Thomas Maier

Der zweite Blick

01.12.2011 | 00:11

Wut und Opposition

[Ein Reblog von thomasmaier.me/blog/2011/12/01/wut-und-opposition/ ]

Das Phänomen des Wutbürgers macht die Opposition unmöglich. Damit wird ein weiterer Schritt vollzogen, den politischen Raum zu entleeren.

Das Modell von den meisten Demokratien, sich sozusagen logisch antithetisch zu gestalten, ist großartig. Der Gegensatz zwischen Opposition und Regierung, zwischen kreativer und regulierender Gewalt aber auch zwischen handlungsunfähiger und handelnder Gewalt schafft immer wieder aufs Neue Politik und Konsens. Kreativer Akteur und gestaltender Akteur sind hierbei interessanterweise getrennt, während man in der Kunst dieses Phänomen nicht kennt: Selbst bei Rembrandt, dessen Kunstwerke Ergebnis seiner gesamten Werkstatt sind, waren die Ausführenden, war er es denn nicht selbst, an und für sich nur Werkzeuge. In einer Demokratie ergänzen sich damit Opposition und Regierung und stellen nur zusammen eine gewisse Gesamtheit in der Politik dar.

Opposition ist zu verstehen als das "Entgegen-setzen" (von lat. oppositio "Entgegensetzung"). Es gibt sicherlich viele Möglichkeiten, Wege und Vorlieben, wie man das Oppositionelle beschreiben könnte. Die trivialste davon ist sicherlich, dass sich die Opposition stets mit einer anderen, meist gegensätzlichen, Meinung gegen die Programmatik der regierenden Seite stellt. Diese Entgegen-Setzung geht einher mit einer ständigen kritischen Betrachtung des Regierungshandels und erhält damit einen analytischen Charakter. Das heißt, dass einerseits das Objekt oder Subjekt der Betrachtung kontinuierlich dekonstruiert wird, aber andererseits die Elemente in Beziehung bleiben oder neu in Beziehung gebracht werden. Zum Auflösen kommt also das Wieder-Zusammenführen. Aufgrund dieser (teils hoch) intellektuellen Aufgabe lassen sich auch höhere Abstraktionsgrade nachweisen. Bei Zeiten selbst höher als in der Programmatik der Regierung (die im Idealfall davor selbst Opposition war).

Die Wutbürger sehen sich gerne als (außerparlamentarische) Opposition. Dies mag in einer der vielen Deutungen des Oppositionellen als richtig aufgezeigt werden können, wird aber wie oben ersichtlich dieser Idee nicht gerecht: Was Wutbürgertum ist etwas viel Primitiveres. Dem Wutbürger fehlt der analytische Charakter. Es geht nicht um "Entgegen-Setzung" sondern um "Durch-Setzung". Im Extremfall um jeden Preis. Sprachlich gesehen geht dabei das "Entgegen"-Positionieren verloren. An diese Stelle tritt das martialische "Durchsetzen". Ein wichtiger Bestandteil der Opposition ist die Zeitlichkeit, denn die Opposition ist beschäftigt mit der Analyse und der damit einhergehenden ständigen Neu-Reflexion der eigenen Meinung und die der Gegenseite (Regierung). Es entsteht also ein Verlauf, eine Entwicklung. Wut wäre also - würde man beim Begriff bleiben - eine Opposition des Augenblicks. Es ist kein Reflektieren mehr möglich. Schon in der Etymologie lässt sich dieser Unterschied also erkennen.

Eine Opposition erkennt die Demokratie an, indem sie sich dem System einordnet bzw. das System eigentlich aufgrund dessen mit definiert. Das Wutbürgertum im Zweifel nicht. Die Opposition ist elementar für die Demokratie und elementar auf sie angewiesen. Der Wutbürger kennt diese Konzeption nicht, da Vergangenheit und Zukunft keine Rolle spielen und Politik nicht als ständiges Aus- und Eintreten aus der Vergangenheit in die Zukunft begreifen. Wut ist ein Phänomen des Jetzt. Das Wutbürgertum entfernt damit gar die Bedingung der Möglichkeit für Opposition. Es vergiftet damit die politische Kultur. Die Wut verdrängt die Opposition von ihrem Platz. Dies lässt sich vielleicht auch beobachten: Dort wo Wutbürger am Werke sind, dort verschwimmen und verschwinden die Grenzen zwischen den institutionalisieren Formen von Regierung und Opposition anstatt dass es zu einem Wechsel kommt (also in der Temporalität: Opposition auch wieder zu Regierung wird und umgekehrt).

 
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Kommentare
chrislow schrieb am 01.12.2011 um 21:10
Das Phänomen des Wutbürgers macht die Opposition unmöglich. Damit wird ein weiterer Schritt vollzogen, den politischen Raum zu entleeren.

-> Der Wutbürger hat sich bewusst nicht in den politischen Raum gehalten, um ihn zu füllen. Denn dort ist schon länger relatives Vakuum. Eine Resonanz hatte nicht mehr stattgefunden, weshalb sich die occupy-Bewegung eben so entwickelte...

Stichwort Alternativlos, Systemrelevant, Liberalismus in der Wirtschaft, aber nicht im sozialen Bereich....usw...
Thomas Maier schrieb am 01.12.2011 um 22:03
Was genau sagt deinKommentar? Ich werde daraus nicht schlau...
chrislow schrieb am 03.12.2011 um 23:30
Demonstriert wird immer dann, wenn es andere Wege zur Unmutsbekundung nicht mehr gibt. Und die Gewissheit, man hätte bei einer Wahl mit seiner Stimme etwas ändern können, ist wohl nicht mehr gegeben - wo doch keine der Parteien irgend eine Anstallt oder gar nur eine Äußerung darüber gemacht hat. Weshalb dann eben mit diffusen Botschaften demonstriert wird.
Thomas Maier schrieb am 04.12.2011 um 00:04
Der Wutbürger ist ein Produkt der Postdemokratie. Egal welche Partei man wählt, man bewegt sich ja doch stark in einem eng umgrenzten Gebiet der Möglichkeiten. Ideologien sind längst nicht mehr Teil des Politischen. Dieser "kalte Entzug" kann wohl mit verantwortlich sein für diesen "Unmut", der so diffus und wankelmütig ist. Auch, dass die Wahl nicht mehr als solche wahrgenommen wird, macht dies klar. In erster Linie scheint das wie eine Zwickmühle, denn selbstverständlich können Politiker auch nicht einfach dem Wutbürger nachgeben. Wie jetzt selbst die Volksabstimmung in Stuttgart gezeigt hat, wäre das sogar gegen die tatsächliche Mehrheit gewesen anstatt im Sinne einer der vielen gefühlten Mehrheiten. Dieses "Vakuum" wie du schreibst, besitzt also eine Dialektik: Einerseits sinnvoll und pragmatisch richtig, da alles andere in Ideologisierung und vielleicht Krieg enden kann, andererseits beraubt es dem politischen Raum die Politik, weil das sprachlich gesprochen "politische Geschäft" ein Akt der Bürokratie und Verwaltung ist. Dementsprechend ist die derzeitig in Rom regierende Experten-Regierung nur die präziseste Form der postdemokratischen oder post-politischen Politik. Wer Politik verlang, bekommt sie nicht. Es wäre aber wie gesagt ein enormer Fehler, nun dem Wutbürger einfach das zu geben, wonach er verlang. Dazu ist er sich dem selbst nicht gut genug im Klaren.
miauxx schrieb am 04.12.2011 um 00:58
Ein "Wutbürger" kann sich als "Oppositioneller" oder was weiß ich betrachten.
Du aber hebst den "Wutbürger" auf die Ebene der politisch agierenden Opposition, um zu zeigen, das allein mit Wut keine Politik zu machen ist. Dort befindet sich der "Wutbürger" jedoch gar nicht. Du tust so, als gebe es eine formulierte Phänomenologie des und einen Begriff vom "Wutbürger".
Mit der von dir beschriebenen (!) Opposition haben die, für welche die Bezeichnung "Wutbürger" erfunden wurde, freilich nicht viel zu tun. Deine Konstruktion, die den Beweis für ein apolitisches Zeitalter herbeiführen soll, weil der "Wutbürger" sich "des" Begriffes von Opposition bemächtige und diesen korrumpiere, geht so aber nicht.
Ich wäre vorsichtig, die Benennung einer Erscheinung mit einem möglichen Begriff davon zu verwechseln.
chrislow schrieb am 05.12.2011 um 23:31
Nein, er hebt den Wutbürger nicht auf die Position der Opposition, sondern beklagt, dass der Wutbürger an sich keine sei...aus verschiedenen Gründen.

Offenbar geht er davon aus, dass politische Ziele/Ansinnen immer eine Opposition bedürfen und sich entsprechend einer jeweiligen "Partei" anschliessen...

Wie wir sehen, braucht es das nicht - auch wenn es irgendwie nicht "Hand und Fuß" zu haben scheint.
Thomas Maier schrieb am 05.12.2011 um 23:44
Der Wutbürger hat tatsächlich das Ansinnen, aktiv die Politik zu ergreifen. Wie er das tut, und was ihm dabei fehlt, lege ich ja dar.
miauxx schrieb am 06.12.2011 um 19:50
Ach, "Wutbürger" hat es auch vor S21 schon gegeben. Die Prägung dieses Bezeichnung geht nun ja v.a. auf das Phänomen zurück, dass etwa ein so intensiver Protest wie der gegen S21sich nicht auf die "üblichen Verdächtigen" reduzierte, sondern bemerkenswert die bürgerliche "Mitte" und auch Senioren in sich vereinte. Und so etwas ist ja nun insbesondere in Deutschland ein bis dato fast ungesehenes Ereignis. Und deshalb kommt überhaupt der "Bürger" in der Bezeichnung vor.
Dass nun der "Bürger" sich gar Protest-Methoden "der Strasse" zuwandte läßt, zumal in Deutschland, besonders aufhorchen und deshalb wohl Thesen über ein Vergehen demokratisch-politischer Kultur erwachsen. Dass der "Wutbürger" nur ganz partikulare Interessen vertritt, die kein Bild einer politischen Opposition abgeben, ist klar. Ich sehe die Proteste gegen S21, den Ausbau von Stromnetzen oder gegen Flugrouten über dem eigenen Hausdach auch ganz und gar nicht als politisch motiviert - obgleich sie unweigerlich in der Konsequenz politisch sind.
Sicher, "der Wutbürger hat tatsächlich das Ansinnen, aktiv die Politik zu ergreifen." Er will aber nur Politiker für sein jeweiliges und temporäres Ansinnen ergreifen und nicht die Politik an sich.
Und darin liegt der Fehler der Konstruktion T. Maiers: Er unterstellt Ambitionen politischer Opposition, um beweisen zu können, dass der "Wutbürger" diese gar nicht erfüllen kann. Die Prämisse ist hier falsch!
Thomas Maier schrieb am 06.12.2011 um 21:45
Die Zeichnung ist falsch, dass die Postpolitik (Crouch, Rancière) ein Produkt des Phänomens ist, dass Bürgerliche sich den Methoden der Straße zuwenden. Es handelt sich bei der Postdemokratie um ein vielfach komplexeres theoretisches Konstrukt, das ich hier nur als Basis dieser Überlegung über den Wutbürger nehmen. Dieser ist ein Produkt der Postdemokratie (also umgekehrt).
Was meinst du mit "Politiker"? Dass er sich Politikern bemächtigt, oder was? Oder sie instrumentalisiert? Ich verstehe nicht, was das heißen soll. Der Kommentar ist sehr schwammig (auch wenn der erste Teil an sich von der Faktenlange her korrekt zu seins scheint). Ich unterstelle keine Ambitionen politischer Opposition, sondern schließe diese aus. Es ist in erster Linie eine Gegnerschaft, aber sie ist entpolitisiert. Der Wutbürger ist also ein neues Phänomen, das das politische Phänomen der Opposition ersetzt.
miauxx schrieb am 07.12.2011 um 19:59
Von "Postpolitik" rede ich gar nicht. Mir erscheint dieser Terminus auch tatsächlich als ein "komplexes, theoretisches Konstrukt" ...
Ich habe mich auf die Erfindung des "Wutbürgers" bezogen; eine Bezeichnung, die so nur möglich wurde, weil der "Bürger", d.h. die vielbeschworene "gesellschaftliche Mitte", in so, zumindest in D, ungewohnter Manier auftritt.

Ich schrieb, ein Wort von Dir aufnehmend, der Wutbürger versucht Politiker zu "ergreifen" und nicht, sich dieser zu "bemächtigen". Er versucht, politische Entscheidungsträger für sein begrenztes Interesse zu gewinnen. Was er aber nicht tut, ist der Versuch, die Politik an sich zu "ergreifen". Er hat keine politische Botschaft, kein Programm und steht eben nicht in Opposition zu einer Partei oder politischen Strömung.

"Die Wutbürger sehen sich gerne als Opposition. Dies mag in einer der vielen Deutungen des Oppositionellen als richtig gezeigt werden können, wird aber wie oben gezeigt dieser Idee nicht gerecht: Was Wutbürgertum ist etwas viel primitiveres."

Hier unterstellst Du dem Wutbürger Opposition und stellst im Folgenden fest, dass er dem Begriff von Opposition nicht genügt.
Thomas Maier
Grafikdesigner. Student für Grafikdesign / Nebenfach Ästhetik und Philosophie. Assistiert Prof. Dr. Byung-Chul Han in dessen Seminaren.
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