Technixer

Blog von Technixer

04.05.2010 | 13:14

Mein Besuch im OSI mit Marianne Tritz DVZ - Die Zigarettenlobby -

"Thank you for smoking - Fiktion und Wirklichkeit des Zigarettenlobbyings -

Am 03.05.2010 am Otto-Suhr-Institut um 18:00 Uhr war es dann so weit, die Zigarettenlobby sollte sich den bohrenden Fragen des kritischen Publikums stellen, zum Thema Lobbyarbeit. Ich erwartete die dunkle Seite der Macht zu fühlen, quasi mit Schwefel- und Verwesungsgeruch, sobald Frau Tritz in Begleitung ihrer Entourage eine heilige Stätte der Bildung betritt.

Doch nichts dergleichen, stattdessen betrat die attrakive Mittvierzigerin Marianne Tritz in Begleitung eines Mannes der aussah wie ein schwedisches Modell und weiterer Herren, den Vorraum des Institutes. Sie wurden sogleich herzlich begrüßt von Aktivisten des Forums Rauchfrei. Diese hatten sich als Frau Tritz mit blinkender Dollar-Zeichenkette um den Hals und Gevatter Tod verkleidet. Sie bewarfen sie mit Fragen, wie sie als ehemalige Grüne, ihre jetzige Arbeit mit ihrem Gewissen vereinbaren könne und die Stimmung war sehr aufgeheizt. Das Ganze beruhigte sich als die Aktivisten gingen, allerdings nicht ohne Informationsmaterial des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg zum Thema Tabakindustrie da zu lassen.

Die Vorlesung war gut besucht, aber bei weitem nicht so voll wie die Vorherige mit Gesine Schwan. Der Altersdurchschnitt war hier geringer, letzte Woche lag er bei 60 Jahren und älter, diesmal waren vornehmlich junge Leute da.

Die Teilüberschrift ist von Frau Tritz'ens Folien übernommen, die sie als Anspielung auf den Film formulierte, in dem die Lobbyisten (natürlich völlig zu unrecht) als regelrechte Monster und Unmenschen dargestellt werden, ohne jegliches Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Gesellschaft und der Umwelt.

Der Deutsche Zigaretten Verband (DZV) ist relativ jung und aus dem VDC hervorgegangen, in welchem Philip Morris noch vertreten war. Insofern ist das Schild neben der Hörsaaltür natürlich falsch. Laut Frau Tritz ist Philip Moris u. a. deswegen ausgetreten, weil sie gegen öffentliche Werbung waren. Doch die Verbändelandschaft in Deutschland ist riesig, neben dem DZV existieren noch viele andere, welche die Interessen der Tabaklobby vertreten. Philip Moris ist also nur woanders untergekommen. Man könnte also meinen, es gibt Verbände mit gemäßigteren Positionen (evtl. zur Imagepflege) und welche die stark im Interesse der Tabakindustrie aggieren.

Frau Tritz Vortrag über die Arbeit ihres Verbandes (dessen Geschäftsführerin mit erheblichen Freiheiten, sie ja ist) war flach, wenig spektakulär und vor allem gab es keinen konkreten Einblick in die Arbeit dieser Verbände. Sie lullte das Publikum mit einer angenehmen Vorleserstimme ein, was dann in einer müden, halbherzigen und wenig erkenntnisreichen Diskussion endete. Ihre Informationen waren allgemeiner Natur. Interessant waren die Ausweichtaktiken, welche hierzulande eingeschlagen werden. "Ich verneine nicht das rauchen schädlich und krebserregend ist, ich stemme mich auch nicht gegen Studien des DKFZ, genauso wenig wie ich mich auf Gegenstudien berufe, zum Beispiel das rauchen Parkinson verhindert." Diese Taktik erinnert mich an unsere Kanzlerin, sie bietet keine Angriffsziele.

Frau Tritz gesammter Vortrag war abgelesen und wurde Wort für Wort von dem schwedischen Modell mitgelesen und zwei Mal griff er korrigierend ein.

Scharf kritisieren muss ich hier die Leitung des OSI-Clubs, sie haben im Vorfeld gebeten gesundheitspolitische Aspekte auszublenden. Was dazu führte, dass die Tabaklobby wie jeder andere Verband behandelt werden sollte, obwohl er dies nicht ist!

Verbände sind teuer, die Tabakverbände unterstützten zum Beispiel das Volksbegehren in Bayern mit 650.000€, ihre Arbeitskräfte müssen bezahlt werden usw. Da wir in einer Marktwirtschaft leben sind die Tabakfirmen, genauso wie alle anderen, gezwungen ihren Umsatz zu steigern. Die Aufgabe ihrer Verbände kann also nur sein gewinnschmälernde Gesetze zu entschärfen oder zu Fall zu bringen und gewinnstärkende Gesetze zu unterstützen. Summa summarum liegt ihre Aufgabe also darin die Gewinne der Tabakindustrie zu erhöhen, ergo mehr Menschen zum rauchen zu bringen.

Das Ganze funktioniert so gut, dass sich Frau Tritz hinstellen kann und sogar mündlich den Nichtraucherschutz unterstützen kann. Dieser an sich Umsatz mindernde "Schutz" scheint überhaupt nicht zu greifen (bitte von den jammernden Gastwirten absehen). Im Gegenteil, mit welcher Verbohrtheit der hochgiftige Qualm verteidigt wird, lässt erkennen das ihre Arbeit ganze Früchte trägt. Es wird auf Bahnhöfen gequalmt was das Zeug hält, trotz Rauchverbots. Wenn man dann einen Raucher darauf hinweist, muss man sich entweder einen Vortrag über den Eingriff in die persönliche Freiheit anhören oder wird mit Schlägen bedroht.

Interessant war, dass Frau Tritz bemerkte, in keinem anderen Land sei es so leicht mit der Politik über die Interessen zu sprechen wie in Deutschland. Der deutsche Verbändestaat macht es möglich. Die Auswirkungen sehen wir täglich. Sie konstatierte weiterhin, dass es in anderen Ländern auf Grund der gesetzlichen Verpflichtung zur Ummodellierung der Zigarettenschachteln, zu einer verminderten Markenbindung und mithin zur Verringerung der Raucher führt (nicht das dies die Inhaltsstoffe nicht ohnehin früher oder später täten).

Gerade für eine ehemalige Grüne finde ich es sehr verwunderlich, dass sie Umweltaspekte völlig ausblendet.

www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2320218_0_1851_-rauchverbot-auf-spielplaetzen-zigarettenkippen-im-visier.html

Die Tonnen an produzierten mit Quecksilber, Arsen, und Teerverbindung verseuchten Celluloseacetat sind giftig für das Grundwasser. Die Anorganische Chemie muss solche Verbindungen teuer und aufwendig entsorgen lassen.

Zusammenfassend kann also gesagt werden; eine Steigerung der Anzahl von Rauchern ist eben NICHT auf eine freie Entscheidung zurück zu führen, sondern auf eine Art psychologischer Kriegsführung (Markenprägung usw.) und auf das Bild welches vom rauchen vermittelt wird (unterbewusst). Nicht ohne Grund rauchen Kinder von Rauchern später häufig auch. Rauchen als eine Art Luxusgut im Sinne von Genussmittel zu deklarieren und das Ganze auch noch mit indiviueller Freiheit zu koppeln halte ich für grundlegend falsch.Wie kann man frei sein, bei den starken Entzugserscheinungen den der Verlust der Droge bereitet?

Der Fairness halber muss ich folgende Sätze von Frau Tritz hinzufügen: "Theoretisch müsste man Konsequent Alkohol und Tabak verbieten, doch ich befürchte es würden prohibitive Verhältnisse entstehen." Diese Argumentation ist nicht von der Hand zu weisen, unsere XXL Gesellschaften mit ihrem 'Immer-schneller-höher-weiter-und-mehr' scheinen zu Bedingen, dass Drogen in ausuferndem Maße konsumiert werden, zwecks Stresskompensation oder sonst was.

 
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Kommentare
luggi schrieb am 04.05.2010 um 22:13
Also, für den Blogbeitrag gibt es verdiente 5 rauch- und nikotinfreie Sternchen. Und zum Abschluss ein großes Dankeschön. Kann ja sein, dass sich noch der eine oder andere Kommentator zu dem wichtigen Thema findet. Ich wünsche es dir.
Technixer schrieb am 05.05.2010 um 16:28
vielen Dank luggi, hab schon an mir selbst gezweifelt. Geht ja gerade die Debatte um sinnvolle Beiträge und was dazu gehört und was nicht, unter "mein Logbuch" von Jörn Kabisch ...
fruehauf schrieb am 09.05.2010 um 18:02
Ich mache ein bisschen bei LobbyControl mit, daher war dieser Beitrag thematisch für mich natürlich sehr interessant. Gut geschrieben, informativ, anregend - danke.
Technixer
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archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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