THX1138

Blog von THX1138

02.10.2010 | 19:12

Ordoliberal, neoliberal, scheissegal?

Der Neoliberale ist einer, der glaubt, Fussball ohne Schiedsrichter sei möglich. Der Ordoliberale ist jemand, der weiss, dass das unmöglich ist. Der Neoliberale vertritt die Ansicht, beim Fussball reiche es, wenn man den Spielern nur das Spielfeld samt Markierungen und zwei Fussballtoren zur Verfügung stellt- alles andere regelt sich von selbst. Der Ordoliberale weiss, dass das gar nicht gut heraus käme, und stellt den 22 Spielern noch einen Schiedsrichter zur Seite, so dass jede Mannschaft ihre Stärken voll ausspielen kann. Der Neoliberale glaubt, es gewinne sowieso immer nur der Stärkere, der Ordoliberale weiss, dass auch der Gewieftere oder der Geschicktere gewinnen kann- weshalb es einen Schiedsrichter braucht. Der Neoliberale nimmt in Kauf, dass schlimmstenfalls die rohe Gewalt obsiegt- oder das Gesetz des Stärkeren- weshalb mit der Zeit wahrscheinlich alles andere gespielt werden würde (wenn überhaupt), nur nicht Fussball. Der Ordoliberale liebt den Fussball, liebt das Spiel, die Rafinesse, die Taktik und die Strategie und will nur punktuell in das Spiel selbst eingreifen, denn er weiss: Am Schiedsrichter führt kein Weg vorbei!

 
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Kommentare
Fro schrieb am 02.10.2010 um 19:24
Sehr schön.
Wer macht die Regeln und wer den Schiedsrichter?
THX1138 schrieb am 02.10.2010 um 19:27
Der Schiedsrichter ist hier in diesem Spiel eine Metapher für die Regeln.
Fro schrieb am 03.10.2010 um 02:50
Die INSM schreibt zum Ordoliberalen Ludwig Erhard (sog. Vater des Wirtschaftswunders) :
„Ludwig Erhard, erfolgreicher Begründer der "Sozialen Marktwirtschaft" würde heute gefragt zu Neoliberalismus sagen: "Voraussetzung für jede Marktwirtschaft ist ein freier und fairer Wettbewerb. Der Staat muss Sorge tragen, dass sich jeder Akteur an die Spielregeln hält." Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) setzt sich mit ihrem Engagement für marktwirtschaftliche Reformen in Deutschland nachdrücklich für diese Art "neoliberaler" Reformpolitik ein. „

Ludwig Erhard schreibt in seinem Buch „Wohlstand für alle“:
„...So wollte ich jeden Zweifel beseitigt wissen, daß ich
die Verwirklichung einer Wirtschaftsverfassung anstrebe,
die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu
Wohlstand zu führen vermag. Am Ausgangspunkt stand
der Wunsch, über eine breitgeschichtete Massenkaufkraft
die alte konservative soziale Struktur endgültig zu überwinden.
Diese überkommene Hierarchie war auf der einen Seite
durch eine dünne Oberschicht, welche sich jeden Konsum
leisten konnte, wie andererseits durch eine quantitativ sehr
breite Unterschicht mit unzureichender Kaufkraft gekennzeichnet.
Die Neugestaltung unserer Wirtschaftsordnung
mußte also die Voraussetzung dafür schaffen, daß dieser
einer fortschrittlichen Entwicklung entgegenstehende Zustand
und damit zugleich auch endlich das Ressentiment
zwischen „arm“ und „reich“ überwunden werden konnten.“

Die Linken und Attac stehen Ludwig Erhard heute näher als die INSM und die ihnen hörige CDU.

Die Frage bleibt: Wer bestimmt die Spielregeln und wer sorgt für ihre Einhaltung. Freiheit in einem Ordnungsrahmen der Fairness gewährleistet wäre ok. Aber der könnte auch soziale Demokratie oder Sozialismus heißen.
THX1138 schrieb am 03.10.2010 um 13:14
"Freiheit in einem Ordnungsrahmen der Fairness gewährleistet wäre ok. Aber der könnte auch soziale Demokratie oder Sozialismus heißen."

In welchem politischen Ordnungsrahmen sich das ordoliberale Denken- das auf Wikipedia übrigens fälschlicherweise als ein Ableger des Neoliberalen bezeichnet wird- schlussendlich entfalten soll, habe ich bewusst offen gelassen. Oskar Lafontaine bezeichnet sich übrigens ebenfalls als ordoliberal in dem Sinne, als dass dem Staat die Rolle eines Regulativs zukommt. Eines Regulativs wohlgemerkt, dass sowohl innehalb der bestehenden gesellschaftlichen Klassen für einen Ausgleich sorgt, der allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht (soziale Sicherungssysteme), als auch im Bezug auf die Wahrung der Interessen des Marktes: „Es ist die Aufgabe des Staates, den Wettbewerb zu ermöglichen,“ hat Franz Steinegger, ehemaliger Präsident der schweizerischen FDP vor langer Zeit einmal gesagt. Zu glauben, dass der Markt alles richtet, ist ebenso naiv wie Fußball ohne Schiedsrichter. Was auf jeden Fall in jeder Form abzulehnen ist, ist ein Liberalismus, wie ihn beispielsweise ein Ludwig von Mieses vertreten hat. Selbstverständlich umfasst der Aufgabenbereich des Staates noch zahlreiche weitere Aufgaben, doch die aufzulisten würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen.
Titta schrieb am 04.10.2010 um 00:41
"Zu glauben, dass der Markt alles richtet, ist ebenso naiv wie Fußball ohne Schiedsrichter."

Fußball wurde in seinen Anfangsjahren ohne Schiedsrichter gespielt. Allerdings stand seinerzeit nur die englische Oberschicht auf dem Rasen. Gentlemen brauchen keinen Schiedsrichter, die sind auch ohne fair zueinander.
Schiedsrichter wurden erst eingeführt, als sich die Unterschicht dieser Sportart bemächtigte. Die bösen Unterschichtjungens gingen härter und eben unfair zur Sache. Dazu wird dann meist vermerkt, daß sie eben so hart spielen würden, wie sie es eben von ihren Lebensumständen her gewohnt seien.
Und diese Auffassung gilt dann als fortschrittlich. Dabei hieße das ja umgekehrt: die Oberschichtjungens spielen so fair, weil sie es eben von ihrem Leben her ...
Eben! Augenwischerei. Sonst nix.
Geld=Macht=Deutungshoheit
Und nun die Frage: Wer vertritt denn die Aufgabe des Staates zur Wettbewerbsermöglichung?
Der, der was davon hat. Genau.
THX1138 schrieb am 04.10.2010 um 13:09
Das ist eine ganz spannende Antwort, liebe Titta:

"Fußball wurde in seinen Anfangsjahren ohne Schiedsrichter gespielt. Allerdings stand seinerzeit nur die englische Oberschicht auf dem Rasen. Gentlemen brauchen keinen Schiedsrichter, die sind auch ohne fair zueinander."

Genau da, dem Gentleman, möchte ich ansetzen, denn hier tritt etwas zutage, was ich jetzt ein Phänomen nennen möchte, dass sich, so glaube ich zumindest, nur dann entwickeln kann, wenn bestimmte äussere Voraussetzungen dazu gegeben sind. Wie weiter unten gesagt: Hobbes Ausführungen kommen meinem Menschenbild am nächsten. Nun schafft es aber der Gentleman offenbar, sich fair zu verhalten, weshalb es keinen Schiedsrichter braucht: Warum? Der Unterschichtler schafft das offenbar nicht: Warum? Weil das Leben für ihn ein Kampf ist?

"Each individual act in a system of reciprocity is usually characterized ba a combination of what one might call short-term altruism and long-term self-interest.", schreibt der bekannte Soziologe und Politikwissenschaftler Robert D. Putnam in "Bowling Allone", einem Standardwerk über die Entwicklungen des sozialen Kapitales in den Vereinigten Staaten. Wäre der Mensch so beschaffen, wie Hobbes meint (homo homini lupus), was nicht von ihm ist, aber immer wieder auf ihn zurückgeführt wird, ich weiss), dann müsste man sich fragen, warum es der amerikanische Mensch trotz allem geschafft hat, über sich selbst hinaus zu denken, zu fühlen und zu handeln. Ist der Mensch von Natur aus böse? Er neigt zum Bösen; er neigt zumindest dazu, wenn ihm keine äusseren Grenzen gesetzt werden, glaube ich. Der von Dir erwähnte Gentleman kann sich- oder konnte sich vielmehr- offenbar fair verhalten, ohne dass er dazu einen Schiedsrichter brauchte. Der Schiedsrichter war hier offenbar seine Abstammung. Doch das kann nicht alles sein. Der Gentleman- zu welcher Zeit wurde Fussball ohne Schiedsrichter gespielt? Im frühen 19. Jhrd. schätze ich mal- kann sich offenbar zusammenreissen und über sich selbst hinauswachsen, weil er auch eine entprechende Erziehung genossen hat. Und eine gute Erziehung ist nicht von der gesellschftlichen Klasse abhängig, behaupte ich mal. Und am Staat (oder der Monarchie) kann es m. E. auch nicht liegen: Oder stand da bei diesen Spielen immer ein Polizist in der Nähe? Der Gentleman kann sich also aus weitgehend freien Stücken von selbst zusammenreissen, wohingegen der von Dir ins Spiel gebrachte Unterschichtler das offenbar nicht kann, weshalb seinetwegen ein Schiedsrichter her musste.

Was wäre denn gewesen, wenn Letzterer ebenfalls eine gleichwerige Erziehung genossen hätte, wie der Gentleman (ein vager Begriff übrigens, der keine richtigen Rückschlüsse auf die Klassenzugehörigkeit zulässt)?

Fortsetzung folgt, die Pflicht ruft, sorry ;-)
Titta schrieb am 05.10.2010 um 00:18
Nur zur Klarstellung:
Wie kann jemand darauf kommen, sich etwas auf seine Fairness einzubilden und auf das unfaire Verhalten Klassenniederer herabzublicken? Denn wenn etwas wirklich nicht "fair" ist, dann doch eine Klassengesellschaft mit festgeschriebenen Geburtsrechten. Daran ist nichts fair, dabei geht es doch nur um die Erhaltung unfairer Verhältnisse.
THX1138 schrieb am 05.10.2010 um 10:31
Mit dieser Antwort kann ich nichts anfangen. Die Frage bewegt sich ausserhalb der berühmt-berüchtigten Klassenfrage.

Was prägt den Menschen, was sein Verhalten? Deiner Antwort entnehme ich nur Klassenwirbel. Meine Frage ging aber in eine ganz andere Richtung.
Richard der Hayek schrieb am 26.01.2011 um 18:25
Vielleicht sollte man noch anmerken, daß die britischen Gentelmen fair zueinander waren, aber äußerst unfair zum Industrieproletariat: wenn es um etwas ging, waren sie also selber Unterschicht.
nachzulesen in: Mearns: The bitter cries of London
Jack London: People of the Abyss
Ernst schrieb am 03.10.2010 um 08:25
Irritierend empfinde ich es, wenn der Schiedsrichter selbst mitspielt und dabei gelegentlich die Regeln zu seinen Gunsten verändert; gleichzeitig stellt er sich dann noch hin und behauptet, dies sei ordoliberal.

Vollends irre wird es dann, wenn dies Verhalten von den Gegnern der Marktwirtschaft als neoliberal bezeichnet wird.
THX1138 schrieb am 03.10.2010 um 13:19
Das ewig Menschliche lässt sich aus keinem politischen System extrahieren. Der menschliche Makel bleibt am Menschen haften. Der Schiedsrichter wird in jedem Spiel seine menschlichen Züge nicht verlieren. Eine direkte Demokratie, wie wir sie in der Schweiz kennen, zusammen mit der Gewaltentrennung, lässt diesem Verhalten allerdings nur einen vergleichsweise kleinen Spielraum übrig. Aber ganz ausschliessen lässt es sich leider nicht.

Die inflationäre Verwendung des Begriffes neoliberal stört auch mich.
Lea schrieb am 03.10.2010 um 19:25
Das einzige sichtbare Ergebnis des Ordoliberalismus sind Oligarchien.
Lenkung der Wirtschaftsprozesse ist ein Oxymoron zu Liberalismus.
Es sit wohl Ordo...schien deutsch geordnet, aber nicht Liberalismus.

Da der Staat eigentlich Dienstleister fuer meine Interessen ist,
finde ich so langsam aber sicher, dass dieser zu feuern ist, da er meine und die Interessen der Mehrheit nicht zu vertreten im Stande ist.

Dann kann sich die classe politique ihre escorts ohne mein geld finanzieren.

Ausser, ich kaufe Aktien eines Escort Service, oder richte selber einen solchen ein.

mal schauen...der Kuhdamm hat noch ein paar preiswerte Liegenschaften und ist nicht weit vom reichstag. hmmm.

Sind die Kunden dann am Praktizieren des angewandten Sozialismus, da sie soziale Kontakte auf Zeit kaufen?

Wie ein Etablissement in Las Vegas, zeigte, scheint es dann fuer Kundinnen nicht so einen Markt zu geben, weil die Dienstleister schwer aufzubieten sind.
das ist dann problematsich so von wegen genderbias.
THX1138 schrieb am 03.10.2010 um 22:16
Abzuschätzen, zu was der Mensch unter welchen Umständen in der Lage ist (ohne jedes weitere Zutun von aussen)- oder auch nicht, hängt ganz stark davon ab, welches Menschenbild man pflegt. Ein Ordnungsrahmen scheint mir unabdingbar zu sein, ein politischer zumal, legitimiert durch die direkte Demokratie und durch die Gewaltentrennung gezwungen, das Bestmögliche für die Gesellschaft, Marktgesellschaft, Volkswirtschaft, oder wie man das auch immer nennen will, herauszuholen. Für die einen springt dabei mehr heraus, für die anderen weniger, alle sind nicht gleich, das war sogar im Kommunismus so,d en ich persönlich als Kapitalismus für eine kleine, privilegierte Sonderschicht bezeichne.

Aber irgendetwas muss der Natur des Menschen entgegengesetzt werden, denn er weiss im allgemeinen nicht, was er tut. Und wenn es nicht ein sozialistischer oder kapitalistischer Ordnungrahmen ist, dann halt ein anderer, der im Stande ist, den Menschen in seine eigenen Grenzen zu zwingen. Eine Art Kollektiv, das aus sich selbst heraus entsteht vieleicht. Die Meinungen darüber, ob z. B. Reziprozität dem Menschen angeboren ist oder nicht, gehen stark auseinander. Ich persönlich halte sie für eminent wichtig. Doch leider bin ich ein Anhänger Hobbes...
Ernst schrieb am 04.10.2010 um 06:30
zu Lea, 3.10. 19:25

"Das einzige sichtbare Ergebnis des Ordoliberalismus sind Oligarchien."

Wenn Sie denn recht hätten, Lea, es wäre schlimm. Haben Sie aber nicht, weil das Praktizierte eben mehrfach nur eine schlechte Karikatur des Ordoliberalismus ist. Oder manchmal sogar das Gegenteil davon.

Kein Marktwirtschaftler würde behaupten, man sollte dieses Prinzip überall einführen. Das bedeutet aber noch lange nicht, es dort abzuschaffen oder zu verunstalten, wo es funktionieren kann.
Uwe Theel schrieb am 04.10.2010 um 11:21
@ Ernst schrieb am 04.10.2010 um 06:30

Ernst schrieb am 04.10.2010 um 06:30
zu Lea, 3.10. 19:25

"Das einzige sichtbare Ergebnis des Ordoliberalismus sind Oligarchien."

Wenn Sie denn recht hätten, Lea, es wäre schlimm. Haben Sie aber nicht, weil das Praktizierte eben mehrfach nur eine schlechte Karikatur des Ordoliberalismus ist. Oder manchmal sogar das Gegenteil davon.


Leute, wie sie legen sich argumentativ sozusagen selbst auf`s Kreuz, denn bezeichenender Weise würden Vertreter des Ordoliberalismus (bis zur sogenannten "Sozialen Marktwirtschaft" ringen Sie sich gar nicht erst durch!) nie auf das - eben eigene - Statement:

"Das einzige sichtbare Ergebnis des Sozialismus ist Unfreiheit und ökonomischer Zusammenbruch"

antworten:

"Wenn das richtig wäre, es wäre schlimm. Haben Sie aber nicht, weil das Praktizierte eben mehrfach nur eine schlechte Karikatur des Sozialismus ist. Oder manchmal sogar das Gegenteil davon."

P.S.: Ordoliberalismus, Freie Marktwirtschaft, (neue) Soziale Marktwirtschaft, all das ist KAPITALISMUS (je nach "Wetterlage")
Ernst schrieb am 04.10.2010 um 15:11
Was Sie unter Kapitalismus verstehen, Uwe Theel, weiß ich nicht. Mit Wirtschaft hat es jedenfalls nichts zu tun, das ist aber sicher.

Was Sie da über Sozialismus schreiben, ist definitiv Ihre eigene unausgegorene Sicht. Meine nicht. Also legen Sie mir nicht so etwas in den Mund.
THX1138 schrieb am 04.10.2010 um 19:11
@Lea: Ein typisch ordoliberales Bekenntnis lautet zum Beispiel so:

"Das marktwirtschaftliche System funktioniert nicht, wenn ihm kein durchdachter Rahmen gesetzt wird und den Marktkräften jeder Raum zur Entfaltung gelassen wird. Den Rahmen einigermaßen richtig zu setzen bedarf es einer enormen konzeptionellen Anstrengung."

Dieses Mal geht es um das neue Buch von Heiner Flassbeck, durch die Brille von Albrecht Müller gesehen:

www.nachdenkseiten.de/?p=6930#more-6930
Uwe Theel schrieb am 07.10.2010 um 01:35
@ Ernst am 04.10.2010 um 15:11

Ich weiß zwar nicht, warum "Freie Marktwirtschaft", "(neue) Soziale Marktwirtschaft" nicht als KAPITALISMUS bezeichnet werden könnte, aber vielleicht erklären Sie es mir, bzw., was Sie denn dann unter Kapitalismus verstehen.

Nicht ganz nebenbei: Wo hätte ich den Kapitalismus so "erklärt", dass er nichts mit wirtschaften zu tun hätte, wie konnten Sie das überhaupt erkennen, wo Sie eingestehen, Sie hätten gar nicht verstanden was ich unter Kapitalismus verstehe?

Schließlich: Ich habe Ihnen nichts in den Mund gelegt, sondern Ihr Arguemnt nur von der anderen Seite her laufen lassen, auf dass Sie die Unsinnigkeit des eigenen an der Unsinnigkeit des anderen erkennten.

Ansonsten empfehle ich zum Kapitalismus, wenn nicht die lektüre von Marx, dann die von Michael Jaeger:

www.freitag.de/community/blogs/michael-jaeger/0-die-andere-gesellschaft-gliederung-in-kapitel-und-tagebuch
Ernst schrieb am 07.10.2010 um 06:15
@ Uwe Theel 7.10. 1:35
In der Ökonomie ist der Begriff Kapitalismus überhaupt nicht relevant. Entweder befindet sich Kapital in privater Hand oder in staatlicher Hand. Es ist einfach immer da; in jeder Wirtschaftsform ist es unentbehrlich. Kapitalismus mag für Soziologen etwas beschreiben. Aber das ist ein anderes Thema.

Was Marx mal schrieb ist mir bekannt. Seine Ansichten zur Wirtschaft sind rein ökonomisch nicht erhellend und führen nicht zu Erkenntnissen über wirtschaftliche Prozesse. Was Lenin u.a. dann daraus machten, führte weder wirtschaftlich noch soziologisch oder politisch zu einem erstrebenswerten Zustand.
Uwe Theel schrieb am 07.10.2010 um 11:16
@ Ernst schrieb am 07.10.2010 um 06:15

@ Uwe Theel 7.10. 1:35
In der Ökonomie ist der Begriff Kapitalismus überhaupt nicht relevant. Entweder befindet sich Kapital in privater Hand oder in staatlicher Hand. Es ist einfach immer da; in jeder Wirtschaftsform ist es unentbehrlich. Kapitalismus mag für Soziologen etwas beschreiben. Aber das ist ein anderes Thema.


Und sowas meinen Sie "Ernst"?

Auf welcher Kaderschule bei der INSM o.ä. haben sie denn solches Klippschulwissen erworben?

Sie werden ja wohl z.B. Keynes nicht rundweg ablehnen, aber glauben Sie, der wäre ohne die ökonomischen Einsichten Marx´s zu seinem Ansatz bürgerlicher Ökonomie gekommen? - Aber wahrscheinlich erzählen Sie mir jetzt, dass er deswegen nicht mehr relevant sei.

Würden wir uns OrdoliberalenAngebotstheorethikern oder nähern, dann könnten Sie bei Eucken sich wundern, wieviel Marx da drinsteckt und noch Friedman und Nachfolger verschwurbeln sich gerade dadurch, dass sie die Leerstellen Ihrer Analyse, die Marx füllte, nicht füllen können es sei denn mit ideologischem Nebel, - was den Begabteren darunter vielleicht sogar, wenn auch folgenlos, bewußt ist,

Was haben sie eigentlich wo gelernt, aus dem Sie solche "Stammtischthesen" - anders ist das nicht zu bezeichnen - wie dei Ihren glauben ableiten zu können?
THX1138 schrieb am 07.10.2010 um 11:45
Gege- bzw. Querfrage, Uwe Theel: Von wen genau wurde der Kapitalismus gegründet?

Seien wir ehrlich: Der Begriff "Kapitalismus" wurde in der politischen Ökonomie als allererstes von Marx eingeführt. Vorher existierte dieser Begriff gar nicht. Und Ernst hat recht: Im Zusammenhang mit der klassischen Volkswirtschaftslehre ist der Begriff "Kapitalismus" völlig irrelevant. In der Wirtschaftstheorie (worunter für mich auch die politische Ökonomie fällt) kommt er hingegen schon vor- und zwar als eine Art Gattungsbegriff, der stellvertretend für zahlreiche sozioökonomische Entwicklungen steht.
Ernst schrieb am 07.10.2010 um 11:57
Auf ihre zahlreichen Fragen, Herr Theel, muß ich nicht weiter eingehen - Leuten, denen es an Kenntnissen und Argumenten fehlt, werden ja meist so pampig wie Sie.

Aber eines doch noch: Keynes hat sich ausdrücklich nicht zu Marx bekannt. Aber das weiß eben, wenn man seine Bemerkungen zu Marx gelesen hat. Sie sicher nicht.
Uwe Theel schrieb am 07.10.2010 um 15:31
@ Ernst schrieb am 07.10.2010 um 11:57

Lesen und verstehen Sie selbst genau Herr Ernst:

2) Ich habe geschrieben, dass Keynes ohne Marx nicht denkbar sei, dass Keynes einen bürgerlichen Ansatz von Ökonomie geleistet hat, diesen selbstverständlich nicht im Sinne von Marx, aber, im Gegensatz zu Ihnen, Marx verstehend, seiner eingedenk, sich an Ihm abarbeitend und daher zu anderen Ergebnissen kommend als seine auch bürgerlichen Vorgänger und Nachfolger, die wie Sie glaubten und glauben Marx ignorieren zu können, während sie ihn widerlegen wollen oder was immer sie da wollen.

2) Wenn Sie glauben, es sei pampig zu verlangen, dass Sie ihre Quellen ausweisen, Argumente entfalten, anstatt damit zufrieden zu sein, dass Sie nur dünne und ideologische Behauptungen aufstellen, dann wissen Sie eben nicht, was eine intelligente Diskussion ist.

Muß man auch nicht, aber dann sollte man nicht vorgeben, es zu tun. Das tun sie offenbar bisher ganz sicher.
Uwe Theel schrieb am 07.10.2010 um 15:52
@ THX1138 schrieb am 07.10.2010 um 11:45

Von wen genau wurde der Kapitalismus gegründet?

der Kapitalismus ist DIE Gründung der/durch die (früh)bürgerliche Gesellschaft; ging mal so in Oberitalien los, ...

Als Begriff bezeichent er den wirtschaftlichen und sozialen Sprung von der feudalen Gesellschaft des Mittelalters in die neuzeitliche bürgerliche Gesellschaft.

Diesen Wechsel jetzt hier zu entfalten hielte mich länger an der Tastatur fest als ich mir im Augenblick freischaufeln könnte, gehört aber eigentlich zu den Grundkenntnissen von allgemeier Bildung, mindestens für Linke ;-).

In diesem Umschlag wird die Reproduktion der Gesellschaft auf eine Art des Wirtschaftens gestellt, die es notwendig macht, dass das Geld in seinem "Wechselspiel" beim Warenaustausch und der Produktion der Ware den Umschlag in Kapital verwirklichen muß.

Genau diesen Umschlag, das Wertgesetz, das Kapitalgesetz hat Marx entdeckt und wissenschaftlich formuliert und damit das "Geheimnis" der Krisenhaftigkeit bürgerlicher Ökonomie, damit der Krisenhaftigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse in der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt entdeckt.

Der Rest sind mindestens drei Bände und/oder Michael Jäger im Freitag :-))

Insofern ist "Kapitalismus" als Begriff kritischer Wissenschaft kein Gattungsbegriff, der irgendwie irgendwas sammelt sondern die präzise Beschreibung der sozio-ökonomischen Grundlage bürgerlicher Herrschaft und bedarf als Phänomen des Überbaus genauso der (Weiter)Entwicklung, wie sich die Basis dazu real entwickelt.

Für Einzelfragen immer offen, versuchend sie zu beantworten, auch mal selbst fragend

mfg
ut
sozenschreck schrieb am 07.10.2010 um 16:03
Herr @Ernst, bitte behindern Sie Herrn U. Theel nicht bei seinen sozialistischen Kommentaren!

Schließlich ist Humor keine Domäne bei der FC! ;-)
Wollen Sie denn sozusagend alles im Keim ersticken!
THX1138 schrieb am 07.10.2010 um 16:05
Also Uwe:

"DIE Gründung der/durch die (früh)bürgerliche Gesellschaft; ging mal so in Oberitalien los, ..."

Als irgendwie Linker sollte man aber auch wissen, dass die bürgerliche Gesellschaft bereits schon kurz vor der industriellen Revolution in Gang kam, nachdem man im Verlaufe der Franz. Revolution die sog. Stände (drei an der Zahl, um genau zu sein) abgeschafft hat. Die Entwicklung der bürgerliche Gesellschaft wiederum wurde erst so richtig durch die Dampfmaschine angeheizt. Die früh-bürgerliche Gesellschaft verstand sich meines Wissens nicht als Gründerin DES Kapitalismus, sie war zwar dessen Wegbereiter, aber sicherlich nicht dessen Begründerin. Mir ging es um die Begrifflichkeit- und deshalb bleibe ich bei meiner Behauptung, dass es den Begriff "Kapitalismus" vor Marx gar nicht gegeben hat.

Bis man mir das Gegenteil bewiesen hat ;-)
Uwe Theel schrieb am 07.10.2010 um 16:34
@ THX1138 am 07.10.2010 um 16:05

Huhu, lieber THX1138,

es geht hier nicht darum, wer einen Begriff "erfunden" zuerst hingeschrieben hat, sondern ab wann das, was dann im Begriff gefasst wird, historische Realität zu werden sich anschickt. Schon Hegel mahnte uns, dass die Eule der Minerva immer erst nach dem Einbruch der Dämmerung zu Ihrem Flug ansetzt.

Wenn Adam Smith den Wealth of Nations schrieb, befasste er sich genauso mit Kapitalismus, wie Marx es tat, nur bekam der eine etwas heraus, das dem anderen verborgen blieb.

Eben! Der Überbau folgt der Basis, nicht umgekehrt.

In dem Moment, wo irgendein Prinzip die willkürliche, "von Gott verliehene" absolute Macht des feudalen Herren bricht, beginnt die neue Zeit heraufzudämmern.
Dieses "Prinzip" ist historisch das kapitalistische, das der bürgerlichen Gesellschaft.

In unserem Fall geschah dies ab dem 15. Jhd. Von da an begann sich der Kapitalismus durch die Ritzen der Weltgeschichte zu drücken, wie ein Historiker einmal schrieb; ich glaube es war Soboul.

Marx hat es dann als erster "nur" "richtig" aufgeschrieben.

qed

So jetzt geh ich Kaffe trinken.

Bis später

uwe theel
THX1138 schrieb am 07.10.2010 um 18:00
Werther Uwe

"Wenn Adam Smith den Wealth of Nations schrieb, befasste er sich genauso mit Kapitalismus, wie Marx es tat, nur bekam der eine etwas heraus, das dem anderen verborgen blieb."

Adam Smith hat sich lediglich mit einem Phänomen befasst, was sonst auch unter dem Begriff Handel existiert. Was er als "unsichtbare Hand" beschrieben hat, hat Marx später einfach in Kapitalismus (oder "die ursprüngliche Akkumulation") umgetauft. Handel hat der Mensch aber schon immer betrieben, am Anfang war das Feuer, dann der Tauschhandel, dann der Handel im Rahmen der entsprechenden Herrschaftsstrukturen- und später, im Verlaufe des ausklingenden 18., ganz sicher aber im 19. Jahrhundert wurde nach Marx' Lehre der Kapitalismus draus, dessen Kern darin besteht, Geld sei lediglich "geronnene Arbeit", so, als ob es in einer Volkswirtschaft keinen anderen Produktionsfaktor mehr gäbe, als denjenigen der Arbeit (des Proletariers). Marx reduzierte den ganzen Handel, oder den Kapitalismus notabene, auf den Begriff Ausbeutung, woraus dann eben die bereits erwähnte These der ursprünglichen Akkumulation hergeleitet hat. Marx hatte eine Vision, nämlich den Sieg des Arbeiters, der wiederum aus der Expropriation der Expropriateure hervorgeht, die wiederum das Ende des von ihm so benannten Kapitalismus- samt der damit einhergehenden Herrschaftsstrukturen- bedeutet. Heute sind wir diesem einen Punkt näher, als seinerzeit, wie ich glaube.

So, und jetzt gehe ich etwas essen.

Nachher gehts weiter ;-)
Uwe Theel schrieb am 07.10.2010 um 19:13
@ THX1138 am 07.10.2010 um 18:00

Lieber THX1138,

wenn wir so weiter machen, wird es, fürchte ich auf beiden Seiten ein fürchterliches Kategoriengekloppe, wobei es dann ziemlich wurscht sein wird, wer denn recht habe.

Daher würde ich Sie bitten, mir vielleicht erst einmal zu sagen - wenn`s geht - was das Ziel Ihrer Gesprächsführung sein soll. Bis jetzt erkannte ich nur die Intention, man brauchte/könnte nicht über Kapitalismus reden, da man nicht wissen könne, was das sei, welchen Regeln er folgte, eigentlich sei er nur einen Erfindung des Karl Marx, besser wäre es man folgte den Regeln die ein Schiedsrichter vorgäbe, der die "ordoliberalen Regeln der Ökonomie" durchsetzte.

Abgesehen davon, dass Sie an keiner Stelle bewiesen haben, dass der Ordoliberale irgendwelche Regeln des Kapitalismus, der nicht so genant wird, besäße, aber offensichjtlich ein Mandat der Macht besitzt dessen "Ökonomie" durchzusetzen, bzw. kein einziges Argument dafür vortrugen, dass Marx den Kapitalismus erst - wahrscheinlich zu linkssozialistischen, eben "sinistren" Zwecken - erfunden habe ;-), wird es mir vielleicht auch nichts nutzen, wenn ich auf Ihr letztes Posting doch noch folgendes antworte:

a) Marx hat die unsichtbare Hand des Marktes nicht umgetauft, sondern sichtbar gemacht.

b) Handel treiben, heißt nicht notwendig kapitalistischen Handel treiben, wenn dabei nicht G-W-G' verwirklicht wird.

c) Wenn die hier schreibenden VWLer glauben, dem Marxisten vorwerfen zu können, diese hätten keine Ahnung von "Wertschöpfung", dann müßten wir schon einmal klären dürfen, dass "Mehrwert" im marx`schen Sinne das Einkommen aus Kapitalerträgen ist und nicht der "Neuwert", den eine durch Arbeit weiter veredelte Ware erhält, wir müßten reden über die Unterschiede in der Wertschätzung solcher verschiedenen Werte.

Die verkürzende Darstellung, mit der Sie hier glauben den Begriff Kapitalismus zurückweisen zu können trägt für mich nicht.

d) Den Unterschied zwischen Feudalismus und Kapitalismus faßt einen Formulierung in der Wikipedia sehr gut zusammen:

"In vorkapitalistischen Klassengesellschaften eignen sich die Herrschenden einen Teil der Arbeit unmittelbar durch Zwang an (z. B. als Fronarbeit).

Der Mehrwert ist laut Marx die spezifisch kapitalistische Form des Mehrprodukts. Durch die Theorie des Mehrwerts erklärt Marx, wie im Kapitalismus Ausbeutung möglich ist, obwohl die Lohnarbeiter als formal freie Subjekte, wenn sie ihre Arbeitskraft wie eine Ware verkaufen, gemäß dem Wertgesetz das Äquivalent dessen bekommen, was ihre Ware wert ist."

Damit reduziert Marx Kapitalismus nicht auf Ausbeutung, wie sie schreiben, sondern er erklärt wie Ausbeutung im Kapitalismus gesellschaftlich organisiert ist. Sie ist qualitativ anders organisiert als im Feudalismus, aus historisch anderen Gründen, mit anderen gesellschaftlichen Folgen.

Das hat Folgen.

Diesen Unterschied nach dem Motto Ausbeutung sei Ausbeutung, Handel sei Handel einzuebenen, um dann entweder zu resignieren oder blind zu rebellieren, verkennt, dass nur das spezifische und damit auch historisch adäquate Erkennen eines Phänomens, seine Überwindung ins Auge nehmen lassen kann.

Ich hoffe das Esssen hat Ihnen geschmeckt.

Jetzt gehe ich kochen

Bis später

ut
THX1138 schrieb am 07.10.2010 um 20:28
Werther Herr Theel

In diesem Blogbeitrag ging es mir ursprünglich nicht um die Frage, Kapitalismus oder nicht, sondern lediglich darum, aufzuzeigen, dass sich der heutige, neoliberal geprägte Liberalismus, der ihm zugrunde liegt- Liberalismus nach Definition von Francis Fukuyama u. a. verstanden (d. h. vor allem der soziale und der wirtschaftliche Liberalismus / Max Stirner führte seinerzeit noch ganz andere Kategorien auf)- ganz offensichtlich auf dem Holzweg befindet. Mir ging es nie darum, den Kapitalismus per se in Frage zu stellen. Im Kern ging es mir lediglich darum, aufzuzeigen, dass der sprichwörtliche Schiedsrichter in unserem kapitalistischen System unabdingbar sei- und nicht, wie die Anhänger der neoliberalen Sekte gerne behaupten (vor allem die Anhänger von Ludwig von Mieses), völlig überflüssig. Dieser Blog ist ein Spiel Ordo- vs. Neoliberalismus, wobei ich ganz klar für staatliche Regulierungen votiere, wie aus meinen kurzen Textchen unzweideutig hervorgehen sollte. Die Frage danach, in welchem Ordungsrahmen sich das liberale Denken bewegen soll, habe ich bewusst ausgespart. Nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge sehe ich z. Z. keinen anderen Ordungsrahmen, als den Staat (oder internationale und supranationale Organisationen wie den IWF, die WTO und evtl. sogar ein neues Bretton Woods im Rahmen dieser Organisationen). Andere GesprächsteilnehmerInnen (wie z. B. Lea) sehen das aber offenbar anders, und gehen davon aus, dass jede Form von zivilisatorischer Ordung kurz vor dem Zusammenbruch steht- was ja auch nicht ganz auszuschliessen ist.

Meine Antworten in diesem Thread bezogen sich eigentlich explizit auf Ihren Ausspruch, 04.10.2010 um 11:21: "P.S.: Ordoliberalismus, Freie Marktwirtschaft, (neue) Soziale Marktwirtschaft, all das ist KAPITALISMUS (je nach "Wetterlage")"

Die Frage nach der Daseinsberechtigung des Kapitalismus habe ich aber gar nie gestellt.
THX1138 schrieb am 07.10.2010 um 20:47
Nachtrag: Zentral ging es mir in diesem Blogbeitrag darum, auzuzeigen, dass das das Modell der "spontanen Ordnung", wie sie einst von Friedrich von Hayek postuliert worden ist, niemals geben darf, weil es von der Idee, dass wir keinen Staat brauchen nicht mehr weit zur Erkenntnis ist, dass wir im Prinzip gar keine Ordnung mehr brauchen.

So.
THX1138 schrieb am 07.10.2010 um 22:33
Richtig: Den "Neuwert" gibt es bei Marx gar nicht- zumindest hat er diesen Begriff in seiner Wertetheorie gar nicht aufgeführt. Es gibt bestenfalls den Mehrwert- eben die "geronnene Arbeit".

Im Kapital.

Soviel zum Thema Kategorien.
Uwe Theel schrieb am 07.10.2010 um 23:44
@ THX1138

Einigkeit mit Ihrem Credo, dass der Staat ein kapitalistisches System steuern (können) müßte, wenn ich auch meine, er sei in Frage zu stellen und durch ein System des demokratischen Sozialismus abzulösen, da er nicht steuerbar ist.

Für die auch von Ihnen ins Feld geführte Unterscheidung von Ordoliberalismus als "Sozialsystem" und Kapitalismus als "Wirtschaftssystem" außerhalb Ihres aktuellen Betrachtungsraumes kann ich mich nicht einmal theoretisch erwärmen.

Mir scheint, daß Sie annehmen, man könne den Kapitalismus mit Konzepten "sozialer Marktwirtschaft" o.ä. "einhegen", d.h. den Weg der reformistischen SPD gehen, wie diese ihn jetzt aktuell wieder versucht.

Ich werde heute abend nicht mehr dagegen argumentieren (das würde zuviel für die Nacht) , wenn ich aber auch gleich sage, dass ich daran nicht glauben kann, auch nicht glaube, dass jegliche Färbung liberaler Gesellschafts- und/oder Wirtschaftstheorie, die nicht ein Credo hätte, wie der Linksliberalismus, den ein Karl-Herrman Flach einmal stellvertretend für längst verschwundene Teile der FDP vertrat überhaupt ernsthaft verfolgt werden sollte.

Die Trennung von liberaler Theorie in zwei unabhängig voneinander existierende Komponenten von Gesellschaftstheorie und Wirtschaftstheorie halte ich, wenn auch bei anderen Sympathien, für genauso unsinning, als wenn man den Begriff und die Praxis des Kapitalismus genauso auseinanderdefinierte, um zu hoffen, dass man ihn vielleicht, indem man im einen oder anderen Feld, je zur rechten zeit, nur die "richtigen Maßnahmen ergriffe ihn vor entscheidendem Absturz bewahrn könnte.

Viellicht können wir uns und bei Gelegenheit im ein oder anderen Blog da an konkreten Problem einmal weiter unterhalten.

mfg
ut
Deaktivierter Nutzer schrieb am 08.10.2010 um 00:02
"Einigkeit mit Ihrem Credo, dass der Staat ein kapitalistisches System steuern (können) müßte,"
hahahahahaha,
schon beim Halbsatz,
und weiter geht´s mit noch mehr lachen.
Theel, und Lesen ist Lachen!
Ernst schrieb am 08.10.2010 um 06:46
Oh, pardon, sozenschreck,

keinesfalls wollte ich hier stören, sondern lediglich den unfreiwilligen Humor von Herrn Theel sozusagen herausschälen. Der gefällt mir fast noch besser als der absichtliche.

Wie Keynes seine wirklich bahnbrechenden Arbeiten verfaßte, indem er über den Ergüssen von Marx saß, ohne dessen Werke überhaupt nicht in der Lage gewesen wäre, den Klassikern ihre Unvollständigkeiten nachzuweisen - solche Schenkelklopfer darf man sich nicht entgehen lassen ;-)
THX1138 schrieb am 08.10.2010 um 08:50
Lieber UT

Was mich wiederum an Marx nicht überzeugt, ist, um es mit den Worten des österreischischen Nationalökonomen Joseph A. Schumpeter auszudrücken (Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie) Folgendes:

"Die Rate des Mehrwerts (der Grad der Ausbeutung) wird definiert als das Verhältnis zwischen Mehrwert und variablem Lohnkapital."

Daraus zieht Schumpeter folgende Erkenntnisse, die meiner ansicht nach einfach und problemlos nachvollziehbar sind:

(...) Der wesentlich Punkt ist der, ob Arbeit die wahre "Quelle" oder "Ursache" des wirtschaftlichen Wertes ist. Diese Frage mag von vordringlichem Wert für Sozialphilosophen sein, die daraus ethische Ansprüche auf das Produkt ableiten wollen (...) Für die Wirtschaftstheorie als eine positive Wissenschaft jedoch, die tatsächliche Vorgänge zu beschreiben oder zu erklären hat, ist es viel wichtiger zu fragen, wie die Arbeitswerttheorie als analytisches Werkzeug funktioniert; und der wirkliche Kummer ist, dass sie dies sehr schlecht tut.

Erstens funktioniert sie überhaupt nicht ausserhalb des Falls der vollkommenen Konkurrenz. Zweitens funktioniert sie selbst bei vollkommener Konkurrenz nie reibungslos, ausser wenn die Arbeit der einzige Produktionsfaktor ist, wenn überdies alle Arbeit von der gleichen Art ist."

und

"(...) Die Arbeitswerttheorie, - selbst wenn wir zugeben könnten, dass sie für jede andere Ware gültig ist -, kann niemals auf die Ware Arbeit angewandt werden; denn das würde heissen, dass Arbeiter wie Maschinen nach rationalen Kostenrechnungen erzeugt werden."

Aber Sie haben recht: Vieleicht anderswo ein endermal...

mfg
THX
THX1138 schrieb am 08.10.2010 um 16:11
@Uwe Theel, Nachtrag zu

"Einigkeit mit Ihrem Credo, dass der Staat ein kapitalistisches System steuern (können) müßte, wenn ich auch meine, er sei in Frage zu stellen und durch ein System des demokratischen Sozialismus abzulösen, da er nicht steuerbar ist."

Genau das ist das Credo von Joseph A. Schumpeter in "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie". Allerdings führt er recht abenteuerliche Gründe ins Feld, warum der Kapitalismus zwangsläufig in den "demokratischen Sozialismus" münden muss. Im Kern steht bei ihm der Prozess der schöpferischen Zerstörung.

Ja, ein demokratischer Sozialismus- auch und vor allem im Hinblick auf die nur begrenzt zur Verfügung stehenden, natürlichen Ressourcen- da ungefähr könnten wir uns treffen, Uwe.

Hayeks "spontane Ordnung" führt meiner Ansicht nach zur vollständigen Zerstörung unter dem dünnen Deckmäntelchen der Freiheit- einem ohnehin schon von allen Seiten so richtig durchgeprügelten Begriff.
THX1138 schrieb am 08.10.2010 um 16:23
Ein demokratischer Sozialismus als staatlicher Ordnungsrahmen, versteht sich. Oskar Lafontaine hat sich übrigens vor geraumer Zeit ebenfalls als Ordoliberalen bezeichnet, wussten Sie das?

Lafontaine: Liberal ist für mich kein Schimpfwort, aber ich muss das Wort heute so verwenden, wie es verwendet wird. Es hat eine inhaltliche Veränderung erfahren. Zwei Hinweise nur. Erstens: Die Ordoliberalen der Freiburger Schule, die sich damals auch Neoliberale nannten, forderten einen starken Staat. Davon kann ja heute bei den Liberalen keine Rede mehr sein. Zweitens: Die Ordoliberalen wollten nicht die Kontrolle wirtschaftlicher Macht, sondern die Verhinderung wirtschaftlicher Macht. Wenn man dies heute im Bundestag fordern würde, würde man wie ein Mensch angesehen, der von einem anderen Stern kommt.

WELT ONLINE: Dann verstehen Sie sich als Liberaler?

Lafontaine: Moment. Ich will noch etwas sagen. Und drittens: Einer der Vordenker des Neoliberalismus, Alexander Rüstow, sagte, der Staat muss dorthin, wo er hingehört, über die Wirtschaft. Davon kann in einer Zeit, in der ein ehemaliger Bundesbank-Präsident zutreffend gesagt hat, die Finanzmärkte kontrollieren und beherrschen die Politik, nicht mehr die Rede sein.

WELT ONLINE: In diesem – zugegebenermaßen kruden Verständnis des Liberalismus – wären Sie dann ein Neo-Liberaler?

Lafontaine: Wir haben im Gründungsaufruf der Linken auf die ordoliberale Schule von Freiburg Bezug genommen. Der Wettbewerb steigert für uns nicht nur die wirtschaftliche Effizienz, sondern er ist wichtiges Instrument der Machtkontrolle. Ich zitiere immer wieder Alexander Rüstow oder Walter Eucken zum Erschrecken von CDU/CSU und FDP im Bundestag.

Quelle: Lafontaine, ein Ordoliberaler? Offenbar ja!
sozenschreck schrieb am 08.10.2010 um 16:29
@Ernst
@anne klatsche
....den unfreiwilligen Humor von Herrn Theel sozusagen herausschälen. Der gefällt mir fast noch besser als der absichtliche.
------------------------------------------------------------
Er hat wirklich ein ungalubliches satirisches Talent! :-)
Man muß ja auch nicht unbedingt seiner (linksorientierten) Meinung sein, um seinen Humor genießen zu können!. ;-)
Uwe Theel schrieb am 08.10.2010 um 22:05
@ THX1138 schrieb am 08.10.2010 um 16:11

Notwendiger Nachtrag :-)

Ich bin überhaupt nicht der Meinung, der Kapitalismus "müsse" im Kapitalismus "münden", so wie der Rhein natürlicherweise in der Nordsee mündet.

Der Sozialismus wird als revolutionäre Alternative gemacht werden müssen, weil der Kapitalismus nicht zähmbar ist, "seine" Lösung nicht selbst produzieren kann.

Wenn Wir Liberalismus oder meinetwegen auch Ordoliberalismus als "rein politische" Theorie diskutieren (Sie zitieren Shumpeter mit seinem Irrtum über Sozialphilsophie und Kritik der polischen Ökonomie), die in allenfalls abstrakter Form die Rolle des Staates gegenüber dem Privatkapital selbst betonte würden wir sofort einen Denkfehler begehen, der mehr als nur ein Denkfehler wäre. Ich setzte dann voraus, dass der Staat das, was das Privatkapital tun kann "besser" tun könnte, aber der Staat täte letzlich nichts anderes, als auch nur kapitalistisch wirtschaften (lassen). Das herrschende Credo ist bei den (Neo)Liberalen genau das umgekehrte. Beide einigt aber die stillschweigende Anerkenntnis des Kapitalgesetzes, das sie gegen Marx geleichzeitig lautstark leugnen. Das ist, um es abbgekürzt zu sagen, eben bürgerliches Bewußtsein. Es erreicht keine neue Qualität.

Ich wiederhole abschließend: Weder der Staat, noch das Privatkapital können den Kapitalismus "einhegen", da interessiert langfristig nicht wirklich, wer es vor dem finalen Crash länger schaffte.

Was Lafontaine in dem Interview betrifft, das Sie zitieren, so bin ich mir nicht sicher, ob er hier nur dem journalistischen Affen Zucker gibt, den CDU-Gegner mit dem "eigenen" Theorethiker ärgert, oder ob er das wirklich so platt meinte. Ich hoffte nicht.

mfg
ut
Uwe Theel schrieb am 08.10.2010 um 22:18
@ Ernst schrieb am 08.10.2010 um 06:46

Bloß weil Sie hier hinter einer Clownsmaske daherkommen, brauchen sie ja nicht grottenschlecht clownesk, genauer hohl zu argumentieren. Echte Clowns sind geistvoll, .

Vielleicht lesen sie zur Einführung aber einmal:

Marx im Herzen und Keynes im Kopf?

Anmerkung von Harry Nick

"... Die wichtigste Übereinstimmung in den Lehren von Marx und Keynes besteht darin, dass beide die Ursachen kapitalistischer Wirtschaftskrisen in der Wirtschaft selber, sehen. Im Gegensatz zu den Neoliberalen, die diese Ursachen in außerökonomischen Verhältnissen und Vorgängen, in falschem Verhalten, falscher Politik, in Naturkatastrophen, Missernten, in demografischen Veränderungen sehen. ...

... Die englische Ökonomin Joan V. Robinson meint, die Keynessche Theorie als eine besondere Theorie hätte sich erübrigt, wenn die nach-Marxschen marxistisch orientierten Ökonomen die Marxsche Theorie folgerichtig weiter verfolgt, fortentwickelt hätten. Sicher hätte dies auch zur Keynesschen Idee einer durch staatliche Investitions- und Fiskalpolitik realisierten "antizyklischen Wirtschaftspolitik" führen können. Berechtigter scheint mir aber die kritische Bemerkung an die Adresse von John Maynard Keynes zu sein, dass er die Herkunft seiner Hauptidee des Zurückbleibens der Gesamtnachfrage hinter dem Gesamtangebot aus der Marxschen Theorie nicht vermerkt. Er widerlegt das Saysche Theorem mit exakt demselben Argument, das vordem von Marx, und nur von ihm, entwickelt worden war, ohne Marx zu erwähnen. Keynes folgt hier der Borniertheit der etablierten bürgerlichen Ökonomie, die Marx durch Totschweigen glaubt erledigen zu können. ... "


Man lese den ganzen Artikel unter:

die-linke.de/partei/weitere_strukturen/weitere_zusammenschluesse/ag_wirtschaftspolitik/texte/marx_im_herzen_und_keynes_im_kopf/

was aber auch nur nutzen wird wenn man keine Scheuklappen der Ordoliberalen hat, die offensichtlich inzwischen auch als Clownsmaske daherkommen können.
THX1138 schrieb am 08.10.2010 um 22:39
"Weder der Staat, noch das Privatkapital können den Kapitalismus "einhegen", da interessiert langfristig nicht wirklich, wer es vor dem finalen Crash länger schaffte."

Langsam finden wir zusammen einen möglichen Weg, wie ich sehe. Der Markt ist eine Bestie, die gezähmt werden will. Eine Frage noch, der (intellektuellen) Auslegeordnung wegen:

Kapitalismus = ?

Da müssten wir uns noch einig werden.

Dann kann's weitergehen ;-)

Schönen Abend
THX

P.S. ich bin übrigens ein Anhänger vom nach Stieglitz benannten (oder Polanyi, so genau weiss ich das nicht mehr) Gleichgewicht der Kräfte (im weitesten Sinne also Staat und Markt). Wirtschaftshistorisch betrachtet, hat es den "freien" Markt während der letzten 250 Jahre noch keinen einzigen Tag lang gegeben: Staatliche Interventionen und protektionistische Massnahmen sind die Regel- und nicht etwa die Ausnahme. Es gibt nur ein Gleichgewicht der Kräfte- alles andere ist eine Utopie.
Uwe Theel schrieb am 08.10.2010 um 22:55
@ THX1138 schrieb am 08.10.2010 um 22:39

Dann kann's weitergehen ;-)

Lieber THX1138,

heute leider nicht mehr, ich hatte einen langen Tag, aber man sieht sich :-)

Einen schönen Abend ebenso

Uwe Theel
Ernst schrieb am 09.10.2010 um 09:45
@ Uwe Theel 8.10. 22:18

Lassen wir Keynes mal selbst sprechen: Writing to George Bernard Shaw, during the composition period of the General Theory, Keynes justified his dismissal of Marx by claiming that the Theory “will largely revolutionize – not at once but in the course of the next ten years – the way the world thinks about economic problems. "There will be a great change, and, in particular, the Ricardian foundations of Marxism will be knocked away.”
( praxisblog.wordpress.com/2008/11/18/keynes-on-marx-and-malthus/ )
Ich könnte Ihnen, Herr Theel, noch andere Quellen aufzeigen. Aber das dürfte bei Ihnen sowieso vergeblich sein.

Keynes hatte ganz andere Sorgen und Probleme, als sich lange mit Marx abzugeben. Seine Ausgangsbasis war nicht Marx, sondern die Irrtümer der Klassiker in der VWL.

Hier ist noch etwas Lesestoff für Sie, was Sie überhaupt ernsthaft interessiert sein sollten:

"This dependence on an incomes policy, and the consequences that will flow from it
bring us back to a basic difference between the analysis of capitalism made by Marx
and that made by Keynes and Stewart. Marx saw that capitalism is not just an
accidental assembly of economic activities, ...

Keynes thought that if he could
find means to reduce unemployment to a very low level he could take the edge off the
conflict.

There is still another difference between Marx and Keynes. It was claimed for Keynes
in the Thirties that he saved capitalism; that was certainly his declared intention."

Aus: www.worldsocialism.org/spgb/education/Keynes.pdf
Uwe Theel schrieb am 09.10.2010 um 14:21
@ Ernst am 09.10.2010 um 09:45

Sie können ja hier Popanze aufbauen wie Sie wollen, aber ich habe an keiner Stelle behauptet, dass Keynes ein Marxist gewessen sei, sondern, ich sagte, dass er die immerhin intelligenteste Kritik von bürgerlicher Seite aus an Marx getrieben hat bei seinem Versuch den Kapitalismus zu bändigen.

Unabbhängig davon, dass ihm dies nicht gelungen ist, war meine These , dass Keyenes Marx aber sehrwohl verstanden hatte, als er seine eigenen Thesen zu entwickelen suchte (insofern ist Keynes ohne Marx nicht denkbar), während die "normale" bürgerliche VWL und die heutige neoliberale Politik in ihrer Borniertheit Marx ungelesen und unverstanden als überholt betrachtet und so ungefähr wieder bei Smith gelandet ist.
Ernst schrieb am 09.10.2010 um 14:51
mmmh, lecker Rückzugsgefecht - Keynes hat Marx zu Quatsch erklärt, erh ätte auf den Quark von Marx auch gut verzichten können. Im Gegensatz zu mir hat er das höflicher formuliert.

Sie sind für mich, um es es ganz klar zu sagen, ein indiskutabler Gesprächspartner, Herr Theele. Weder begreifen Sie die VWL, noch können Sie sachlich argumentieren.

Bleiben Sie ruhig janz weit wech von Berlin - und schreiben Sie gern hier weiter... freuen sie sich auf meine Antworten.
Uwe Theel schrieb am 09.10.2010 um 17:03
@ Ernst schrieb am 09.10.2010 um 14:51

"... janz weit wech von Berlin", wo ich jetzt lebe, da sagen sie zu so jemandem wie Ihnen "Schlechschwätzer"
Lea schrieb am 07.10.2010 um 01:12
Wir Menschen müssen uns weiterentwickeln zu einer Spezies, wo Empathie und eine Art spiritueller Verbundenheit mit den anderen Menschen nicht mehr intellektuell aufgepfropft ist, sondern im Gewebe unserer Emotionen tief verankert. Ähnlich wie das Grundbedürfnis nach Liebe. Vielleicht fast so, das Unrecht gegen andere Menschen uns selber verletzt. Ich glaube, dass die Zeit, dies über ein kompliziertes und nicht funktionierendes staatliches Regulativ zu lösen, zu Ende geht. Was auf dem Etiket der Regulative steht (Kapitalismus, Soialismus, soziale Marktwirschaft, irgendeinen der -ismem) spielt keine Rolle, denn sie haben aufgehoert, zu funktionieren.
THX1138 schrieb am 07.10.2010 um 11:08
"Ich glaube, dass die Zeit, dies über ein kompliziertes und nicht funktionierendes staatliches Regulativ zu lösen, zu Ende geht. Was auf dem Etiket der Regulative steht (Kapitalismus, Soialismus, soziale Marktwirschaft, irgendeinen der -ismem) spielt keine Rolle, denn sie haben aufgehoert, zu funktionieren."

Das steht tatsächlich zu befürchten. Ob der Wolf da positiv mitzeiht- oder in aller Brutalität wieder aus seinem Loch hervorkriecht, bleibt abzuwarten. Viel Hoffnung habe ich nicht. Der Zivilisationsprozess, der sich v. a. im Zeitalter der industriellen Revolution akzentuiert hat (u. a. mit der Schaffung der sozialen Sicherungssysteme unter Bismarck), ist, so denke ich mal, keine Erfolgsgeschichte, die sich bis in die Ewigkeit fortschreiben lässt. Die Frage ist nur, was danach kommt. Das Tier? Oder ein geläuterter Mensch?
Ernst schrieb am 08.10.2010 um 07:18
Liebe Lea,

Ihrer Ausführung zur Weiterentwicklung der Menschen würde ich liebend gern zustimmen. Ich fürchte, daß wir einfach nicht soviel Zeit haben, darauf zu warten. Wir existieren so ungefähr seit 100.000 Jahren als das, was wir heute sind. Was haben wir bisher an Entwicklung bewältigt?

Über die Zwiespältigkeit von Egoismus und Altruismus in uns könnte man lange reden. Über dieses Hin- und Herschwanken zwischen Rationalität und grenzenloser Dummheit, über vorsichtigem Handeln und bedenkenlosem Spieltrieb und Abenteuerlust sicher ebenso.

Uns bleibt derzeit meines Erachtens nur der Weg, die Spielregeln zu verbessern und deren Einhaltung möglichst zu objektivieren und dem Zugriff einseitiger Macht zu entziehen.

Auf Marktwirtschaft möchte ich nicht verzichten, weil ich darin ein Element von persönlicher Freiheit und individueller Entfaltung sehe, welches Zentralverwaltungswirtschaften nicht besitzen. Aber Markt versagt auch in einigen Situationen (beispielhaft verweise ich auf natürliche Monopole, auf Allmendeprobleme). Auch die Konzentration von Kapital, speziell von vagabundierenden Finanzmächten sehe ich als störendes Element. Die bisherigen politischen Lösungsansätze entsprechen meiner Auffassung nach nicht bzw. höchst ungenügend ordnungspolitischen Grundsätzen.
Lea schrieb am 10.10.2010 um 18:19
Die Transhumanistische Erklärung (Version 2.4)

1
Die Menschheit wird in der Zukunft durch Technologie grundlegend verändert werden. Voraussichtlich werden sich Möglichkeiten eröffnen, die Bedingungen menschlichen Daseins neu zu gestalten und unter anderem die Unvermeidbarkeit des Alterns, die Grenzen menschlichen Verstandes und künstlicher Intelligenz, eine nicht selbstgewählte Psyche, menschliches Leiden und unser Gebundensein an den Planeten Erde zu überwinden.

2
Diese zukünftigen Entwicklungen und ihre langfristigen Auswirkungen sollten systematisch erforscht werden.

3
Transhumanisten vertreten die Ansicht, daß wir bessere Aussichten haben, aus neuen Technologien Nutzen zu ziehen, wenn wir sie begrüßen und ihnen mit Offenheit begegnen, als wenn wir versuchen, sie zu ächten oder zu verbieten.

4
Transhumanisten treten für das Recht derer ein, die technologische Mittel zur Erweiterung ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten und zur Verbesserung der Kontrolle über ihr eigenes Leben einzusetzen wünschen. Wir streben nach individuellem Wachstum über unsere gegenwärtigen biologischen Grenzen hinaus.

5
Bei der Zukunftsplanung muß der zu erwartende gewaltige technische Fortschritt berücksichtigt werden. Es wäre tragisch, wenn potentieller Nutzen wegen abwegiger, grundloser Technikangst und unnötiger Verbote ausbliebe. Ebenso tragisch wäre es andererseits, wenn das intelligente Leben aufgrund einer durch neue Technologien verursachten Katastrophe oder aufgrund eines Krieges ausgelöscht würde, der mit fortgeschrittener Technologie geführt worden ist.

6
Wir halten die Schaffung von Foren zum Zwecke rationaler Diskussion über erforderliche Maßnahmen für notwendig, und wir brauchen eine soziale Ordnung, in der verantwortungsvolle Entscheidungen getroffen werden können.

7
Der Transhumanismus tritt für das Wohl aller fühlenden Lebewesen ein (seien es künstliche Intelligenzen, Menschen, Tiere oder mögliche außerirdische Spezies), und er beinhaltet viele Grundsätze des modernen weltlichen Humanismus. Der Transhumanismus unterstützt keine bestimmte Partei oder politische Richtung und keinen bestimmten Politiker.
GeroSteiner schrieb am 07.10.2010 um 23:56
Die Diskussion übersteigt meine Fußballkenntnisse - definitiv. Ist das jetzt Abseits?

Ich warte besser auf den illiberalen Eisverkäufer, der mir nationalliberales Eis verkauft. Verkäuft. Verkäuft? Klar. Bevor man was käuft, muss man immer erst frägen, was das köstet.
THX1138 schrieb am 08.10.2010 um 07:15
Wenn ich ehrlich sein will: Von Fussball habe ich keine Ahnung. Aber das war ja auch ein politische Diskussion, die sich des Fussballs lediglich als Instrument bedient hat...

Ausbeutung also, ganz klar!
GeroSteiner schrieb am 08.10.2010 um 11:49
Ausbeutung ist immer gut. Die Ausbeuterklasse nimmt ihre Aufgussbeutel aus den Futterbeuteln der Ausgebeuteten, um sich selbst als Beutelratte unter den Windbeuteln der Kriegsbeutenanleger obendrein noch völlig selbst auszubeuteln. Das wusste schon das Känguru(h): Am Anfang war der Beutel. Leer.
trashmarket schrieb am 26.01.2011 um 11:36
Richtigerweise müsste es "Paleoliberalistisch" bzw. "Paleoliberalismus" heißen, da sich dieser auf Manchester-Kapitalismus bezieht. Neoliberalismus und Ordoliberlismus sind eigentlich Synonyme. Da der Begriff des Neoliberalismus in den Medien jedoch sehr oft falsch verwendet wird (,wie auch in diesem Artikel) ist man von der Verwendung des Begriffs abgekommen.
THX1138 schrieb am 26.01.2011 um 17:28
Warum Paleo?
trashmarket schrieb am 26.01.2011 um 18:14
"Die Betonung des Ordnungsrahmens und des dafür notwendigen
starken Staates ist das Kernelement, das den
Neoliberalismus vom so genannten Paleoliberalismus, also
dem Alt-Liberalismus oder auch Manchester-Liberalismus,
unterscheidet. Deswegen nennt man den Neoliberalismus
in Deutschland auch meistens Ordoliberalismus. Der Paleoliberalismus
vertraut auf die Selbstregulierung der Wirtschaft
und weist dem Staat kaum mehr als die Rolle des Eigentumsschutzes
zu. Er hat durch seine Vertreter in Chicago
und anderswo in der Tat der Deregulierung das Wort geredet,
aus der heraus der Kasino-Kapitalismus entstand, der
in der Finanzkrise kollabierte und nun mit riesigen staatlichen
Hilfsprogrammen, die weltweit tausende von Milliarden Euro
umfassen, gerettet werden muss (vgl. Sinn 2009)."

Vgl. www.cesifo-group.de/portal/page/portal/DocBase_Content/ZS/ZS-ifo_Schnelldienst/zs-sd-2010/ifosd_2010_9_1.pdf

S. 17
THX1138 schrieb am 26.01.2011 um 19:44
Das wusste ich nicht, trashmarket, danke! Wobei ich jetzt einmal zu behaupten wage, dass sich der Begriff "Paleoliberalismus" (im weitesten Sinne Laissez-faire, wie er vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges gerne genannt wurde) vor allem unter Historikern einer gewissen Beliebtheit erfreut. Ordoliberalismus und Neoliberalismus als heute gebräuchliche Begriffe haben meines Erachtens keine in Ihrem Sinne aufgeführte Verwandschaft. Auf Wikipedia wird zum Beispiel Ordoliberalismus mit Neoliberalismus gleich gesetzt- was meiner Ansicht nach falsch ist. Wobei ich, wie gesagt, vom heutigen Sprachgebrauch ausgehe..
THX1138
Ich beschäftige mich hauptsächlich mit der Ausweitung der Kampfzone- einem weiten Feld also.
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