Thomas Lenz

Blog von Thomas Lenz

22.02.2010 | 14:16

Lars von Triers "Antichrist", oder:

 

Wie viel individuelle Perversion ist der Öffentlichkeit zuzumuten?

Wo filmischem Handwerk und Kunst seine natürliche Grenze aufgezeigt werden muss - eine Polemik.


Eine Frau schneidet sich mit einer rostigen Gartenschere die Klitoris ab. Nüchtern und rational betrachtet scheint diese Sequenz des Films "Antichrist" von Lars von Trier unseren Kulturbetrieb zu ergötzen. Kritiken in der Zeit und FAZ jubeln von dem Bösen, von Angst, von stimmiger Ästhetik. Doch was ist dem Publikum tatsächlich in Bildern noch lieferbar? Es scheint, als wäre die Kulturelite an Abgebrühtheit nicht mehr zu überbieten. Es scheint wohl auch als progressiv und provokant zu gelten, wenn abgründige Fantasien eines Filmemachers handwerklich perfekt auf Film gebannt, ästhetisiert und auf die Leinwand projiziert werden. Doch was soll es? Tabubruch in der Kunst? Man könnte sich kein langweiligeres Thema mehr vorstellen als eine abartige Symbiose aus Sex, Angst und Brutalität. Es wird einem physisch übel, diese Szenen zu verfolgen, geschweige denn, sie nachträglich zu reflektieren. Darüber kann eine durchdachte Symbolik, Metaphorik und Bildsprache nicht hinwegtäuschen. Man hört jetzt schon Gegenstimmen, die rufen: Spießertum, Freiheit der Kunst an oberster Stelle, und überhaupt: Zensur!

Doch ist es tatsächlich rechtens, einem Publikum, dass sich bewusst diesen Film ansieht, nachhaltig und unterbewusst die widerwärtigsten Lichtmalereien in ihre Psychen zu brennen?

Die individuelle Freiheit hört immer dort auf, wo sie die Freiheit des Kollektivs einschränkt. Ja, natürlich ist jeder frei in der Wahl, sich diesen oder jenen Film anzusehen. Dann wäre er aber auch in sonstiger Weise frei jeglicher Perversion wie Kinderpronografie oder antisemitischen Parolen in den Medien zu entgehen. Diese Inhalte sind per sé nicht erwünscht - zu Recht. So könnte man ebenso schärfer mit absurdem Seelenmüll umgehen, der, durch welches Medium auch immer, verbreitet wird. Es ist im Diskurs immer wieder wichtig, ein neues "normal" zu definieren und nicht ein stetiges "Anything goes!" Was gestern richtig war, kann eben heute schon falsch sein.

Ein demokratisch gewähltes Gremium wäre durchaus legitimiert, solchem Material einen Riegel vorzuschieben, der die Würde einer menschlichen Psyche schützt und sie vor nachhaltigem Schaden bewahrt.

 

 

 
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