Teetasse

Rückhohlspiegel

18.10.2011 | 17:42

Das Internet wird überbewertet

Der Hype ist fast schon etwas abgeflaut. Es ist normal geworden, dass das Internet immer mehr Lebensbereiche durchdringt – vom Buchhandel bis zur Gerüchteküche. Aber der Satz ist gelegentlich noch zu hören: Das Internet sei etwas vollkommen neues. Es verändere alles. Das ist falsch. Aber genau darin liegt das Einmalige und Besondere – und das Gefährliche. (Vorsicht... theorielastig) 

Die Revolutionen in der arabischen Welt haben das Gerücht noch einmal aufleben lassen: Das Internet sei etwas noch nie da Gewesenes, grundlegend demokratisches, das alte Machtstrukturen ins Wanken bringe. Die YouTube-Videos und Twitter-Nachrichten aus Ägypten, Libyen oder Syrien scheinen genau das zu suggerieren. Verwackelte Handy-Aufnahmen und Kurznachrichten wie digitale Graffitis werden zu Werkzeugen einer Öffentlichkeitsarbeit von unten. Das Internet verändere die Art, wie wir kommunizieren, wird dann gern gesagt. Aber das stimmt nur zum Teil.

Bei der Kommunikation gibt es Sender und Empfänger, die sich für ihren Austausch einer Botschaft eines Mediums bedienen – etwa handgeschriebener Briefe. Sie kann unidirektional sein – dann ist der Sender nur Sender und der Empfänger nur Empfänger – oder bidirektional – dann wechseln sie die Rollen. Die Weihnachtsansprache  der Bundeskanzlerin ist ein Beispiel für unidirektionale Rede, das persönliche Gespräch für bidirektionale Rede. Üblich ist eine Zwischenform, bei der ein Gesprächspartner klar dominant ist. An dieser Grundstruktur ändert das Internet rein gar nichts.

Echte qualitative Veränderungen der Kommunikation waren solche einschneidenden Erfindungen wie die der begrifflich abstrahierenden Sprache oder der Schrift. Letztere machte erstmals eine unmittelbare räumlich-zeitliche Begegnung der Kommunikationspartner entbehrlich. Erstere ermöglichte es, dass der Inhalt der Kommunikation – die Botschaft – sich auch über den Bereich des unmittelbar Zuhandenen hinaus erstreckt. Man kann nur dann über den Baum am Fluss reden, den man gerade nicht sieht, wenn man die Bedeutung der Wörter “Baum” und “Fluss” kennt.

Das Internet bringt dagegen “nur” eine quantitative Ausweitung. Es ermöglicht weder die Verständigung in Situationen, in denen sie vorher nicht möglich war, noch bringt es eine neue Kategorie von Inhalten hervor. Vielmehr bewirkt es eine rasante Beschleunigung und Ausweitung. Praktisch jeder und jede kann Sender sein, praktisch jeder und jede ist möglicher Adressat. Räumliche Entfernung spielt praktisch keine Rolle. Zeitliche Verzögerung ist minimiert. Kommunikationsprotokolle bleiben auch nach Ende der Unterhaltung erhalten – ein riesiges Problem. Vor allem aber ist so einfach wie sonst kaum das Antworten möglich. Das Internet unter dem Stichwort Web 2.0 hat eine hohe Affinität zu bidirektionaler Kommunikation.

Alles das ist für sich betrachtet nicht neu. Auch wer ein Buch schreibt, richtet sich dem Anspruch nach an die Öffentlichkeit. Räumliche Entfernungen und zeitliche Verzögerungen sind spätestens seit Erfindung von Telegraph und Telefon kaum ein Kommunikationshindernis. Briefe bleiben nach Abschluss des Briefwechsels erhalten und werden gelegentlich gegen den Willen des Schreibers veröffentlicht. Und das Antworten ist eine Grundfunktion des persönlichen Gesprächs. Es ist erst die Kombination aus allen diesen quantitativen Faktoren, die das Internet besonders macht. Man kann sich mit seinem Blogeintrag an alle Menschen auf der Welt richten und sogar Antwort bekommen – und das alles in wenigen Augenblicken.

Das quantitative Wachstum, die Beschleunigung, der Kommunikation in Zeiten des Internet ist also eine auf so gut wie allen Gebieten. Das Wachstum ist symmetrisch im Gegensatz zum asymmetrischen Wachstum früherer Innovationen. Was meine ich damit? Wo das Telefon zwar räumliche und zeitliche Entfernungen als Gesprächshindernis nivellierte, blieb die Kommunikation doch in der Regel auf wenige Teilnehmende beschränkt. Wo die Massenmedien sich zwar an alle Menschen richten, haben sie prinzipiell Probleme mit dem Rückkanal. Die Empfänger können kaum zu Sendern werden. Das macht die Kommunikation mit diesen Medien immer irgendwie unnatürlich. Das “Gespräch” im Internet erscheint uns dagegen paradoxerweise natürlicher, weil die Beschleunigung symmetrisch ist. Man kann – muss aber nicht – alles tun, was man im persönlichen Kontakt auch tun könnte – nur allen gegenüber ohne räumliche und zeitliche Verzögerung.

Genau damit beginnen die Probleme, weil man eine Kommunikationssituation als natürlich und persönlich einschätzt, die es in Wirklichkeit nicht ist.

Viele “Gefahren” des Internet erwachsen daraus, dass die Kommunikationssituation falsch eingeschätzt wird. Facebook etwa ist kein privater Raum, sondern ein digitaler Marktplatz. Hier ist Öffentlichkeit. Das macht irgendwie auch seine Attraktivität aus, denn hier kann jeder und jede ein klein bisschen berühmt werden. Er oder sie kann sein Innerstes, seine Person der ganzen Welt mitteilen, genießt Zuspruch und Aufmerksamkeit. Er kann sich als Celebrity inszenieren – auch wenn er niemanden interessiert. Er oder sie sammelt Groupies und Fans, sendet öffentliche Botschaften und wird kritisch beobachtet. Das macht man sich aber nur selten klar. Man fühlt sich im Freundeskreis sicher und verhält sich ganz natürlich – wie das Starlet, das glaubt, dass alle die Journalisten und Party-People seine Freunde sind. Das Problem von Facebook ist das typische Problem des öffentlichen Lebens und der Prominenten, die sich im öffentlichen Leben bewegen: Eine kaum zu schützende Privatheit. Man kommuniziert natürlich – wie man im Kreis der Freund kommunizieren würde. Die Aufmerksamkeit wird schnell überwältigend und verletzt die Intimgrenze. Wer etwas auf Facebook postet, der steht eigentlich mitten im globalen Dorf auf dem Marktplatz – auch wenn er auf seinem Sofa sitzt.

Ein zweites Beispiel: Ein Problem der Email-Kommunikation ist, dass wegen der großen Geschwindigkeit vergessen wird, dass es sich dabei um schriftliche Kommunikation handelt. Ein oft flapsiger Umgangston, unvollständige Sätze und eine sprunghafte Gedankenführung – wie sie in verbaler Kommunikation an der Tagesordnung sind – sind die Folge. Der Empfänger versteht die Botschaft nicht, weil ihm Informationen fehlen, die er im persönlichen Gespräch nonverbal bekäme, oder auch weil er die Mail nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit liest, mit der er sich einem Brief auf Papier widmen würde. Missverständnisse sind die notwendige Folge.

Es ist also so, dass die Kommunikation im Internet uns nur natürlicher erscheint. Es fehltein wesentliches Hindernis, dass die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht prägt und für wirklich natürliche Kommunikation unentbehrlich ist: Scham und Angst. Beide sind instinktive Formen des Respektes vor anderen, die uns davon abhalten unsere Intimsphäre preiszugeben oder in die Intimsphäre Anderer einzudringen. Sie lassen uns auch so besorgt darum sein, richtig verstanden zu werden.

Und sie fehlen im Internet, weil der Andere Teil einer anonymen Masse ist, mit der räumlichen Entfernung auch die körperliche Konfrontation schwindet und wir uns der Antworten durch nicht-lesen und blockieren entziehen können. Wir verhalten uns scham-los und ermangeln des Respekts für uns selbst und unser Gegenüber. Die Kommunikation wird nicht nur natürlich, sie wird archaisch.

Was muss man also in Zeiten des Internet tun? Es kann ja nicht darum gehen, sich wieder mehr zu schämen. Stattdessen müssen wir die instinktive Scham und Angst durch einen erlernten Respekt ersetzen. Es müssen – so spießig das klingt – digitale Umgangsformen erlernt und vermittelt werden. Ich wünschte auch, ich hätte einen originelleren Rat…

(Der Beitrag erschien auch auf meinem Blog www.rueckhohlspiegel.de)

 

 
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