Thomas.W70

Gedanken zu Musik und Literatur

11.11.2011 | 21:07

Drittklassiges Provinztheater - Roland Emmerichs Film "Anonymus"

Auf die Frage wie William Shakespeare, der Handschuhmachersohn aus Stratford, es geschafft hat so überzeugend über eine aristokratische Welt, in der die allermeisten Shakespeare Stücke spielen, zu schreiben ohne je selbst in dieser Welt gelebt zu haben bekommt man von Stratfordianern immer dieselbe Antwort: Shakespeare sei eben ein Wunder an Imaginationsfähigkeit gewesen.

Paradoxerweise ist dieser Film von Roland Emmerich, der ja eigentlich die orthodoxe Lehre der Stratfordianer attackiert, ein eklatantes Beispiel dafür, was für Mist herauskommt, wenn man sich etwas ausdenkt.

Natürlich darf sich der Künstler alle Freiheiten nehmen und es wäre müßig die historischer Fehler, von denen der Film nur so strotzt, aufzuzählen. Doch wünschte man sich fast, dass die Drehbuchschreiber es mit der Wahrheit genauer genommen hätten, dann hätte man vielleicht die Anhäufung dämlicher Klischees, die einem oft die Tränen in die Augen treiben, vermeiden können.

Denn das kommt heraus, wenn man seine Imagination walten lässt: leblose Klischees. Das macht den Film, der laut Emmerich ein Thriller sein soll, auch gähnend langweilig. Man sieht Menschen lieben, kämpfen, foltern, betrügen und leiden und fragt sich doch die ganze Zeit: warum machen die das eigentlich. Alle Gefühle sind nur behauptet und ausgedacht, was die Leute antreibt bleibt schleierhaft.

Ausgerechnet aus den Cecils die Bösewichter zu machen ist nicht nur historisch Blödsinn - in Wahrheit waren sie der Literatur sehr zugetan und William Cecil hatte großen Anteil daran, dass die Zeit Elisabeths so (relativ) friedlich war - es macht auch den Plot viel unwahrscheinlicher als er hätte sein können, wenn man sich mehr an die Wahrheit gehalten hätte. Die Konstellation des Films stellt die Wahrheit eigentlich auf den Kopf. Oxford und Essex waren die gefährlichen, unberechenbaren Egomanen, die über Leichen gingen. Die Cecils mussten immer schlimmeres verhindern.

Deswegen kann der Film auch als Künstlerfilm nicht funktionieren. Der Erfolg des Films Amadeus beruht vor allem darauf, dass bei aller Überzeichnung und Freiheit, die man sich genommen hat, ein authentischer Zug von Mozarts Charakter, seine jungenhafte nervöse Ausgelassenheit und Reaktionsschnelle, lebendig zum Ausdruck kommt.

Oxford war in Wahrheit einer, der beständig Grenzen überschritt und anders als im Film auch keine Berührungsängste mit den commoners hatte (William Cecil beklagt sich in einem Brief über Oxfords unseligen Hang sich mit Schauspielergesindel herumzutreiben).

Er war (wie auch Freud konstatierte) eine Spielernatur, die immer volles Risiko ging und kein Maß kannte. Im Film wird zwar erwähnt, dass er sein Vermögen verlor, doch nicht wie. Er inszenierte spektakuläre Veranstaltungen für die Königin, kaufte ein eigenes Schiff, um gegen die spanische Armada zu kämpfen, warf auf Reisen nur so mit Geld um sich und setzte auf hochspekulative Investitionen. 

Hätte man mehr von diesem draufgängerischen Charakter, der seine frühen Stücke wie etwa Romeo und Julia durchpulst und so unwiederstehlich macht, lebendig machen können, wie aufregend hätte der Film werden können. Absurderweise ist gerade Shakespeare im Film draufgängerischer und verschwenderischer als der blasiert brav dargestellte Oxford. Dabei war Shakespeare in Wirklichkeit ein Pfennigfuchser, der geschäftlich immer auf Nummer sicher ging.

Es gibt soviel direkte Bezüge von Oxfords Leben zu Shakespeares Werken, die man hätte nutzen können, stattdessen werden die Stellen aus Shakespeares Werken, die im Film vorkommen so geboten wie sich das Leute, die von Shakespeare keine Ahnung haben, wohl vorstellen: als drittklassiges Provinztheater.

 
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Thomas.W70
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