Technixer

Blog von Technixer

09.04.2011 | 01:02

Revolution, Demokratie, Utopie: Vom Internet übermittelt?

Ist die neue Jasmin Revolution in Tunesien eine Twitter Revolution, so wie es von vielen Medien verbreitet wird? Nein, sagt Evgeny Morozov, welcher in seinem Buch den Hype um die Social Networks relativiert.

Es kann einem aber auch schon gehörig auf die Nerven gehen, diese Selbsbeweihräucherung über die angebliche Macht von Twitter Mitteilungen und Co.

Das die technologischen Möglichkeiten demokratische Elemente bzw. politischen Wandel fördern können liegt auf der Hand. Auch zur Koordinierung politischer Aktionen mag dies von Vorteil sein, da sie ein essentieller Mobilisierungsfaktor sind.

Allerdings kann das Internet und das damit verbundene Web 2.0 nicht die Spaltung der Machtelite ersetzen, welches eine Grundvorraussetzung für den politischen Wandel ist. Dies konnte man wunderbar am Beispiel der orangenen Revolution beobachten.

Denn sehr gern vernachlässigen vor allem die westlichen Medien in ihrer Selbstbeweihräucherung um ihren Machtstatus und Unabhängigkeit, dass der Staat bzw. Dikatoren und Regimes ebenfalls bloggen, twittern und ein Heer an Propaganda Möglichkeiten haben.

Hier in Deutschland wird und wurde das sehr gut an der BILD sichtbar. Der abenteuerliche Simplicissimus den dieser Verlag um "die faulen Griechen" veranstaltet hat, zeigte sehr deutlich wie Meinung manipuliert wird.

 Sehr interessant war der Wandel über den der Belarus'sche Journalist zu berichten wusste; mittlerweile werden durch weißrussische Behörden Cyberattacken auf die Server der oppositionellen Medien durchgeführt. Vor drei Jahren waren die Repressalien noch mehrheitlich gewalttätiger und juristischer Natur (Beschlagnahmung der Computer, Nichterteilung von Printlizenzen, Zerstörung journalistischen Eigentums und Drohungen gegen die Familien).

Die Cyberattacken gegen die ausländischen Provider führen dazu, dass diese ihren Kunden kündigen bzw. die Mietkosten hoch schrauben. Auch der Einsatz sogenannter 50 Cent Armeen nimmt zu. Man kann einen Blog bzw. Homepage auch durch hochladen verbotener Inhalte (so geschehen in Facebookgruppen, Stichwort Pornos) zerstören bzw. die eigene (regierungstreue) Hompage durch kommentieren hypen.

Des Weiteren darf nicht vergessen werden, dass die Länder in welchen in den letzten Jahren Revolutionen stattfanden, die Menschen mehrheitlich gar nicht über Internetanschlüsse verfügen. Die Nutzung des Internets dient meist nicht der politischen Bildung bzw. Information durch "unabhängige" Journalisten. Dies wurde sowohl von Storz und Arlt für Deutschland konstatiert, als auch für Russland und Weißrussland (Berichte von oppositionellen Journalisten).

Weiterhin vermag man Internetmedien natürlich wesentlich leichter mit Falschmeldungen, Lügen und Desinformation zu füttern als Printmedien hinter denen Redakteure sitzen.

Autokratische Systeme haben mittlerweile sehr wohl erkannt, dass es effizienter ist solche Strategien zu nutzen als Gewalt und Verbote, welche natürlich trotzdem noch angewandt werden.

 

Als Kritik zum Vortrag Evgeny Morozov's möchte ich sagen, dass dieser ewig lang gedauert hat (30min länger als geplant) und er seine Argumente mehrfach wiederholt hat. Dadurch kamen die Fragen zu kurz und die folgende (in meinen Augen wesentlich wichtigere) Diskussion mit Bloggern und Journalisten aus dem Irak, Tunesien, Ägypten kam viel zu kurz.

 
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Kommentare
claudia schrieb am 09.04.2011 um 05:36
>>Denn sehr gern vernachlässigen vor allem die westlichen Medien in ihrer Selbstbeweihräucherung um ihren Machtstatus und Unabhängigkeit, dass der Staat bzw. Dikatoren und Regimes ebenfalls bloggen, twittern und ein Heer an Propaganda Möglichkeiten haben.<<
Eben. Es bedarf schon einer grossen Verdrängungleistung, nicht mehr zu wissen, dass die Geheimdienste (auch der "Verfassungsschutz") aller Staaten längst im Internet drin sassen, bevor es von der Masse entdeckt wurde.

Hier z.B. mischt ganz offensichtlich auch die INSM mit wechselnden nicks mit. Man muss nur auf die trickreichen Inhalte schauen, um das zu merken...
h.yuren schrieb am 09.04.2011 um 11:40
lieber technixer, wenn wir uns ein bild von der wirksamkeit des netzes machen wollen, sollten wir die vergangenheit befragen.
nicht der buchdruck hat die aufklärung hervorgebracht und diese die revolution in frankreich. sie haben eine rolle gespielt, wie jetzt auch das internet eine rolle spielt. aber nicht das im öffentlichen bewusstsein gehandelte und vorhandene macht den schub. andere kräfte sind wesentlicher. wie etwa die demografischen veränderungen im vorrevolutionären frankreich und jetzt in den arabischen ländern. sprich: das rasche bevölkerungswachstum und seine wirtschaftlichen folgen haben größeres gewicht.
aus der zoologie sind merkwürdige anpassungen bekannt. vermehrung kann stagnieren und explodieren. gesetzmäßig. in der homosphäre ist das nicht vollkommen anders.
wenn die hälfte der bevölkerung unter 15 jahre alt ist, muss die vermehrungsrate hoch sein und wahrscheinlich die verjüngung der gesellschaft mit oder ohne revolution die folge.
nicht revolution ist der anzustrebende wert an sich im politischen feld, sondern die macht- oder gewaltenteilung, die auch in den demokratien noch viel zu wünschen übrig lässt. proporz ist keine gewaltenteilung im sinne montesquieus.
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