Ich war selbst ein wenig davon überrascht wie stark mich der Tod Loriots bewegt hat. Man hat das Gefühl, dass damit auch eine bundesrepublikanische Epoche zu Ende geht.
Dabei zählte ich nie zu den ganz großen Verehrern. Sicher habe ich über vieles schallend gelacht, über vieles geschmunzelt, doch der Kult und der Mythos des Perfektionismus erschien mir immer ein wenig übertrieben. Die Charge, Klamotte und Blödelei, die es auch immer wieder gab und die oft nicht weit von Didi Hallervorden entfernt war, haben mich immer wieder ein wenig ernüchtert.
Die Blödelei war vielleicht das passende humoristische Gegengift gegen die bundesrepublikanische Spießigkeit. Für anarchische Elemente war in der sozialen Marktwirtschaft der Bundesrepublik wohl nicht genügend umstürzlerisches Potenzial vorhanden. Zwar blitzte wie bei wohl jedem Humoristen auch bei Loriot gelegentlich ein Funken von Anarchie auf, doch waren es homöopatische Dosen. Grundsätzlich war sein Humor menschenfreundlich und somit affirmativ.
Allerdings reichten Loriots bildungsbürgerliche Wurzeln noch hinter die Bundesrepublik zurück. Da war auch immer ein Hauch von Felix Krull um Loriot. Nicht nur wegen der Jungenhaftigkeit, die Loriot selbst im hohen Alter noch anhaftete. Überhaupt schien Thomas Mann, dessen Liebe für Wagner und Fontane Loriot teilte, insgeheim ein Vorbild gewesen zu sein. Manche humoristische Personenschilderung in den Buddenbrooks oder dem Zauberberg erinnert, etwa in der Verwendung stereotyper Redewendungen, an Loriots Verfahrensweisen.
Als ich einige Sendungen in den vergangenen Tagen sah fand ich die Interviews mit ihm fast noch unterhaltsamer als seine Sketche. Dort kam seine feine menschenfreundliche Ironie oft spontaner und spielerischer zum Tragen als in seinen Werken. Und man spürte bei ihm eben jene, an Thomas Mann und Theodor Fontane gemahnende, bürgerliche Menschenfreundlichkeit, die von einer untergründigen Melancholie des Verzichts und der Aufopferung umflort ist.
Er war einer von jenen raren Menschen, dessen Gegenwart, und sei es nur auf dem Bildschirm, eine Wohltat fürs Gemüt war und einem das Leben und die Welt etwas freundlicher erscheinen ließ. Für diese Menschenfreundlichkeit habe ich Loriot geliebt und darum werde ich ihn vermissen.