäftigt sind, wird vom Tourismus berührt. Nicht selten ist er ein Auslöser für sozialen, kulturellen, ökologischen und wirtschaftlichen Wandel – der nicht nur positive Früchte trägt.

In seinem Namen werden weltweit Menschen diskriminiert, in ihrer Meinungsäußerung beschränkt und ihre Beteiligung an Entscheidungen behindert. Familien werden Lebensgrundlagen genommen, indigene Gemeinschaften von ihrem Land vertrieben und Kinder sexuell ausgebeutet.

Der Tourismus ist zwar in der Lage Einkommen zu schaffen und die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes voranzutreiben, andererseits untergräbt er nicht selten die Rechte der Bevölkerung – besonders der Schwachen.

Wer trägt dafür die Verantwortung? Häufig die Regierungen, die bestrebt sind um jeden Preis bestmögliche Bedingungen für Reiseunternehmen zu schaffen, aber auch private Akteure wie Hotelunternehmen und die Touristen selbst, die, häufig unwissentlich, zur Ausbeutung der lokalen Bevölkerung beitragen.

Wie zum Beispiel im Fall der afro-honduranischen Garifuna, die seit 1797 an der Küste von Honduras leben. Ihre Rechte an dem Gebiet wurden 1992 offiziell anerkannt, dennoch werden die Garifuna massiv bedroht, um sie dazu zu bewegen, das Gebiet aufzugeben. Wozu? Die Entwicklungsgesellschaft DTBT baut ein ein riesiges Ferienressort mit 4- und 5 Sterne-Hotels und einen Golfplatz. Die Interamerikanische Entwicklungsbank ist an der Finanzierung beteiligt.

Oder im Fall der Jarawa, einem Nomaden-Volk, dass auf den Andaman-Inseln 700 Meilen östlich von Indien lebt. Lange bemühten sie sich, sämtlichen Kontakt mit der Außenwelt zu vermeiden. Aus gutem Grund, denn seit der Kolonialisierung vor 150 Jahren war die indigene Bevölkerung der Inseln durch ständige Angriffe und Krankheiten von 8.000 auf wenige Hundert geschrumpft.

Angehörige der Jarawa am Rand der Straße

Dann wurde 1998 die Straße, die durch ihr Gebiet geht und in den 70er Jahren gebaut wurde, von Touristen entdeckt. Seitdem fahren Reiseunternehmen täglich die Straße entlang in der Hoffnung Angehörige des Volkes zu erspähen. Es ist zwar verboten, aber das hindert die Touristen nicht daran, Kontakt mit den Jarawa aufzunehmen und dabei Krankheiten einzuschleppen, gegen die die Jarawa keine Abwehrkräfte besitzen. So gab es seit 1998 zwei Ausbrüche von Masern, einer Krankheit, die zuvor ganze Völker auf den Inseln ausgelöscht hatte.

Dass Handeln Wirkung zeigen kann, beweist das Beispiel des Reiseunternehmens „Barefoot India“. Dieses hatte ein Luxus-Resort in der Nähe des Jarawa-Reservats eröffnet und setzte dadurch die Jarawa noch stärker unter Druck. Auf Drängen der Öffentlichkeit steht das Resort heute kurz vor der Schließung.

 

Tipps für verantwortungsvolles Reisen

Möchten Sie sicher gehen, dass ihre Reise keine negativen Auswirkungen auf die Bevölkerung und die Umwelt hat, nehmen Sie sich die Zeit und informieren Sie sich vor Reiseantritt. Einen Anhaltspunkt bieten Plattformen wie das Forum Anders Reisen oder eines der mehr als 50 verschiedenen Gütesiegel für nachhaltiges Reisen.

Aber auch Sie selbst können die Augen offen halten und einige Verhaltensregeln beachten.

Im internationalen Recht werden die Landrechte indigener Völker anerkannt. Diese sollten ungeachtet der Haltung der jeweiligen nationalen Regierung respektiert werden. Vor dem Betreten eines indigenen Gebietes sollte, wie auf jedem anderen Privatgrundstück, eine Erlaubnis eingeholt werden. Der Erhalt einer solchen kann ein langwieriger Prozess sein, der taktvoll, ehrlich und respektvoll ablaufen sollte.

Desweiteren sollte die Bevölkerung für Dienstleistungen und die Bereitstellung ihres Landes angemessen bezahlt werden. Die Konditionen sollten hierbei vorab mit den Indigenen vereinbart und eingehalten werden.

Äußerste Vorsicht ist in Gebieten geboten, in denen die Immunität der indigenen Bevölkerung besonders schwach ist. Einige für Touristen normalerweise harmlose Infektionskrankheiten, wie zum Beispiel Erkältungen oder die Grippe, können tödliche Auswirkungen auf die isoliert lebende indigene Gruppen haben, wie zum Beispiel die Jarawa auf den Andamanen.

Besondere Aufmerksamkeit sollte auch auf den Umgang mit Stereotypen gerichtet werden. Beobachten Sie Werbeanzeigen oder Umgangsformen, die indigene Völker demütigen, auf bestimmte Eigenschaften beschränken oder bevormunden, sollten Sie Ihren Reiseveranstalter darauf ansprechen. So zum Beispiel dieser Auszug aus dem Katalog eines Reiseunternehmens: „Eine Entdeckungsreise zu den aus der Steinzeit stammenden primitiven Stämmen gibt Ihnen die einmalige Gelegenheit in der Zeit zurückzureisen.“ Solche Hinweise sind erniedrigend und unwahr.

Und nicht zuletzt, begegnen Sie Menschen mit Respekt, halten Sie sich zurück mit direkten Vergleichen und respektieren Sie lokale Umgangsformen. Seien Sie sich der Tatsache bewusst, dass Sie zu Gast sind.

www.tourism-watch.de

www.forumandersreisen.de

 

 

 
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