Technixer

Blog von Technixer

11.07.2010 | 21:21

Die Effizienz der Märkte oder Greenwashing der reizenden Art

 

"Die Schweizer Firma Addax Bioenergy(1) hat einen Pachtvertrag für 15 500 Hektar Land abgeschlossen. Dort will sie Zuckerrohr anbauen, um Ethanol zu produzieren und nach Europa zu exportieren. Das Projekt ist nach Auskunft seines Managers Andrew Turay auf hundert Jahre angelegt. Addax Bioenergy ist ein Tochterunternehmen der Addax & Oryx. An deren Spitze steht der Schweizer Finanz- und Ölmagnat Jean-Claude Gandur, auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen dieser Erde belegt er Platz 701.

Die 200 Millionen Euro, die das Ethanol-Projekt kostet, finanziert Addax Bioenergy mithilfe der Europäischen Entwicklungsbank und der African Development Bank. In Sierra Leone genießt das Unternehmen die Unterstützung von Präsident Ernest Bai Koroma und dessen Sonderberater für die Privatwirtschaft, Oluniyi Robbin-Coker. Sierra Leone liegt auf dem Index der menschlichen Entwicklung der UN (Human Development Index, HDI) an drittletzter Stelle. Nach elf Jahren Bürgerkrieg, der erst 2002 zu Ende ging, müht sich das Land immer noch, seine Ernährungsautonomie zurückzuerlangen.

Oluniyi Robbin-Coker bezeichnet das Ethanol-Projekt als "Flaggschiff" der landwirtschaftlichen Investitionspolitik von Sierra Leone. Er rechnet damit, dass Addax dafür insgesamt 40 000 Hektar Land benötigt. Derzeit werden drei weitere Pachtverträge für Ölpalmplantagen ausgehandelt.

Addax musste für sein Projekt ein sogenanntes Environmental, Social and Health Impact Assessment (ESHIA) vorlegen. In dem Gutachten wird dem Pachtland eine "degradierte" Qualität bescheinigt. "Das ist glatt gelogen", sagt Theresa Kargbo. "Unser Boden ist sehr fruchtbar, unsere Pflanzen wachsen ohne Düngemittel. Das ist hier alles Bioreis." Die Frauen, die in der Gegend das Land bewirtschaften, sind zu den Addax-Plänen nicht befragt worden. Viele Leute sind beunruhigt, trauen sich aber nicht, gegen ein Projekt zu protestieren, das von Spitzenpolitikern unterstützt wird. Der junge Ibrahim dagegen macht sich keine Sorgen; er hofft auf einen Job bei Addax, nachdem er gehört hat, "dass die Firma, die Weißen, uns helfen wollen".

Aus dem ESHIA-Gutachten geht hervor, dass bei dem Maniok-Projekt die Herbizide mit mobilen Sprühanlagen aufgebracht werden. Auf der Plantage sollen Fungizide, Pestizide, das Herbizid Glyphosat und Düngemittel sowie schwere Landmaschinen und Lkws zum Einsatz kommen. Die einheimischen Bauern wissen davon noch nichts. Mohamed will erst einmal abwarten, ob die Chemikalien wirklich gefährlich sind. Außerdem hat er gehört, dass die Firma den Bauern erlauben werde, auf den feuchteren Flächen des Pachtgebiets neben dem Maniok auch Reis für den Eigenbedarf anzubauen.

Adama und vielen andern ist auch nicht klar, dass sie ihre Maniok- und Paprika-Felder in den höhergelegenen Gebieten verlieren werden. Dort will Addax Zuckerrohr anbauen, bewässert aus dem nahe gelegenen Rokel River, der zu den größten Flüssen von Sierra Leone gehört. Dem ESHIA-Gutachten ist nicht zu entnehmen, wie viel Wasser abgezapft und welche Menge Abwässer in den Fluss zurückgeleitet werden soll.

Der Parlamentsabgeordnete Martin Bangura bezeichnet sich als "Champion" des Projekts. Animiert wurde er zu dieser Rolle von Vincent Kanu, dem früheren Chef der staatlichen Ölgesellschaft von Sierra Leone, der als Partner bei Addax Bioenergy eingestiegen ist. Bangura erzählt, dass er manchmal zwei oder drei Tage pro Woche über die Dörfer fährt, "um bei den Leuten Vertrauen für das Projekt aufzubauen". Schließlich werde es 4 000 Arbeitsplätze bringen. Laut ESHIA-Gutachten sollen es allerdings gerade einmal 2 200 feste Jobs sein, der Rest seien Saisonarbeiter.

Bis jetzt hat Addax für seine Pflanzschulen am Ufer des Rokel River lediglich 50 Männer angestellt. Einer von ihnen ist der lokale Chief, der den Pachtvertrag unterschrieben hat. Die Männer erhalten einen Tageslohn von 10 000 Leones, umgerechnet rund zwei US-Dollar. Einige bekommen Zuschläge für gesundheitsgefährdende Arbeiten, womit sich ihr Monatseinkommen auf 400 000 Leones oder 80 Dollar erhöht.

Als Pachtgebühr zahlt Addax die von der Regierung festgesetzten 5 Dollar pro Hektar und Jahr. Das Geld wird zwischen den lokalen und regionalen Räten, der Zentralregierung und den Grundbesitzern aufgeteilt. Nach Auskunft von Oluniyi Robbin-Coker, der im Auftrag der Regierung das Memorandum of Understanding mit Addax Bioenergy ausgehandelt hat, genießt die Schweizer Firma die üblichen Vergünstigungen für Agrobusiness-Investition, nämlich Steuerbefreiung und Zollfreiheit für Importwaren.

Niemand in der Gegend weiß, für wie viele Jahre der Pachtvertrag abgeschlossen ist, wie viele Menschen umgesiedelt werden und was sie als Entschädigung erhalten. Laut ESHIA soll es irgendwann einen "Resettlement Action Plan" geben, über den aber im Einzelnen nichts festgelegt ist.

Überhaupt bietet das Gutachten auf 270 Seiten nur wenig detaillierte Informationen über die Maßnahmen zur Abfederung der mit dem Projekt verbundenen Risiken für Menschen, Böden und Flüsse. Klar erkennbar ist nur die Absicht, die umworbenen europäischen Märkte davon zu überzeugen, dass bei dem ganzen Projekt die für Biosprit geltenden Nachhaltigkeitskriterien der Europäischen Union eingehalten werden. Aber die enthalten so viele Schlupflöcher und Ausstiegsklauseln, dass sie für eine wirklich nachhaltige Produktion keinerlei Garantie bieten, so die Überzeugung von Adrian Bebb von Friends of the Earth Europe. Deshalb bestehe für Afrika die große Gefahr, dass die Menschen "ihr Land, ihre Nahrungsmittel und ihre natürliche Umwelt verlieren, damit in Europa die Autos mit Biosprit fahren können"." [erschienen Le Monde Diplomatique Januar 2010 von Joan Baxter unter dem Titel "Plantagen am Rokel River"]

 

Die Schweizerfirma Addax Bioenergy ist eine börsendotierte Aktiengesellschaft.

www.addax-oryx.com/uk/index.html

Dies ist einer der Gründe warum solche Firmen ihre Eigenkapitalrate immer niedrig halten und Neuerwerb und Investitionen häufig über Kredite finanzieren.

siehe hierzu:

www.monde-diplomatique.de/pm/2010/02/12.mondeText.artikel,a0066.idx,16

Denn man fragt sich ja schon warum ein Milliardär einen 200 Millionenspaß nicht aus der Portokasse bezahlt. Warum dieser Herr, der seine Milliarden hauptsächlich im Ölgeschäft macht, ebenso wie BP und Shell sich den Biokraftstoffen widment dürfte klar sein... Thema Greenwashing.

Social Washing wird über ein paar steuermindernde Projekte (siehe homepage von addax) betrieben und wäscht die Weste von Jean Claude Gandur blitzeblank und rein. Kulmination findet das Ganze darin das dieses Projekt von der Entwicklungsbank finanziert wird und diese Summe an Krediten logischerweise nicht mehr den jeweiligen Ländern "zugute" kommen kann.

Märkte (Börsen) sind weder effizient noch nützlich, die Auswirkungen dieser Privaten Unternehmen (oh ja Börsen sind Unternehmen) sehen wir täglich. Warum hat denn BP bei den Baustoffen und Sicherheitsventilen gespart?

Finanzmärkte zerstören die Umwelt, verteuern über die Natur von Konsumernachfrage die Preise von Produkten (Wir erinnern uns alle nochmal an die Getreide Spekulation Anfang 2008 oder das Barrel Öl zum Preis von ca. 140$ ). Jeder der an der Börse sein Geld "arbeiten" lässt trägt dafür Verantwortung. Jeder der von solcher Geldvermehrung dem anstrengungslosen Wohlstand fröhnt ist verantwortlich für Krieg, Umweltzerstörung und Hunger. Dies ist keine Anschuldigung sondern ein Faktum. Denn auch diejenigen welche nur die kleine Biofirma für RNA Polymerasen sponsorn, sorgen dafür das der Würfelbecher Börse weiter genutzt wird und dort spekuliert werden kann.

 

 
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Kommentare
luggi schrieb am 11.07.2010 um 21:43
Haben wir nicht bald Jubiläum? 400 Jahre Glasperlengeschäfte des Kapitalismus mit Schwarzafrika.
Technixer schrieb am 14.07.2010 um 12:56
Um weiter beim Thema zu bleiben wie ekelhaft das Benehmen gerade börsennotierter Unternehmen, vor allem gegenüber der Umwelt ist:
"Die Vereinten Nationen werfen den größten Konzernen der Welt beim Umweltschutz schwere Versäumnisse vor. “Das natürliche Kapital der Welt wird im großen Stil vernichtet”, warnte UN-Umweltchef Achim Steiner im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Allein die 3000 bedeutendsten Unternehmen verursachen einer neuen UN-Studie zufolge jährliche Umweltschäden von zwei Billionen Euro.
Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko steht laut Vereinten Nationen für weit mehr als die Probleme eines einzelnen Konzerns: Einer neuen Studie des UN-Umweltprogramms UNEP in Nairobi zufolge schenken die meisten Unternehmen dem Natur- und Artenschutz kaum Beachtung." (SZ)

Natürlich schenken diese "Spitzenmanager" der Umwelt keinerlei Beachtung und zerstören mit einem grünen Anstrich weiterhin massiv die Umwelt und die Lebensgrundlage der Menschen. Wer in Vierteljahresspannen agiert und auf die Ratings wartet, kümmert sich weder um Langfristiges noch Nachhaltiges und erst recht nichts Ökologisches. Verantwortlich dafür ist wiedermal die Börse, denn die Ratings bilden ja wohl vor allem für den Unternehmenswert und somit den Aktienwert, daraus resultierend auch für die Risikobewertung (Versicherungen) die Basis.
j-ap schrieb am 14.07.2010 um 13:22
Finanzmärkte zerstören die Umwelt, verteuern über die Natur von Konsumernachfrage die Preise von Produkten (Wir erinnern uns alle nochmal an die Getreide Spekulation Anfang 2008 oder das Barrel Öl zum Preis von ca. 140$ ).
Entschuldigen Sie bitte, lieber Technixer, wenn ich's Ihnen deutlich schreibe, aber das ist einfach nur Unsinn.

Herrje — sogar Paul Krugman (der ja nicht eben der größte Laissez-Faire-Turbokapitalist der Geschichte ist!) hat sich die Finger schon wund geschrieben zu diesem Thema, exemplarisch: Fuels on the Hill und Speculative nonsense, once again. Und wenn Sie's noch einmal von einem Neocon (Alan Reynolds) hören wollen, der Krugman politisch genau diametral gegenübersteht, aber in der Sache dieselben Argumente bringt, bitte: Scapegoating the Speculators.
Technixer schrieb am 14.07.2010 um 18:53
Punkt eins: Muss es immer ein Amerikaner sein der zitiert wird? Es wird ja potentiell immer nur den Amis eine Wirtschaftskompetenz zugesprochen.

Punkt zwei: Warum Antworten Sie mir nicht einfach selbst, warum dieses von mir beschriebene Ursache-Wirkungsprinzip falsch ist?
Dafür ist es nicht nötig, dass ich versuche Thinktank- Salbader von neutraler und echter Information zu unterscheiden (was ja dann doch auch vor dem eigenen Wissens- und Erfahrungshorizont geschieht). Die PR Industrie ist milliardenschwer und stehts und ständig bemüht die Ursachen für die Kapitalakkumulation zu verschleiern. Ich hoffe Sie bestreiten wenigstens nicht, die Untersuchungen der Boston Consulting Group oder des Armuts-und Reichtumsberichts der Bundesregierung oder die des Verbandes Deutscher Banken, welche massiven Kapitalabfluss aus dem "öffentlichen" Bereich hinein in den "privaten" attestieren.

Das Wachsen privater Geldvermögen kann doch nicht mehr mit den Wachstumsraten der Realwirtschaft erklärt werden.

Das beliebte Beispiel von der Wette wo Person A auf steigende Preise und Person B auf fallende setzt und damit einer verliert und der andere gewinnt ist der größte Blödsinn den ich mitbekommen habe. Erstens spekulieren nicht Gleichviele auf fallende wie auf steigende Kurse. Zweitens ist aufgrund von Gerüchten (gerade bei der Bewertung von gehandelten Kontrakten) und vielen anderen Faktoren, es unmöglich irgendetwas an der Börse vorherzusagen. Das beliebte Beispiel mit Affen oder Kleinkindern oder Zufallsgeneratoren. Das greift sobald der Streuungsradius groß genug ist, sprich genügend Kapital ausreichend "vielseitig" investiert.

Warum bieten Spekulanten denn sogar auf beide Positionen und versichern sich auch noch dagegen?

Der entscheidende Punkt ist doch a) es gibt Spekulation im Milisekundenbereich der Milliardenschwer ist (ich selbst habe ein Programm gesehen mit dem jemand Wechselkursspekulation betrieben hat).
b) Diese Spekulation MUSS Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben, da sie mit dem Kapitalfluss gekoppelt ist.

Wenn es, wie Sie sagen keine Spekulation gibt, warum haben wir dann extrem kurzfristige starke Schwankungen bei den Preisen von Rohstoffen bzw. anderen Gütern?

Diese Preisschwankungen sind stärker als es Angebot und Nachfrage seitens der Energiewirtschaft und petrochemischen Industrie generieren würde (ich bleibe mal beim Ölpreis). Deren Nachfrage ist meist konstant steigend und nicht heute hü und einen Monat später hott.

Warum gab es in Ägypten bürgerkriegsähnliche Zusände als die Preise für Getreide in kurzer Zeit so dermaßen gestiegen sind, dass der Preis für Brot sich faktisch um das 100fache gesteigert hat?

Bevor also die sichtbaren Auswirkungen, als Unsinn abgetan werden, würde ich also ersteinmal beschrieben haben wollen, WARUM das Wunderwerk Finanzindustrie nicht dafür verantwortlich ist.

Ich würde mich über eine Antwort wirklich freuen, da meist von Koservativen (ich zähle Sie mal als Freund der FAZ dazu) und anderen Werktätigen der Finanzindustrie, man ja nur als doof, man habe keine Ahnung und dont-feed-the-trolls abgetan wird.

Die Situation und die riesigen Probleme die wir Menschen mit dieser Wirtschaftsform hervorrufen, bedürfen ersteinmal einer Rechtfertigung seitens Derer die ganz prächtig davon profitiert haben und nicht Derer welche diese Form der Wirtschaft kritisieren.

Da ich Sie als kritischen Geist betrachte, hoffe ich auf einen Plausch. mh hat mich ja als hoffungslosen Fall abgetan...
Technixer schrieb am 14.07.2010 um 22:16
Hier nochmal die Kernpunkte und die daraus abgeleitete provokative These, dass die Finanzmärkte eine wesentliche Mitschuld an der Zerstörung von Lebensgrundlagen und Umwelt haben:

I) Akkumulation von privatem Kapital an den Finanzmärkten, Grund dafür höhere Gewinnmöglichkeiten.

II) Berichte, Untersuchungen, Studien u.a. der Boston Consulting Group oder des Armuts-und Reichtumsberichts der Bundesregierung oder die des Bundesverbandes Deutscher Banken (also Firmen bzw. Institute denen jegliche Linke Haltung abzusprechen ist) die einen Wachstum privater Geldvermögen bescheinigen. Ein Wachstum das über dem der realen Wirtschaftsleistung liegen.

III) Bekanntmachungen über Gewinnerwartung, Eigenkapitalrate, Innovationen, aber auch Senkung der Produktionskosten, Verkauf oder Kauf von Firmen beeinflussen den nominalen Aktienwert.
Dies führt dazu das bspw. BP et al ihre Sicherheitsmaßnahmen etwas günstiger ausfallen lassen (Senkung Produktionskosten). Langfristige Investitionen eher nicht getätigt werden da das Firmenkapital gebunden ist. (siehe Link zu le monde diplomatique Ein Würfelbecher namens Börse)

IV) a) es gibt Spekulation im Milisekundenbereich die Milliardenschwer sind (ich selbst habe ein Programm gesehen mit dem jemand Wechselkursspekulation betrieben hat).
b) Diese Spekulation MUSS Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben, da sie mit dem Kapitalfluss gekoppelt ist.

Meine Schlussfolgerung; Finanzmärkte sind schädlich weil sie a) via Spekulation (wie im Fall Griechenlands) sogar dazu führen das ganze Staaten zusammenbrechen und jetzt auf Banken hören müssen.

Und b) die Börsen notierten Aktiengesellschaften immer wieder den völlig überzogenen Erwartungshaltungen ihrer Aktionäre nachkommen müssen, weil diese sonst fix zwei drei ihr Kapital abziehen. Was dann passiert kennt man ja. Daraus resultierend bleiben umweltfreundliches und nachhaltiges Managment auf der Strecke.

Und zu guter Letzt, das private Kapital fehlt im Geldkreislauf da es sich im Besitz einiger Weniger immer stärker konzentriert. Verstärkt wird diese Akkumulation ebenfalls durch die Börsen.
j-ap schrieb am 15.07.2010 um 16:46
Hallo Technixer,

jawohl, ich lese u. a. die FAZ. Daraus nun aber zu schließen, ich sei ein Konservativer, ist doch arg weit hergeholt. Wenn Sie wüssten, was ich sonst noch so alles lese, dann würden Sie tatsächlich zu ganz anderen Schlüssen kommen. ich bin vermutlich alles mögliche, aber sicherlich kein »Konservativer«.

Den Plausch können wir natürlich sehr gerne führen — wäre ich nicht dazu bereit, wäre ich hier ja auch falsch.

Zu den Punkten, die Sie auflisten, daher einige Bemerkungen:

ad I) »Akkumulation« an sich beweist zunächst einmal gar nichts. Es ist zB auch Akkumulation, wenn Sie von Ihrem jeweiligen Einkommen jeden Monat einen gewissen Betrag zurücklegen, um beispielsweise Ihre Krankenversicherung, eine Lebensversicherung oder die Rentenkasse zu bedienen. Und streng genommen gehört zur Akkumulation sogar Konsumglättung (Sie sparen jeden Monat einen Fünfziger, um sich in einem halben Jahr davon etwas zu kaufen).

ad II.) Das Wachstum privater Geldvermögen ist völlig unbestritten. Es werden hier ja immer Aggregatgrößen behandelt, also statistische Durchschnittswerte betrachtet. Daß Geldvermögen schneller wächst als die 'reale' Wirtschaftsleistung (was verstehen Sie darunter? Das BIP-Wachstum? Den Produktivitätszuwachs?) ist insofern unproblematisch, da in diese Aggregatgröße auch Summen einfließen, die unter der realen Wirtschaftsleistung liegen. Beispiel? Frau Schaeffler oder Herr Merckle. Die beiden haben letztes Jahr deutliches Minuswachstum ihres Vermögens auszuweisen. Wenn Sie also die reale Wirtschaftsleistung zugrundelegen und alles argwöhnisch beäugen, was von diesem Durchschnitt abweicht, wollen Sie dann Frau Schaeffler Geld überweisen, weil ihr Vermögenszuwachs negativ, deutlich unter der 'realen' Wirtschaftsleistung liegt? Und was machen Sie mit Lohnsteigerungen, die über dem realen Wirtschaftswachstum liegen?

ad III.) Das ist ein Trugschluß, der allerdings weit verbreitet ist. Nicht Wirtschaftsdaten beeinflussen den Aktienwert, sondern nur und ausschließlich subjektive Bewertungen der Akteure. Es gibt kein 'schwarzes Buch', in dem steht, daß Mercedes-Aktien um 3,67% steigen, wenn sich der Unternehmensgewinn erhöht oder daß der Euro gegen den Dollar um 2,5% nachgibt, wenn die EZB die Zinsen senkt. Preise ändern sich, wenn sich die Einschätzungen derer, die da kaufen und verkaufen, ändern.

Das Problem von BP waren nicht überzogene Gewinnerwartungen — wer etwas anderes behauptet, der möge mir erklären, ob es ein gutes Geschäft ist, 500000 Dollar jetzt einzusparen und dafür im nächsten Jahr 20 Milliarden Dollar an Strafen und Entschädigungen zu zahlen. Würde man mir so ein Geschäft vorschlagen, würde ich ablehnen.

ad IV.)
a) Ist vollkommen richtig, aber auch hier ist nicht klar, was genau sich an der Qualität eines Vorgangs ändert, wenn er statt einer Stunde nur den Bruchteil einer Sekunde dauert. Sie haben zwar meinetwegen mehr Transaktionen pro betrachteter Zeiteinheit, allerdings ändert das höchstens etwas am Gebühreneinkommen Ihres Brokers.

b) Selbstverständlich ändert sich der Kapitalfluß, genau das ist ja die Aufgabe der Börse. Sie ändern ja den Kapitalfluß auch, wenn Sie zB heute tanken und nicht morgen, und Sie ändern sogar den Preis, und zwar ganz real, weil Sie die Ware im Unterschied zu einem Spekulanten ganz real und auf Nimmerwiedersehen verbrauchen.

Aber um noch einmal zum Rohöl zurückzukommen — ich fasse Ihre Kritik mal so zusammen: 'Spekulanten' handeln gar nicht mit realem Öl, sondern mit virtuellen Kontrakten und können durch ihre geballte Marktmacht den Preis zu ihrem Vorteil manipulieren.

Nun, Spekulanten (nicht nur an den Börsen, sondern auch an der Tankstelle, die lieber bis morgen mit dem Tanken warten, weil sie hoffen, daß der Preis bis morgen etwas günstiger wird) sind eine Preisdeterminante unter anderen. Und das kann ruhig so bleiben. Oder meinen Sie, wenn Spekulanten den Preis an einer Rohstoffbärse 'treiben', würden diese dann vom Erlös Ihres aus Ihrer Sicht zu teuren Benzins ein Scherflein abbekommen? Das ist keineswegs so, das machen die Spekulanten unter sich aus (denn für jeden Kontrakt benötigen Sie eine Gegenpartei, die den Kontrakt mit Ihnen abzuschließen bereit ist). Dieser Markt wird von Zukunftserwartungen bewegt und erweitert das Angebot dadurch, daß höhere Ölpreise am Terminmarkt den Fördergesellschaften signalisieren, es könne sich lohnen, in Prospektion etc. zu investieren. Genau dadurch wird der Preis niedriger gehalten, als wenn es dieses Signal nicht gäbe und alle dann eines Tages völlig unerwartet vor einer leeren Ölquelle, Raffinerie oder Tankstelle stünden und feststellen, daß es leider kein Benzin mehr gibt.
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