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Am 18.07.2011 zeigte die ARD um 21Uhr einen Beitrag zum Thema Alzheimer. Aus meiner Sicht wurde ein gefährlich fehlerhafter Beitrag in Bezug auf Gentechnik und was sie beim Menschen leisten kann, gesendet.
Auf Grund der Tatsache, dass sich die großen Sendeanstalten einen feuchten Kehricht um ernsthafte Kritik kümmern, möchte ich meine gesendete Email veröffentlichen:
In ihrer Dokumentation 'Alzheimer: Hoffnung im Kampf gegen das Vergessen' von Thomas Liesen und Volker Stollorz spricht der behandelnde Mediziner von Yvonne J. davon, dass man durch das finden eines Gens Vorhersagen darüber treffen könnte ob und wann Alzheimer auftritt.
Dies kann ich als Molekularbiologe nicht bestätigen. Erneut wurde seitens der Medien ein Beitrag gesendet der einem einzigen Gen vielmehr Eigenschaften und Potential zuordnet, als dies der Fall sein kann. Seit Jahren ist in der Epigenetik bekannt, dass für die Expressionsraten von Genen, Faktoren wie Gen-Gen-, Gen-Protein-, Protein-Protein-, Protein-Chromosom- Interaktion und Umweltfaktoren wie Stress, Chemikalien und physikalscher Einfluss, viel wichtiger sind als das alleinige Vorhandensein eines Gens.
Die Expressionsrate, also die übersetzte Menge DNA in Proteine, ist ganz entscheidend für die Ausprägung eines Phänotyps (in diesem Fall Alzheimer). Ich möchte davor warnen zu glauben, dass die alleinige Erstellung von Genkarten leisten könnte solche Vorhersagen zu erbringen wie der interviewte Mediziner! glauben machen möchte. Die Forschung an viel weniger komplexen Organismen wie Pflanzen oder Pilzen zeigt wie komplex Netzwerke in der Zelle sind.
Ihr Beitrag suggeriert, als ob das Kind entweder zu 50% Alzheimer bekommt und zu 50% nicht (wenn er das "veränderte“ Gen nicht hat). Dies ist schlicht und ergreifend falsch und zeigt einen gefährlichen Fatalismus. Allen voran die privaten Krankenkassen und Versicherungskonzerne (Allianz) wollen solche Genprofile zur Festlegung des Kassenbeitrags nutzen. Ist Ihnen eigentlich klar wem Sie mit solch fehlerhaften Beiträgen Vortrieb leisten?
Ergänzung für den Freitagsleser:
In dem Beitrag wurde eine 42 Jahre junge Frau vorgestellt, die eine seltene Form von Alzheimer hat. Bisher wird zwar eine genetische Prädisposition vermutet aber innerhalb des menschlichen Genoms noch keine konkrete Zuweisung (wie bspw. bei Punktmutationen) gemacht werden. Das Problematische sehe ich in der Darstellung von der Übermacht der Gene, wonach quasi das Kind der Frau sich schon zur Hälfte sein Grab schaufeln könnte.
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Antwort der Redaktion des WDR am 19.07.2011
"herzlichen Dank für Ihre kritische Mail zu unserer Doku "Alzheimer",die wir mit Interesse gelesen haben. Die Alzheimererkrankung von Frau H. ist eine autosomal-dominant vererbte Erkrankung. Ihre Mutation ist in der Wissenschaft bekannt, sie ist schon bei einer Reihe von Patienten (erstmals in Japan) identifiziert worden und leider bekommen ausnahmslos alle Merkmalsträger Alzheimer. Also auch ihr Sohn mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, denn er kann mit dieser Wahrscheinlichkeit das Gen von seiner Mutter bekommen haben. Grundsätzlich ist es bei den meisten Erkrankungen in der Tat so, wie Sie schreiben: Gene bestimmen höchtens die Disposition zu einer Erkrankung, erhöhen nur die Wahrscheinlichkeit eines Krankheitsausbruchs und Umwelt- und sonstige Faktoren entscheiden mit, ob dieser Fall eintritt. Aber dies gilt nicht für autosomal-dominante Erbgänge wie bei der besonderen Alzheimervariante von Frau H. oder wie z.B. auch bei Chorea Huntington und andere Erkrankungen mit diesem Erbgang."
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Meine Antwort:
Sehr geehrte Frau S.,
vielen Dank für die schnelle Antwort.
Bereits im Grundstudium der Biologie werden autosomal-dominant oder rezessive Ergänge und die damit verbundenen Erkrankungen besprochen.
Die Problematik ist, bei Alzheimer als neurodegenerative Erkrankung kommen mehrere Faktoren zusammen.
Bspw. ist die Expression des Proteins Calcineurin verändert. Calcineurin ist u.a. an der Erregungsweiterleitung in Nervenzellen beteiligt. Das Auffinden einer Veränderung bei einem Gen, sollte aus meiner Sicht nicht dazu verleiten das Kind bekommt zu 50% Alzheimer oder nicht. Auch bei der "familiar alzheimer disease" ist lediglich von einer genetischen Komponente die Rede.
Wichtig wäre es gewesen (im Zusammenhang mitDokumentation), a) zu informieren was dominant-rezessive Erbgänge sind bzw. b) zu erklären dass in der Wissenschaft nicht mehr von der Ein-Gen-Ein-Enzym Hypothese ausgegangen wird, WENN Sie schon bei einer "Volkskrankheit" sich den extrem seltenen Fall der autosomal dominant vererbten Mutation herausgreifen.
Wie ich bereits in das kleine Fensterchen für Emails reinkritzelte; die scheinbare "Allmacht der Gene" führt momentan in der Bevölkerung zu einer regelrechten Panik (Stichwort keine Gene in meinem Essen). Es gibt starke Interessengruppen welche es geradezu begrüßen würden von ihren "Kunden" Genkarten zu erstellen.
Im übrigen gibt es Mediziner, welche erfahrungsbasiert r Mensch kann Alzheimer bekommen, man muss nur alt genug werden'
Mit freundlichen Grüßen aus Berlin
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Danke für diese Richtigstellung.
Ich versteh von den Genen fast gar nichts, habe aber festgestellt, wie leicht ich doch durch "objektiv" aufbereitete Informationen zu beeinflussen bin. |
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Mir geht es halt in anderen Bereichen so. Nämlich wenn Dokumentationen über den Nahost-Konflikt kommen. Dann kommt es vor dass Palästina von mir bemitleidet wird und die bösen Israelis an allem Schuld sind, bis mich dann ein Freund der Judaistik studiert hat und sich mit dem Israel-Palästina-Konflikt seit Jahren beschäftigt, wieder auf den Boden zurückholt.
Es scheint ein, den Medien immanentes Problem zu sein schwarz-weiß Malerei zu betreiben, zu polarisieren und Emotionen hochzuschaukeln: Gute Gene vs. böse Gene, faule Griechen vs. fleißige Deutsche usw. usf. Man weiß aus der Kognitionsforschung schon seit Längerem dass starke Emotionen unser Denken blockieren, man kann jetzt also 1+1 zusammen zählen oder die Quadratwurzel ziehen ;-) |
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Guter und verständlicher Beitrag!
Wer, außer ein paar durchgeknallten Spinnern, glaubt denn nun wirklich, dass die Gentechnik uns zu "guten Menschen" machen könnte? Wir haben ja noch nicht mal definiert, was ein guter Mensch ist, oder was einen guten Menschen ausmacht. Wenn man also nicht weiß, wo man hin will, dann muss man sich auch nicht wundern, wenn man ganz woanders rauskommt. Wo war jetzt noch mal diese Taste zum Speichern? |
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Naja lieber Gero, merkwürdigerweise gehen sehr viele Menschen dem Ganzen auf den Leim oder wie erklärst du dir sonst, dass so Viele dem Unsinn von Sarrazin glauben?
In der Bevölkerung ist seitens der Medien und Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace eine solche Panik vor "die Macht der Gene" verbreitet worden, dass ich es in meinem Bekanntenkreis nur mit sehr viel Mühe und Aufwand schaffe den Scherbenhaufen an Pseudowissen zu beseitigen. Eine Frage kann sich jeder der sich nicht damit intensiv auseinandersetzt stellen: Warum sollten in der Natur derart instabile Systeme funktionieren, bei denen es reicht das ein Gen sich verändert und der Organismus kaputt geht? Auf Säugetiere bezogen; diese bilden mit ihren Kolonien einen relativ geringen Genpool (Anzahl der Gene die im Austausch stehen. Deutlich wird das vor allem im Vergleich zu Bakterien und Insekten. Würde also die, vor Jahrzehnten verworfene Ein-Gen-Ein-Enzym-Hypothese stimmen, so würde es den Menschen vermutlich nicht mehr geben. Mutationen würden sich in einer rasanten Geschwindigkeit ausbreiten und ihre Wirkung entfalten. Am schlimmsten war in dem Beitrag, wie der Mediziner! mit der Familie das Thema genetische Prädisposition besprochen hat. Jedem Psychologen müssten sich dabei die Nackenhaare kräuseln. Das arme Ehepaar war vollkommen fertig, nach dem das Ergebnis bekannt gegeben wurde (ja eine genetische Veränderung konnte ausgemacht werden --> na hui jetzt winkt der Nobelpreis). |
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Wohl wahr.
Wenn erst Unwissenheit interessante Debatten ermöglicht, dann führt Pseudowissen regelmäßig zur medial inszenierten Revolte. Das Interessante dabei ist, dass es sich nicht lohnt dagegen anzukämpfen. Weil Argumente gegen Emotionen nun mal nicht helfen. Das ist nicht nur bei Medizinern so. Nur - die Mediziner leiden am stärksten unter dem qua durch intensive und langwierige Ausbildung zum Experten von Lebewesen aller Art avancierten Bildungsstand erworbenen Erwartungsdruck der Zuhörer - und nicht alle halten diesem Erwartungsdruck Stand bis zur Formulierung der bildungstechnischen Kapitulation: "Davon habe ich keine Ahnung." Ich habe bisher nur eine Möglichkeit gefunden, die schlimmsten Märchen zu entkräften: durch extrem ernst vorgetragene und dabei maßlose Übertreibung. Üblicherweise fragt dann irgendwann jemand mit ein bisschen Rest-Skepsis, ob man das wirklich und im Ernst meine - erst an dem Punkt hat man dann gewonnen und kann auf das rechte Maß relativieren. |
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Ergänzend möchte ich anmerken:
Nur weil bereits bei diagnostizierter Alzheimererkrankung eine genetische Veränderung festgestellt wurde und die Beobachtung von Nachkommen zeigte das Träger des Gens an Alzheimer erkranken, kann man meiner Meinung nach noch lange nicht daraus ableiten jeder Träger bekomme diese Erkrankung. Längst nicht alle Menschen mit Vergesslichkeiten und Schusseligkeiten gehen zum Arzt. In diesem Zusammenhang halte ich unterschiedlich stark ausgeprägte Verläufe für gar nicht so unrealistisch. Den wirklichen Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz erkennt ja eigentlich nur der Pathologe. Proteinogene Ablagerungen im Hirn (wo man Antikörper im Blut nachweisen kann) finden sich meines Wissens nach auch in fast allen anderen neurodegenerativen Erkrankungen. |
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interessante diskussion, lieber technixer.
ich vergleiche gern die forschungs- und technikbereiche atomphysik und gentechik und -forschung. das sind sehr spezialisierte gebiete mit schwerwiegenden folgen für die gesellschaft, ja, menschheit. dieses wissen und diese techniken in den händen von konzernen und parteien rund um den globus kann zu keinem guten ende führen. schlimm ist dabei, dass die allermeisten menschen keine ahnung haben, um was es überhaupt geht. so auch in diesem fall mehr oder weniger erblicher krankheit. |
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"und leider bekommen ausnahmslos alle Merkmalsträger Alzheimer"
Unfassbar! |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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