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Mediale Volksverdummung und die selbstverschuldete Unmündigkeit - Die Funktionsweisen des Mediensystems
Aus der schwindenden Wahlbeteiligung geht ein alarmierendes Signal hervor: Die Entfremdung der Bürger von der Politik im allgemeinen und von den Parteien im speziellen. Das kann man auch daran festmachen, dass bei einer Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2009 von 72,2% die Nichtwähler, würden sie quasi eine fiktive Partei darstellen, mit 27,8% die größte Zustimmung aller Parteien erhalten hätten. Dem zugrunde liegt die Gleichgültigkeit der Masse der Bevölkerung. Politik steht längst nicht mehr im Zentrum des Lebens der Menschen und wurde schrittweise von medialen Phänomenen, die der Unterhaltung dienen, verdrängt. TV-Shows wie das Dschungelcamp, ,,Das Supertalent“ oder ansonsten allem, was RTL und die Konkurrenten im Privatfernsehen zu bieten haben, bieten selbstsprechend der Gesellschaft keinen langfristig nutzvollen Beitrag. Herausragend ist König Fussball: Die wöchentlich stattfindende Bundesliga, die zu dem gesellschaftlichen Topereignis geworden ist, was durch 7 Millionen Sportschau-Zusehern und durchschnittlich 375.000 Stadionbesuchern pro Wochenende illustriert wird, hat dahingehend eine besonders exponierte Stellung.
Der oft in verschwörer ischer Art und Weise dargestellten und populären These, dass all dies in einem großen Zusammenhang eines Komplotts der Mächtigen mit dem Ziel zu bringen ist, den Bürger von der Partizipation und dem konstruktiven Nachdenken fern zu halten, also dem Entschwinden aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit im Sinne von Kant, kann ich nichts abgewinnen. Zunächst mal ist festzuhalten, dass den Medien ein Marktsystem zu Grunde liegt. In diesem Markt stellen die Medien die Angebotsseite dar. Einem Markt liegt inne, dass jeder Anbieter (in diesem Beispiel mit Ausnahme der öffentlich-rechtlichen Anstalten) den optimalen Nutzen im kommerziellen Sinne erzielen will, sogar erzielen muss. Kein Marktteilnehmer ist aus der Natur der Sache des Marktsystems heraus irgendwelchen moralischen oder ethischen Grundsätzen verpflichtet - der Markt erzeugt solche Tugenden nicht selbstständig. Dass insbesondere die privaten Fernsehanstalten daher an ihrer Quote und somit gleichermaßen an ihrem Selbsterhalt und nicht an Bildungszwecken gebunden sind ist selbstredend. Inwiefern man es vor diesem Hintergrund noch glaubwürdig kritisieren kann, dass allen voran RTL den Voyeurismus der Marktnachfrager mit Ekel-TV a la Dschungelcamp befriedigt, ist zweifelhaft. Fest steht, dass nur zwei Maßnahmen das Niveau bessern können: Eine klare Regulierung der Medienaufsicht, die eine öffentliche Medienkampagne von sondergleichen mit Zensurvorwürfen nach sich ziehen würde, oder eine Änderung des Konsumverhaltens der Marktnachfrager, also uns allen als Zuschauern - das ist der sinnvollste Ausweg. Daher gilt wie so oft Kant: Es ist eine selbstverschuldete Unmündigkeit, keine fremdverschuldete. Man kann schlicht nicht leugnen, dass die BILD-Zeitung ein demokratisches legitimiertes Meinungsmedium ist, da es von etwa 3 Millionen Menschen gekauft und von circa 11,5 Millionen Menschen konsumiert wird - und das Tag für Tag.
Wie in jedem Markt gibt es nach absehbarer Zeit Monopoltendenzen, hierbei bildet die Medienbranche keine Ausnahme. Eine Auswirkung ist die Kartellbildung der Meinungsmacher, die nicht nur über ihre Meinungskraft massiven Einfluss auf die Politik nehmen kann. Beispielhaft dabei ist neben den bekannten Grundsätzen des Axel-Springer-Verlages vor allem der Bertelsmann-Konzern, der über die gleichnamige Stiftung ihren Einfluss durch medialen Druck geltend macht und dadurch ihre unternehmerische Ziele verfolgt - mit anderen Worten moderne, grenzwertig legale Korruption und großspuriger Lobbyismus.
Ressentiment des unfähigen Politikers: Irrglaube oder Fakt?
Ein weiterer Punkt, der die Gleichgültigkeit der Bevölkerung gegenüber der Politik zur Folge hat, ist, dass den Volksvertretern im allgemeinen immer weniger substanzielles zugetraut wird - eine Einschätzung, die ich teile: Zum einen wird der finanzielle Spielraum der öffentlichen Haushalten unter anderem aufgrund extremer Zinslasten stets enger, was große gehaltvolle Lösungen erschwert. Zum anderen verheddern sich Politiker aller Richtungen in einer Kultur, die politische Maßnahmen unter dem fatalen Begriff ,,alternativlos“ medial präsentiert. Dies ist der Kern des gesamten politischen Stillstands indem wir uns aktuell befinden, denn große geistreiche und existenzielle Lösungen für die bedeutsamsten Probleme unserer Zeit erfordern Mut und die Beherztheit für sie weitreichend einzustehen und notfalls die eigene Karriere für eine Überzeugung aufs Spiel zu setzen. Dahingehend ist Mut eine Tugend, die die Karrieristen in den Parteispitzen vor Angst des möglichen Karriereschadens nicht besitzen und sich nicht leisten könne, wollen sie ihre Karriereziele erreichen. Man kann es leicht kritisieren, aber das Fehlen dieses Mutes ist systemimmanent. Man muss sich bewusst machen, dass einer höhergestellten politischen Karriere Jahrzehnte von aufreibenden Straßenwahlkämpfen, ehrenamtlicher Parteiarbeit neben dem Beruf und ermüdender Debatten mit einer Vielzahl von Anfeindungen vorhergeht. Dass man dann sein Lebenswerk aus Sicht der Politiker nicht durch Kühnheit aufs Spiel setzt ist für mein Dafürhalten absolut verständlich. Hermann Scheer hat zu diesem Sachverhalt im Film ,,Let's Make Money“ von Erwin Wagenhofer den sinnigen Satz beigetragen, dass wir es in der Politik mit immer mehr Attrappen zu tun haben, da die Medienkartelle durch ihre ausserordentliche Kampagnenmacht die Karrieren der Volksvertreter bei Bedarf in der Hand haben. So gesehen ist der Politiker als solcher schon fast ein Opfer des Systems, wenn man voraussetzt, dass er sein Leben dem edlen Ziel widmet die Interessen der Bevölkerung zu vertreten. Aus dieser Perspektive ist der ferngesteuerte und avantgardistische Politiker der im Karriereinteresse erfolgreichere - zu Ungunsten der Volksinteressen.
Teil 2 widme ich der Suche nach Handlungssträngen und Konzepten für Parteien um eine politische Bedeutung herzustellen.
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Kann ich weitgehend teilen.
Dennoch zwei Anmerkungen: - "würden sie quasi eine fiktive Partei darstellen,"; halte ich für spekulativ. Eher wahrscheinlich ist, dass diese Bevölkerungsgruppe sich in mehreren Organisationen aufsplittet. - Vermuten Sie wirklich, dass politisch aktive Menschen sich dem Privatfernsehen, BILD etc. verweigern. Ich kenne genügend politisch interessierte Menschen, die sich dem Privatfernsehen nicht verweigern. Bin auf den zweiten Teil gespannt. |
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Hallo erstmal,
,,fiktive Partei" der Nichtwähler war wirklich nur eine Randbemerkung die verdeutlichen sollte, dass die Volksparteien an Zustimmung verlieren und sich gleichzeitig schon fast 30% von der Wahl verabschiedet haben. War vielleicht doch etwas unpassend ;-) Zur Verweigerung des Privatfernsehen: Keineswegs vermute ich an dieser Stelle, dass es eine Verweigerungsbewegung aus der Mitte der Gesellschaft geben wird, dazu reicht meine prophetische Kraft leider nicht aus ^^ Ich versuche stets ein Problem zu erkennen, und dann unbedingt Handlungsoptionen zur Lösung abzuwägen. Die einzige sinnvolle Handlungsoption, die die Kräfteverhältnisse der Medien zugunsten der Bildungsmedien zurechtrückt, ist aus meiner Sicht innerhalb des Marktes die Nachfrage zu verschieben - in diesem Fall also ein anderes Konsumverhalten der Zuseher. Ob dies auch geschehen wird kann ich nicht kompetent beurteilen, aber die Hoffnung stirbt zuletzt :-) Lg |
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Zum Teil möchte ich widersprechen: Nach meinem Dafürhalten handelt es sich nicht um zunehmenden Politikverdruss (im Gegenteil: Das Referendum in Berlin, Stuttgart 21, etc sprechen doch für eine zunehmende Politisierung des Einzelnen), sondern um Politikerverdruss. Und der ist nun wirklich auch verständlich.
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Richtig erkannt. Zum Ende des vergangenen Jahres tat sich dahingehend einiges - es ist Bewegung in diesem Thema.
Ich denke Politikerverdruss und Politikverdruss im Sinne eines Systemproblems gehen beinah schon miteinander einher. Ich werde versuchen in Teil 2 etwas genauer zu sezieren. |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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