the-babyshambler

the babyshambler

30.01.2012 | 15:25

Radikalisiert euch!

Kein Fußbreit dem System…

Ein Gastbeitrag von Matthias Merkle

- auf www.the-babyshambler.com

Wir wollen Revolution machen. Nicht mehr und nicht weniger. Und ich habe jetzt jetzt bewusst wir gesagt, obwohl das ja so streng verboten ist. Aber ich habe diesen revolutionären Anspruch stets und immer als eine der wenigen notwendigen Grundvereinbarungen verstanden, wenn es um die weltweite Demokratiebewegung ging, der ich mich seit Mai 2011 mehr als verbunden fühle.

Warum Revolution? Weil wir uns empören, und weil dieses altmodische Verb empören seit 2011 nicht irgendsowas wie Unmut oder Unzufriedenheit heißt, sondern weil empören bedeutet, dass wir uns mit diesem Begriff raus beamen aus einem System, von dem wir nicht länger annehmen können und wollen, dass wir darin noch unser Glück finden werden. Es geht nicht um größere Stücke vom Kuchen, nein der ganze Scheiss-Kuchen ist verdammt nochmal vergiftet, die Zutaten veraltet und falsch verarbeitet, es handelt sich insgesamt um ein beschissenes Rezept!

Unter diesem gewaltigen Vorzeichen der Empörung beschlossen nun weltweit sehr, sehr viele Menschen, auf die Straßen zu gehen und das Heft das Handelns wieder für sich einzuklagen. Daraus ist – in vielen anderen Staaten deutlicher als hier – eine massive Bewegung geworden, der Bewusstseinswandel hat längst begonnen, die Legitimation für das Handeln der Regierenden fängt weltweit fängt an zu bröckeln und zu bröseln.

Es liegt nahe und auf der Hand, dass einige in der Denkweise des alten Systems das Ganze nun als neue politische Kraft betrachten und organisieren wollen. Solche Bestrebungen sind seit dem Medienhype um Occupy deutlich spürbar. Ich persönlich finde diese Bemühungen geradezu brandgefährlich für eine Bewegung, deren Stärke vor allem in der schwer zu fassenden dezentralen Verbreitung liegt, und deren Kern die Debatte und die Begegnung, kurz die Kommunikation ist.

Wenn wir das Ganze innerhalb des Systems denken, dann wird das System mit seinen herausragenden Spaltungsqualitäten zuschlagen, denn das System braucht die Gegenkräfte. So reihen sich Organisationen wie Attac oder Campact und Oppositionsparteien wie Die Linke oder die Piraten ein in eine letztlich systemstabilisierende Auseinandersetzung. Das ist altbekannt und nicht wirklich umstritten, bestreiten will ich dennoch nicht, dass innerhalb dieses Spiels auch wertvolle Impulse gesetzt und durchaus auch Fortschritte auf den Weg gebracht werden können.

Die neue basisdemokratische Bewegung positioniert sich allerdings ganz anders. Das muss aus meiner Sicht klar sein. Und jeder, der sich eines dieser Labels an die Brust heftet, sollte sich darüber Gedanken machen, ob er sich der Konsequenzen dieses radikalen Grundgedankens bewusst ist. Nicht zuletzt sind wir das dem globalen Impuls, der diesen Gedanken auch zu uns hier gebracht hat, schuldig. In Deutschland wird es noch ein paar Tage dauern, bis daraus eine echte Massenbewegung geworden ist. Noch kämpft eine Promille für die 99% oder so. Das macht erstmal nichts, aus meiner Sicht ist es aber absolut zentral auch für die Demonstranten auf dem Tahirplatz oder an den Häfen in Oakland, dass sich auch hier, in diesem scheinbar marktwirtschaftlichen Musterland, Widerstand regt.

Ich empfinde es als Verhöhnung all derer, die sich im Zusammenhang dieser Global-Change-Bewegung verprügeln oder gar töten lassen müssen, wenn sich hier Leute satt und überheblich auf die Occupybewegung drauf setzen, in Wirklichkeit aber nur ein paar Reformen wollen und nicht den Systemwechsel. Im Lichte der jüngsten Ereignisse in Kairo finde ich das würdelos und höchst unanständig. Seien wir alle froh, dass es hier bei ein paar blauen Flecken bislang blieb, aber wenn wir diesen großartigen globalen Gedanken zu einer etablierten politischen Kraft verkommen lassen, dann fügen wir der weltweiten Demokratiebewegung erheblichen Schaden zu. Ich behaupte damit nicht, dass dies hier der Plan ist, finde aber, dass dies zu den wichtigsten Grundsätzen gehört bei allem, was wir uns ausdenken oder planen.

Bei allem sollten wir – gerade in diesem internationalen Zusammenhang – größten Wert darauf legen, das System von außen anzugreifen, bei der Forderung nach Basisdemokratie zu bleiben, und das heißt nicht ein bisschen mehr Demokratie; Basisdemokratie unterscheidet sich komplett und in allem von der Demokratie, wie wir sie kennen.

Das System wackelt und ächzt, es wird uns im kommenden Jahr massiv in die Hände spielen, da dürfen wir sicher sein. Lasst uns unsere Energie darauf verwenden, Neues zu schaffen, neue Strukturen zu erproben und zu üben, weil das ist doch schon das neue System. Diskussionen auf Plätzen in Pads und Blogs, Streitereien über Modelle und Optionen, all dies ist nicht vertane Zeit, sondern das ist es doch schon, worauf es hinauslaufen soll und muss. Und das am Ende mit 7 Milliarden. Und ohne Vorstand.

Slavoj Zizek hat in diesem Zusammenhang den Begriff vom Vakuum geprägt. Und dieser Leerraum ist es, der unsere Chance ausmacht. Die alte Grütze hat sich mindestens jahrzehntelang an die Wand gefahren und die Welt an den Abgrund gebracht. Wir müssen dies aufzeigen und mithelfen, das Vakuum zu schaffen, welches es dann behutsam zu füllen gilt. Mit allen zusammen. Gegen das Alte. Rockupy this.

Der Artikel erschien ursprünglich auf der Seite vom Sender Freies Neukölln und ist Teil einer Vortragsreihe des Neujahrstreffen Berliner Aktivisten

Mehr von Matthias Merkle:

- Filme vom Sender Freies Neukölln/Retsina-Film bei vimeo

- Evolution und Revolution

Zum Thema:

- „Die Bewegung“ nach dem 15. Oktober – Ein Pamphlet

- Mehr Radikalität wagen – Der Protest muss sich zuspitzen


creativ commons


Warum spenden?: Selbstverständnis eines Bloggers – Journalismus im schwarmintelligenten Wandel

 
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Kommentare
Tom Bombadil schrieb am 30.01.2012 um 20:15
Danke.

Aber, denkt dran:

Lasst nicht die roten Hähne flattern....

Gruß
Tom
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Kein Projekt nirgends
exkoelner schrieb am 02.02.2012 um 19:10
und auch an oben dargestelltem text wieder schön zu erkennen: so wird datt nix mit der revolution!

1917 hat es vielleicht noch geklappt, das eine pseudo-intellektuelle boheme sich "tiefe" gedanken macht, daraus erkenntnisse gewinnt um dann die revolution auszurufen und der nix-verstehende ukrainische bauer hat erstmal so mitgemacht, weil der gutsherr hat ihn ja auch nur den ganzen tag gepeitscht ... dann vielleicht ja.

so einfach ist das aber heute nicht mehr. die ungerechtigkeiten gibts nach wie vor, ja. aber die lösungsansätze des frühen 20. jahrhunderts haben krieg, elend und massenhafte dummheit (ideologieen) erzeugt - wollen wir das im 21. wiederholen, geht das überhaupt, macht das sinn? - ich glaube nein!

die fast unlösbare aufgabe, ja man wächst an seinen aufgaben, ist für mich heute doch viel mehr, die an der gesellschaft beteiligten menschen durch klug aufbereitete informationsforen mit hohem anspruch an aufklärung, versus herdentrieb (war against terror, wir müssen den euro retten ..., etc.) in die lage zu versetzen, selbst sich an den guten und nützlichen prozessen zu beteiligen.

wenn man nicht an den aufgeklärten despoten glaubt (300 jahrfeier war ja gerade) dann geht kein weg an der mühseligen aufklärung der allgemeinheit vorbei ... und wer sich schon mal mit bildungsfernen schichten beschäftigt hat, weiß wie ätzend das sein kann, und wie geil, wenn man doch was rüber brachte ...

so einfach ist das eben nicht, ich erkenne was schief läuft und rufe die revolution aus, tata ... wo landet die, wenn danach keiner mitmacht? es muß alle betreffen und alle müssen ne chance haben sich zu beteiligen!
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