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In Kalkbay mischen sich die Kulturen ungezwungen. Warum das auffällt? Weil es an fast keinem anderen Ort im Post-Apartheids-Südafrika der Fall ist. Dabei geht es auf dem Landungssteg eigentlich nur um eines: Fisch
Es ist windig, es ist laut, und wer eine empfindliche Nase hat, der sollte an diesem Samstag tunlichst einen anderen Ort für einen Ausflug wählen. Wer allerdings das Südafrika der Vielfalt sucht und die Hoffnung auf ein unverkrampftes Zusammenleben der Kulturen (in diesem Land versteht man besser ,,Hautfarben”) im ehemaligen Apartheids-Staat noch nicht aufgegeben hat, der ist hier goldrichtig. Im Hafen von Kalkbay herrscht buntes Treiben. Diese Formulierung kann man abgedroschen finden. Man kann sich aber auch in diesen von der Fischerei geprägten Stadtteil Kapstadts begeben, um festzustellen: ,,Buntes Treiben” trifft es punktgenau.
John hat seine Angel ausgeworfen. Das Meer bewegt sich heute ungeduldig, was bedeutet, das John ganz das Gegenteil sein muss. Mit bedächtigen Handgriffen steckt er den Köder auf den Haken. ,,Stress ist Gift”, sagt er. Warum seine Frau und die beiden vierjährigen Zwillingstöchter vermutlich ein Picknick vorbereiten nicht in direkter Nachbarschaft, sondern im Auto gegenüber. Das ist freilich auch auf dem Steg geparkt. Geteiltes Leid ist halbes Leid.
Das gilt auch für Martin und seinen Bruder Phillip, die sich gleich neben John den Platz auf dem Pier gesichert haben. Sie warten bereits seit drei Stunden auf einen dicken Fisch. Und das könnte in Kapstadt. Meeresfrüchtenahversorgungscenter Nummer Eins so ziemlich alles sein: Forelle, Hecht, Thunfisch, aber auch Tintenfisch oder Garnelen. Alles besser als nichts. ,,Bisher war noch nicht so viel los”, sagt Phillip. Sein Eimer: leer. Aber das kenne er schon. ,,Wenn es hier ruhiger wird, beißen sie besser.”
Ruhiger wird es aber noch lange nicht. Denn neben John, der jedes Wochenende aus Fishhoek, dem Viertel der ,,Coloured-People” (Farbigen, Anm. d. A.) angefahren kommt, und Martin und Phillip, die um die Ecke im Township wohnen, bevölkern auch noch andere Menschen unterschiedlichster Colour den Steg. Zwei ältere Damen nutzen die warme Abendsonne für einen Spaziergang und ein sehr intensivens Geplauder im britischstem aller britischen Akzente. Ein Minibus spült spanische Jugendliche an den Strand, die schon sehr bald im Firstclass-Seafood-Restaurant am Hafenausgang verschwinden. Im Schatten der Fischerboote, die langsam ihre Netze einrollen, nehmen geschulte Hände Unmengen von Fischleibern aus. Sie unterhalten sich in einer Sprache, die für das westliche Ohr ungewohnt klingt. Was der Fremde trotzdem hört: Man kennt sich hier. Man vertraut sich. Man weiß, was man tut.
Nach dem Gesetz sind am Kap alle gleich: Südafrikas Verfassung ist eine der modernsten der Welt. Doch die Realität in der jungen Demokratie ist von Gegensätzen geprägt, die über ein halbes Jahrhundert brutale Rassentrennung der Gesellschaft eingeschrieben haben. Kneipen, in die Menschen mit dunkler Hautfarbe, nicht reingelassen werden, gibt es nicht mehr. Kneipen, in die Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht gehen, weil sie es sich nicht leisten können, hingegen an jeder Ecke vor allem in den Nobelvierteln von Johannesburg und Kapstadt. Schwarze Wahrheit, weiße Wahrheit: Zweidrittel der (farbigen bzw. scharzen) Bevölkerung wohnt in Baracken, trinkt ihr Bier in den Shebeens (Trinkhallen, Anm. d. A.) der Townships, in die die (immer noch vornehmlich weiße) kleine Oberschicht sich niemals verirren würde.
Phillip und John machen ein Pause und holen sich beim Imbiss gegenüber Fish&Chips. Preiswert ist das, und gut, so dass es sich lohnt, einen Teil des kleinen Monatseinkommens für eine Mahlzeit außer Haus auszugeben. Sie langen zu von Papier und mit den Fingern. Auch die beiden englischen Ladies nehmen Platz an den schlichten Holztischen. Im Hafen von Kalkbay isst man zusammen. Vielleicht, weil der Fisch so gut ist. Vielleicht aber auch, weil es funktioniert.
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Hi tina,ich kenne Leute in Jo'burg, die nur wegen der Fish & Chips nach Kapstadt fahren!
Ja, es funktioniert in Kalkbaai und noch in einer Handvoll weiteren Ecken. Es wird noch lange dauern, fuerchte ich, bis es ueberall funktioniert. Das ist nicht verwunderlich. Die SuedafrikanerInnen haben ja nicht nur die viel beschworenen 40 bis 50 Jahre Apartheid auf dem Buckel, sondern 300 bis 400 Jahre davon. Die National Party und ihre Klientel ernteten 1948 das, was zuvor die niederlaendische Ost-Indien-Kompanie und der britische Kolonialismus seit 1652 gesaet hatten. |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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