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[Reblog von Versuch über den Wutbürger ]
Das Phänomen des Wutbürgers stellt ein markantes Merkmal des postdemokratischen Zeitalters dar. Um das Politische der neuen Zeit zu verstehen, muss er verstanden werden. Das kann über eine Einordnung gelingen.
Es muss uns äußerst verwundern, dass nicht die Anschläge des 11. Septembers 2001, die wie ein martialisches Zeichen Gottes über der Menschheit prangten, die Politik wiederbelebten wie es eigentlich offensichtlicher kaum sein könnte. Es ist weniger verwunderlich, wenn man sich vor Augen führt, dass dieses Ereignis nicht den Beginn sondern das Ende des Politischen nach dem Vorbild Carl Schmidts darstellen könnte. Ein letzter mörderischer Akt vor dem Abgang. In diesem Sinne war der Richtungskampf zwischen den liberalen und den autoritären Kräften stets einer, der sich im zweidimensionalen Feld(1) des Politischen abbilden ließ und man kann nun - 10 Jahre nach diesem Ereignis - sagen, dass „die künftigen Intellektuellen“ gar nicht so sehr zu „Offizieren“ geworden sind, wie Boris Groys kurze Zeit darauf prophezeite(2). Die Privatsphäre mussten wir noch nicht aufgeben. Zumindest nicht an das Panoptikum. Viel mehr rütteln Occupy-Bewegungen, S21-Gegner und Sarrazinisten an unseren Konstrukten und Theorien des Politischen.

Was hier erscheint, wie das wilde Zusammenwerfen jeglicher neuartiger politischer Aktionismen, ist genau das Gegenteil: Die Wutbürger - nennen wir sie im Kontext vereinfacht mal so - spannen eine völlig neue Dimension auf. Sie sind genauso sehr zusammengeworfen, wie man Oskar Lafontaine und Jörg Schönbom in einen Topf werfen hätte können. Somit ist es mir ein Anliegen, hervorzuheben, dass dieser topologischen Betrachtung des Wutbürgers keine negativen oder positiven Assoziationen naheliegen. Es soll gerade eben nicht das Denken der alten Lager greifen können. Der Wutbürger ist viel mehr ein Phänomen, das sich mit dem System Links-Rechts oder auch Liberal-Autoritär nur strukturell vergleichen lässt. Dies führt eine dritte Achse in die politologischen Spektren ein, an dieser auf der einen Seite der extreme Nicht-Wutbürger und auf der anderen der extreme Wutbürger verhaftet ist. Der Wutbürger, die dritte Dimension der Politik, ist demnach ein Produkt jenes „Zeitalter[s] der Neutralisierungen“ das nach dem letzten Weltkrieg das während des Kalten Krieges seinen Anfang nahm und dem Helmut Schmidt vielleicht als erster ein Statement widmete:
Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.
Eine Politik, die die Summe aller Verwaltungsakte darstellt und nicht mehr die Selbstdefinition über ein Außen in der Form eines Feindes benötigte und sich total entideologisiert darstellte. Der dadurch entstandene Freiraum schuf die Bedingung für die Möglichkeit, sich in einer neuen Richtung auszudifferenzieren. Dass diese Richtung nicht die des alten Spektrums ist, kann schon die eine empirische Betrachtung zeigen: Befragt man Linke, so wird man zu hören bekommen, dass die Rechten im Land das Sagen haben. Stellt man die selbe Frage einem Rechten, so wird er den „linken Konsens“ anprangern. In ähnlicher Form erhält man auch Antworten typischer liberaler oder repressiver Politiker. Auch für S21-Gegner wird man schnell Begründungen finden, wieso sie auf jeden Fall links sind. Oder auf alle Fälle konservativ. Ebenso wird man dies für S21-Befürworter können. Dieser Eindruck eines gesamtgesellschaftlich-politischen Protests entsteht also durch die Anwendung des etablierten zweidimensionalen politischen Koordinatensystems, das im Rückzug dieser Ideologien im postdemokratischen Zeitalter nicht mehr tragfähig ist und die Elastizität eröffnet, in die Dreidimensionalität vorzustoßen.
(1) Hier kann man (mit Vorbehalt natürlich) den Test machen, wo man selbst verhaftet ist: www.politicalcompass.org/test
(2) KUNSTFORUM Bd. 158 / Januar-März 2002. Boris Groys im Interview mit Vitus H. Weh über künftige Verschwörungsgesellschaften, den Terroranschlag vom 11. September und sein Buch „Unter Verdacht. Eine Phänomenologie der Medien“
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@Thomas Maier
ist der Begriff "Wutbürgr" nicht eher als Kampfbegriff erfunden, wie einst der Begriff 67er, 68er als Kampfbegriff im Hause Springer vom Welt Kolumnisten Matthias Walden, alias Baron von Sass, erfunden wurde? tschüss JP |
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Richtig. Und da würde ich auch gerne daran weiterarbeiten. Wut und Zorn sind zwei Begriffe, die das Sein und Wesen diese Phänomens umreissen aber keine Bedingung ihrer Möglichkeit schaffen. Es fehlt an einer Phänomenologie des Wutbürgers. Wie ich ja im Text erwähne, nenne ich ihn nur so, weil derzeit der Begriff dazu fehlt. Ich wäre sozusagen für fundierte Vorschläge offen. Was macht den Wutbürger aus? Wut ist nämlich schon gar nicht so falsch, wenn man die totale Negativität ausblendet, die dem Begriff beigemessen wird. Es ist in der Tat so, dass er Formen der Rage annehmen kann und im Wort "Wut" steckt der Gedanke der geringen Reflexion. Das zeigt sich zum Beispiel an der Nicht-Anerkennung des Abstimmungsergebnisses zu S21 was un-widersprechbar antidemokratische Auswüchse annimmt, weil der Mächte Spruch der Demokratie, der direkte Spruch des Volkes nicht mehr ausreicht, um der "Wut" Einhalt zu gebieten. Unser Handwerkszeug heute ist zwar umfangreicher als das von Carl Schmitt, aber wir sind dennoch noch sehr weit davon entfernt, den Wutbürger einordnen zu können. Als dritte Dimension ist er ja immer noch verbunden mit den "alten" Polen des politischen Spektrums.
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Der Begriff „Wutbürger“ ist vor allem dazu angetan, Erkenntnis zu verhindern. Das Phänomen der Empörung hat aber verschiedenste Ursachen (auf die ich an dieser Stelle nicht weiter eingehe).
Extrem wichtig ist bei einer auf „den Menschen“ (den es so eigentlich nicht gibt) fokussierten (also: bereits verengten und daher eigentlich im Sinne von Erkenntnis unzulässigen) Betrachtung die Differenzierung von „Wut“ und „Zorn“; das eine charakterisiert sich oft durch Blindheit, das andere setzt Reflektion voraus. Vielleicht noch dies: Der aktive, sich seiner Verantwortung und seines Platzes in der Gesellschaft durchaus auch mehr oder weniger bewusste citoyen wurde postdemokratisch degradiert zum Politik konsumierenden „Kunden“. In der dieser Logik innewohnenden Konsequenz ist der „Wutbürger“ also eher ein „Kunde“, der wütend seine „Verbraucher“rechte reklamiert. Der Begriff „Wutbürger“ dient so vor allem dazu, diesen neuen Status Quo zu manifestieren. Er ist (und das sage ich voller Empörung) eine dumme Erfindung eines erbärmlichen Journalisten. Nähme man nun den Begriff „Kunde“ oder „Verbraucher“, wäre es, gleichwohl zynisch, aber wenigstens etwas erhellender; denn dazu werden die citoyens derzeit tatsächlich degradiert. Allerdings – und das hat die etablierte Politik wissentlich noch nicht „eingepreist“ - müsste es dann auch so etwas wie „Kundenrechte beim Kauf“ und „Verbraucherschutz“ geben. (Aber ich möchte hier auch niemanden auf „tolle Ideen“ bringen...) Letztlich ist die Auseinandersetzung um diesen Begriff ein Ausdruck für das Stehen an einem Scheideweg: mehr Demokratie oder eher Konsumdiktat. „Wutbürger“ neigt dazu, letzteres vorzuziehen. Und es gleichzeitig zu verschleiern. |
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Besser als "Kunde" fände ich noch "Konsument", wobei diese Begriffe niemals das Phänomen spezifisch genug beschreiben könnten. Man könnte natürlich statt "Wutbürger" "Empörungsbürger" sagen, aber ich finde den Gedanken der Rage doch besser in der "Wut" an sich vertreten. Dass Zorn zu reflektierend ist, mag stimmen - ich verwende ja auch den Begriff "Wutbürger", da eine Reflexion der eigenen Haltung komplett fehlt. Und zwar wirklich komplett. Man muss sich nur mal vor Augen führen, dass selbst jetzt nach einer direkten Volksabstimmung immer noch kein Ende ist. Das Wutbürgertum kennt keine Zeitlichkeit. Es gibt kein Auf-etwas-hin, sondern man stilisiert die "Wut" zum Zwecke ihrer selbst.
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ich verwende ja auch den Begriff "Wutbürger", da eine Reflexion der eigenen Haltung komplett fehlt. Und zwar wirklich komplett. Man muss sich nur mal vor Augen führen, dass selbst jetzt nach einer direkten Volksabstimmung immer noch kein Ende ist. Das Wutbürgertum kennt keine Zeitlichkeit.
Ich nehme an, Sie meinen Stuttgart?.. Für den Fall, das: Hält man sich das, was Ihnen offensichtlich Unbehagen bereitet, vor Augen, sollte man sich nicht scheuen, genau hinzusehen (woher nehmen Sie, dass "kein Ende ist"?). Und implizit sagen Sie auch (was ich jetzt Ihrerseits auch nicht für besonders reflektiert halte), dass die in der Volksabstimmung Unterlegenen "zurück ins Glied" treten sollen. -Oder irre ich mich? Das aber würde ein Demokratieverständnis offenbaren, welches -übersetzt und zugespitzt- darauf plädiert, einer Opposition nach der Wahlniederlage das Rederecht zu entziehen. Aber ich habe Sie sicherlich nur nicht ganz richtig verstanden... "Zorn" ist nicht "zu reflektierend", Zorn ist reflektiert (vs. "Wut"). Und nur weil Sie diesen Begriff ("Wutbürger") verwenden, dreht sich dieser Verhalt aber nicht um (Sie haben das oben ein wenig so formuliert. Warum, weiß ich nicht. Zumindest lässt Sie die so verdrehte Kausalkette scheinbar Recht behalten - was ich ihnen aber als Absicht nicht unterstellen möchte.) |
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Also die Vermengung der großartigen Idee der Opposition mit dem Wutbürgertum wäre ungeheuerlich. Beide Phänomene unterscheiden sich fundamental. Die Opposition ist eine kritische Entgegensetzung. Sie hat damit einen analytischen Charakter mit einem teils hohen Abstraktionsgrad.
Was Wutbürgertum ist etwas viel primitiveres. Es geht nicht um "Entgegensetzung" sondern um "Durchsetzung". Im Extremfall um jeden Preis. Eine Opposition erkennt selbstverständlich die Demokratie an, das Wutbürgertum im Zweifel nicht. Das Wutbürgertum entfernt gar die Bedingung der Möglichkeit für Opposition. Es vergiftet damit die politische Kultur. |
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Der Begriff Wutbürger sollte in einem ernsthaften Disput nicht verwendet werden, da er sonst einen Status erhält, den er nicht verdient: den Status einer Seriosität.
In Wahrheit ist er der heimtückische Versuch, den etablierten Begriff des Querulanten einem bürgerlichen Widerstand anzuhängen, der - jenseits des propagandistischen Kampfgetümmels - zutiefst aufklärerisch ist. Niemand würde da den Begriff des Querulanten akzeptieren. Also wurde der Wutbürger erfunden, der sich in die SPIEGELSCHEN Wortschöpfungen gut einfügt, Aufmerksamkeit erregt, sich intelligent und witzig anhört - und durch die von ihm ins Mitschwingen versetzten Konnotationen den Querulanten quasi durch die Hintertür doch wieder hereinführt. Der angemessene Begriff für den Widerstand gegen S21 ist Widerstand, präziser bürgerlicher Widerstand. Der Begriff rechtfertigt sich dadurch, dass er Rationalität, Reflexion und Sensibilität gegen primitive techniche Barbarei setzt. In meinen Augen ist der Weg vom Zerstören eines als irdisches "Paradies" gedachten Stadparks zur Verbrennung von Büchern zur Zerstörung von Kultur zur Zerstörung von Menschen nicht weit. Und daher der Widerstand ehrbar. "Wutbürger" assoziiert dagegen Unehrenhaftigkeit, Dummheit, Egoismus, Engstirnigkeit und Barbarei - also genau das, wogegen der Widerstand sich in Wahrheit richtet. Und "Wutbürger" hat auch eine Funktion innerhalb der Journaille: der Begriff soll diejenigen entehren, die der Journaille ihr Versagen aufzeigen, indem sie all das offenlegen, was die Journaille willfährig außer Acht gelassen hat, während sie sich von den bunt gefälschten Bildchen der Propaganda nur allzu bereitwillig verführen ließ. Gerne auch bei Kaviarhäppchen und Champagner. Da liegt es nahe, die eigene Erbärmlichkeit auf diese unangehnehmen Zeitgenossen zu verschieben. Bei Kurbjuweit und Matzig allemal. |
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Der Querulant ist eindeutig ein Begriff aus dem linksautonomen Aktionismus. Der "Wutbürger" ist stets ein "Bürger" im engeren Sinne. Diese Aufstände (man beachte, dass es sich nicht nur auf S21 anwenden lässt) sind keiner linken Natur sondern haben den Anschein einer Gesamt-Gesellschaftlichkeit.
Um eine Phänomenologie des Wutbürgers entwickeln zu können, muss man sich von tagespolitischen Ereignissen und persönlichen Vorlieben und Meinungen befreien. Das hilft der Sache überhaupt nicht. Ob der Widerstand ehrbar ist oder nicht interessiert mich nicht. Das ist nicht die Frage. |
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@Thomas Maier
Sind die Begriffe "liberal" und "autoritär" wirklich ein Gegensatzpaar? Und was halten sie von dieser Vereinigung? www.buerger-in-wut.de/cms/ |
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Ich denke schon. Das zweidimensionale Spektrum ist ja recht etabliert. Hier man man den Test machen: www.politicalcompass.org/test (mit Vorbehalt natürlich - es gibt aber zumindest eine grobe Einschätzung). Der "Wutbürger" würde hier eine völlig neue Achse darstellen.
Also diese Vereinigung ist mir schonmal bei der Recherche aufgefallen und ich finde die äußerst lustig. "Bürger in Wut" - sehr bezeichnend. In erster Linie natürlich ekelhafte dumme Rechtspopulisten. Aber eben auch Wutbürger. Soviel dazu was ich davon *halte*. Sie stellen damit wohl, bleibt man in diesem dreidimensionalen System, den rechts-autoritären Wutbürger dar. |
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schrieb am
30.11.2011 um 16:39
Carl Schmitt, auf den sie sich beziehen, präferierte anfang der 1930er einen starken Staat, der politische Partikularinteressen in die Schranken weist und damit freie Entfaltung der Wirtschaft gewährleisteten sollte. Er war in diesem Sinne "liberal" und "autoritär" zugleich .
Der Begriff "Wutbürger" wurde 2010 durch einen Spiegel-Artikel eingeführt. Ich fand den Hinweis auf die 2004 gegründeten BIW interessant, da deutlich wird, dass der Terminus aus der rechten Ecke stammt. Ansonsten halte ich ihn analytisch für wenig aussagekräftig. Möglicherweise wäre der neutralere Begriff "Populismus" angebrachter. |
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Die Wirtschaftspolitik der 30er zu analysieren denke ich sind wir beide nicht im Stande. Mir ging es aber auch nicht darauf extrem strenge Schubladen zu schaffen. Man kann ja beispielsweise die CDU als eher autoritäre kraft sehen, während ja die FDP zum selben links-rechts-Spektrum gehört, aber liberal. Innerhalb derer es auch Positionen eher sozialliberaler und wirtschaftsliberaler Natur gibt. Carl Schmitt war in erster Linie vollen Herzens Republikaner, oder heute würde man sagen, Bürgerlicher.
Dass der Begriff aus der rechten Ecke stammt, kann sein, jedoch wurde er auch von S21-Gegnern benutzt ("Ich bin wütend!"). Ich glaube, dass dem Wutbürger ein extremer politischer Egoismus anhaftet. Der Begriff "Populismus" funktioniert, ähnlich wie "Demagogie", nicht, da er sich immer auf einzelne Bestandteile bzw. eigentlich nur auf Politiker selbst beziehen kann. Rechtspopulistische Politiker haben zwar oft die Führung über eine Wutbürger-Bewegung ergriffen, stellen aber nicht den Kern oder die Gesamtheit dar. Der Wutbürger ist ein Phänomen genauso wie "das Linke" und "das Rechte". |
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Das Postulat eines "postdemokratischen" (?) und "neuen" (?) Phänomens 'Wutbürger' funktioniert hier einzig unter der Voraussetzung, das C. Schmitts Thesen richtig sind.
Man muss "das Politische" nämlich nicht als allein ideologieverpflichtet und in, scheinbar "naturbedingten", Freund-Feind- oder Links-Rechts-Schemata verhaftet sehen. Dass nach 9/11 eine Restauration dieses Politischen wider Erwarten nicht stattgefunden habe, wäre somit richtig - jedoch nur einer Schau auf die Oberfläche entsprungen. Politik-Machen ist das Verfolgen von konkreten Interessen. Ideologie ist dabei zumeist nur ein Aspekt; nämlich der, des Verkaufens der Politik. Nicht einmal die Politik der Nazis '33-'45 war allein ideologisch. Aber: Nur ideologisch formuliert konnte sie in Deutschland funktionieren. Blendet man nun in die Zeit nach '45 und spricht von "Neutralisation" oder Suspension des Nur-Ideologischen, so stimmt auch dieses Bild nur scheinbar bzw. in Teilen. Zwar habe sich mit dem Ende des Kalten Krieges zumindest eine noch große Ideologie "aufgelöst"; Sätze aber, die auf der anderen Seite vom "Ende der Geschichte" fabulierten enttarnen wiederum die vermeintliche Absage an jede Ideologiegebundenheit. Und auch alles, was von dieser Seite aus im Gefolge von 9/11 passiert(e), ist keinesfalls frei von Ideologie. Einer Ideologie, die v.a. nach innen wirken soll, um dem politischen Agieren des Staates folgen zu können. Also: Das Schema von einer Zweidimensionalität des Politischen, infolge dessen Suspension eine diese auffangende dritte Dimension hinzukomme, wackelt in zweifacher Hinsicht. Als Köhler noch als Präsident sinngemäß von "berechtigten" Kriegen zur Rohstoff- und Märktesicherung sprach, hat er das tatsächliche Interesse Deutschlands, die Raison der Politik, klar benannt. Damit gab es bekanntlich ein Problem in Deutschland. Auch die USA handeln vorrangig unter solchen Prämissen. Hörte man aber insbesondere einen Bush jr. die ganzen Jahre nach 9/11, entstand der Eindruck, das "Ende der Geschichte" sei doch noch nicht ganz erreicht. Der ideologische Aspekt ist insbesondere in der "Führernation" des Westens freilich stets sehr präsent gewesen. Eine besonderes, meinetwegen unzeitgemäßes, Aufleben dessen nach 9/11 war jedoch unübersehbar. Das kühle politisch Sachliche und das emotionalisierend Ideologische gehen heute nur schwer trenn- oder deutbar neben und ineinandergehakt einher. |
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Da ist viel Richtiges dabei. Mir ist aber noch nicht genau klar, wie dieser Versuch von mir "zweifach" wackelt..? Das würde mich näher interessieren.
Es ist natürlich völlig klar, dass diese Konstrukte, allein das Links-Rechts-Schema, engstirniges Schubladendenken sind. Man darf sie auch nicht vollkommen losgelöst, also abstrakt, betrachten, sondern kann sie nur in Verbindung mit anderen Modellen und Überlegungen verwenden. Diese Ordnung, bzw. Ordentlich-Machung, hilft aber dabei von ihr ausgehend Überlegungen anzustellen und nicht immer bei der diffusen Begrifflichkeit des Wutbürgers bleiben zu müssen. |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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