Thearcadier

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12.06.2009 | 12:25

Zum Sterben schön

Hier mal ein Artikel, den ich schon mal auf meinem Blog geschrieben habe, der aber nochmal etwas kürzer darstellt, was ich gestern schon mit meinem etwas mäander-artigen Text verdeutlichen wollte. Viel Spaß!

Ich lebe in einer Großstadt. Das allein ist erstmal nichts besonderes. Das tun Millionen andere Menschen auch. Für mich war es aber ein ziemlich krasser Wechsel. Ich komme zwar nicht wirklich vom Lande, aber so richtig in der Stadt bin ich auch nicht aufgewachsen. Deshalb war der aus Studiengründen notwendige Umzug in eine Großstadt wie ein Wurf ins kalte Wasser: zuerst hart, aber mit der Zeit gewöhnt man sich dran. Und so kann ich die richtigen Stadtmenschen gut verstehen, wenn sie bei der Ferienplanung von einem Ort “irgendwo im Grünen” träumen.

Bei der Ankunft ist man dann erstmal total überwältigt. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, Vögel zwitschern und unzählige Schmetterlinge, Falter und natürlich fleißige Bienen machen sich über die schier unendlich weiten Blumenwiesen her. Auch die Enten haben im nahegelegenden See ihren Spaß. Tolles Szenario, oder? Soll ich weitermachen? Ja? Gut!

Während man selbst gerade die Handtücher am Ufer des Sees ausbreitet, wird in dem See gerade eine Kaulquappe abgemurkst. Tja, da war die Libellenlarve wohl schneller. AUf der Blumenwiese macht eine Armee von Ameisen kurzen Prozess mit einer Raupe, die sie dann zu ihrem Staat transportieren. Die Vogeleltern, die durch ihren reizenden Gesang maßgeblich für die aufkommende Urlaubsstimmung verantwortlich sind, lassen gerade eines ihrer Jungen verhungern, da es viel zu klein und zu schwach ist. Wie nannte Darwin das noch gleich? Survival of the fittest. Tja, da ham die Kleinsten immer die A-Karte gezogen. Plötzlich zieht es sich zu. Ein Gewitter prasselt auf die Erde nieder. Und schon geht das Morden weiter, denn die Vogeleltern müssen ja weiter füttern. Vom Regen angelockt, schaut ein Regenwurm aus dem Boden. Das Letzte, was er sah, war eine gierige Drossel. Und die Fliege, die von einem Tropfen erwischt wurde, sitzt benommen am Boden. Welch eine Chance für die Kröte, die gerade vorbeikommt. Das Gewitter zieht vorüber. Die Menschen trauen sich wieder ins Freie.

Es wird Abend und die untergehende Sonne hüllt das Schlachtfeld in einen Mantel roten Lichts. Die Spinne begutachtet noch schnell die Ausbeute des Tages und spinnt sie notdürftig ein. Die Nacht bricht herein. Die Menschen gehen zu Bett und freuen sich auf einen neuen Tag, dessen Sonnenuntergang viele andere Tiere in ihrer direkten Umgebung nicht erleben werden.

Na, Lust bekommen auf die Idylle unberührter Natur?

 
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Kommentare
Titta schrieb am 13.06.2009 um 01:30
Die Menschen sind Teil der Natur. Was sollte daher anders sein "in der Natur"?
Thearcadier schrieb am 13.06.2009 um 02:19
Nichts. Aber genau das wird eben gern vergessen. Hatte jüngst eine Diskussion mit jemandem, der mir ersnthaft erklären wollte, dass die Natur nur gut sei. Wirklich?
Ich sehe das anders (siehe zweiter Artikel)

Gruß
Thearcadier
Titta schrieb am 13.06.2009 um 21:47
Ich denke, die Natur steht einfach quasi über menschlichen moralisch-ethischen Werturteilen. Was wüßte die Natur auch über gut und böse.
Allerdings, der Mensch als Teil der Natur weiß etwas davon, ergo müßte die Natur auch etwas davon wissen.
Was man zuallererst bräuchte, wäre demnach eine Definiton von dem, was Natur eigentlich ist.
Thearcadier schrieb am 13.06.2009 um 21:58
Natürlich verschwimmen die "menschlichen" Gut/Böse-Schemata in der Natur. Der Waran zB tötet schließlich, weil er Hunger hat (was der Mensch auch tut, aber wir lassen das von einigen wenigen übernehmen). Wenn sein Opfer aber an einer Blutvergiftung stirbt, ist das der gleiche Todeskampf wie der eines Menschen. Und für das Opfertier ist das nunmal nicht schön. Kein Lebewesen auf der Welt möchte freiwillig sterben oder erkranken, weil das die Population begrenzt. Sogar Pflanzen haben Abwehr-Systeme. Da dürfte es streng genommen für Vegetarier sehr eng werden^^.

Also halten wir fest: das Gut/Böse-Schemata mag nicht so ohne weiteres auf die Nautr übertragbar sein, aber für die Opfer ist es nicht besonders angenehm, wenn sie gefressen werden.
I.D.A. Liszt schrieb am 15.06.2009 um 21:13
Trotzdem ist eine Wiese einfach schön, oder ein Wasserfall mit einem Tannenwald daneben und davor einer Wiese.
Ich sehe so etwas gern, und ich befinde mich auch gern an solchen Orten.

Außerdem esse ich auch gern Salami, Schinken usw.
Sterben ist Teil des Lebens, so wie das Vergehen Teil des Werdens ist.
Deswegen Trübsal zu blasen, bringt doch nichts. Da kann man sich ja gleich einen Strick nehmen oder vor den Zug werfen (das gibt der DB natürlich wieder eine Ausrede für Verspätungen, also doch lieber den Strick!)
Thearcadier schrieb am 15.06.2009 um 21:54
Natürlich ist eine Wiese eine schöne Sache. Auch mir gefällt sowas. Und wenn Du Dich auf meinem "richtigen" - also eigenen - Blog umschaust, wirst Du merken, dass ich für Trübsalbläser eher wenig übrig habe.

Dennoch geht mir die Wahrnehmung der Natur aus Sicht des Menschen manchmal ziemlich auf den Zeiger, was ich dann in einer solchen Geschichte verarbeite.
Tom Zille schrieb am 15.06.2009 um 21:29
Dieses Blog beschreibt genau jenen Grund, aus dem man "artgerechte" oder "natürliche" Tierhaltung ablehnen kann. Was wäre das für ein Gemetzel..
Thearcadier schrieb am 15.06.2009 um 22:00
Hm, Einspruch. Was die Haltung der Tiere in der Tierproduktion (was ein abartiges Wort) angeht, wird schon seit längerer Zeit geforscht, wie man zB einen Schlachthof für eine bestimmte Tierart möglichst angenehm gestalten kann. Da gibt es durchaus Potential.

Vielleicht hast Du aber auch einen Denkfehler gemacht. "Artgerecht" heißt nicht "wie in freier Wildbahn" mit Fressfeinden usw, sondern "auf die Bedürfnisse der Tiere abgestimmt.
I.D.A. Liszt schrieb am 15.06.2009 um 23:48
Au ja, eine angenehmer Schlachthof!
Das brauchen wir echt noch.
Irgendwie erinnert mich das an Brecht, "Wenn die Haifische Menschen wären" - warum nur?
Tom Zille schrieb am 16.06.2009 um 09:29
@Thearcadier: Du hast Recht, ich meinte jedoch eher "artgerecht" im Wortsinne. Böse betrachtet brauchen die Arten Fressfeinde, um die Population auszugleichen.

@I.D.A. Liszt: Ein angenehmer Schlachthof wäre dann genau das Gegenteil des oben beschriebenen. Eben menschlich-pervertiert. Daher kommt man vermutlich zu Brechts Text...
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