Tintenfisch

Blog von Tintenfisch

03.02.2012 | 19:16

Der französische Sarrazin


Wer mancherorts als kritisch, verpönt oder gar rassistisch ausgefasst wird, dem wird anderenorts eine Straße gewidmet. Das sind die großen und immerwährenden Gegensätze von einem Ort bzw. von einem Land zum anderen. So geschehen in der ostfranzösischen Metropole Lyon: eine Hommage an die Sarrazin’s (dieser Welt).
Als ich gestern auf meinem Heimweg vom Kino wieder einmal die Straße „Jean Sarrazin“ im achten Arrondissement von Lyon überquerte, dachte ich mir, dass es nun endlich an der Zeit sei einen Artikel darüber zu verfassen. Laut Stadtteilarchiv  und ja auch Internet war der französische „Jean Sarrazin“ ein Sekretär auf dem Hofe des Heiligen Ludwigs IX gewesen. Er sei in einer großbürgerlichen Familie in Paris aufgewachsen und bekannt als einer der ersten, die die französische Sprache der lateinischen gegenüberstellten und somit mit dafür sorgten, dass sich die Sprache Voltaires allmählich durchsetzte. Mehr dazu in „Jean Sarrazin’s Lettre à Nicolas Arrode“(1249) ediert von Alfred L. Foulet in Lettres Françaises du XIIIe siècle (Paris, 1924).
 
Der Name Sarrazin ist in Frankreich anscheinend positiver besetzt als in der BRD.
Also eine durchaus lobenswerte und noble Persönlichkeit dieser Jean Sarrazin. Was man natürlich von seinem in Gera geborenen Namensvetter nicht sagen darf und kann, wenn man nicht als Rassist gelten will, wie es einige zu sagen pflegen. Würde die Stadt Gera oder gar Berlin, wo er lange gearbeitet hat,  einem wie Thilo Sarrazin jemals eine Straße widmen? Oder würde einer wie er jemals als großer Wegbereiter der deutschen Sprache gelten oder als Visionär, der den Untergang der Bundesrepublik in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ schon lange vor anderen vorausgesehen hat? Wohl kaum.
Dem einen gebührt Ehre und ein Straßenschild, dem anderen nichts von beidem, nur die Tatsache, „das auszusprechen was ein Großteil der deutschen Bevölkerung denkt.“
Außer der Namensgleichheit scheinen sich beide diametral voneinander zu unterscheiden. Die Fragenach einem „Sarrazingen“ sei hier gestattet. Anscheinend haben sich die „günstigen, guten und positiven“ Gene des rund 800 Jahre vor ihm lebenden französischen Sarrazin  nicht auf seinen deutschen Namensvetter vererbt.

 

 

 
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Kommentare
Tintenfisch schrieb am 03.02.2012 um 19:21
@Freitag: Wie kann ich das Photo/Foto des Straßenschildes hinzufügen? Die Option oben "Bild einfügen" klappt leider nie.
Zeitleser schrieb am 03.02.2012 um 21:32
In Berlin-Dahlem, der seit 1900 zum Reichenviertel entwickelten königlichen Domäne, gab es auch einen Sarazzin, der da eine Rolle spielte, welche weiß ich nicht mehr, jedenfalls scheinen sich die Sarrazenen - Nachkommen der von den Arabern vertriebenen Vandalen - irgendwie immer mal ins Rampenlicht zu schieben, aber etwas was man erhalten sollte haben sie meines Wissens noch nicht geschaffen.

Kann ja noch kommen, allerdings nicht von dem unserigen, denn der hat ja keine Nachkommen, soweit ich weiß, er sagt ja bloß die Akademikerinnen kriegen zu spät Kinder und die andern zu früh, er kriegte aber keine.
s0cialliberalism schrieb am 03.02.2012 um 23:20
Wie hat Reinhard Mey in "Sei Wachsam" gesungen? Er sang: "und nach den schlimmsten werden Straßen und Flugplätze benannt" :-)

Recht hat er. Bald sprießen wahrscheinlich Helmut-Kohl-Straßen aus dem Boden...
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