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Fernsehen bildet. Im wörtlichen Sinne. Egal ob es sich um den abendfüllenden Spielfilm, den Werbespot zwischendurch, die Reality-Soap, die Nachrichten oder die Talkshow im Vorprogramm handelt. Fernsehen bildet Ereignisse, Leben und Orte ab, die die Menschen nicht alltäglich wahrnehmen und konstruiert dadurch ein Bewusstsein von der gesellschaftlichen Realität, die uns umgibt.
Doch oft klafft zwischen medial wahrgenommener und realer Wirklichkeit eine große Lücke. Irgendein schwelender Konflikt in Südamerika, weitere Aids-Tote in Afrika, sowie das ganz normale sensationsarme Leben gehen regelmäßig in den Regeln des modernen Agenda Settings unter. Auch Menschen mit Behinderungen sind eher als Randerscheinung im Fernsehprogramm zu finden. So zumindest die allgemeine Meinung der Runde, die am 4. März beim Rostocker offenen Kanal in der Sendung „Lokalisiert“ zur Diskussion zusammentraf.
Der anwesende Rehabilitationswissenschaftler Dr. Ingo Bosse veröffentlichte bereits mehrfach zur Darstellung Behinderter im öffentlich-rechtlichen und im privaten Fernsehen. Seinen Beobachtungen zufolge werden Menschen mit Beeinträchtigungen zwar inzwischen häufiger in der Berichterstattung berücksichtigt, doch die Darstellung bleibt in der Regel noch immer in den üblichen Stigmata über die Einschränkungen verhaftet. Auch Ralf Grabow, Mitglied des Landtages im Mecklenburg-Vorpommern, hat es schon oft erlebt, wie die Kamerateams während der Interviews auf seinen Rollstuhl zoomten. Der bloße Inhalt scheint schwer ohne eine Verknüpfung mit der Beeinträchtigung in den Vordergrund auszukommen. Der Mensch mit Handicap schafft es wohl nur durch Sensation oder Mitleid auf den Fernsehbildschirm. Als Schauspieler oder nur als Meinungsgeber in eine Straßenumfrage sucht man ihn oft vergeblich.
Werden dann Behinderungen gezeigt, handelt es sich fast immer um körperliche Einschränkungen. Hinzu kommen einige Menschen mit Down-Syndrom oder vielleicht noch Autismus.
Doch welche Konsequenzen hat es letztendlich, wenn das Fernsehen die gesellschaftliche Realität dementsprechend beschneidet? In einem Land, in dem Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen bereits früh in Sonderschulen von anderen Gleichaltrigen abgeschottet werden, führt eine solche Verzerrung der Wirklichkeit zu Unwissen, Berührungsängsten und somit unnötigen Missverständnissen über den Umgang zwischen Menschen mit und Menschen ohne Behinderung. Zum Ende der Sendung legt ein Herr aus dem Publikum dar, wie Polizisten ihn als „bekloppt“ beleidigten nur weil sie wahrscheinlich bisher keine Erfahrungen mit Spastikern gemacht hatten. Viele andere Anwesende mit Beeinträchtigungen können ähnliche Beispiele beitragen, wie schwer es sei, Unbekannten gegenüber als gleichberechtigt und mündig betrachtet zu werden.
Eine ernsthafte Aufarbeitung dieser Lücke ist vielleicht vom kommerziellen Fernsehen nicht zu erwarten, doch gerade die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten stehen hier in der Pflicht. Die GEZ-Einnahmen entbinden sie schließlich nicht nur vom Druck der Quote, sondern geben dem Gebührenzahler auch das Recht, möglichst realitätsgemäß gebildet zu werden.
(Weitere Informationen unter: politurblog.wordpress.com/)
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"Der Mensch mit Handicap schafft es wohl nur durch Sensation oder Mitleid auf den Fernsehbildschirm. Als Schauspieler oder nur als Meinungsgeber in eine Straßenumfrage sucht man ihn oft vergeblich."
Das ist ein Problem, das nebenher nicht nur Behinderte betrifft. Auch andere Bevölkerungsgruppen kommen nur begrenzt - oder nur wenn es eine dramaturgische Funktinon hat - vor. Migranten zum Beispiel. Und - da leuchtet es mir auch noch so halbwegs ein, weil ein Film seine Gesetzmäßigkeiten hat. Und wenn da auf einmal eine schwangere Frau zum Beispiel auftaucht, dann ist das bedeutsam für die Geschichte und wenn ein Behinderter auftaucht, dann hat das auch eine Funktion. Ich warte auch darauf, dass in einem Krimi ein Türke auftaucht, ganz normal als Zeuge und überhaupt sonst nichts weiter mit ihm passiert. Das wäre dann Normalität. Manche Sachen "gehen" nicht in einem Film. In einer Dokumentation ist es allerdings schwer verständlich, wenn Behinderte so merkwürdig darin gespiegelt sind. Denn da ist das Leben die Dramaturgie. Aber auch da ist es ganz gewiss nicht immer böser Wille, sondern das eigene Problem derer, die mit einer Behinderung konfrontiert werden. Und da ist - statt zu erklären - der Zoom auf den Rollstuhl - offensichtlich ein als angemessen erscheinender Kommentar. Es ist nicht einfach, immer angemessen zu reagieren. Im wirklichen Leben, finde ich, kann man immer nachfragen. Aber in elektronischen Medien - da verführt die Kamera zu den von Dir kritisierten Manövern. |
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Magda, sehe ich anders. Inzwischen schaffen es netterweise schon ein paar Filme, mal Migranten ohne allzu dickes Auftragen einfach "da" sein zu lassen - gerade auch in simplen Serien.
Behinderte - ich meine mich zu erinnern, in einer ARD-Vorabendserie einen Rollstuhlfahrer gesehen zu haben, der nicht ständig auf seine Behinderung reduziert wurde. Ich hab nur manchmal reingezappt, kann sein, dass mich mein Eindruck trog. Aber in der Form fand ich das schon mal ganz gut - nur, wie Telsa zu Recht anmahnt, viel zu wenig. Machbar aber, Magda, ist das m.E. durchaus. |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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