Thomas Geiseler

Blog von Thomas Geiseler

11.02.2011 | 09:19

Ägypten: Die Machtteilung als Gefahr für die Protestbewegung.

Das war also die ,,wichtige Mitteilung" - und alles bleibt beim alten. Präsident Mubarak bleibt im Amt, und beschneidet seine Macht nur nominell. Die 'Zugeständnisse' an die Demonstranten, Teile der Macht an den erst vor wenigen Tagen ernannten Vize-Präsident Omar Suleiman abzutreten, sind nicht mehr als Appeasement. Zu offensichtlich und gleichzeitig dilettantisch ist das Manöver: Ausgerechnet die Machtteilung mit dem erfahrenen Geheimdienstchef, seit 1993 verantwortlich für Folterungen an Regimegegnern und wohl der loyalste Helfer des Diktators, soll die Aufmüpfigen beschwichtigen, und die Protestbewegung spalten. 

Auch wenn es zunächst ein perfider Vergleich ist: Als gebürtiger Hesse erinnert es mich an den Rücktritt Roland Kochs. Die Galionsfigur der hessischen CDU-Stahlhelmfraktion, und somit automatisch die Hassfigur nicht nur für überzeugte Linke sondern auch für viele Bürgerliche, gab am Morgen des 25. Mai letzten Jahres seinen bevorstehenden Rückzug bekannt. Die Antipathie gegen Koch war das Verbindungsstück für die parlamentarisch und außerparlamentarische Opposition Hessens und hielt nicht zuletzt die zerstrittene Hessen-SPD zusammen. Der gemeinsame Gegner schloss die Lücken. Doch die spontanen Jubelfeiern vor dem hessischen Landtag waren verfrüht: Als am Abend des selben Tages Volker Bouffier in gewohnter CDU-Manier ohne nennenswerte Debatte zum Nachfolger ernannt wurde, war für den Politikwechsel in Hessen mehr verloren als gewonnen. Klar war sofort, dass der treue Gefolgsmann die Politik Kochs fortsetzen wird - die Oppositionellen aber ihr Verbindungsstück und einen Garanten für Protestwählerzustimmung verloren hat. Die Programmatik blieb, doch die im Vergleich zu Koch geläuterte Rhetorik Bouffiers ist für die Opposition wenig kampagnenfähig. 

Eine ähnliche Wirkung kann bis zu den Präsidentschaftswahlen die vermeintliche Machtabgabe Mubaraks haben. Die Meinungsbildungsmechanismen unter den Mächtigen bleibt intransparent und aller Voraussicht nach hat Omar Suleiman die selben Befugnisse wie zuvor. Mubarak konstatierte selbst, dass es nicht ,,seiner Natur" entspräche Verantwortung abzugeben. Dennoch werden Teile der Protestbewegung sich nach zermürbenden Tagen des Aufruhr nach Alltag sehnen, und sich zunächst mit den Maßnahmen zufrieden geben. 

Darüber hinaus stellt die Ansprache ja schon fast eine Verhöhnung der Proteste dar: Mit Suleiman soll ausgerechnet einer der loyalsten Helfer der Diktatur den ,,Übergang" einleiten und verwalten. Abschließend ein passendes Zitat hierzu aus der Biographie Max Plancks: ,,Eine neue Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass die Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist." 

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.02.2011 um 09:48
Verehrter Blogger, ich vermute, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. HEUTE ist der Tag der Entscheidung. Mir scheint, dass es auch innerhalb des Machtapparates zu Spannungen gekommen ist und das Militär möglicherweise doch das letzte Wort hat. Erschreckend ist jedoch das Versagen des Westens, insbesondere Europas. Wenn die Revolution in Ägypten scheitert, dann wird uns Europäern das noch teuer zu stehen kommen. Ewig flattieren wir die Despoten, machen mit ihrem Blut-Geld prächtige Geschäft und reiben uns verwundert die Augen, wenn sich der Geschäftspartner als menschenverachtender Verbrecher desavouiert.

Herzliche Grüsse
Monsieur Rainer
Thomas Geiseler schrieb am 11.02.2011 um 09:53
Sehr richtig. Dem widme ich auch meinen nächsten Beitrag ;-)
Rahab schrieb am 11.02.2011 um 09:57
und warum soll Europa diese revolution - egal, wie sie ausgeht - nicht teuer zu stehen kommen? gibt es einen guten grund dafür?
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.02.2011 um 10:14
Verehrter Forist, weil Europa sich zulange mit den Despoten und Kleptokraten auf der ganzen Welt gemein gemacht hat und gleichzeitig seine Menschenrechtscharta von 1953 wie eine Monstranz vor sich hertrug. Frei nach Berthold Brecht: " Erst kommt das Fressen, dann die Moral!" Wer dem Dieb die Steigleiter hält, ist im strafrechtlichen Sinne Mittäter. Ergo werden die westlichen Demokratien zurecht als Mittäter der Mörder, Despoten, Kleptokraten denunziert werden dürfen. Seien wir mal ganz ehrlich, es sind keine vier Wochen vergangen, da hat Frau Dr. Merkel zusammen mit Herrn Mubarak das Wachbataillon der Bundeswehr abgeschritten und Küsschen ausgetauscht. Diese Bilder werden dem gepeinigten Volk in Ägypten nicht verborgen geblieben sein.

Herzliche Grüsse
Monsieur Rainer
Rahab schrieb am 11.02.2011 um 10:23
je eben
und aus diesen und anderen gründen darf uns das doch mal teuer zu stehen kommen. über denunziationen hinaus.

meine frage war nämlich, warum es das nicht sollte!
Alien59 schrieb am 11.02.2011 um 10:23
Weder diese Bilder, noch die, die Frau Merkel NACH Beginn der Proteste mit Netanjahu zeigten, noch die dämlichen Erklärungen, noch ....
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.02.2011 um 11:27
Verzeihung, habe ich etwas falsch verstanden oder falsch kommentiert? Bitte höflich um Aufklärung.

Danke
Monsieur Rainer
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.02.2011 um 11:30
Verehrte Alien59, Sie haben ja so recht, es gäbe noch zahlreiche Beispiele der Komplizenschaft mit den Despoten dieser Welt. Aber hier für die Menschrechte heucheln, ja das können sie, unsere Wahrer der freiheitlich demokratischen Gundordnung. Gleich wird mir wieder schlecht!

Herzliche Grüsse
Monsieur Rainer
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