thekingisdead

Blog von thekingisdead

22.11.2011 | 13:09

Im Auto mit dem Vater

Im Folgenden ein kleiner Streit, dem ich mich vor ein paar Tagen aussetzen musste, allerdings leicht verkürzt:

Letztens saß ich im Auto meiner Tante. Wir waren auf dem Weg zur Goldenen Hochzeit meiner Großeltern und mein Vater, der vor mir saß, fing an, darüber zu meckern, dass die Schulanfänger heutzutage zunächst so schreiben dürften, wie sie wollen. Wie furchtbar! Wir haben doch auch gleich gelernt, alles richtig zu schreiben!

Ich setzte an, um ihm zu sagen, dass das durchaus sinnvoll sei, da schallte mir schon ein überaus lautes NEIN entgegen - das macht keinen Sinn, das ist totaler Blödsinn. Man müsse sich doch nur mal angucken, wie die Sechstklässler heutzutage schrieben.

Hä? Die Sechstklässler? Was hat er denn heutzutage mit Sechstklässlern zu tun und woher weiß er, wie die schreiben, fragte ich ihn. Mein Ton war, zugegebenermaßen, ziemlich aggressiv, aber ich kann, auch das muss ich gestehen, diese Meckerei von ahnungslosen Stammtischlern nicht mehr hören.

So konnte er mir auch keine Antwort auf die Frage geben, es muss anscheinend reichen, dass früher auch alles ging. Ob ich denn immer alles gut finden müsste, was so an Bildungsreformen in Berlin durchgeboxt wurde, fragte er mich. Und Lehrmeinungen würden sich doch auch ständig ändern. Und überhaupt, ich sei Erzieher und kein Lehrer. Nein, sagte ich, ich finde nicht alles gut. Schuleingang mit fünf? Totaler Quark, wird dir jeder Pädagoge sagen. Und ja, sagte ich, Lehrmeinungen ändern sich vielleicht, werden aber selten ganz zurückgenommen, eher erweitert durch neue Aspelte oder Blickwinkel. Zu guter letzt, bevor eine gespenstische Stille im Auto herrschte, gab ich ihm Recht, dass ich kein Lehrer bin, er aber auch nicht weiß, was ich den ganzen Tag in der Schule mache und was die Lehrinhalte meiner Ausbildung waren - unter anderem nämlich Lerntheorien und Didaktik in der Grundschule sowie jede Menge Erziehungswissenschaft.

Nach einer Weile, fragte er mich dann doch, wie das denn gehen soll. Ich erklärte ihm, dass es vordergründig darum geht, die Kinder in die Lage zu versetzen, durch genaues Hinhören Wörter ins Schriftbild zu übersetzen. Dass die Rechtschreibung nicht von vornherein korrekt ist, spielt auch erstmal keine Rolle, da es für sie völlig unlogisch und unwichtig ist, dass z.B. das Wort "fühlen" mit f anfängt und ein h als vokalverlängerndes Element enthält. So what? "vüln" geht doch auch (erstmal), die Kinder sind stolz wie Bolle, wenn sie sehen, dass sie das schreiben können, was sie denken.

Als Abschluss gab ich ihm noch zu verstehen, dass dann natürlich auch noch die Rechtschreibung kontrolliert wird, im späteren Schulverlauf noch Grammatikunterricht gegeben wird und die Kinder somit verstehen, warum was wie geschrieben wird und das sich das im Endeffekt gar nicht so sehr von dem unterschiedet, wie wir das früher gelernt haben, aber das könne er ja nicht wissen - woher auch? Ich sagte ihm, er soll sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen - wenn er nämlich keine Ahnung hat, kann er ja mich fragen -

oder einen Lehrer.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Vaustein schrieb am 22.11.2011 um 17:51
Woher soll er aber wissen, dass er "keine Ahnung hat", wenn er zu wissen glaubt, er habe eine? ;-))
thekingisdead schrieb am 23.11.2011 um 17:27
stimmt...kleiner Schnitzer in der Pointe :)
thekingisdead
Kleine Beiträge zur Berliner Bildungslandschaft...
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
20.11.2011
Zuletzt aktiv:
23.11.2011
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 1
Kommentare: 1
Logbuch
03:20
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:19
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:19
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:11
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:01
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG