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Frieden – Wie geht das?

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Klaus von Dohnanyi, Erich Vad

Hardcover, gebunden

160 Seiten

22 €

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Meine Frau weint

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Angela Schanelec

Drama

Deutschland, Frankreich 2026

93 Minuten
ab dem 11. Juni im Kino!

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Kultur : Erotische Kernschmelze - Zu Kleists Trauerspiel "Penthesilea"

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"Entsetzlich" nannte Thomas Mann das Stück und sprach damit nur das Offensichtlichste aus. Schon Kleist selber schrieb in einem Brief, dass es zwangsläufig Entsetzen hervorrufen müsse und genau dies ist auch das Wort, dass die Oberpriesterin ausruft als sie vom kannibalistischen Blutrausch der Amazonenkönigin Penthesilea erfährt.

Entsetzen ist also nicht nur das Leitmotiv der Rezeption des Stückes, angefangen bei Goehte, dem es Kleist zu Füßen legte und der sich schaudernd abwandte, es ist auch ein immanentes Motiv des Stückes selbst.

Doch was geht da vor? Was ist das für eine Dynamik, die hier in Gang gesetzt wird und solches Entsetzen auslöst?

Bis heute ist rätselhaft, ob der Trojanische Krieg so stattfand, wie ihn Homer schildert oder ob es das Volk der Amazonen tatsächlich gegeben hat. Wahrscheinlich ist, dass es sich dabei um eine Essenz aus Geschichten und Konstellationen handelt, die so oder so ähnlich tatsächlich zu verschiedenen Zeiten und wiederholt geschahen und sich gewissermaßen zu mythischen Geschichten kristallisiert haben.

Was dem aufmerksamen Beobachter an dieser "Liebesgeschichte", wenn man sie wirklich so nennen will, auffällt ist die merkwürdige gleichgeschaltete Konstellation der Hauptgestalten, denn sowohl Penthesilea als auch Achilles sind, erstens die größten Krieger ihres Volkes, zweitens Narzissten, und drittens homosexuell.

Letzteres mag zunächst verwundern, ist aber in Wahrheit ein entscheidender Faktor in der explosiven Formel dieser Konstellation. Denn die gefährliche Dynamik entsteht aus einer seltsamen Überkreuzung von natürlicher Geschlechterdifferenz auf der einen Seite und der homosexuellen Durchkreuzung dieser Differenz.

Der Amazonen-Mythos ist die, ins extreme getriebene, Essenz lesbischer Selbstverwirklichungsträume. Dass sich die Amazonen separieren ist schon per se Ausdruck dieser überkreuzten Differenz. Denn das männliche Element in der lesbischen Frau strebt nach Macht und Herrschaft, oder freundlicher formuliert Selbstbestimmung, doch die physische Unterlegenheit gegenüber Männern macht das innerhalb einer natürlich gemischten Gesellschaft unmöglich.

In den drakonischen Sitten der Amazonen, die den männlichen Nachwuchs töten oder verstümmeln offenbart sich der latente Männerhass von homosexuellen Frauen, der in seiner aggressiven maskulinen Art auf Vernichtung ausgerichtet ist. Dieses Trauma der physischen Unterlegenheit offenbart sich kompensativ in einer übersteigerten Kompetitivität.

Dieses drückt sich auch im Fortpflanzungsritual der Amazonen aus, die sich in einer dionysischen Orgie von Männern, die von den Amazonen im Kampf besiegt worden sind, begatten lassen. Die Eros der Überwindung im Kampf dient hier gewissermaßen als Substitut für den sexuellen Eros bei der biologisch notwendigen Fortpflanzung.

Was bei den Amazonen von der biologischen Weiblichkeit übrig bleibt sind die familiären Strukturen, die flachen Hierarchien, eine gewisse soziale, durch Rituale befestigte Homogenität.

Dass Achilles auf der anderen Seite ein Einzelgänger ist, eine narzisstische Diva, die die Griechen mit ihren Launen in den Wahnsinn treibt, zeigt auf den ersten Blick die antagonistische Konstellation des männlichen Homosexuellen. Als Krieger ist er eigentlich eher eine Ausnahmeerscheinung in der testosterongetränkten Welt heterosexueller Männer. Für ihn ist der Kampf wie ein Auftritt und die ästhetische Komponente drückt sich auch in dem von Homer geschilderten eleganten Art seines Kampfes aus, das sich vom Draufhauen eine Ajax deutlich unterscheidet. Das antagonistische Gegenstück zur maskulinen Unterwerfungslust der Amazonen ist bei Achilles eine stille Sehnsucht nach femininer Auslieferung und Unterwerfung.

Dass er Hektor nicht verstümmelt, ihm etwa den Kopf abschlägt, was sonst ein klassischer symbolischer Akt totaler kriegerischer Vernichtung ist, sondern wie eine Trophäe im Wagen hinter sich herschleift, drückt auf einer atavistischen Ebene die masochistische Färbung seiner sexuellen Konstitution aus. Achilles geht es dabei nicht um Demonstation sondern um Provokation. Wie das Wort schon sagt, will er damit also Aggression "hervorrufen" statt sie "auszustellen".

Die doppelte Umpolung erzeugt also von Natur aus gewisse komplementäre Anziehungspotentiale zwischen Homosexuellen verschiedenen Geschlechts. Dazu gehört auch die äußerliche androgyne Annäherung. Die Amazonen, die sich angeblich auch die Brüste abschnitten, glichen äußerlich wohl eher jungen Männern und Achilles wird umgekehrt immer als besonders schön gepriesen.

Dass es aber zu der gewaltigen und verheerenden Anziehung zwischen Penthesilea und Achilles kommt, dazu bedarf es wirkungsmächtiger Katalysatoren, und diese sind Narzissmus und Gewalt.

Für Penthesilea war Achilles schon von Jugend an und schon von der Mutter vorgesehen ihr Auserwählter, in jenem ambivalenten Sinn als Gegner im Kampf und Samenspender. Und sie in Folge dessen eine Auserwählte, der die Aufgabe zufiel jenen größten Krieger aller Zeiten zu überwinden. Umgekehrt ging auch Penthesilea der Ruf voraus, die gefährlichste Kriegerin der Amazonen zu sein. Wenn sie sich also begegnen, hat das eine ähnliche Qualität wie die Liebe auf den ersten Blick, jenes merkwürdige Phänomen, bei dem man für den Bruchteil einer Sekunde nicht nur ansieht, sondern sich gegenseitig "erkennt".

Der Narziss Achilles erkannte sich selbst in Penthesilea oder zumindest ein würdiges Gegenstück seiner selbst. Schon über Kampf und Krieg, der beider Lebensinhalt ist, entsteht eine Vertrautheit der Eingeweihten. Doch das Gefühl der Auserwähltheit, das sie sich in diesem Augenblick gegenseitig vermitteln, schaukelt sich zu einen narzisstischen Rausch hoch. Sie können von da an wie zwei Verliebte nicht mehr voneinander lassen.

Bezeichnender Weise sind sie in dem Augenblick am glücklichsten, als Penthesilea glaubt, sie hätte Achilles besiegt, und Achilles vorgeben kann er sei der Besiegte. Beider Narzissmus ist in diesem Augenblick befriedigt, da beide sich als Sieger fühlen. Und gleichzeitig berauschen sie sich an der Rolle der Unterwerferin und des Unterworfenen.

Für einen Augenblick scheint die Lage in einem Gleichgewicht, das all das folgende Ensetzen hätte verhindern können. Doch als die Täuschung auffliegt offenbart sich das gefährliche Potential der Konstellation und eine Kernschmelze lässt sich nicht mehr verhindern. Der gekränkte Narzissmus und das Trauma männlicher Überwindung Penthesileas münden in einen unkontrollierten Vernichtungswillen dem sich Achilles, durchaus willig, ergibt.

Der Katalysator all dieser Vorgänge, gewissermaßen der Schlamm, der alles in sich verschlingt ist Gewalt, genauer gesagt die Nachbarschaft von Gewalt und Eros, ein Aspekt, der insbesondere für Kleist eine große Rolle spielt.

Was in Sprichwörtern wie "was sich neckt, das liebt sich" und "jemanden zum Fressen gern haben" in liebenswürdig harmloser Form darstellt, hat atavistisch durchaus beunruhigende Ursachen. Sehnsucht und Furcht, Begehren und Gewalt sind Empfindungen, die gefährlich nahe beianander liegen.

Schrecklich es auszusprechen, doch das Klima des harten und blutigen Kampfes, in dem das Stück spielt, kann in pervertierter Weise als erotisierendes Klima empfunden werden. Und das ist zweifelsohne bei Penthesilea und Achilles der Fall. Alle Gewaltakte zwischen ihnen haben eine unverkennbar erotische, ja sexuelle Komponente, die die ursprüngliche Unvereinbarkeit der sexuellen Orientierungen dröhnend übertönt. Die Tötung Achilles, mit einem Pfeil durch die Kehle und sich in seinen Körper verbeissend (aus Küssen werden Bisse) ist nichts als ein grausam gewaltsam eskalierter Sexualakt mit vertauschten Rollen.

Warum Kleist, der wie er selbst gestand in diesem Stück den ganzen Glanz und Schmutz seiner Seele offenbart, von diesem Stoff so angezogen wurde, darüber wage ich nicht zu spekulieren. Doch fügt sich der Stoff auf merkwürdige Weise in sein gesamten Werk ein, das fast immer von Perversionen, durchaus im wörtlichen Sinn verstanden, handelt. Tatsächlich sind Perversionen, jene Differenz zum alltäglichen Durchschnitt vielleicht deswegen künstlerisch so produktiv, weil sie in der Differenz offenbarend wirken.

Entsetzen ist da durchaus eine adäquate Reaktion. Thomas Mann schreibt über Kleist, er sei mehr noch als Goethe und Schiller, vom heiligen Schauer der antiken Tragödie berührt gewesen. Darum geht es vielleicht wirklich beim Entsetzen: ein erschrockenes Bewusstwerden der atavistischen Wurzeln der Menschheit.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.