Technixer

Blog von Technixer

21.11.2011 | 23:25

Sei qualifiziert, sei unterbezahlt, sei Berlin!

Es handelt sich um eine der erfolgreichsten Werbekampagnen zur Imageverbesserung der Hauptstadt überhaupt. Nachdem eine 17jährige Schülerin aus 2000 Bewerbern mit ihrem Spruch „Sei einzigartig, sei vielfältig, sei Berlin“ den Kampagnenwettbewerb gewonnen hatte, ist eine ganze Lawine von Öffentlichkeitsarbeit losgetreten worden.

Wer kennt sie auch nicht, die rechteckigen Sprechblasen sie sind überall in der Stadt zu sehen. Bezahlt wird das Ganze vom Berliner Steuerzahler, an und für sich keine schlechte Sache wie ich finde.

Doch leider gibt es einen Hacken, mehr dazu folgt später...

Auf der Suche nach einem Nebenjob wälze ich regelmäßig studentische Jobportale und dabei viel mir ein Arbeitgeber ständig auf die Aperto AG. Hippe Nebenjobs in Massen.

Da mir die Tätigkeitenbeschreibung zusagte bewarb ich mich auf eine der Stellen und bekam prompt die Einladung zu einem Bewerbungsgespräch. Einen Tag vorher beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl und ich rief an und fragte um wieviel Stunden pro Woche es sich handle und wie der Stundenlohn sei. So etwas wisse sie nicht antwortete die Sekretärin.

Um es kurz zu machen das Bewerbungsgespräch war ein Desaster, die zukünftige Chefin denunzierte regelrecht meinen Lebenslauf, es war eine unangenehme Gesprächsatmosphäre. Natürlich spielen persönliche Sympathien eine große Rolle, aber was ich erfuhr hätte mir auch gereicht und erklärt warum diese Firma soviele Stellen anbietet. 7,50 brutto bei 20h/Woche! Für das Schreiben von Texten, Layouten und die Verwaltung des CMS der Online Redaktion.

Was hier geschieht ist klar, diese Firma beschäftigt massenweise Studenten, billige Arbeitskräfte für die sie keinerlei Sozialabgaben und Krankenkassenbeiträge zu zahlen hat, anstelle von Vollzeitarbeitskräften! Eine Aktiengesellschaft mit privaten Anteilseignern welche von Steuergeldern schmarotzt.Wer sich die Referenzen-Seite auf der Homepage anschaut, sieht wessen Internetseiten diese Firma noch alles betreut. Unter vielen Anderen verwaltet und organisiert diese Firma den Internetauftritt der 'Be-Berlin' Kampagne.

Diese Firma symbolisiert prächtig wie es sich mit den ausufernden Studentenjobs verhält. Anstelle von Gastro-, Sicherheits-, Einzelhandelsfachkräften werden Studenten genommen. Bei den 2,3 Millionen die dieses Semester anfangen reiben sich viele Firmen die Hände.

Wenn man dann als PhD eine Stelle sucht, hat man ein Problem. Die tarifgebundenen Firmen müssen einem dann nämlich einen entsprechenden Stundenlohn zahlen und dabei gehts an Eingemachte. Deswegen werden die Fähigkeiten kleingeredet, man habe ja keine Praxiserfahrung und die Einarbeitungszeit und bla bla bla. Das man Jemanden der heutzutage einen Master/Diplom Studiengang absolviert, in der Erfassung neuer Aufgabenbereiche eine gewisse Grundintelligenz zugestehen sollte wird schlichtweg negiert.

Da viele Studenten nebenbei jobben gehen und im Verlauf des Studiums die Stationen wechseln, haben sie mehr Soft- und Hardskills als die zukünftigen Chefs selbst. Peter Frey brachte es einmal auf den Punkt als er sagte, man verlange von einem Bewerber für einen Volontariatsplatz beim ZDF soviel, dass nichteinmal die Chefredakteure selbst dies bisher geleistet hätten.

Dem gehört endlich ein Riegel vorgeschoben! Die Löhne müssen öffentlich gemacht werden (wie in den USA). Öffentliche Aufgaben sollten nur an Auftragnehmer vergeben werden, welche tarfigebundene Stundenlöhne zahlen und der Anteil der prekär Beschäftigten muss begrenzt werden. Desweiten kann es nicht sein das Studien- und Promotionszeit nicht auf die Rente angerechnet werden, wozu soll man denn überhaupt studieren, wenn das spätere Gehalt, dass eines Facharbeiters sowieso nicht übersteigt?

 
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Kommentare
h.yuren schrieb am 22.11.2011 um 08:42
lieber technixer, nein, es wird niemand etwas zuleide getan, es geht alles mit rechten dingen zu. sagte ich "rechten"? stimmt.
merdeister schrieb am 22.11.2011 um 10:22
Sei doch froh! Wohin sichere Jobs und angemessene Bezahlung führen, sieht man doch an den Leuten, die beides jetzt verhindern.
Technixer schrieb am 22.11.2011 um 14:17
Das scheint wirklich so zu sein. Die wohlhabenderen Viertel des ehm. Westteils der Stadt Berlin haben ja zum Großteil die CDU gewählt und auch Freunde von mir, die sich quasi zum Mittelstand zählen dürfen.

Lahm im Geiste, aber viel im Portemonnaie
sonne_le schrieb am 22.11.2011 um 11:04
Technixer, du sprichst mir aus der Seele. Gerade mit studentischen Arbeitskräften und 1-Euro-Jobs werden so viele reguläre Arbeitsplätze zerstört. Ich bin froh eine halbwegs vernünftig bezahlte Stelle zu haben, aber unter Niveau eines Industriearbeiters liegt diese auch auch.
Nietzsche 2011 schrieb am 22.11.2011 um 12:16
Grundsätzlich Zustimmung, weil ich die Situation als Akademiker - bei mir noch erschwerend: Aus dem Osten - kenne.
Nur: "Anstelle von Gastro-, Sicherheits-, Einzelhandelsfachkräften werden Studenten genommen." - Im Sicherheitsgewerbe wäre man froh, wenn 7,50 € brutto gezahlt würde. Also nicht einen Niedriglohnsektor gegen den anderen ausspielen.
Technixer schrieb am 22.11.2011 um 14:23
Die Aufzählung von Fachkräften sollte nur exemplarisch sein, schon die von mir beschriebene Stelle fällt ja in einen anderen Bereich.

Da ich selbst für fast vier Jahre in der Sicherheit gearbeitet habe und auch etliche Jungs von dort kenne; wenn du die Sachkundeprüfung (nur der 34a reicht ja nicht mehr aus) hast und eventuell noch Hundeführer oder Waffenträger bist, dann kannst du schon auf 6-7€ Netto Stundenlohn kommen. Ist halt Unternehmensabhängig.
Ausspielen will ich sowieso keinen Sektor, mir gehts vor allem auch um die Lohnabstände, aber das ist noch ein anderes Thema...
Technixer schrieb am 22.11.2011 um 14:02
Schaut euch wirklich mal den Link zur Aperto AG an, darunter sind 38 freie Stellen ausgeschrieben, für ein mittelständisches Unternehmen ganz schön viel. Auf der Seite des Carrier Service der FU Berlin sind allein für diesen Montag (21.11.) drei Stellen für studentische Hilfskräfte frei.
Die ausgeschriebenen Vollzeitstellen sind für Medieninformatiker, Wirtschaftsinformatiker etc. Dort müssen üble Arbeitsbedingungen herrschen, sonst würden da ja nicht ständig Stellen frei werden.

Übrigens, die Stelle um die ich mich vor geraumer Zeit beworben hatte ist immer noch frei!
Alien59 schrieb am 22.11.2011 um 14:21
Guter Beitrag. Viel Stoff zum Nachdenken.
Die Frage wäre, wie man das ändern kann.
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