1
]
Die Farbenlehre der Apartheid ist sich im neuen demokratischen Südafrika weitestgehend gleich geblieben – auch, weil die ehemaligen Widerstandskämpfer den Verführungen der Macht wenig entgegenzusetzen haben.
Schwarz und weiß. Das sind die Farben, die dieses Land seit fast 70 Jahren vor sich her treiben. 16 Jahre nach formaler Überwindung der Apartheid sind sie immer noch das zentrale Thema in allen Felder des täglichen Lebens Südafrikas. Der Unterschied zu nahezu 50 Jahren strikter Rassentrennung ist nicht, dass sich in der ANC*-Demokratie die Farbenlehre geändert hätte (die holzschnittartigen Realitäten dieses so anziehenden Fleckchens Erde können auch dem differenziertesten Betrachter nicht entgehen). Der Unterschied ist, dass man dieses augenfällige Faktum so heute auf keinen Fall benennen darf. Nicht sagen darf, dass der Gedanke einer Zweiklassengesellschaft sich (zwar nicht ideologisch, aber faktisch) gleich geblieben ist. Schwarz und weiß, diese Ausdrucksweise ist in höchstem Maße politisch unkorrekt im neuen pluralen Südafrika - schwarz und weiß ist dieser Staat aber durch und durch, auch und gerade im übertragenen Sinne. Und darum soll es an dieser Stelle auch bei dieser Formulierung bleiben.
Weiß, das steht für helle Hautfarbe, das steht für die weitestgehend sehr wohlhabende Oberschicht am Kap, die nicht mehr nur englischer, holländischer, deutscher Abstammung ist, sondern sich zunehmend auch aus Zuwanderern aus den USA, der Sowjetunion und den asiatischen Staaten rektrutiert. Weiß sind die (von einer kleinen, sehr betuchten schwarzen Oberschicht aus schwarzen Funktionären und anderen Systemprofiteuren abgesehen) Menschen, die sich in den beliebten Restaurants der Großstädte von schwarzem Personal bedienen lassen, deren Küchenhilfen, Putzfrauen, Gärtner, Kinderfrauen schwarz sind. Weiß wie wohlhabend, wohnlich, wacker, weltgewandt, Waschbecken mit goldenen Kränen, Wintergarten, Wonne....
Schwarz steht für mehr als Zweidrittel der Menschen mit schokoladenbrauner bis nahezu pechschwarzer Hautfarbe, die hauptsächlich den eingeborenen südafrikanischen Stämmen angehören, aber auch als Flüchtlinge aus allen afrikanischen Ländern ans Kap auswandern. Diese Menschen leben im Nachapartheidsstaat immer noch in abgelegenen Stadtvierteln und hier unter unwürdigsten Bedingungen. Diese Menschen sind immer noch mehrheitlich arbeitslos und unterversorgt. Schwarz sind die Menschen, die weiße Gäste in Restaurants, Hotels, Lodges und Guesthouses bedienen, die in den Luxusvillen von Campsbay und Sandton die Sträucher schneiden und die Klos putzen. Schwarz wie schäbig, schwer vermittelbar, schmuddelig, schlicht das letzte Glied in der Kette.
Aber Schande über den, der sich traut, das genau so auszusprechen. Der laut deklamiert, dass die soziale Schere heute genau da ihren Schnitt aufweist, wo die Apartheidsregierung ihn ein halbes Jahrhundert lang bewusst angesetzt hat: zwischen schwarz und weiß. Wenn in der Zeitung von kriminellen Delikten berichtet wird, darf unter keinen Umständen aus dem Artikel hervorgehen, welcher Bevölkerungsgruppe (mit welcher Hautfarbe) die Betroffenen angehören. Auf Werbeplaketen, in Werbespots im Fernsehen ist genau festgelegt, wie hoch der Anteil der dunkelhäutigen Menschen im Bild zu sein hat. Wer in seiner Firma, seinem Betrieb Mitarbeiter einstellen bzw. befördern will, der muss Schwarze per Gesetz bevorzugt behandeln. Schulen, die Schwarze aufnehmen, bekommen höhere Zuwendungen als von hellhäutigen besuchte Bildungseinrichtungen. Und das wäre ja auch alles gut und richtig, wenn denn die, die es am nötigsten hätten, wirklich einen Vorteil von den neuen Initiativen hätten. Haben sie aber mehrheitlich nicht. Denn wer in einer Blechhütte im tiefsten Khayelitsha haust, der kommt gar nicht in die Situation, befördert zu werden. Der hat in der Apartheids-Ära keine Schule besuchen dürfen und in der Nachapartheids-Ära deswegen keinen Ausbildungsplatz bekommen. Der ist jetzt arbeitslos. Und wird es auch bleiben, so sich die Politik des Landes nicht nachhaltig ändert.
Ein Anfang wäre, die Realitäten so zu benennen, wie sie sich darstellen. Einzuräumen, dass man in 16 Jahren nicht in der Lage war, das grässliche Erbe der Apartheid in den Griff zu bekommen und einen Staat der gleichen Bedingungen für alle aufzubauen. Von Seiten des ANC klar zu sagen: ,,Ja, wir haben uns das einfacher vorgestellt - aber wir sind über unsere eigenen (auch persönlichen Macht-) Ansprüche gestolpert." Das hieße freilich auch zuzugeben, dass man die Verführungen der Macht unterschätzt hat. Dass die Tatsache, dass man tapfer und mutig (und am Ende erfolgreich und dabei friedlich wie kaum eine andere vergleichbare Bewegung der Welt!) Widerstand geleistet hat gegen Diktatoren einen nicht davor schützt, selbst die Genüsse der Macht schätzen zu lernen; nicht bewahrt vor Korruption, Filz und Vetternwirtschaft. (Vielleicht ist es vermessen, so etwas zu erwarten. Welcher Machthaber hätte so etwas jemals eingeråumt? Aber wir sprechen über eine Nation, die einen Nelson Mandela hervorgebracht hat. Wir sprechen von einer Nation, die Außergewöhnliches geleistet hat. Von der man Außergewöhnliches erwarten kann.)
Ein weiterer Schritt wäre, effektive Maßnahmen in Angriff zu nehmen statt Alibi-Gesetze zu beschließen, die öffentlichkeitswirksam eine Politik des Ausgleichs dokumentieren, systemintern aber wenig ausrichten. Sinnvoll und effektiv wäre beispielsweise eine ganz gezielte Stadtplanungspolitik. Politik, die sich nicht für Autobahnen ausspricht, die die einzelnen Ghettos ebenso effektiv voneinander abgrenzen wie Zäune, Schilder und Polizisten im ehemaligen Unrechtsstaat, sondern für integrierte Siedlungsprojekte, die die Bewohner der Townships zu bevorzugten Bedingungen in den Aufbau der Communities einbeziehen. Ebenso wichtig wäre die Investition in Einrichtungen frühkindlicher Erziehung, Schulen und vor allem die Lehrerausbildung. Und zwar unter Einbezug der Menschen, die in den betroffenen Elendsvierteln wohnen. Diese Aufgabe Non-Government-Organisations (NGOs) zu überlassen ist einfach aber auf lange Sicht kontraproduktiv. Erfahrungen zeigen: Communities identifizieren sich mit ihren eigenen Leuten und Einrichtungen. Haben sie eine Krippe mit ihren eigenen Händen gebaut, kennen sie die Frau, die ihre Kindern dort betreut, aus der Nachbarschaft, dann wird eine solche Krippe schnell mehr als nur ein Aufenthaltraum für Kleinkinder, wird Familienzentrum, Mensa, Kleingarten und Teestube für einen ganzen Straßenzug.
Das sind nur zwei beispielhafte Felder, auf denen Präsident Jacob Zuma und seine Regierung umsteuern müssten im Sinne einer Politik des Ausgleichs. Zurzeit stehen freilich Leuchttürme im Vordergrund, die vor allem die zahlreichen Besucher der Fußball-Weltmeisterschaft beeindrucken sollen. Doch von den zehn prachtvollen Stadien wird die Mehrheit der Südafrikaner nach Juli 2010 nicht profitieren, und auch nicht von den vierspurigen Schnellstraßen, die zurzeit in aller Hektik ausgebaut werden. Ganz klar: Der ANC hat 1993 ein schweres Erbe angetreten, und niemand kann ernsthaft erwarten, dass fast 17 Jahre später die Wunden von 50 Jahren Unmenschlichkeit geheilt sind. Jedoch muss das Bemühen zu erkennnen sein, sich diesen Verletzungen nachhaltig anzunehmen. Leider gewinnt man nicht den Eindruck, dass das gerade geschieht.
*National African Congress, ehemalige Widerstandsorganisation gegen die Apartheid und heutige Regierungspartei
|
|
hallo tina, dass du deinen namen klein schreibst, lässt ihn auf einer linie laufen wie meine netzschreibe.
so wie du die verhältnisse am kap beschreibst, ist es kein kap der guten hoffnung, aber doch so, wie das bild in der regel aussieht, wenn ein systemwechsel stattgefunden hat und es im wesentlichen status quo bleibt. wenn du wiederholt von der verführung der macht schreibst, der die anc-leute erlegen sind, so ist das sicher richtig. aber durch die farbenlehre der haut ist es sehr leicht zu erkennen, was eine revolution bislang immer vor allem bewirkt hat: die köpfe der regierenden wurden ausgetauscht. die strukturen sind die alten geblieben. eine frage zur geschichte: einmal schreibst du 70, ein andermal 50 jahre. hatte nicht schon gandhi mit der politik der kolonialherrschaft zu tun? ging der strang nicht durch in den letzten jahrhunderten, an dem alle die eingewanderten europäer gemeinsam zogen? |
Ausgabe 11/10
18.03.2010
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 2.90 €
>> bestellen