Vor 20 Jahren wurde Nelson Mandela aus jahrzehntelanger Haft entlassen. Die Südafrikaner feierten jetzt seinen ,,Walk of Freedom” – und reisten z.T. aus dem ganzen Land zur Zeremonie nach Kapstadt, auch Yvonne und Maureen. Präsident Jakob Zuma nutzte das historische Datum für eine ,,Rede an die Nation” – die in weiten Teilen dürftig ausfiel.
Nationalflaggen, T-Shirts mit Mandelas Konterfei, Fähnchen und Kameras: Sie hatten sich bunt geschnmückt, die zahlreichen Schaulustigen, die am frühen Abend des 11. Februar 2010 die Hauptverkehrsader durch Kapstadts Innenstadt flankierten. Die City war schon gegen fünf Uhr weiträumig gesperrt, Polizisten und Sicherheitskräfte grenzten die Fahrbahn vom Bürgersteig ab und Helikopter kreisten am stahlblauen Himmel. Was Menschen aller Colour nicht davon abhielt, in Scharen Richtung Parlamentsgebäude zu strömen.
Unter ihnen Yvonne und Maureen, die schon morgens aus dem etwa 100 Kilometer entfernten Paarl angereist waren. ,,Wir sind zu fünft in einem Wagen gekommen”, erzählt Yvonne. Gespart hätten sie alle für diesen Tag, sagt die 62-Jährige, ,,mit meiner kleinen Rente hätte ich mir das sonst nicht leisten können.” Und dann sagt sie erstmal nichts mehr, denn pünktlich gegen halb sieben nähert sich der Wagen mit Präsident Jacob Zuma und seiner Gattin der Grande Parade.
Plötzlich wird es laut zwischen den Wolkenkratzern, Jubeln, Kreischen, ein eiliges Durcheinander. Die Fenster des Präsidentengefährtes geben freie Sicht auf das Fahrzeuginnere. Der erste Mann des Staates in feierlichem Schwarz winkt seinen Anhängern zu, lächelt, zur einen Seite, winkt, lächelt zur anderen Seite – und dann ist er auch schon vorbei. ,, Habt Ihr gesehen? Er hat uns zugewunken!” Yvonne ist selig. Andere sind noch nicht zufrieden, warten sie doch an diesem Abend auf ihr eigentliches Idol: ,,Madiba” Nelson Mandela. Der aber nicht kommt, zumindest nicht im Konvoi über die Hauptstraße.
Langsam löst sich das Spalier auf und wandert Richtung Parlament. Auch Yvonne, Maureen und die restlichen Fans aus Paarl haben sich auf den Weg gemacht. Der Präsident hat freilich seine ,,Rede an die Nation” im großen Plenarsaal bereits eröffnet, natürlich mit einer Würdigung Nelson Mandelas und F.W. de Klerks, die beide anwesend sind. Mit der Freilassung des Freiheitskämpfers Mandela aus jahrzehntelanger Haft im Jahr 1990 hatte der damalige Staatschef F.W. de Klerk den Weg bereitet für Verhandlungen über eine Abschaffung der Apartheid, die schließlich 1993 zur Gründung der demokratischen Republik Südafrika und den ersten freien Wahlen am Kap führten, aus denen Mandela und der ANC als haushoher Sieger hervorgingen.
Mandela wirkt an diesem Abend erschöpft – der 92-Jährige hat sich schon vor Jahren aus der aktiven Politik zurückgezogen und gibt nur noch in Ausnahmefällen Interviews. Auch heute bleibt der amtierende Präsident Jacob Zuma der Hauptredner. Sein Anliegen ist ein schwieriges, und das emotionsgeladene Datum darum gut gewählt: Zuma muss sein Volk auf ein Jahr voller Herausforderungen einschwören, das geprägt ist von Großereignissen wie der Fußball-WM im eigenen Land, aber auch von einer Arbeitslosenquote von an die 40 Prozent und anhaltender Armut besonders in der farbigen und schwarzen Bevölkerung. ,,Dieses Jahr wird ein Jahr der Taten”, liest Zuma etwas steif von seinem Skript ab. Yvonne und Maureen haben sich in einem Schnellimbiss niedergelassen, von dessen Decke ein Fernseher flimmert (Großleinwände gibt es für die vielen Besucher nicht). Von der Schaffung von Arbeitsplätzen spricht der Präsident, vom Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, von besserer Ausstattung von Schulen und von Aids-Prävention.
Nach 45 Minuten sind Yvonne und Maureen anttäuscht. ,,Er ist ein guter Präsident, aber er hat eigentlich nichts Konkretes gesagt”, findet Yvonne. Sie selbst ist seit 20 Jahren Witwe, ,,ich bekomme nur eine ganz kleine Rente und keine Unterstützung vom Staat. Dabei hat mein Mann sein Leben lang gearbeitet”, erklärt sie ihren Unmut. Sehr, sehr wenig bliebe da zum Leben, sagt die Mutter zweier Kinder und Großmutter eines Enkels. Trotzdem machen sich die fünf Gäste aus Paarl nach der Rede noch auf zum feierlichen Auszugs der Parlamentsmitglieder aus dem Parlament. ,,Wir kennen diese Leute ja nur aus dem Fernsehen!” Natürlich hoffen sie auch, doch noch einen Blick auf ,,Madiba” erhaschen zu können. ,,Wir lieben ihn!” Aber der bleibt an diesem Abend für seine Fans weitestgehend unsichtbar.
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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