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Oraniers Kommentar:
>Dass Adorno, wie in dem essayistischen Beitrag hier, den Privatbesitz verallgemeinernd problematisiert, kaum trennend zwischen (lebensnotwendigem) Konsum- und Produktivvermögen, ja, sich auf ersteres mit seinem Freund Marcuse kaprizierend, ist ein wesentlicher Grund dafür, dass die 68er, von den Frankfurtern inspiriert, keine Chance hatten, das Proletariat festrebungen zu gewinnen. In dem hier nicht veröffentlichten Teil des Essays geht es ja vornehmlich um die Obsoletheit des behaglichen Wohnens. Dem bornierten Bildungsbürger ist seinesgleichen "der moderne Mensch". Dessen Zeiten bejammert er, wieder totalitaristisch, als Unbehaglichkeit, aus der es kein Entrinnen gibt. Er versteigt sich dabei in Verallgemeinerungen, bei denen ihm die architektonischen Verwüstungen der Städte und die Konzentrationslager in Einerleiheit aufgehen.
"Aus der Entfernung ist der Unterschied von Wiener Werkstätte und Bauhaus nicht mehr so erheblich." - Wie wahr, sagt da der Schreiber dieser Zeilen, aber in ganz anderem als dem von Adorno intendierten Sinne. Der ist nämlich in einem subproletarischen zehnköpfigen Haushalt aufgewachsen, in dem sich das ganze liebe- und zugleich gewaltvolle Leben der Familie in einer zwölf Quadratmeter großen Wohnküche abspielte, wo ich meine Hausaufgaben an einem Küchentisch erledigen musste, immer gewärtig, dass mir die Dreijährige nicht unter dem schadenfrohen Jubel der Fünfjährigen im Schulheft herumkritzelte, während das Baby schrie und die Mutter schwitzend auf dem Kohlenherd seine wohlriechenden Windeln kochte. Die kargen Möbel waren grob, ich wusste nicht recht, ob im Weimarer oder im Wiener Stil, zum Teil vom Vater selber, gezimmert, die eisigen Schlafkammern gelang man im Winter über eine Treppe, auf die durch die blanken Dachziegel Schnee geweht war. Sieht so die "muffige Interessengemeinschaft" Familie aus, von der Adorno spricht? Man male sich fünfzehn Jahre später, nachdem ich meine derart erworbenen Bildungslücken auf dem Zweiten Bildungsweg einigermaßen geschlossen, dann auf der Universität meine begeisterte Zustimmung zum "Konsumterror" der Arbeiterklasse aus, den meine Kommilitoninnen und Kommilitonen im Gefolge Adornos wissend und kaltschneuzig propagierten.<
Meine Antwort für dich:
Lieber Oranier,
seit ich diesen Kommentar hier von dir gelesen habe, möchte ich darauf antworten, weil er mich so tief bewegt hat. Weil mir das alles so bekannt ist, was du an Verhältnissen beschreibst, und weil ich mit dir so übereinstimme in deiner Kritik am Bildungsbürger und seinem Denken.
Mich berührt das alles so sehr, und zwar nicht aus Sentiment, sondern aus dem Gefühl der Verbundenheit mit dir, daß ich mich neben dich setzen möchte, dich in den Arm nehmen, ganz lange, und Tränen würden dabei bestimmt auch fließen, ganz leise. Und wir würden spüren, wie der eine den anderen mit den Händen von Zeit zu Zeit verhalten drückt, gemeinsam auf einer etwas zugigen Holztreppe sitzend.
Ob unsere Wohnküche damals überhaupt 12 Quadratmeter hatte, keine Ahnung, jedenfalls war sie mit Abstand der größte Raum in der Wohnung. 2 ½ Zimmer ohne Bad für 5 Personen. Das Zuhause meines Vaters, als der ein Kind war, noch kärglicher. Das meiner Großmutter in Ostpreußen, unbeschreiblich. Kein fließend Wasser, Wäsche waschen, auch im Winter, im Fluß.
Meine Großmutter, der ihr totes Kind ohne Betäubung auf dem Küchentisch aus dem Leib gezogen werden mußte. Das Krankenhaus ein finanziell unerreichbarer Ort, obwohl nur wenige Kilometer entfernt. Und das Schweigen darüber den Männern gegenüber, weil das eine Frauensache ist, über die frau nicht spricht. Und natürlich war der Küchentisch blank, denn das wenige Bettzeug wird durch so etwas nicht extra noch versaut.
All diese erlebten Härten sind auch noch in mir, auf die eine oder andere Weise. So etwas verflüchtigt sich nicht, es vererbt sich in das Lebensgefühl der nächsten Generation.
Oranier, was sollen die Bürgerkinder davon wissen? Wenn sie von den Härten des Daseins für sich und ihre Kinder sprechen, und ich sage, ich finde das nicht hart, dann echauffieren sie sich. Ich hätte kein Verständnis, sagen sie mir. Und ich schüttel still den Kopf, und überlege, ob der Einwand, daß Härten eben zum Leben gehören und Klagen Luxus sind, den man sich erst mal leisten können muß, noch Sinn macht.
Du hast mit deinem Satz, das Leben sei ungerecht, so einfach und so ganz recht, daß er keinen, auch nur den leisesten, Widerspruch erlaubt.
Und auch wieder nicht.
Denn um dieses Leben überhaupt ertragen zu können, haben meine Vorfahren diesen ganzen Zu- und Umständen einen Humor und eine Lebenslust entgegenzusetzen gewußt, die mich auch heute noch sicher und glücklich durchs Leben tragen. Tief verwurzelt ist da etwas in mir drin, von dem ich zehren und zehren kann. Und ich merke, auch dieses Lebensgefühl unterscheidet mich von den Bürgerlichen. Auch dem größten Mist, der mir widerfährt, vermag ich noch etwas Gutes abzuringen. All diese Weinerlichkeiten des modernen Menschen berühren mich herzlich wenig und höchst selten. Ob zB Mama und Papa einen verstehen, ist so was von belanglos und letztendlich unwichtig, ob man seinen Kindern nun gerecht wird oder nicht, ebenso. All dieser ganze bürgerliche Schmu, all diese pädagogischen Konzepte sind so ein Quatsch, letztendlich.
Die einzig wirklich wichtige Lektion im Leben ist die, das Leben lieben zu lernen. Und das haben mir meine Vorfahren offensichtlich gut beigebracht, trotz aller widrigen Verhältnisse. In dieser Wohnküche, dem Lebensmittelpunkt, in dem sich das ganze liebe- und zugleich gewaltvolle Leben der Familie abspielte. Übrigens wußte selbst mein Vater nach Jahrzehnten noch, an welchem Wochentag die allererste Waschmaschine in diese Wohnung geliefert wurde.
Natürlich hatten die 68er keine Chance, die Arbeiter für sich zu gewinnen, denn die machen lieber gemütlich Feierabend als große Revolution. Und zwar mit Recht! Und mit einem Genuß und einer Lebensfreude, die vielleicht nirgendwo anders sonst möglich ist.
Und nun gehe ich und setz mich zu dir auf die Treppe.
Un bring wat leckaret zu trinken mit. Un am besten au no wat zu mampfen. Kann ja wat länga dauan, dat auffa treppe.
Herzlichst und in Umarmung
Titta
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Ich liebe dich auch!
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"Ob zB Mama und Papa einen verstehen, ist so was von belanglos und letztendlich unwichtig, ob man seinen Kindern nun gerecht wird oder nicht, ebenso. All dieser ganze bürgerliche Schmu, all diese pädagogischen Konzepte sind so ein Quatsch, letztendlich."
Innigste, nun schüttest du Kinder mit dem Blog aus. Dass die Lebensverhältnisse der unmittelbaren Nachkriegsgeneration hart waren, stimmt. Ich gehöre dazu. Meine Freunde und ich kletterten abends in Baustellen, um dort die leeren Bier- und Milchflaschen der Arbeiter zu klauen. Davon kauften wir uns Süßes, das es sonst zu Weihnachten gab. Oder auch mal ein riesiges Weißbrot, fingerdick mit Margarine bestrichen. Samstags wurde gebadet, nacheinander in der Zinkwanne. Ich war der Jüngste und damit als letzter dran, die Nummer sechs. Bis heute bin ich mir ganz sicher, dass meine ältere Schwester aus purer Gemeinheit ins Wasser pinkelte, um mein anschließendes Bad zu kontaminieren. Ja stimmt, pädagogische Konzepte kannten unsere Eltern nicht, nach der Nazizeit. Deine Eltern haben dir Humor und Lebensfreude vermitteln können, meine mir auch. Warum ist es für dich belanglos, unwichtig, ob Eltern ihre Kinder verstehen, ob Eltern ihren Kindern gerecht werden? Was ist daran bürgerlicher Schmu? Ich bin dagegen, ehedem erhaltene Backpfeifen als Erziehungsmittel gutzuheißen und pädagogische Konzepte von heute für Quatsch. Wie kommst du nur auf so was? Ist das eine Art neu aufgelegter Proletkult für den Alltag? Ich will doch hoffen, dass Oranier dir das nicht durchgehen lässt auf der Treppe. weinsztein (Hinweis an Oranier: Titta umamen is wie wennze schweps.) |
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Lieber Weinsztein,
ich kann deine Empörung verstehen, sie ist voll und ganz nachvollziehbar. Du hast nur Backpfeifen erhalten? Du Glücklicher du. Unsere Eltern haben an uns nur das weitergegeben, was sie selbst erleiden mußten. Hätten sie weniger gelitten, hätten wir es auch. Ich brauche sie nicht einmal entschuldigen, das Leben tut es. Das Leben ist hart, das Leben ist ungerecht, und das Leben ist wunderschön. Ob du dich nun darüber aufregst oder nicht. |
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Liebe Titta,
ich empört? Nein gar nicht. Nur erstaunt. Ja, das Leben ist schön, ich genieße es leidend, empört, euphorisch, lesend. Und so. |
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"Un bring wat leckaret zu trinken mit. Un am besten au no wat zu mampfen. Kann ja wat länga dauan, dat auffa treppe."
...ah, das klingt nach meiner Heimat dem Ruhrgebiet!? Bin allerdings in Palermo geboren... ...will an dieser Stelle aber nichts darüber verlauten lassen, wovor mein Vater damals dort geflohen ist und welche Lebensverhältnisse dort herrschten... ...oder meine zeitweilige ein gutes halbes Jahr dauernde nicht freiwillige oder aus Abenteuerlust gewählte Zeit ohne Dach über'm Kopf und Arbeit im Alter von 19 Jahren, als mir äthiopische Flüchtlinge im "Asylantenheim" mit Essen und Schlafplatz aushalfen - ohne die helfenden Hände damals hätte ich nichts erreicht - und noch etwas Gutes hatte diese Zeit: Man nimmt nach solchen Erfahrungen auch bei noch so großem Wissen, welches man sich auf die eine oder andere Weise aneignen mag, niemals mehr eine allzu große Generalstabssicht ein - Arroganz gepaart mit Standesdünkel, möchte ich für mich ebenfalls ausschließen. Nicht das ich in irgendeiner Weise ein "besserer" Mensch bin, aber zumindest eine Ahnung davon bekommen zu haben, wie das Leben derer sich anfühlt, die wirklich ganz "unten" sind, bewahrt mich hoffentlich davor. (Ich erwähne das hier nicht als Tränendrüsen-Geschichte!) ...eigentlich wollte ich etwas zu den erwähnten 68er sagen: Ich denke, der Mai 68 in Frankreich war schon etwas anderes, als die Studenten-Revolte hierzulande. Ohne in die typische frankophile Lobhudelei vom ständig rebellierenden Volk abzudriften, so muß man bedenken, dass der Schulterschluß zwischen Studentenbewegung, KPF und Gewerkschaften dort ja fast gelungen wäre. Nicht umsonst bekam die Regierung De Gaulles damals ganz schön kalte Füße! Das wäre auch hier etwas Feines: Schulterschluß zwischen den sozialen Bewegungen, der Intelligenzija, den noch verbliebenen politisierten Studentenden und den organisierten Arbeitern und Angestellten, Arbeitslosen, Hartz IV Empfänger, Migranten etc. - das ist nicht völlig unmöglich... ...naja, man darf ja noch mal etwas träumen dürfen... |
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Lieber Giuseppe Navetta,
tach eas ma, und danke, daß du mir nun deinen Spiegel vorhältst, den habe ich nämlich genauso nötig, wie wahr! Natürlich komm ich aus dem Pott, höat man do, odda, nur leider hat mich das Leben momentan woanders hin verschlagen, der einzige Vorteil: ich kann nun von Ferne selig schmachten und das Heimweh pflegen. Ein lieber Freund von mir hat auch schon mal so etwa ein, zwei Jahre auf der Straße verbracht, was wir aber eigentlich gar nicht mitkriegen sollten. Bis irgendwann seine Zähne anfingen zu wackeln, auch so eine Geschichte, aber die laß ich jetzt. Deshalb kann ich das mit dem Standesdünkel auch gut verstehen und bin froh, daß du das noch angeführt hast. Ich denk auch immer, der Grad ist nur ein schmaler, sei besser dankbar, nicht hochnäsig. War für mich deshalb auch keine Tränendrüsendrückerei. Von wg. dem Träumen dürfen. Als ich deinen Satz las, hab ich gleich den Spruch in meinem Profil, den unterm Header, geändert. Liebe Grüße un hoffentlich allet paletti bei dir. Titta |
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Doch, weinsztein, ich werde ihr das durchgehen lassen auf der Treppe. Nicht, weil ich mit ihr in dem Punkt einer Meinung wäre, das bin ich in der Tat nicht, sondern weil ich kapituliere vor der Totalität ihres Urteils, von der ich weiß, woher sie stammt. Ich werde im Gegenteil mit ihr auf der Treppe sitzen, Essen und Trinken genießen, und unsere Umarmung wird unendlich sein. Den Meinungsstreit mögen andere mit ihr führen, ich habe ihn mit den Adornorianern zu führen.
Ich habe Tittas Blogbeitrag gelesen, und mir kamen die Tränen. Sonst nicht sehr larmoyant, kamen mir längst vergessene Erinnerungen hoch von frühen Erzählungen meines Vaters. Habe mich schlafen gelegt, bin wieder aufgewacht und muss dies noch schreiben. Morgen ist ein anderer Tag. Die familiengeschichtlichen Erinnerungen reichen in proletarischen und kleinbäuerlichen Schichten zwei, höchstens drei Generationen zurück. Es gibt keine schriftlichen Aufzeichnungen von irgendetwas, nicht einmal Dokumente, aus denen sich etwas rekonstruieren ließe. Zwei Texte: 1. Folgende Geschichte, auch für Karla: Eine der seltenen Erzählungen meines Vaters handelte davon, wie sein Vater aus Südlimburg in Holland ins Ruhrgebiet kam. Arbeitsmigration, um 1900. Die Familie mit einer bäuerlichen Kleinstwirtschaft hatte vierzehn Kinder, als mein Großvater so 15 Jahre alt war und sein Bruder 16, oder umgekehrt, wurden sie gebeten, das Haus zu verlassen und für sich selber zu sorgen. Nach Art der wandernden Handwerksburschen packten sie ihre sieben Sachen in ein großes Taschentuch, das sie um die Spitze eines Stocks banden, den sie beim Wandern auf der Schulter trugen. so wanderten sie zu Fuß bis ins Ruhrgebiet, wo mein Vater im Bergwerk arbeitete, bis er dort verschüttet wurde, schwerst verwundet geborgen, Invalide wurde und zurück an die holländische Grenze zog, wo mein Vater aufwuchs. Heimweh! Nach Holland selber konnte er nicht zurück, dahin hätte man ihm die kleine Knappschaftsrente nicht überwiesen. Um kein Geld in der Welt, so mein Vater über seinen, hätte der in der Fabrik gearbeitet. Das machte: dort gab es Vorarbeiter. Für einen solchen gab es in seinem Stollen von 70 cm, aus dem er, im Staube liegend wie die Schlange im Paradies, die Kohle haute, keinen Platz. Auch mein Vater hatte etwas von diesem anarchistischen Zug, ließ sich lieber von den Nazis auf gefährliche Weise ins Lager sperren, als seine Hetzreden gegen Hitler und seinen Krieg, die er in der Fabrik führte zurückzunehmen. Vom Lager aus, in das er kam, musste er zu seinem großen Glück in einem Rüstungsbetrieb in Düsseldorf arbeiten, in dem mein Großvater, sein Schwiegervater, der ein SA-Mann war, Betriebsobmann fungierte. Der mochte meinen Vater nicht, Opportunisten schrecken vor Aufrechten zurück, jedoch hatte er meine weinende Mutter mit mir und meiner großen Schwester von drei Jahren in seiner engen Wohnung sitzen und zog es deshalb vor, meinen Vater dort herauszueisen, als meine Mutter auf Dauer auf der Pelle zu haben. die Geschichte fiel mir sofort ein bei der Lektüre von Anna Seghers, Das siebte Kreuz. Der politische Riss geht quer durch die Familie, aber Sonntags nachmittags sitzt man einhellig um Mutters Streuselkuchen herum. Mein Vater war übrigens ein lesender Arbeiter, aber nicht so ein idealisierter, wie der Bürger Brecht sich einen solchen vorstellt, sondern, methodisch völlig ungeschult, las er, was er in die Finger bekam, und konnte einem in völliger Selbstverständlichkeit und Harmonie klerikalfaschistisches mit anarchistischem oder linksradikalem Gedankengut gemischt, als Wahrheit nahebringen. Ich bin abgeschweift: Heimweh meines Großvaters. Das packte die Jungen natürlich, obwohl sicherlich sicherlich keine Zimperlichkeiten, aber so etwas wie Familienleben gewöhnt, in der rauhen Männerwelt des Industrie- und Kohlereviers besonders. Irgendwann später hatte mein Großvater eine kaputte Jacke und von einem Arbeitskollegen eine junge Frau empfohlen bekommen, die gegen wenig Geld Sachen reparierte. Er ging zu der Adresse, landete in einer abgelegenen Hütte und traf dort auf einen ganzen Haufen finsterer Gesellen, mittendrin als einzige Frau die Näherin. die Männer lebten von Schmuggel und Wilderei, die Frau hat er später geheiratet, sie wurde meine Großmutter. Aber noch trieb das Heimweh die Jungs um. das bewirkte: wenn ein Samstag ein Feiertag war oder Ostern und Pfingsten ein Montag, es herrschte ja wie bei der Erschaffung der Welt die Sechstagewoche, dann machten die beiden sich nach der Schicht auf und liegen zu Fuß die ganze Nacht durch sechzig Kilometer auf dem Rheindamm in ihr holländisches Heimatdorf. Zwischendurch riefen sie sich immer wieder beim Namen, denn es kam öfter vor, dass einer von ihnen mitten im Laufen einschlief. Mein Großvater brauchte einmal über eine Stunde, bis er seinen bruder wiederfand, der den Damm heruntergerollt und unten fest eingschlafen war. Im Elternhaus angekommen, sagten sie: "Moder, mach' uns en Zwiebelzupp!" Das war das Gericht, das sie mit Heimatgeschmack verbanden. die aßen sie, bekamen eine Bettstelle, auf der sie einen halben Tag und eine Nacht lang schliefen, standen früh auf, tranken Kaffee und wanderten denselben Weg zurück in die Pütt. |
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2. Theodor W. Adorno
Asyl für Obdachlose. - Wie es mit dem Privatleben heute bestellt ist, zeigt sein Schauplatz an. Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt. Die neusachlichen, die tabula rasa gemacht haben, sind von Sachverständigen für Banausen angefertigte Etuis, oder Fabrikstätten, die sich in die Konsumsphäre verirrt haben, ohne alle Beziehung zum Bewohner: noch der Sehnsucht nach unabhängiger Existenz, die es ohnehin nicht mehr gibt, schlagen sie ins Gesicht. Der moderne Mensch wünscht nahe am Boden zu schlafen wie ein Tier, hat mit prophetischem Masochismus ein deutsches Magazin vor Hitler dekretiert und mit dem Bett die Schwelle von Wachen und Traum abgeschafft. Die Übernächtigen sind allezeit verfügbar und widerstandslos zu allem bereit, alert und bewußtlos zugleich. Wer sich in echte, aber zusammengekaufte Stilwohnungen flüchtet, balsamiert sich bei lebendigem Leibe ein. Will man der Verantwortung fürs Wohnen ausweichen, indem man ins Hotel oder ins möblierte Appartement zieht, so macht man gleichsam aus den aufgezwungenen Bedingungen der Emigration die lebenskluge Norm. Am ärgsten ergeht es wie überall denen, die nicht zu wählen haben. Sie wohnen wenn nicht in Slums so in Bungalows, die morgen schon Laubenhütten, Trailers, Autos oder Camps, Bleiben unter freiem Himmel sein mögen. Das Haus ist vergangen. Die Zerstörungen der europäischen Städte ebenso wie die Arbeits- und Konzentrationslager setzen bloß als Exekutoren fort, was die immanente Entwicklung der Technik über die Häuser längst entschieden hat. Diese taugen nur noch dazu, wie alte Konservenbüchsen fortgeworfen zu werden. Die Möglichkeit des Wohnens wird vernichtet von der der sozialistischen Gesellschaft, die, als versäumte, der bürgerlichen zum schleichenden Unheil gerät. Kein Einzelner vermag etwas dagegen. Schon wenn er sich mit Möbelentwürfen und Innendekoration beschäftigt, gerät er in die Nähe des kunstgewerblichen Feinsinns vom Schlag der Bibliophilen, wie entschlossen er auch gegen das Kunstgewerbe im engeren Sinne angehen mag. Aus der Entfernung ist der Unterschied von Wiener Werkstätte und Bauhaus nicht mehr so erheblich. Mittlerweile haben die Kurven der reinen Zweckform gegen ihre Funktion sich verselbständigt und gehen ebenso ins Ornament über wie die kubistischen Grundgestalten. Das beste Verhalten all dem gegenüber scheint noch ein unverbindliches, suspendiertes: das Privatleben führen,: solange die Gesellschaftsordnung und die eigenen Bedürfnisse es nicht anders dulden, aber es nicht so belasten, als wäre es noch gesellschaftlich substantiell und individuell angemessen. »Es gehört selbst zu meinem Glücke, kein Hausbesitzer zu sein«, schrieb Nietzsche bereits in der Fröhlichen Wissenschaft. Dem müßte man heute hinzufügen: es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein. Darin zeigt sich etwas an von dem schwierigen Verhältnis, in dem der Einzelne zu seinem Eigentum sich befindet, solange er überhaupt noch etwas besitzt. Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, daß das Privateigentum einem nicht mehr gehört, in dem Sinn, daß die Fülle der Konsumgüter potentiell so groß geworden ist, daß kein Individuum mehr das Recht hat, an das Prinzip ihrer Beschränkung sich zu klammern; daß man aber dennoch Eigentum haben muß, wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortbestand des Besitzverhältnisses zugute kommt. Aber die Thesis dieser Paradoxie führt zur Destruktion, einer lieblosen Nichtachtung für die Dinge, die notwendig auch gegen die Menschen sich kehrt, und die Antithesis ist schon in dem Augenblick, in dem man sie ausspricht, eine Ideologie für die, welche mit schlechtem Gewissen das Ihre behalten wollen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. |
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sei umarmt, lieber oranier
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Hallo oranier,
ich habe die Geschichte über deinen Großvater und den Nazi-Riss durch die Familie jetzt gelesen. Da möchte man mehr wissen, mehr lesen. Ich finde, man könnte eine Geschichte daraus machen, eine größere, dickere. Eine mit Fotos und Zeitungsartikeln. Eine Historie en famille. Wenn du das irgendwann machst und einen Mitleser oder Mittexter brauchst - melde dich. Oder du kombinierst mit Tittas Geschichte: Die Urrheinländer (falls es das gibt) und die Holland-Rheinländer. Zwei Familiengeschichten "von unten". Aus dem "Milieu". Als Erinnerung nicht nur für euch und eure Nachkommen, sondern auch an ein Stück Deutschland. klara |
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tja, da kannze ma kucken
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Titta, ich hab mich still auf die unterste Treppenstufe gesetzt und zugehört. Aber das nimmst du mir ja gewiss nicht übel. <3
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Ganz gewiß und sicherlich nicht! Auch den anderen nicht, die da noch weilten. <3
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Eh, Ihr seid ja verrückt, jetzt macht Ihr schon die Nächte durch, mitten in der Woche.
Moin, ich versuche jetzt mal, die Augen aufzukriegen, damit ich lesen kann. |
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na und? Wir sind einander verfallen. Was guckst du, meisterfalk?.
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schrieb am
23.10.2009 um 08:20
Uff, ist das senile Bettflucht?
Sicherheitshalber :)) |
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Nein, wahre Liebe gemischt mit Virus.
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schrieb am
23.10.2009 um 17:59
Nee, ich meine, dass der Mann bis um 5 h hier herumhing und um 10 vor 8 schon wieder (immer noch?).
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Titta, Deine Blog-Posting-Frequenz steigt stark!
PS: Gerade im Radio gehört "das Brüderle vom Westerwelle" |
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Was ist denn heute los, meisterfalk schon auf ...?!
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schrieb am
23.10.2009 um 08:58
Meine normale Aufstehzeit ist 6.00 Uhr, leider.
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@meisterfalk
"Titta, Deine Blog-Posting-Frequenz steigt stark!" Falls dich das sorgen sollte, bin die ganze nächste Woche offline, also dann verhältnismäßig ruhig. |
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schrieb am
23.10.2009 um 18:00
Titta, das war ein Freudenschrei, nix mit Sorge...
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@meisterfalk
Das raspelst du hier rum, und an anderer stelle haust du mir dann das süßholz wieder um die ohren. Hach, wenn ich dir nicht so gewogen wäre... |
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Liebe Titta, das leben lieben zu lernen, ihm etwas abzugewinnen ... ich denke, das vermochten auch etliche der "abgehobenen" 68er, auch wenn sie in der mehrzahl nicht in der von Dir sehr eindrücklich beschriebenen lebenswirklichkeit zuhause waren. Und darüber hinaus hatten die 68er unruhen in der folge doch einige positive veränderungen in der westdeutschen gesellschaft gezeitigt, z.b. in hinsicht auf transparenz gesellschaftlicher entscheidungsprozesse oder geschlechtergerechtigkeit ... Auch wenn vergangene und jetzige koalitionen versuchen, etliches davon wieder "einzudampfen" (gleich einer vielzahl sozialer errungenschaften).
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schrieb am
23.10.2009 um 08:57
Fangt jetzt keinen Streit an, ob 68 nu gut war oder schlecht. Dat is undialektisch!
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Hallo meisterfalk - aber Streit ist doch auch dialektisch. Wat denn nu?
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schrieb am
23.10.2009 um 09:24
Man könnte sagen:
Dialektik ist Streit, aber Streit ist nicht unbedingt dialektisch. Moin, Magda! |
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@jayne
Mein Artikel war nicht als 68er-Bashing gemeint. Dafür habe ich selbst zu sehr von den erstrittenen Freiheiten profitiert und diese leben können. Dieses "Eindampfen" der konservativen (sind die nicht auch bürgerlich?) Kreise von allem, was nur nach 68 riecht, sehe ich auch und finde es widerlich, um nicht zu sagen widerwärtig. (Hat vermutlich noch was mit dem Totalversagen der Konservativen vor/nach 33 zu tun. Wenn man selbst sich erübrigt hat, tut es gut, dies später anderen unterstellen zu können.) |
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Hallo jayne,
konntest du was mit meiner Erläuterung zu 68 anfangen? Ich sehe das im Prinzip wie du. Es war aber eine allgemeinere politische und soziale Umbruchsituation, und wer genau was nachhaltig bewirkt habe, das wäre in der Tat ein undialektischer Streit. Die Protagonisten der 68er waren antiparlamentaristisch ("Außerparlamentarische Opposition"), vertraten räterepublikanische Modelle, die inneren Strukturen waren basisdemokratisch, zur gleichen Zeit fand aber in Parlament und Regierung die fast zwanzigjährige CDU-Vorherrschaft ihr vorläufiges Ende zugunsten der sozialliberalen Koalition. Der Einfluss der FDP, in der sich kurz zuvor der sozialliberale Flügel unter Walter Scheel gegen den rechtskonservativen des Erich Mende durchgesetzt hatte, darf im Hinblick auf gesellschaftliche Reformen, zumal Liberalisierungen im Sexualstrafrecht, nicht unterschätzt werden. Die Massendemonstrationen gegen den § 218 flankierten so z.B. parlamentarische Gesetzesänderungen. Übrigens wurden die Reformen in der BRD und der DDR nahezu zeitgleich durchgeführt: DDR: 1972 Fristenlösung ohne Beratungszwang - BRD 1974 Fristenlösung mit Beratungspflicht von CDU und BVerfG allerdings torpediert und 1976 modifiziert. Nach 1992 das gleiche Spiel, CDU ruft BVerfG gegen die beschlossene Fristenregelung mit Beratungspflicht an, nach dessen Urteil wird das Gesetz erst 1995 endgültig beschlossen. Der § 175 galt in beiden deutschen Staaten nach 1949 weiter, in der BRD allerdings im Gegensatz zur DDR in der 1935 unter den Nazis verschärften Form. 1973 wurde die Straftat auf sexuelle Handlungen von Erwachsenen mit gleichgeschlechtlichen Jugendlichen eingeschränkt. In dieser Form findet er seinen Niederschlag auch im DDR-Strafgesetzbuch von 1968. In der DDR wurde die Strafverfolgung der Homosexualität im übrigen jedoch, wenn ich das recht verstehe, schon ab 1957 beschränkt auf die Bedingung, dass eine Schädigung der sozialistisachen Gesellschaft damit verbunden sein musste und dadurch praktisch aufgehoben. |
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lieber oranier, ich kann das, was Du anhand dieser parallelitäten zwischen ost und west demonstrierst, auf jeden fall nachvollziehen, sehe es ja ähnlich wie Du, als eine breitere politische strömung für gesetzliche lockerungen, sozialstaatliche regelungen, für die zeit auch einfach "reif" war, weil lang genug vorbereitet, da ist es nicht allein dem verdienst einer einzelnen gruppierung zuzurechnen, doch sicherlich auch dem berühmten "tropfen, der das faß zum überlaufen bringt" ...
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"Ob zB Mama und Papa einen verstehen, ist so was von belanglos und letztendlich unwichtig, ob man seinen Kindern nun gerecht wird oder nicht, ebenso."
Titta, das meinst Du bitte nicht im Ernst? |
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In dem Zusammenhang, in dem ich es gesagt habe, ja. Aber es gibt ja auch noch andere Zusammenhänge über die Notwendigkeiten einer Pädagogik zu reflektieren. Das will ich hier aber nicht tun, es war schließlich ja auch kein Blog zu Bildungsfragen, jedenfalls nicht im engeren Sinne.
Vielleicht sitzen wir ja mal in einer anderen Nacht auf dieser Treppe beisammen, und du erzählst mir dann, warum mein Satz dich so empört hat. |
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Nein, nicht auf dieser Treppe! Bitte!
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Toll. Alles.
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Für Titta!
www.youtube.com/watch?v=p6pphVs8bF0&feature=related ...teach the parents well, the childrens hell will slowly go by... Trifft ganz sicher für uns alle zu! |
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Jedes Kind, das etwas taugt, wird mehr durch Auflehnung als durch Gehorsam lernen.
Sir Peter Ustinov |
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schrieb am
23.10.2009 um 19:13
Dann weiß, pardon wußte, Sir Peter Ustinov mehr oder Genaueres als ein paar zehntausend Psychologen, Psychotherpeuten, Pädagogen,...
"Jedes Kind, das etwas taugt,..." Da muß man sich dann aber auch mal vergegenwärtigen, was mit den Kindern ist, die nichts taugen. Ich halte so einen Satz für eine Art Kriegserklärung. Mindestens für hochaggressiv. L.Janus, H.-J.Maaz, H.-E.Richter, St.Grof, O.Rank, F.Reneggli, W.Reich, DeMause, S.Freud,.... Mit anderen Worten: Da bin ich entschieden anderer Meinung und verfüge über anderes Wissens! |
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Jeder hat da wohl so seine weichen Punkte, in denen er empfindlich ist. Bei mir ist es aber eben nicht die gelehrte Pädagogik, und schon gar nicht in diesem Blogbeitrag, wo sie wirklich nur am Rande eine Rolle spielt.
Ein großes Manko der Psychologie/-therapie: ihre fehlende Systembezogenheit, wodurch Konflikte/Probleme vorwiegend individualisiert/personalisiert werden und nicht mehr hinreichend gesellschaftsbezogen betrachtet werden. Eine Folge davon: bürgerliche, also sog. gebildete, Eltern quälen sich ab mit Erziehungstheorien und -modellen. Lieber GerhardHM, was für eine Schweinescheiße ist denn das?! Die Gesellschaft gehört geändert, weil damit sich automatisch die Erziehungsbedingungen ändern. Pisa und der ganze Scheiß ist doch nur ein Abrichten bildungsaffiner Schichten für die schöne neue globalisierte Welt. Und warum: weil diese Schichten Angst haben, da zu enden, wo ich herkomme. Aber ich weiß im Unterschied zu denen, daß ich auch da überleben kann, weil Kämpfen sich eben nur durchs Kämpfen erlernt und nicht durch didaktische Konzepte. Und das oberste Ziel meiner Erziehung wäre immer, meinem Kind genau dieses vermitteln zu wollen: Kind, du wirst dich schon durchbeißen, egal, was kommt! Und in dem Punkt hätte ich keinerlei Zweifel: mein Kind würde mich da verstehen, da hätte es Verständnis für mich. (Du meintest vermutlich zwar was anderes mit deinem Kommentar, aber egal, ich meinte halt nun das dazu.) Ansonsten dir immer herzlich gewogen Titta |
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"Die Gesellschaft gehört geändert, weil damit sich automatisch die Erziehungsbedingungen ändern."
"Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern, von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist. (Z.B. bei Robert Owen.) Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden." (Karl Marx, 3. These über Feuerbach) |
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Liebe Titta,
Dein Blog hat mich berührt. Du hast viel gelernt. Nicht jeder hat das geschafft, aber das was Du gelernt hast ist gut! Am liebsten möchte ich auch auf die Treppe, aber bis heute werde ich das Gefühl nicht los, immer zwischen allen Stühlen gesessen zu haben. Oft fühle ich mich alleine und traurig dort zwischen den Stühlen, aber mittlerweile möchte ich von dort auch kaum noch weg, auch wenn ich nicht weiß, was es mir bringt. Das ist wohl mein Leben und wird mein Leben bleiben, auch wenn ich oft wünschte dass es anders wäre. Die Diskussion in den Kommentaren habe ich auch verfolgt. Die Zeiten ändern sich natürlich auch. Was für uns in den Arbeiterhaushalten mormal war, ist heute zum Teil schon sehr schlimm. Das ist dann sicher auch irgendwie o.k. Eine Umarmung könnte ich auch gebrauchen, aber ich war immer dieser etwas andere Typ den man nicht in den Arm nimmt und irgendwann stirbt auch die Sehnsucht nach Liebe ab und was bleibt ist Traurigkeit, wenn es scheinbar nichts mehr gibt für was es sich zu leben lohnt. Was mich am Leben hält ist die Suche nach demm Sinn und die wird bis zu meinem letzten Schnaufer bleiben. Herzliche Grüße por |
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Lieber por,
das sind so die Momente, wo mich dein fehlender Internetanschluß besonders schmerzt. Wie dich dann erst. Es gäbe so vieles zu sagen zu deinen Worten, und auch nicht nur hier auf der Bühne. Diese Außenseitererfahrungen kenne ich gut, am Ende meint man immer, man sei ganz alleine dran schuld. Stimmt aber nicht!! Ehrlich. Mir hat zB in meiner Kindheit einfach das intellektuelle Umfeld gefehlt, in dem ich mich hätte zuhause fühlen können, also mit allem, was in meinem Kopf so vor sich ging. Für meine direkte Umwelt war ich halt einfach nur ein kompliziertes und hypersensibles Kind. Und irgendwann fragst du dich dann halt auch, ob was mit deinem Kopf nicht in Ordnung ist. Dabei fehlen einem einfach nur die entsprechenden Pendents. Oranier weiß davon vermutlich auch was zu erzählen. Deshalb fühle ich mich ihm ja so verbunden, weil der sicherlich eine Ahnung davon hat, was man da so alles mitmacht, wenn man halt ist, wie man ist. Ich denke, meine Eltern hätten mich da wirklich gerne verstanden und wären mir gerne nahegewesen. Es ging aber einfach nicht, weil es nicht ging. Und ich glaube, so was passiert Eltern dauernd und immer, allen, egal welcher Herkunft. Da hilft einfach auch die beste Pädagogik nicht weiter. Du fühlst dich in deinem Alleinsein wohl und auch wieder nicht. Ein Zuhause, das zu eng ist. So kommt es bei mir an. Denk doch einfach, du seiest in einem Ei und nun geht es bald raus für dich in ein anderes, neues Leben. Traurigkeit ist gut, Melancholie scheiße. Melancholie will bedauert sein, Traurigkeit heult sich aus und fängt danach was Neues an. Was bei mir immer sehr gut hilft: die Wut. Irgendwann hab ich immer den Punkt, daß ich so wütend bin, auf mich, die Verhältnisse, auf alles, daß das Leben dann quasi von alleine zurückkommt. Geh immer dahin, wo die Energie ist. Du hast starke Sehnsüchte, die helfen dir dann da raus, dafür sind sie da. (Klingt immer so blöd auf schwarzweiß. In echt auf der Treppe wär besser. Ich würd auch zu dir runter- oder hochrufen, wo immer du da halt sitzt zwischen den Stühlen.) herzlichst Titta |
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Vielen Dank.
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"Was mich am Leben hält ist die Suche nach demm Sinn und die wird bis zu meinem letzten Schnaufer bleiben."
Das machen doch alle so, poor. Da bist Du nun nicht allein. |
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Danke.
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„Pisa und der ganze Scheiß ist doch nur ein Abrichten bildungsaffiner Schichten für die schöne neue globalisierte Welt. Und warum: weil diese Schichten Angst haben, da zu enden, wo ich herkomme. Aber ich weiß im Unterschied zu denen, daß ich auch da überleben kann, weil Kämpfen sich eben nur durchs Kämpfen erlernt und nicht durch didaktische Konzepte.“ – Hier geht mir zuviel durcheinander. Natürlich haben die Mittelschichtler Angst, wurde hier ja vor Monaten auch mal diskutiert. Und natürlich bist Du, Titta, da im Vorteil. Aber idealisierst Du nicht ein wenig prekäre Lebensumstände, vielleicht nach dem Motto: was uns nicht umbringt, macht uns hart (härter als die andern)? Mit prekär meine ich nicht proletarisch. Das Proletariat und die politische Arbeiterbewegung haben nie die eigenen realen Lebensumstände glorifiziert, wohl aber die sozial-kulturelle Eigenständigkeit der Klasse und ihrer Potenzen behauptet. Das ist ein Unterschied. Und sie hat dafür gekämpft, Lebensbedingungen zu bekommen, die eben nicht prekär, sondern so auskömmlich sind, dass eine Entfaltung der Potenzen möglich wird. Was die Klasse (zunächst) im Kapitalismus bekommen hat, ist Kaufkraft (sytemimmanent notwendig, denn Autos kaufen keine Autos) und die sozialdistinktiv wirkende Hoffnung auf Ver(klein)bürgerlichung. Und das haben schließlich auch große Teile der Klasse für die Erfüllung der ursprünglichen Forderungen genommen. Natürlich war es ein Witz, dass die Bürgersprösslinge der Neuen Linken gesagt haben, hört auf zu konsumieren! (In Wirklichkeit war es ja noch banaler, die haben nicht den Konsum an sich verachtet, sondern hauptsächlich seine ästhetische Form, Raufaser statt Blümchen, später Bio-Ei statt Lege-Batterie, letztendlich hat es nichts als eine Reform des Konsums gebracht, das nur nebenbei) – Aber der Stolz auf das Erleben und Überleben prekärer Bedingungen sollte gut dosiert werden. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Durch Mangel an sich wirst Du kein besserer Mensch, das ist Sozialromantik. Das durch Bildung, nicht nur gut bezahlte, sondern auch interessante, kreative Jobs usw. abgesicherte Bürgertum hat das unverdiente Privileg, einige Aspekte einer quasi kommunistischen sozialen und kulturellen Utopie zu leben: ausreichende materielle Sicherheit, Bildung und Selbstbestätigung durch anspruchsvolle Arbeit, die die Voraussetzung sind für eine individuelle Ausprägung humanistischer sozialer Kompetenz, z.B. im Umgang mit Kindern. Bitte auf die Formulierung ‚einiger Aspekte’ achten. Denn natürlich kommt das ganze auch in recht verquaster Form daher, und in Zeiten der Prekarisierung des Proletariats wächst beim ‚utopisch’ lebenden Bürgertum die Angst und liberale Ansichten und Lebensvorstellungen werden schnell über Bord geworfen...
Häme über die angstschlotternde Mittelschicht ist unangebracht. Wer schon kennengelernt hat, was uns erwartet, hat noch mehr Grund zur Angst, die aber natürlich besser in handlungsbereiten kaltblütigen Zorn umgewandelt werden sollte. |
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Lieber meisterfalk,
kein Grund was in den falschen Hals zu kriegen, auch wenn ich da vielleicht was drin hatte, der dann Grund für meinen Furor wurde. Idealisierung der Verhältnisse? Son Quatsch! Meine Eltern wußten genau, warum sie mir die bestmöglichste Bildung zukommen ließen. Nur, wohin du damit kommst, mit dieser Bildung, also in was für Kreise, die dann das sogenannte Bildungsideal personfizieren, das darf ich doch noch infrage stellen bzw. kritisch hinterfragen, oder?! Häme - falls es welche war, muß ich noch überlegen, warum und wozu die gut ist, woher die kommt usw. Kann ich jetzt also noch nix zu sagen. So weit erstmal. Angst hab ich nicht, wenn es denn so käme, ich ... (darf ich jetzt nicht schreiben wg. des Verfassungsschutzes.) |
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Ich bin auf dem besten Weg Fan von meisterfalk zu werden. Das nenn ich Tacheles, ohne Schnörkel; zur Analyse kraft gesundem Menschenverstand kommt ne intellektuelle Beimischung ohne Franfurter-Schule-Geschwurbel, und das alles klug und rund. Bin ehrlich beeindruckt. Wenns blöd läuft, tät ich mal ein Bier und nen Schnaps mit dem Mann trinken wollen. "Im nächsten Leben" (Midnight Run)
Hallo Jan: Das bitte vormerken für die Zitaterubrik in der Printausgabe: "Durch Mangel an sich wirst Du kein besserer Mensch, das ist Sozialromantik." |
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"zur Analyse kraft gesundem Menschenverstand kommt ne intellektuelle Beimischung ohne Franfurter-Schule-Geschwurbel, und das alles klug und rund"
Oha kleine Hiebe von der Seite? |
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schrieb am
24.10.2009 um 22:36
Adorno hat gesagt ...
und alle wollen was damit, davon ... ... schön. hach ... |
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schrieb am
24.10.2009 um 22:37
mein letzter kommentar war eigentlich einer erster ordnung ... je nun
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schrieb am
24.10.2009 um 23:27
@Titta
Über die lebensprägende Bedeutung unserer beider sozialer Herkunft waren wir uns ja an anderer Stelle schon einig. Daran gibt's nix zu rütteln, Babe!!! @schlesinger Solch Lob freut, Danke, und macht verlegen. Aus'm Fan-Alter sind wir aber raus... :) |
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schrieb am
24.10.2009 um 23:41
Noch was vergessen: Warum eigentlich Bier und Schnaps nur "wenns blöd läuft"?
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Hallo meisterfalk,
hab deinen Beitrag auch nicht als Kritik, sondern als notwendige Korrektur bzw. als elaborierte Theoriefassung meines Beitrags verstanden, genauso wie schlesinger. (Kann man auch zu dritt einen trinken gehen?) Das Babe!!! hat mir übrigens sehr gut gefallen. |
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@ Magda wg. Frankfurter Schule Geschwurbel: nee, null komma null Seitenhieb auf nichts. War ein reines, und groß gemeintes Kompliment an meisterfalk. E basta!
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Lieber meisterfalk,
ich bin nicht auf dem Wege, ein Fan von dir zu werden, ich bin ein Fan von dir. Zumal, wenn du nicht nur aphoristisch schreibst, sondern deine Gedanken dergestalt ausführst. Mehr davon, bitte! Und meine volle Zustimmung! Mit dieser kleinen Einschränkung: Erstens enthält dein Beitrag eine Inkonsequenz, ebenso wie die vermeintliche Theorie-Abstinenz Tittas, auf die ich deshalb unten entgegen meinem gegen weinsztein geäußerten Vorsatz unten zurückkommen werde: Wolltest du nicht die 68er hier heraushalten? Aber wenn schon: "Natürlich war es ein Witz, dass die Bürgersprösslinge der Neuen Linken gesagt haben, hört auf zu konsumieren! (In Wirklichkeit war es ja noch banaler, die haben nicht den Konsum an sich verachtet, sondern hauptsächlich seine ästhetische Form, Raufaser statt Blümchen, später Bio-Ei statt Lege-Batterie, letztendlich hat es nichts als eine Reform des Konsums gebracht, das nur nebenbei)". Ich habe an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass das "hört auf zu konsumieren!" nicht originär von der 68er Bewegung stammte, sondern eine platte Übernahme der einseitig auf die Konsum- statt die Produktionssphäre orientierten Kritik der Bürgerlichen Gesellschaft durch Leute wie Adorno und Marcuse. Die 68er waren aber keineswegs einhellig BürgerInnensprösslingInnen, was ohne weiteres daran ersichtlich ist, dass der Schreiber dieser Zeilen, der seine lebens- und stammesgeschichtliche Herkunft hier preisgegeben, um den Preis, dass er tagelang absorbiert war, davon und, wie die gute Titta auch, von wahrer Liebe, aber ohne Viren, mit seinen bescheidenen Aktivitäten an ihr teilhatte. Die 68er Bewegung resultierte gerade daraus, dass die Universitäten durch die "Abschöpfung der Bildungsreserven" zu deren Opfer unter anderem ich zähle, dabei war, zur Massenuniversität zu mutieren, mit der Konsequenz, dass ihre bürgerlich-paternalistischen Organisationsformen, zugeschnitten auf eine sozial homogene Studentenschaft, mit gestreiften Mützchen, Schärpen und durch "Alte Herren" garantierte, von den Soziologen so genannte Statuspassagen, aus den Fugen geriet. Die "Alten Herren" dachten gar nicht daran, unsereinem die gemäßen Statuspassagen zu garantieren, und hätten das wohl auch nicht gekonnt, weil mit der Massenuniversität zugleich eine Art Proletarisierung der Intelligenz vonstatten ging. Das waren die handfest materiellen Hintergründe für den Slogen: "Unter den Talaren - Muff von tausend Jahren!" und anderen, die zugleich eine historische und kulturgeschichtliche Unbildung von Abendgymnasiasten dokumentierten. Die Bewegung entstand so unerwartet und eruptiv, dass buchstäblich die Zeit fehlte, sich bei Marx und Engels über die Bedingungen sozialer Revolutionen mit Theorie zu versorgen, weswegen man auf eindimensionale Menschen verwiesen und angewiesen war. An der Universität Köln gab es damals, soweit ich mitbekam, eine einzige Marx-Engels-Ausgabe, die stand bei den Ökonomen im Giftschrank, zu dem man nur unter Abgabe des Studentenausweises und Eintrag einer Liste den Schlüssel bekam. Anders war das für mich erst, als ich nach Marburg in das Politikwissenschafts-IInstitut von Wolfgang Abendroth wechselte. Zu der Zeit schossen aber auch schon in den Uni-Städten die DKP- K.Gruppen-Buchläden aus dem Boden, in denen die "blauen Bände" zum Kernbestand gehörten. Du, mein Lieber, und andere, mussten vielleicht ihren Konsumterror einschränken, damit wir sie für zehn Mark bekommen konnten. Bis dahin und in den von dir in Klammern gesetzen Auswüchsen waren die 68er Romantiker ohne auch nur einen Begriff von der Affinität zu den 1810ern und 1910ern samt sozialen Ursachen zu haben. Rüdiger Safranski schreibt wohl darüber, ich hab' das nicht gelesen. Sozialromantiker waren sie zumal mit der Übernahme der so fälschlich Marx zugeschriebenen "Verelendungstheorie". Sie meinten, die Arbeiterklasse müsse erst wieder hungern, bevor sie sich ihnen zum letzten Gefecht anschlossen. Die in deiner Klammer angesprochene "Banalität" teilen sie mit anderen utopischen sozialen Bewegungen. Wenn sie ihre politischen Ziele nicht erreichen, kommt die Innerlichkeit und die Konzentration auf den sozialen Mikrokosmos. Wenn es nicht gelingt, dafür zu sorgen, dass Filter in die Fabrikschornsteine eingebaut werden, fällt man über die Zigarettenraucher her. Zu den Erziehungsfragen, nicht ohne innere Widerstände, ggf. später. Herzliche Grüße oranier |
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schrieb am
25.10.2009 um 18:15
Danke, oranier, auch für die Mühe, die es kostet, so ausführliche Kommentare abzugeben. Wenn ich z.B. einen K. wie oben schreibe (was eine Zeit dauert und offline passiert), und ihn nicht sofort poste, fange ich an zu grübeln, nee, das kannste so nicht sagen, das ist eine Verkürzung usw., was dann dazu führt, dass ich wieder lösche. Anders gesagt, es ist auch eher spontan hingepinselt und nicht durchgedacht. 'Die 68er' ist so eine Verkürzung bis hin zur Klischeevorstellung, die sich bei mir (bin eher ein 78er oder 78½er; kein 89er, nebenbei) in jugendlicher Zeit z.B. durch Romane wie 'Heißer Sommer' (Uwe Timm) gebildet hat. In diesem Roman z.B. kommen proletarische Figuren eher als Sonderlinge vor, der eine Typ geht malochen in die Betriebe, der Hauptheld wird Lehrer, um sozusagen die Proletarierkinder zu erreichen, ein dritter, abenteuerlich veranlagt, schließt sich radikalen Aktivisten an, was Richtung RAF zielt. Ullrich, der Hauptheld, besucht mit seiner Studenten-Freundin einen Kollegen, politisch aktiver Arbeiter. Danach folgender Dialog: "Das ist ein dufter Typ, sagte Renate, auch die Frau ganz locker und witzig. (...) Aber der Schrank, hast du diesen fürchterlichen Schrank gesehen?"
Gemeint ist also, was Du auch anführst, eine bgl.-intellektuelle Konsum- u. Kulturkritik, die, durchaus anregend, bis heute als Steinbruch für die weltanschaulich-ideologischen Basteleien von Aktivisten herhalten muss. Und wie immer nimmt sich jeder, was ihm passt. Und die Ökologie ist ja auch noch dazu gekommen... |
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danke meisterfalk, für den Hinweis auf das Buch, das ich wohl kannte, aber nie gelesen habe. Das Zitat spricht ja eigene Bände.
"was dann dazu führt, dass ich wieder lösche" Lass' das bloß bleiben! oranier |
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@schlesinger wird gemacht, chef.
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"An der Universität Köln gab es damals, soweit ich mitbekam, eine einzige Marx-Engels-Ausgabe, die stand bei den Ökonomen im Giftschrank, zu dem man nur unter Abgabe des Studentenausweises und Eintrag einer Liste den Schlüssel bekam." - Ist das wahr? Wenn ja, unglaublich!
"Wenn sie ihre politischen Ziele nicht erreichen, kommt die Innerlichkeit und die Konzentration auf den sozialen Mikrokosmos." - Diese Art von Rückzug ist doch eher ein BRD - Ding, oder? Anfang der Neunziger gab es sehr erfolgreich sozialen Widerstand gegen das MAI (Multilaterales Investitionsabkommen)und gegen ein per Gesetz diktiertem Niedriglohn in Frankreich unter der Regierung Balladur, keine Spur von Rückzug durch gefühlsduseliges Innerlichkeitsgeschwafel o.ä., das war der Beginn der neuen sozialen Bewegungen... ...nun momentan stagniert es ein wenig...man darf ja auch nicht alles auf einmal erwarten... |
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Liebe Titta;
ich schätze Dich und Deine Beiträge sehr aber wenn es um die verschiedenen "Klassen" geht, bist Du mir auf der einen Seite zu blind und auf der anderen zu verklärend. "Wenn sie (die Bürger) von den Härten des Daseins für sich und ihre Kinder sprechen, und ich sage, ich finde das nicht hart, dann echauffieren sie sich." Es gibt auch eine Hölle, die sich hinter den edlen Fassaden so eines Bürgerhaushaltes abspielen kann. Und mit Hölle meine ich Hölle; und zwar so schrecklich, so lebensbedrohlich, dass Du Dir nicht im entferntesten eine Vorstellung davon machen kannst; wohl kaum einer hier. Hier schüttest Du einfach das Kind mit dem Bade aus, Titta. Anna |
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Liebe Anna,
mit dir geht es mir doch genauso. Ich freue mich auch jedesmal auf deine Beiträge. Aber es gibt halt auch immer Unterschiede, blinde Flecken, und ich finde es wichtig, daß wir uns wieder und wieder gegenseitig darauf hinweisen. Jedoch, und dabei bleibe ich, man muß halt erst mal ein Bad haben, um das Kind damit dann ausschütten zu können. ;-) Und: nein, ich kann mir keine Vorstellung von den lebensbedrohlichen Höllen in Bürgerhaushalten machen. Wie sollte ich auch?! Da bin ich auf die Schilderungen und Erlebnisse anderer angewiesen. Ich kann nur von meiner Welt erzählen, und das habe ich getan. Verständnis für die Höllen von Bürgerwelten kann ich aus mir heraus nicht evozieren. Wenn du Verständnis dafür möchtest, kannst nur du bzw. können nur die, die darin leben, dafür etwas tun. Verständnis kommt ja nicht davon, das man es anmahnt. (Und grad frag ich mich: Verstehen/Verständnis hat ja was mit Stehen, mit Standpunkten zu tun, also vielleicht damit, wie man zu etwas steht. Oranier und der Idealist wüßten dazu vielleicht mehr, oder wer immer das Wissen hat.) Hier verlangst du einfach zu viel von mir, Anna. Deshalb aber nicht weniger herzlich Titta |
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Liebe Titta;
für mich ist es schon richtig spät; normalerweise sitze ich um diese Zeit nicht mehr am Laptop und "treibe" mich auch nicht im Freitag "rum" (dieser Ausdruck auch ein Relikt aus meiner Kindheit und Jugend); schön, Dich aber noch hier zu treffen, (und Christian in einem anderen Blog). "...es gibt halt auch immer Unterschiede, blinde Flecken, und ich finde es wichtig, daß wir uns wieder und wieder gegenseitig darauf hinweisen." Absolut. Sonst würden wir uns ja hier immer nur in unserer Weltsicht gegenseitig bestätigen. Wie trostlos und einfältig! Von Deiner Weltsicht kann ich etwas lernen und von der der anderen, und wenn es manchmal auch ist, dass ich meinen eigenen "Standpunkt" besser begreife. "...ich kann mir keine Vorstellung von den lebensbedrohlichen Höllen in Bürgerhaushalten machen." Ich kann auch nicht für andere Haushalte sprechen, sondern nur für den, in dem ich aufgewachsen bin. Was ich damit meinte, ist, dass es eine Kälte oder ein lebensfeindliches Klima gibt für ein Kind, was nichts mit dem zu tun hat, was Du oben schilderst: Es hungert nicht, die Eltern sind nicht arm, das Kind ist gut angezogen, geht zur Schule, hat Spielzeug. Nach aussen sieht alles nach einer glücklichen Familie aus. Dahinter ist aber alles ganz anders. Und mehr kann ich beim besten Willen nicht schreiben, Titta. Nicht, weil ich es geheimnisvoll machen will, sondern weil das alles schon so lange her ist und trotzdem noch so nah, dass ich es nicht schaffe, darüber zu schreiben. Sagen wollte ich Dir nur, dass es eben auch eine Kälte und Härte gibt, wo man sie nicht vermutet. Und da klage ich nicht auf hohem Niveau. Schreiben wollte ich Dir auch schon in Deinem Blog über die Community. Unter anderem das dazu, was ich in meinem Blog neulich geschrieben habe. Dass es mir einfach nicht leichtfällt, offenherzig zu bloggen, und dass ich mich hier manchmal zerissen fühle. Lass ich mich ein, oder geh ich auf Distanz? Ich übe noch, step bei step, was das Bloggen ist. Dir einen schönen Sonntag, Anna |
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schrieb am
25.10.2009 um 01:09
"Es gibt auch eine Hölle, die sich hinter den edlen Fassaden so eines Bürgerhaushaltes abspielen kann." - Ich hatte gehofft, dass Du nicht aus persönlicher Erfahrung sprichst... Immerhin, Deine Tochter hat es wohl besser.
Eine gute Nacht, allerseits! |
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Ach Anna,
zerreißen sollst du dich ja nicht. Irgendwer erzählt schon weiter. Deine Kommentare habe ich übrigens alle gelesen. Du erzählst von der schönen Fassade der Bürgerhäuser, hinter der es so kalt zugeht. Das hab ich schon des öfteren gehört, daß die Fassade zu wahren so wichtig dort ist. Stimmt, das ist der Vorteil beengter Verhältnisse. Die Nachbarn kriegen sowieso immer alles mit, allen Streit und alle Kalamitäten, da erübrigt sich das Verheimlichen. (Wenn ich das richtig in Erinnerung hab, wohnst du ja heute um einiges "wärmer".) Man ist einfach mehr aufeinander angewiesen in prekären Verhältnissen. Was in anderen Schichten mit Geld geregelt wird, erfolgt dort eher über persönliche Beziehungen und Fertigkeiten. Das hat mir mal richtig die Schilderung einer Geschiedenen samt Kind aus wirklich gutsituierten Verhältnissen vor Augen geführt. Ihr Exmann, inzwischen mit einer Jüngeren zusammen, wollte nichts mehr mit seiner alten Familie zu tun haben und hat einfach alles, aber auch wirklich alles, über Geld oder Dritte geregelt. Als Beispiel: als die Frau ins Krankenhaus mußte, wurde für das Kind zuhause eine Nanny eingestellt und zum Putzen kam die Putzfrau aus dem Haushalt des Exmannes. Der Mann war nicht einmal bei seiner Exfrau oder seiner Tochter in der Zeit. Jahrelang kam immer irgendwer und hat was geregelt, die Exfamilie war versorgt, es gab keinen Mangel, aber ich kann gar nicht die Kälte beschreiben, die mich beschlich bei diesen Schilderungen, und die Trostlosigkeit dieser Verhältnisse. Streit gab es da übrigens auch nie zwischen denen, das wurde alles im angemessenen Ton abgewickelt. Die Geschichte ist mir wieder eingefallen bei deinen Einlassungen. Und nun wünsch ich dir einen schönen Sonntag, zum Glück haben wir ja eine Stunde mehr davon Herzlichst Titta |
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@ Titta
Sorry, dass ich auch dies jetzt erst sehe! "Oranier der Idealist wüßte dazu vielleicht mehr", habe ich zunächst erschrocken gelesen. Der (philosophische) Materialist oranier sagt dazu: Etymologisch triffst du das vollkommen richtig, liebe Titta, die Bedeutung vielleicht etwas verschoben. Die Stammesgeschichte des Wortes ist eindeutig: "stehen" ist der Wortstamm. Die Vorsilbe "ver" bedeutet immer "ganz und gar". "verlassen" heißt, jemanden ganz und gar (weg-)lassen. Manchmal auch Verkehrung ins Gegenteil: "verachten". Interessant ist in diesem Zusammenhang die Herkunft des Wortes "fressen" von "veressen", was die Bauern tun, wgegen es die ritterliche Etikette gebietet, etwas auf dem Teller zurückzulassen, zum Zeichen dafür, dass man es im Überfluss hat. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache" von Jakob und Wilhelm Grimm führt eine Fülle von Semasiologen (Semasiologie = Lehre von den Wortbeduetungen) an, die das Wort bis in die altgemanischen Sprachen und parallel in die griechische zurückverfolgen. Strittig ist, wie die konkrete Bedeutung von "stehen" in das abstrakte "verstehen" übergegangen ist. Die überzeugendste Antwort darauf ist, dass dies entstanden ist aus ursprünglich "rings um einen Gegenstand stehen, ihn umstehen, in der Gewalt haben, beherrschen". |
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Danke, oranier,
so was könntest du mir stundenlang erzählen. Hach, ich werd ganz saumselig bei so was. |
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schrieb am
26.10.2009 um 08:59
Das Bürgertum...
Worüber Anna vielleicht nicht sprechen kann und möchte: Je "wichtiger" die Elternteile durch deren Herkunft oder Erberbstätigkeit außerhalb der Familie sind, um so niedriger sind die persönlichen Ansprüche der Kinder an die Elternteile ( aus deren Sicht ) zu bewerten. Jedes Kind aus so einer Familie, hat klare Aufgaben. Zu denen in erster Linie gehört, die "Familie" positiv zu präsentieren. Das wichtigste aber ist, dass das Kind nicht stört. Das es funktioniert und ein sicheres Gespür dafür entwickelt, wo sein zukünftige Platz in der Gesellschaft ist. Die Elternteile haben wichtigeres zu tun, als sich mit dummen, kleinen Kindern abzugeben. Damit diese nicht so unerträglich dumm bleiben und damit den Elternteilen genug Zeit für deren Arbeit bleibt, werden die Kinder abgegeben. Zu Nanny´s und oder zu Verwandten. Oder in eigene Häuser, Wohnungen, Internate u.s.w. Hauptsache, die machen keinen Ärger. Wenigstens nicht da, wo die Familie lebt. Jedes Kind aus so einer Familie bekommt Chancen.Aber irgendwann sind die Chancen u.U. aufgebraucht. Denn manchen Kinder bekommt diese Form des Nicht-Familienlebens nicht. Die Folgen können vielfältig sein. Führen aber fast immer zu einem kompletten Familienausschluss der "Schwarzen Schafe". Gewalt in allen Formen sind unabhängig vom sozialen Stand des Elternhauses. Sind die Eltern allerdings wohlhabend, dann kriechen denen Lehrer, Nachbarn u.s.w. in den A... Alle gucken weg. Während die Gesellschaft bei so genannten "Schmuddelkindern" viel genauer hin guckt. PS: Selbst die Kinder der Wohlhabenden werden z.B. von Leuten aus der "Unterschicht" manchmal auf das albernste "hofiert". Man bleibt sich fremd. |
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Lieber Meisterfalk;
"Es gibt auch eine Hölle, die sich hinter den edlen Fassaden so eines Bürgerhaushaltes abspielen kann." - Ich hatte gehofft, dass Du nicht aus persönlicher Erfahrung sprichst... Immerhin, Deine Tochter hat es wohl besser." Ich denke schon. Danke, meisterfalk! Anna |
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Danke, das ist sehr spannend! Auch das ganze Gefühl dabei.
oranier, ich hab mir deine zwei Texte ausgedruckt in der Annahme, dass mit "Karla" ich gemeint war?Danke dafür! Es ist ja so, dass es weder ein Verdienst ist, als Arbeiterkind geboren zu werden, noch ein Verdienst, als Bürgerkind oder Adliger aufzuwachsen. Aber die Äußerungs- und Ausdrucksmöglichkeiten eines Arbeiterkindes sind ungleich härter erkämpft als die der materiell Privilegierteren. Ich habe das Gefühl, man sollte der Versuchung widerstehen, gegeneinander aufzurechen, was Leid oder Glück ist, was es sein kann, und auch der Versuchung der Verklärung widerstehen, als wäre das Gute, Wahre und Schöne allein in der Not zu finden. Da wird dann schnell das Echte zum Falschen - und da kann man dann auch, bei aller nachvollziehbaren und berechtigten Ambivalenz und Skepsis - Herrn Adorno wieder lesen, mit Gewinn lesen, mit analytischem, scharfblickend spendendem Gewinn. Man sollt nie dem Eigenen trauen. scheint nur gut und besser, weil es vertraut ist. Die gefährlichsten und hartnäckigsten blinden Flecken sind die in den eigenen Augen. Mit Verklärung gerade von Leid als stählend und einzig Wahrem man schnell nicht nur in unproduktivem Sozialneid, sondern noch dazu ungewollt und ungewusst (Gefühle sind politisch, sind instrumentalisierbar, werden eben doch SENTIMENT) in einer neokonservativen Ecke, füttert dort eine Propaganda, die am Ende keine umarmungsseligen - echten! - Momente mehr gestatten will - nicht mal mehr auf zugigen Treppen. Herzlich klara |
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@ klara
"... in der Annahme, dass mit "Karla" ich gemeint war?" Ja natürlich, klara, du Gute, entschuldige bitte, entstand doch mein Beitrag nicht nur durch die gefühlte und erfahrene Nähe zu Titta, sondern auch durch deine entsprechende Ermutigung. diesen deinen Beitrag finde ich auch sehr schön, und ich will, wenn ich mich gedanklich sortiert habe, ggf. auch inhaltlich noch auf die Thematik eingehen. Herzlichst oranier |
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Mir ist das Thema aus anderen Gründen nahe. Einfach, weil ich aus ganz anderen Verhältnissen komme. In jedem Sinne. Meine Familie ist patchwork, mein gefühlter Platz ist zwischen allen Stühlen.
Ich verlinke mal auf einen Beitrag, den ich zum Thema eingestellt habe, weil ich damit diesen Ordner nicht füllen will. www.freitag.de/community/blogs/magda/ein-altes-foto Davon abgesehen finde ich spannend, wie ganz anders die Einordnungen "kleine Verhältnisse", "bürgerliche Verhältnisse", Bildungsanstrengung oder nicht, wahrgenommene Chancen in der DDR diskutiert worden sind. Aufgrund meiner eigenen Geschichte hatte ich immer das Gefühl, dass es leichter war in der DDR ohne Wurzeln zu leben. Es ging nicht um Tradtionen, es ging um ihre Übewindung, es ging auch nicht um Status, jedenfalls offiziell nicht. Ungemütlich - mit unserer etwas einseitigen Biographie, in der keine Väter vorkamen - war mir manchmal innerhalb der Kirche. Die bewahrte die bürgerliche Weltsicht, die Familientradition und all diese alten Werte nach Kräften. In der offiziellen DDR-Gesellschaft war man - mit einer etwas schrägeren Biograpie ganz gut aufgehoben. Wer aus Arbeiterverhältnissen kam, hatte alle Chancen. Aber es gab das, was man damals "bürgerliche Relikte" nannte. Und einiges von deren Traditionen fand ich bewunders- und bewahrenswert. Aber wir selbst , wir waren weder das eine noch das andere. Nur, was Armut ist, das wussten wir in den frühen DDR-Jahren genau, wie die meisten anderen Leute auch. Ich selbst habe gegenüber dem Bürgertum eine Haltung, die zwischen Abwehr und Faszination liegt. Auch das hat mit meiner Biographie zu tun. Wir stammen ja - als illegitimer Zweig - ein bisschen aus diesem Milieu. Wenn überhaupt, dann fand ich den Lebensstil von Bildungsbürgern schon faszinierend. Vor kurzem gab es einen guten Fernsehfilm zum Thema. Nach Ulla Hahn: "Das verborgene Wort" auch ein gutes Buch büer dieses Aufwachsen in einer Arbeiterfamilie im Ruhrgebiet. Immer mit dem Drang, auszubrechen. Gruß |
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Danke Magda,
für diesen Blick auf und in den Osten. Das scheint ja wirklich so ganz von den Erfahrungen im Westen verschieden gewesen zu sein. Als Ruhri muß ich mich natürlich verwahren, Ulla Hahns Roman, ich kenne nur Teufelsbraten, also die Verfilmung, spiele dort. Das war nicht das Ruhrgebiet, sondern das Rheinland. Aber es kommt noch schlimmer. Die dargestellten Verhältnisse als proletarisch zu bezeichnen, wie ja auch vielfach geschehen im Zusammenhang mit dem Buch/Film, dagegen würde sich zB meine gesamte Familie wehren und sich auch zutiefst darüber empören. Die dort dargestellten Verhältnisse wären für uns allenfalls als subproletarisch zu akzeptieren. Essen mit Messer und Gabel, statt mit Löffel zB, gewandtes Benehmen außer Haus, Beherrschung des Hochdeutschen, all das gehörte wie ganz selbstverständlich auch zu einem Arbeiterhaushalt. Also Magda, du merkst, es gibt innerhalb des angenommenen Milieus doch noch ganz scharfe Ausdifferenzierungen, so bekloppt das von außen scheinen mag, innerhalb dieses Systems waren diese Unterschiede ganz wichtig. Man hatte also einerseits durchaus seinen Stolz, andererseits gab es aber Situationen, wo ganz klar war, daß man "nur" Arbeiter war. Immer dann zB, wenn der Beruf des Vaters/Ehemannes angegeben werden mußte, wie etwas bei Schulanmeldungen oder so. Das habe ich als Kind, ohne zu wissen, worum es ging, ganz genau gespürt. Alle wurden eingetragen unter ihren Berufsbezeichnungen, Lehrer, Ingenieur, Sparkassenangestellter usw., dann zu sagen Kranführer, und dann die Reaktion zu bekommen, also Arbeiter, was dann auch so eingetragen wurde in die Akten, das hat gesessen. Meine Mutter mußte gar nichts sagen. Ich spürte sofort, wie demütigend sie diese Reaktion empfand. Das sind halt so die Dinge im Westen gewesen. "Man" hat es dich immer ganz fein merken lassen, daß auch dein Hochdeutsch und deine guten Manieren dir keinen Respekt einbringen. Gruß |
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Ruhrgebiet-Rheinland: Finde ich witzig, dass ich gerade eben nahezu simultan die Geschichte von den Düsseldorfer Maschinenbau-Arbeitern vs. Stahlkocher im Ruhrgebiet beschrieben habe. Die Bergleute mit ihrer Knappschaft bildeten nochmal eine eigene Arbeiterschicht.
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Für klara und Titta
Der Film nach dem Roman von Ulla Hahn spielte in Köln, die Außenaufnahmen - z.B. die am Rhein - wurden in Krefeld-Uerdingen gedreht, würde ich gern mal klugscheißern. Von Uerdingen aus sieht man auf der anderen Rheinseite Teile Duisburgs, also schon das Ruhrgebiet. oranier, Titta, klara, mit den Andeutungen eurer steinigen Wege steigen Erinnerungen an meine Kindheit wieder auf. Auch manche verschütteten. Danke. oranier, Küsschen auf Tittas Stirn würde ich eben noch dulden. Merke, ich bin wild und gefährlich. |
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Kein Streit, Jungs, ich hab ein großes Herz.
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egal
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Liebe Magda,
danke besonders für deinen Beitrag! Nicht Fokussierung auf ein Milieu oder gar dessen Glorifizierung, sondern ein persönlicher Erfahrungsaustausch über die unterschiedlichen Bedingungen. Was mich fragend macht, ist deine Äußerung "Nur, was Armut ist, das wussten wir in den frühen DDR-Jahren genau, wie die meisten anderen Leute auch." Ist es denn nicht in Wirklichkeit so, dass, abgesehen davon, dass die elementarsten Lebensbedürfnisse nicht erfüllt sind, Armut dann als solche erfahren wird, wenn andere reicher sind, nicht aber, wenn alle auf einem gleichermaßen niedrigen Level leben? |
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"Merke, ich bin wild und gefährlich."
Ach weinsztein, nach den Schilderungen der harten Schule, die ich auf dem Sektor durchgemacht habe, musst du noch annehmen, dass ich vor deinen Drohungen zittere, statt dass ich dir eins vor deine Pappmaske haue, wenn's drauf ankommt! Aber Titta versteht natürlich überhaupt nichts: "... ich hab ein großes Herz." Das iss es doch gerade, was unsereinen rasend macht. |
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"Ist es denn nicht in Wirklichkeit so, dass, abgesehen davon, dass die elementarsten Lebensbedürfnisse nicht erfüllt sind, Armut dann als solche erfahren wird, wenn andere reicher sind, nicht aber, wenn alle auf einem gleichermaßen niedrigen Level leben?"
Deine Definition behandelt Armut mehr als Statusfrage. Das ist interessant. Muss ich noch drüber nachdenken. Aber das alles spielte in der frühen DDR weniger eine Rolle. Hingegen wusste jeder vom anderen, dass die Löhne höchst niedrig sind. Dass wir alle in diesem Lande knapp gehalten werden. Es gab keine Reichen, von einigen Ausnahmen abgesehen. Später differenzierte sich das mehr aus, aber mein Grundempfinden in der DDR war immer, dass alle irgendwie ähnlich dran sind. Und in den fünfziger Jahren: ähnlich arm, ähnlich schlecht behaust, ähnlich auf Jagd nach paar Sonderzuteilungen oder so. |
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Ja, in der Tat, liebe Magda, denke ich, dass Armut und Reichtum aufeinander bezogene relationale Begriffe sind. Im Gegensatz etwa zu zum Begriff "Mangel", der den Gegenbegriff zum Überfluss bildet.
Brechts "Reicher Mann und armer Mann standen da und sah'n sich an. Da sagt der Arme bleich: 'Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich." hat nicht nur materiell seine Gültigkeit, sondern auch in Bezug auf die Begriffe. Diese sind dialektisch aufeinander bezogen, wie Krankheit und Gesundheit, Hunger und Sattheit usw., und Heraklit, der eigentliche Begründer des dialektischen Denkens, weist schon darauf hin, dass das jeweils eine ohne sein Gegenteil, aus dem es hervorgeht und in das es wechselweise zurückkehrt, gar nicht denkbar, ja nicht existent wäre. Ungeachtet dessen sind aber die realen Umstände in der frühen DDR, wie du sie als Armut kennzeichnest, für mich von höchstem Interesse und haben mich an eine Episode meiner frühen Kindheit erinnert, die ich vergessen hatte und von der ich zunächst nicht glauben mochte, dass ich da erst drei jahre alt war. Aber die Erinnerung ist mit einer Wohnung verbunden, aus der wir ausgezogen sind, als ich vier war. Das war zwar nicht in der frühen Bundesrepublik, sondern in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Da herrschten wohl im Westen nämlich ähnliche Zustände, wie du sie beschreibst, das war vor Marshal-Plan und GARIOLA-Hilfe (Wirtschaftshilfe und private Care-Pakete aus den USA), die 1947 einsetzten und euch auch zugute gekommen wären, wenn die Sowjetunion sie nicht für die SBZ und die osteuropäischen Länder verweigert hätte. Meine Eltern bekamen aber durch die niederländische Staatsbürgerschaft, die mein Vater nach dem hier geltenden "jus sanguinis", dem "Blutsrecht, nach welchem die Staatsbürgerschaft vom Vater auf den Sohn verebt wird, im Gegensatz zu dem britischen "jus soli", nach welchem man britischer Staatsbürger wurde, wenn man auf britischem Territorium geboren wurde, weshalb aus dem Commonwealth zahlreiche Frauen zur Geburt auf ein Schiff gegangen sind, das unter britischer Flagge "segelte", - sie bekamen also Hilfspakete aus Holland, sehr beliebt bei uns Kindern, wegen der darin enthaltenen Schokolade, die es sonst nicht gab, es sei denn, man knickste als Knirps artig vor einem "Tommy" (einem englischen Besatzungssoldaten). Die Erinnerung also: Meine Mutter trommelte, wenn das Paket kam, drei oder vier Nachbarinnen zusammen und lud sie ein mit der verlockenden Nachricht: "Ich hab' ein achtelchen Bohnenkaffee". Genauso waren ihre Worte, ich kann es beschwören, ich habe sie heute noch im Ohr. - Zum "Bohnenkaffee" fällt mir ein, dass mein Vater zwei Jahre vorher, zum Ende des Krieges, seine Arbeitskollegen in der Fabrik, die sich über den Gerstenkaffee (Muckefuck) in der Thermosflasche aufregten, süffisant die Abwandlung des Autarkie-Propagandaslogans entgegenhielt: "Deutscher, trink deutschen Kaffee!". Das war aber, wie gesagt, zwei Jahre zuvor, und das Kaffeekränzchen muss 1946/1947 gewesen sein. Das war, als ein bitterkalter Winter herrschte und die Menschen froren und hungerten. Im katholischen Rheinland ist jener Winter aber nicht wegen des Kaffeekränzchens meiner Mutter, sondern wegen eines anderen Ereignisses noch heute im kollektiven Gedächtnis. Nahezu die gesamte Kohle, die im Ruhrgebiet abgebaut wurde, rollte in einem Güterzug nach dem anderen durch das Rheinland als Reparationsleistung in Richtung Frankreich. Da die Gleise aber an vielen Stellen durch Kriegsschäden noch so beschaffen waren, dass die Züge nur im Schritttempo fahren konnten, kletterten dort die jungen Burschen auf die Waggons und schaufelten mit ihren Händen Kohlen auf den Bahndamm, wo sie von den Müttern in Körben eingesammelt wurden, und sprangen wieder herunter, bevor die Züge schneller wurden. In der Christmette 1946 hielt nun der damalige Kölner Erzbischof, jener Kardinal Frings, der später auf dem II. Vatikanischen Konzil eine bedeutende Rolle bei der Durchsetzung der Reformen gegen die römische Kurie spielte, im hohen Dom zu Köln eine Weihnachtspredigt, in welcher er die Alliierten scharf wegen der Versorgunslage der unter ihrer Verantwortung stehenden Bevölkerung angriff und dabei nebenbei vermerkte, dass das beschriebene Kohleraffen von den Güterzügen keine Sünde sei, was zur unmittelbaren Folge hatte, dass diese Tätigkeit vom rheinischen Volksmund, der nicht auf denselben gefallen ist, "fringsen" genannt wurde. Diese allgemeine Lage, liebe Magda, ich weiß nicht, in welchem Ausmaß mir der von dir beschriebenen vergleichbar, würde ich eben nicht als Armut, sondern als Mangel bezeichnen. Und die kleine Geschichte mit dem Kaffeekränzchen meiner Mutter, die sich in dieser größeren Dimension der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte abgespielt, bringt mich wiederum zum Nachdenken darüber, ob es vielleicht gar nicht unbedingt die Armen sind, denen, wie man ihnen gelegentlich nachsagt, das Teilen leichter fiele, sondern dass die Menschen vielleicht in solcher aktueller Notlage das Bestreben gewinnen, solidarisch gemeinsam den Mangel zu beheben und zu überwinden. Ja, ich weiß, weinsztein, eine umständliche Art, Recht zu haben. Schicke den offline geschriebenen Mainstream deswegen auch lieber gleich ab, damit ich es nicht, in meisterfalks Spuren tretend, sogleich wieder lösche. Herzliche Grüße oranier |
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An Anna und Titta, für klara
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ihr euch nun verständigt habt. steige ein bisschen spät ein, getreu meinem ursprünglichen Vorsatz, vor der Totalität von Tittas Urteil zu kapitulieren und mit ihr bloß auf der Treppe sitzen zu wollen. Bin zudem gerade nicht auf der Höhe, allenfalls in der Lage, etwas assoziativ zu schreiben, möchte es aber doch noch hier loswerden. Ich hatte, vor etwa dreißig Jahren, ziemlich dicht beieinander, zwei Erlebnisse. In Frankreich ging ich dazwischen, wie eine Mutter ihr Kind in aller Öffentlichkeit malträtierte. Sie reagierte völlig verdutzt und empört zugleich, hatte trotz der belebten Straße offenbar keinerlei Einmischung erwartet und beschimpfte mich mit "boch", dem Schimpfwort der Franzosen für die Deutschen im Krieg. Ich bedeutete ihr: Nein, nicht ich, Du! Kurze Zeit später saß ich bei meiner Freundin im Garten, als ich mitbekam, dass die Nachbarin, ich weiß nicht weshalb, zu ihrem drei oder vier Jahre alten Kind sagte: "Jetzt hat die Mammi dich aber gar nicht mehr lieb!" Das Kind fing daraufhin derart bitterlich zu weinen an, dass mein erster Impuls war: Wieso hat die dem Kind nicht einfach eine geklebt? Wäre das Kind nicht dabei gewesen und dadurch erst recht traumatisiert worden, es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre über den Zaun gegangen und hätte ihr eine reingehauen. Die beiden Erlebnisse übten nahezu die gleiche Wirkung auf mich aus, die erste aber aufgrund der Rekapitulation eigener Erfahrungen, die zweite - so etwas hätte sich meine Mutter niemals enfallen lassen, bloß durch Einfühlung durch die Reaktion des Kindes. Will zweierlei hier sagen: statt durch "aus sich selber heraus evozieren" kann man, was man nicht selber erlebt hat, vielleicht zumindest partiell durch Zuhören und durch Beobachten "erfahren". Dass so etwas, wie im zweiten Beispiel, in extenso betrieben, die Hölle für ein Kind ist, ist mir unmittelbar einleuchtend. Aber das Kind wird es dennoch im Normalfall, von anderen wichtigen Momenten, materiellen z.B., abgesehen, im Leben sehr viel einfacher haben, als wir es hatten. Ich glaube, ich möchte die Einzelheiten von Annas Erfahrungen gar nicht lesen, und schon gar nicht meine schildern. Davon wäre so ein Blog auch überfordert, das wäre geradezu verheerend. Das "über den Zaun steigen und ihr eine langen" wäre fatal für mich gewesen, weil gesellschaftlich völlig inakzeptabel und mit Sanktionen belegt im Vergleich zu verbaler Kritik. Aber solches Verhalten musste ich ganz mühsam lernen unter dem Deckel zu halten in dem Topf, in dem es brodelte, als jemand, dem bei den alltäglich erlebten Gewaltexzessen als Kind die Tränen schon trocken geblieben waren. Das Schlimmste war dabei nicht einmal das Ausmaß und die Brutalität der Gewalt, die sich bestimmt niemand Bürgerliches hier wirklich vorstelllen kann, sondern dass sie causal und nicht final erfolgte, was heißt nicht berechenbar und vorhersehbar war, also kaum durch das eigene Verhalten beeinflussbar. Mit anderen Worten, es wurde nicht zu erziehlichen Zwecken geschlagen, sondern wenn die Eltern in der engen und überforderten Wohn- und Lebenssituation die Nerven verloren und völlig durchdrehten. Aber wenn ich in einer Kindererholung war, wohin ich mehrfach kam, wo die Schwestern lieb waren und mir nichts taten, hatte ich gleichwohl Heimweh wie ein Hund. Heimweh nach meinen Geschwistern in der engen Wohnküche und nach meiner Mutter zumal, die wenn sie eben gerade nicht durchdrehte, eine unglaublich herzliche, fröhliche und witzige Frau war, zumal im Umgang mit ihren Kindern. wir haben in der Familie gesungen, was das Zeug hielt. Mein besagter Bergwergs-invalider Großvater hat mit einer Zieharmonika bei Festen das ganze Dorf unterhalten, mein Vater hat das mit seiner Mandoline und seinem sonoren Bariton in seinem bzw. unserem Umfeld getan und ich später in ganz anderen Zusammenhängen mit der Gitarre. Als ich 12 war und meine jüngste Schwester ein Jahr alt, sind wir in ein eigenes kleines Siedlungshaus gezogen. Das war 1955, mein Vater war nicht mehr Hilfsarbeiter, sondern hatte einen Schweißkurs gemacht und arbeitete in einer Automobilfabrik: Wirtschaftswunder, Rheinischer Kapitalismus. Und er wurde ausgeglichener und zeigte die sanften Züge seines Wesens. Da mehr Platz, hatte meine Mutter nun vielfach nicht sechs oder acht, sondern zehn und mehr Kinder in der Küche. Das machte: die einzelkinder kamen lieber zu uns, wo was los war, als dass sie meine Geschwister und mich zu sich mitnahmen. Und meine Mutter mochte sie alle und sie mochten meine Mutter alle. So standen die Dinge in meiner Familie, in all ihrer extremen Widersprüchlichkeit. Es mag sich jeder selber einen Reim daraus machen im Hinblick auf die kontroversen Fragen. Wenn ich nicht gelangweilt habe, bei Gelegenheit vielleicht über die Situation in der Volksschule. Wenn ich die gegenwärtigen Klagen über Gewalt in der Schule höre, schüttele ich den Kopf und frage mich, wie die Pädagogen nur so geschichtsvergessen sein können. Und wenn ich erzähle, dass meine Großmutter, die Frau von dem SA-Mann, Facharbeiter, "Arbeiteraristokratie" aus Düsseldorf, dessen Maschinenbau-Arbeiter auf die Arbeiter von Kohle und Stahl im unmittelbar benachbarten Ruhrgebiet herabblickten, wenn sie zu uns zu Besuch kam und mich sprechen hörte, zu meiner Mutter missbilligend sagte: "Bah, watt sprisch dä e fies Platt", in der festen Überzeugung, sie spreche Hochdeutsch, dann mag man sich ausmalen, wie ich gesprochen habe und welch steiniger Weg mich zu dieser Art zu schreiben führte. Zu persönlich das ganze? Tut mir leid, erlaube ich mir aber im Blog, das Titta mir eigens dafür gewidmet, wofür ich sie auf der Treppe hezlich und ausgiebig küsse. Und wenn ich Anna und andere dergestalt animieren könnte, auf ihre Weise von ihrer Geschichte zu berichten, würde ich sie auch dafür küssen, aber nicht so wie Titta. Schöne Grüße derweil oranier |
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Das fand ich auch immer mit am ätzendsten, daß es für die Schläge, die man bekam, keinen Grund gab. Als ob sie mit Begründung weniger geschmerzt hätten. Naja, der Mensch ist halt nicht logisch, in dem was er fühlt und denkt. Obwohl, Worte haben immer noch mehr geschmerzt als Schläge.
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doch, vielleicht nicht mit Begründung, aber aus einsichtigen Motiven hätten sie weniger geschmerzt. Das Ungerechte und Unkalkulierbare tut weh.
Und von den schmerzenden Worten gibt es ja wohl im Bürgertum auch was, oder? |
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Hallo oranier,
es gibt Gewalt mit Schlägen und mit Worten. In einem anderen Blog www.freitag.de/community/blogs/klara/mein-sohn-ist-irgendwie-kapitalist wurde mir vorgeworfen, ich spräche nicht genügend mit meinem Kind. (ich = "klara") Abgesehen von der Vermengung von Realität und (Blog)-Text und daraus folgenden Fehlschlüssen musste ich beim Lesen des Kommentars an manche Eltern denken, die ihre kaum dreijährigen Kinder zutexten bei Themen, die mit Körperlichkeit und Gefühl und einem Hauch Autorität m.E. völlig ausreichend und pädagogisch gesund behandelt wären. Weil nicht so viel Ballast angehäuft wird. Weil die VErantwortung klar ist (NICHT BEIM KIND). Weil Luft zum Atmen und Lachen und für die nächste Sache da ist. Stattdessen neigen manche "Bildungs"oder Möchtegernbildungsbürger dazu, ihre Kinder zu belabern und selbst auch zum Labern zu zwingen. Das Ergebnis lesen wir bisweilen in den Zeitungen: Labern ;) Aber zurück zum Thema: Gewalt. Die gibt es auch als körperliche keineswegs nur im "Arbeiter"milieu, ich kenne die Statistik nicht, weiß nur von eigenen und anderer Leute Erfahrungen. Der Unterschied liegt manchmal nur darin, ob - z.B. - der Mann die Frau ins Gesicht schlägt oder nicht. Weil man es auf Bauch, Rücken un dBeinen verstecken kann. Das kommt aber auch auf den Alkoholpegel an: Je höher, desto egaler, ob man es sieht. Und auf das Geschick der Frau, auszuweichen (was u. U. auch wieder von deren Alkoholpegel abhängt). Für Kinder, die dabei zusehen (müssen), wie ihre Mutter geschlagen wird, erleben die Gewalt direkt als Gewalt gegen sich selbst, gegen ihre Sicherheitsbedingung: die Mutter. Wer zuschauen muss, wie ein Mann die eigene Mutter brutal schlägt, empfindet Todesangst. Das Kind braucht dann gar nicht mehr selbst gezüchtigt zu werden: Es gehorcht dem Gewalttätigen, duckt sich vor ihm, damit der Mutter nichts oder nicht noch mehr geschieht. Es wird sich um Situationen (Bilder, Gefühle, Konsequenzen) handeln, die ein Leben lang auf der inneren Festplatte eingebrannt sind, unlöschbar. Gewalt wird als demütigend empfunden, so höre ich, wenn sie auf Kinder ausgeübt wird, umso mehr, wenn sie planvoll geschieht. Wenn es sich ume eine spontane, emotionale oder gar gewohnheitsmäßige Reaktion der Mutter, des Vaters handelt (Klaps, Ohrfeige), wird die Seele oft wenig berührt. Handelt es sich indessen um körperliche Züchtigungsmaßnahmen, kalt ausgeführt, mit Gürtel o. Ä. Kann sein, dass ich mich irre. Widersprecht mir gerne und belehrt mich. Meine eigentlicher Punkt ist: Gewalt hat nichts mit Mileu zu tun, eher mit der männlichen Art der Herrschaftsausübung. Es gibt auch Wortgewalt. Brüllen. Diskussionszwang für Dreijährige ("Ausdiskutieren": Gewalt für ein kleines Kind! Es wird gewzungen und genötigt, wie ein Erwachsener zu sein, dessen Sicht zu übernehmen, seine Impulse unnötig zu unterdrücken). Und mein zweiter Punkt/mein zweites Anliegen: Gewalt ist nicht akzeptabel. Das ist ein Problem, das ich mit diesem Blog-Text habe: Es scheint, dass alles Verhalten der eigenen Familie im Nachhinein für gut und gültig erklärt, als wäre sonst, bei Kritik an Gewalt oder Anderem illoyal. Als "dürfe" ein Arbeiter gewalttätig sein. Als könne er sozusagen gar nicht anders (ich überzeichne, um klarer zu machen). Diese Darstellung des Mileus und dessen Generalabsolution macht dann nicht nur alle Arbeiter gleich, spricht ihnen nicht nur Handlungs- udn Entscheidungsfreiheit ab, sondern hindert auch den Betrachtenden, den Rückblickenden daran, mit Dingen ins Reine zu kommen. Vor dem "Verzeihen" oder "Vergeben" steht, denke ich, die Wut. Dann die Trauer. Die muss man sich auch gestatten - auch Arbeitereltern gegenüber. Oder? Ich glaube, da nimmt sich die Auseinandersetzung mit der "Herkunfsfamilie" einer Bürgerlichen und einer Arbeiterin dann auch nicht mehr so viel. Das Klischee der Kälte in bürgerlichen Familien kenne ich, habe ich selten erlebt. Auch gibt es einen riesengroßen Unterschied zwischen Kleinbürgerlichen (hochgestiegene Arbeitern, wenn man so will, die auf Teufel komm raus ihre Arbeiterwurzeln leugnen und deshalb Sparkassenangestellter werden, bloß keine dreckigen Hände mehr) und anderen Bürgerlichen, die die Abgrenzung nicht so sehr "nötig" haben. Aber das würde jetzt wohl zu weit führen. Genau das, was ich an diesem Text hier mag - das Absolute, das absolut Lebendige - ist auch seine Schwäche. Aber so ist es ja öfter mal... :) Habe ich mich völlig unklar ausgedrückt oder kam was Gemeintes an? herzlich klara p.s. nix zu persönlich! Ich finde, daraus kann man ganze Geschichten stricken, ihr beide könntet ein Buch machen, Titta und du, über Kindheiten, deutsche Historie ist das, mit Fotos und so persönlich wie möglich. Anders sieht man das Ganze nicht. Meldet euch, wenn ihr dabei die Unterstützung einer Text-Arbeiterin braucht ;) |
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Ein persönlicher und zugleich allgemein bedenkenswerter Beitrag. liebe klara, über den ich vor einer inhaltlichen Antwort erst nachdenken muss.
Grüße |
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Lieber oranier;
wie offenherzig Sie Ihre Erfahrungen hier schildern, beeindruckt mich. Ich finde das mutig. Und es hat mich berührt. "Und wenn ich Anna und andere dergestalt animieren könnte, auf ihre Weise von ihrer Geschichte zu berichten, würde ich sie auch dafür küssen, aber nicht so wie Titta." Gerne würde ich von Ihnen geküsst werden. Aber darüber schreiben kann ich einfach (noch) nicht. Herzliche Grüße, Anna Herzliche Grüße, Anna |
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Liebe Anna,
ich habe Sie u.a. persönlich angeschrieben wegen Ihrer Nachricht an Titta: "Dass es mir einfach nicht leichtfällt, offenherzig zu bloggen, und dass ich mich hier manchmal zerissen fühle. Lass ich mich ein, oder geh ich auf Distanz? Ich übe noch, step bei step, was das Bloggen ist." Ich glaube, so geht es nur. "Das Bloggen" ist das, was Sie gerade machen, nichts weiter. Das "Sich-Einlassen" bedeutet für jeden etwas anderes und bedeutet für mich heute etwas anderes als vor einem Monat. Zum Mut eine Episode: Vor einiger Zeit bekam ich an der Straßenbahnhaltestelle am Hauptbahnhof (!) mit, dass ein junger kräftiger Kerl auf seine Frau losging und sie schlagen wollte. Ich habe sofort heftig und bestimmt interveniert, mit den Worten: "Das erlaubst du dir nicht hier, wo ich dabeistehe!" Er ließ sogleich verdutzt und verunsichert von ihr ab. Beim Einsteigen in die Straßenbahn sagte eine Dame anerkennend zu mir: "Sie haben aber Mut!" Meine Antwort lautete, nicht ohne einen kritischen Blick auf sie und die ganzen anderen passiv Herumstehenden: "Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern Mut bedeutet, die Angst zu überwinden". "Gerne würde ich von Ihnen geküsst werden. Aber darüber schreiben kann ich einfach (noch) nicht." Ein hübscher Satz, wie ich finde, denn worüber schreiben Sie eigentlich, wenn Sie schreiben: "Gerne würde ich von Ihnen geküsst werden"? Im übrigen geht es mir eher umgekehrt: Ich kann darüber schreiben, aber umstandslos zu Ihnen zu sagen: "Ich möchte gerne von Ihnen geküsst werden", dazu fehlt mir denn doch der Mut. So vielfältig ist es im menschlichen Leben. Mit schönen Grüßen und Küssen oranier |
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Lieber Oranier;
"Ein hübscher Satz, wie ich finde, denn worüber schreiben Sie eigentlich, wenn Sie schreiben: "Gerne würde ich von Ihnen geküsst werden"? " Das meinte ich im übertragenen Sinne. Denn - erstens kennen wir uns ja gar nicht, und da küsst man nicht so schnell, jedenfalls nicht bei uns im Norden... - zweitens geht das ja auch virtuell nicht :) Was ich meinte: Wenn es mir möglich wäre, würde ich das gern machen (darüber schreiben), wenn es Sie so freut, dass Sie sich darüber zu Küssen hingerissen fühlen. Ich hätte "geküsst" in Anführungszeichen setzen müssen, dann wäre es deutlicher geworden. Herzliche Grüße, Anna |
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Ach Anna,
mit dem Norden hat das nichts zu tun. Da bin ich auch. Versuch' doch mal, aus deiner Festung mit den Wachtürmen und den verschlossenen Eisentoren auszubrechen! Dann klappt's auch mit dem Nachbarn. |
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Lieber Oranier;
wieder missverstanden: Festung? Wachtürme? Verschlossene Eisentore? Mit DEN Nachbarn klappt es prima, aber nicht mit allen immer... Soll es auch nicht. Und küssen tun wir in Hamburg eben nicht so schnell, und das ist auch gut so... |
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"Und küssen tun wir in Hamburg eben nicht so schnell, und das ist auch gut so..."
- Natürlich ist das gut so, liebe Anna, ich küsse auch lieber langsam als so schnell. "Mit DEN Nachbarn klappt es prima, aber nicht mit allen immer..." Na,na, meine Liebe: Mit allen Nachbarn immer: Das wär' auch wirklich 'n büschn viel. "wieder missverstanden: Festung? Wachtürme? Verschlossene Eisentore?" - Muss ich meine Brille putzen? Wat'n dütt neben deinem Namen auf rotem Grund? |
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Lieber oranier;
aach sooo.... Klar, "Stadt Hamburg an der Elbe Auen"... und so...da heisst es auch... "und Deiner Türme Hochgestalt"... (Hamburger Hymne) "`n büschen" kenne ich aber auch - und das sagt mir dass sie jedenfalls NICHT in HH sitzen (eher im Bremer/ Oldenburger Raum bzw. nördlich, and der Küste) denn hier sagen sie: `n beten. Wo ich geboren bin, da sagen sie, `n büschen.... Liebe Grüße, Anna |
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Na siehste, liebe Anna,
nur durch die Missverständnisse hindurch gelangt man zur wahren Liebe. Ich wollte nämlich schon schreiben "Ischa Freimaak" (Für Südlichere: "Ist ja (Bremer) Freimarkt"), und da küssense wie die Teufelchen. Aber wennste nicht willst, bitteschön, ich hab' dir 'ne Chance gegeben. In Gänsefüßchen jedenfalls: mit mir nicht! Ich hab' auch mein' Stolz. Fröhliche Grüße oranier |
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Lieber Oranier;
"ischa Freimaak"? Alles klar!! Ich sag nur: Umzu. Den Ausdruck gibts hier nämlich nicht. Was die Missverständnisse und die Liebe angeht: Sie haben Recht! Und aufgeschoben ist nicht aufgehoben... (?) Herzliche Grüße, Anna |
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Liebe klara,
mein Beitrag war kein Text zu den verschiedenen Phasen der Trauerverarbeitung, auch sollte niemand, der ihn liest, mit irgendetwas ins Reine kommen. Meine Leser und ihre Reaktionen waren mir bei Abfassung, ehrlich gesagt, herzlich egal. Es war ein Essay über die Liebe, bestimmt für oranier. Allein für ihn. Und dieser hat ihn genauso verstanden, wie er gedacht gewesen ist. In seiner Verteidigung meiner Person wie meines Beitrages lotet er genau die Tiefe aus, die diesem Text samt meinen Kommentaren zu eigen ist. Die Tiefe der geschilderten Erfahrungen wird sich jedoch - das liegt in der Natur der Sache - nicht allen Menschen in gleicher Weise erschließen können, was dann wiederum dazu führt, daß welche genau am eigentlichen Inhalt des Textes vorbeiinterpretieren. So weit, so normal. Ein Buch, ein Text, ist immer nur ein Spiegel für den, der hineinschaut. LG Titta |
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Eine glückliche Kindheit...
Für Kinde ist es wichtig, in ihrem Gefühlsleben unabhängig vom geistigen Zustand ihrer Eltern zu werden. Genauso wichtig ist es für Kinder, dass es auch ein Leben ohne Schule gibt. Und das das min. genauso wichtig ist. Wie lässt sich das erreichen? Durch Sport, Kunst, Musik oder ein Haustier. Ein Beispiel für eine glückliche Kindheit finden Sie z.B. hier: www.oaklandshire.com Joe wird gesaugt www.youtube.com/watch?v=Y9eZqE0WYz0 |
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Liebe Titta, liebe sonstige Diskutanten,
ich hatte jetzt erst die Gelegenheit, mir diesen ganzen überaus vielschichtigen und gefühlt absolut ehrlichen Meinungsaustausch anzusehen: ergreifend! Gestört haben mich nur die Verweise auf Adorno und die Frankfurter Schule, denn die hier von mir empfundene Echtheit wurde dadurch geradezu beschmutzt. Alle Achtung vor Eurem Mut, Euch so offen zu äußern; im Netz habe ich so etwas noch nicht zuvor gelesen. Die Echtheit führte auch dahin, dass im Endeffekt nichts peinlich wurde: Das ist nicht mehr "links", sondern vorn. Wäre wirklich ein Buch wert. Das überzogene Ressentiment gegenüber dem "Bürgertum" auf den Müllhaufen oder besser als weitere Facette noch deutlicher konterkariert, und es entstünde mehr Bedenkenswertes als die warmärschigen Soziologie-Schwätzer an den Universitäten heute hervorbringen. |
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@ Magnus Göller
Mir gefällt Ihr Vokabular nicht. Wenn Sie etwas schreiben, das ich kritikabel oder bedenklich finde, kritisiere ich es mit Argumenten und sage Ihnen nicht, Sie beschmutzen unser Blog und Ihr Dreck gehört auf den Müllhaufen. Obwohl Sie dies m.E. mit Teilen Ihres Beitrags tun. Ich habe Adornos Text sehr bewusst unkommentiert neben meinen gestellt, so dass sich jeder ein Urteil darüber bilden kann, ob meine Kritik, dass er in seinen Überlegungen sehr einseitig die bürgerliche Familie und das (un)behagliche Wohnen des (Bildungs)bürgertums im Blick hat und aus diesem völlig verliert, dass es breite Schichten gibt und zumal nach dem Krieg gab, deren Familien- sowohl als Wohnverhältnisse eine ganz andere Welt darstellten. Außerdem kam hier die zumal von Adorno und Marcuse übernommene einseitig, und damit, wie ich meine falsche, an der Konsum- statt der Produktionssphäre orientierte Kapitalismuskritik zur Sprache. Dass dabei selbst der hier veröffentlichte Text, erst recht natürlich die Theorie der "Frankfurter" ganz allgemein, sofern man überhaupt einheitlich von einer solchen sprechen kann, ganz andere, und zwar höchst bedenkenswerte Aspekte entwickelt werden, steht auf einem völlig anderen Blatt und berührt die hier geäußerte Kritik überhaupt nicht. Wenn Sie dagegen Substanzielles vorzutragen haben, setze ich mich gerne damit auseinander, vorausgesetzt, sie unterlassen dabei Ihr blödärschiges Geschwätz. |
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Lieber Magnus Göller,
spät, aber deshalb nicht weniger herzlich, möchte ich Ihnen danken für Ihren Kommentar. Besonders hat mir das "nicht mehr "links", sondern vorn" gefallen. Ich denke, ich kann das auch ruhig im Namen der Mitdiskutanten tun. Linke Radikalität geht für mich nicht ohne Ehrlichkeit, vor allem auch gegenüber sich selbst. Ich werde mir sicherlich einmal Ihren Blog ansehen. Seien Sie herzlich gegrüßt Titta |
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Sehr geehrter Oranier,
ich habe die Diskussion, wie Ihnen nicht verborgen geblieben sein dürfte, ausdrücklich gelobt, alle, also auch Sie, eingeschlossen. Allerdings erwähnte ich die zwei Kritikpunkte Wirklichkeit gegen Theorie, wie auch die fragwürdig einseitige Frontstellung gegenüber dem sogenannten Bürgertum, wobei ich noch anregte, diese statt auf den Müll zu verbringen vielleicht gerade erst recht stehen zu lassen, allerdings mit besserer Gegenrede. Ich habe dabei niemanden persönlich beleidigt oder angegriffen; sollte dies anders angekommen sein, so lag es sicher nicht in meiner Absicht. Was das "beschmutzt" anlangt, so habe ich mir meinerseits auch ein wenig echten Empfindungsausdruck erlaubt, da ich dachte, hier sei das nach allem anderen verständlich und statthaft. Dass Sie mich darob jetzt persönlich angreifen, ist Ihnen selbstverständlich unbenommen. Übrigens bin ich in meinem Leben auch nicht nur auf der Wurstsuppe einhergetrippelt, falls Sie das vermuten sollten. MfG Ihr M.G. |
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Nun Herr Göller,
ich weiß nicht, ob sie mich recht verstehen. Ich habe Ihr Vokabular kritisiert und Ihre Art, Verdikte hier ohne Argumente auszusprechen. Leider wusste ich nicht, dass dies, was es geben soll, unveränderliche persönliche Kennzeichen von Ihnen sind, woran Kritik zu üben Sie dann natürlich als persönlich beleidigend empfinden müssen. Ebenso konnte ich nicht ahnend, dass Sie sich dermaßen mit einem Autor identifizieren, dass sachliche Kritik an Ihm bei Ihnen Leidensdruck hervorruft. Das kann es vielleicht auch geben. Ob Sie mir akklamieren oder sich im Widerspruch zu mir bewegen, ist für mich nicht so wichtig, ebenso, welche Suppe Sie gegessen haben oder auf welcher Sie getrippelt sind. Ich suche hier weder Streit mit Ihnen noch vordergründige Zustimmung. Wenn Sie sachlich argumentieren möchten, wofür oder wogegen auch immer hier beim Thema, bin ich, wie gesagt, dabei. Nichts für ungut und schöne Grüße oranier |
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Lieber oranier,
gib wenigstens zu, dass "die warmärschigen Soziologie-Schwätzer an den Universitäten" von Magnus Göller fein formuliert waren. Und reg' dich ab. weinsztein |
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Wenn du das so siehst, gebe ich das also zu, obwohl ich das leider nicht verstehe. Wen meint der denn hier? doch nicht die Adorno Adepten, oder?
Aber wenn du meinst, ich würde mich unnötig oder ungerecht aufregen, dann nehme ich das auch zurück und frage Magnus: wollen wir uns wieder vertragen? Grüße oranier |
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Na siehste, lieber Magnus,
lautete doch ein Leitsatz in meinem hier reichlich ausgebreiteten rheinisch-proletarischen Milieu: "Man muss auch mal ein Wort vertragen können!" Trotzdem: Wennste dazu kommst, bin ich natürlich an der inhaltlichen Kritik interessiert. wo siehst du z.B. das "überzogene Ressentiment gegenüber dem Bürgertum"? Ich finde, dass das, wo überhaupt zum Ausdruck kam, durch die Diskussion hier schon relativiert wurde, was du natürlich vervollständigen kannst. Schöne Grüße auch an den Friedensstifer weinszstein oranier P.S. Im übrigen nehme ich nachträglich die andere, anerkennende Seite deines Beitrags dankend zur Kenntnis, sofern sie sich auf meine Kommentare bezieht. Das von klara angeregte Buchprojekt muss reifen, wird aber grundsätzlich erwogen. Danke für die Ermutigung. o. |
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oranier schrieb am 27.10.2009 um 04:36
Wenn du das so siehst, gebe ich das also zu, obwohl ich das leider nicht verstehe. Wen meint der denn hier? doch nicht die Adorno Adepten, oder? Aber wenn du meinst, ich würde mich unnötig oder ungerecht aufregen, dann nehme ich das auch zurück und frage Magnus: wollen wir uns wieder vertragen? Magnus Göller schrieb am 27.10.2009 um 10:17 Lieber Oranier, wieder vertragen? Gerne: Hand drauf. Och schade...:-((( |
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Suchst du Streit?
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"Suchst du Streit?"
Ach iwo. |
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"Suchst du Streit?"
Ach iwo. :-))) |
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aber ich
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Überschrift: Ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe
Geh immer dahin, wo die Energie ist. (Titta) Geh in die Sonne, aber Vorsicht: Die gefährlichsten und hartnäckigsten blinden Flecken sind die in den eigenen Augen. (klara) Doch: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Was ist mit den sonnenabgewandten Bezirken? Und mit Hölle meine ich Hölle; (Anna) Da pries ich die Toten, die schon gestorben sind ... Nütze das Leben, denn im Totenreich kannst du nichts mehr machen. Machen. Einfach machen. Einfach, verständlich und direkt. Sei nicht zu fromm, und übertreib es nicht mit deiner Weisheit! Alles ist Eitelkeit und ein Haschen nach Wind. |
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"(...) Natürlich hatten die 68er keine Chance, die Arbeiter für sich zu gewinnen, denn die machen lieber gemütlich Feierabend als große Revolution. Und zwar mit Recht! Und mit einem Genuß und einer Lebensfreude, die vielleicht nirgendwo anders sonst möglich ist ..."
Die Verklärung des "proletarischen Lebensstils"? Vielleicht lenkt solch "romantisierende Nostalgie" aber auch nur davon ab, dass "solche elenden Verhältnisse" dringend zu beenden sind, in einem reichen Land, wie unserem? Das fragt ganz naiv und mit ganz besonders herzlichen Grüßen SexPower |
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Lieber Oranier,
sieh mir bitte nach, dass ich jetzt nicht nochmal alle Kommentare durchforste, um zum Thema Ressentiment gegen das Bürgertum etwas beizusteuern. Es war jedenfalls die Rede von all der Verlogenheit, der Fassade und der menschlichen Kälte im Bürgertum, auch und gerade gegenüber Kindern, im Kontrast zum "Prekariat". Nun lebe ich derzeit alleinerziehend mit zwei Buben in einer fränkischen Kleinstadt und erlebe diesbezüglich - mit Verlaub - so ziemlich jeden Scheiß, weil ich weder Zeit noch Lust habe, meinen Rackern von morgens bis abends rosa Schleifchen zu binden und weil ich in einem alten Haus mit Holzofen wohne, in dem nicht gerade die bürgerlichste Ordnung herrscht. Ich erzählte auch gerne mal von meinen Eltern und Großeltern und all den prägenden Kriegs- und Nachkriegsgeschichten aus meiner Familie; da aber erstere glücklicherweise noch leben, will ich dies zumindest in einem öffentlichen Raum noch nicht tun, denn das wollten sie sicher nicht. Jedenfalls, so banal das klingen mag, hat keiner Grund, sich aufgrund seiner Herkunft, sei sie proletarisch oder bürgerlich, überlegen zu fühlen oder zu schämen; und ich meine, dass eine Frontstellung von Arbeitern gegen (Klein-)Bürger so ungefähr das Beste ist, was den Geldhaien der Wallstreet passieren kann, zumal wenn diese auch noch von Intellektuellen befördert wird, die man nicht einmal für diese gefällige Dienstleistung bezahlen muss. Als einer, der jahrelang am Bau gearbeitet hat (meist als Steinmetz) kenne ich den Graben von dieser Seite her, da ich auch mal studieren durfte, auch von jener. Zwischen diesen Gruppen einen tragfähigen Gemeinsinn herzustellen, das halte ich für eine der vornehmsten und wichtigsten Aufgaben: nichts fürchten die Usurpatoren des Großkapitals mehr. Darum sind deren Lohnschreiber in den Schafsmedien auch gehalten, den Giftkeil stets so wirksam wie möglich dazwischen zu treiben. Dann noch Niedriglöhne für Millionen, so dass der Hartzi mit ein bisschen schwarz mehr einfährt als der Vollzeitmalocher, und man hat die Arbeiterschaft auch noch gegen die Arbeitslosen in Stellung gebracht. "Divide et impera": Bisher klappt die Imperialistendevise noch. |
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Lieber Magnus Göller,
"Zwischen diesen Gruppen einen tragfähigen Gemeinsinn herzustellen, das halte ich für eine der vornehmsten und wichtigsten Aufgaben: nichts fürchten die Usurpatoren des Großkapitals mehr. Darum sind deren Lohnschreiber in den Schafsmedien auch gehalten, den Giftkeil stets so wirksam wie möglich dazwischen zu treiben." damit sprechen Sie nun wiederum mir voll aus dem Herzen. Für mich gehört zum Projekt Freitag auch ganz wesentlich dieses Element. |
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Man muss zwar nicht erklären, dass eine pädagogische Fürsorge fürs Kind nicht nötig sei, nur weil man es selbst anders erlebt hat und trotzdem dabei was gutes rausgekommen ist. Und man kann zwar Verständnis für die Haltung "des Arbeiters" haben, der den bequemen Feierabend dem Revolutionieren vorzieht, auch wenn genau darin das nicht enden wollende Übel mit begründet liegt.
Aber ansonsten, was die Kernaussage angeht, finde ich den Blogbeitrag klasse! Und tatsächlich müsste man die Frage stellen, ob ein überinterpretierter bürgerlicher Humanismus, vielleicht noch gipfelnd in der Waldorf-Pädagogik, denn wirklich bessere Menschen hervorgebracht hat? |
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Ich bin des trocknen Tons nun satt (Mephisto) und sprech' nun Klar(a)text, nicht nur gegen sie, und zumal nicht böse gemeint, sondern liebevoll, aber muss nach zwei Tagen Schwangerschaft damit nochmal so gesagt werden.
Titta ist auch ein Gemütsmensch, macht mir ein Blog und lässt mich dann mit dem Kind sitzen. So sindse, die Proletarierfrauen, haben ein großes Herz und machen sich davon. Und unsereiner kann sehen, was er mit dem Balg anfängt. Dieses hier trägt nicht meine Züge, sondern ihre, und ich soll mich dafür verteidigen. Also gut: Zurück zum Ausgangpunkt: Titta schrieb: "Die einzig wirklich wichtige Lektion im Leben ist die, das Leben lieben zu lernen. Und das haben mir meine Vorfahren offensichtlich gut beigebracht, trotz aller widrigen Verhältnisse. In dieser Wohnküche, dem Lebensmittelpunkt, in dem sich das ganze liebe- und zugleich gewaltvolle Leben der Familie abspielte". Und in DIESEM Kontext schreibt sie Sätze, wie: "Ob zB Mama und Papa einen verstehen, ist so was von belanglos und letztendlich unwichtig, ob man seinen Kindern nun gerecht wird oder nicht, ebenso" und ähnliche. Und alle fallen über sie her. Und ich sage zu weinsztein, der mich ermahnt, ihr sowas nicht durchgehen zu lassen: "Doch, weinsztein, ich werde ihr das durchgehen lassen auf der Treppe. Nicht, weil ich mit ihr in dem Punkt einer Meinung wäre, das bin ich in der Tat nicht, sondern weil ich kapituliere vor der Totalität ihres Urteils, von der ich weiß, woher sie stammt. Ich werde im Gegenteil mit ihr auf der Treppe sitzen, Essen und Trinken genießen, und unsere Umarmung wird unendlich sein." Ist denn die Sprache der Dichter so schwer verständlich, mit der ich hier sagen will: Hier ist Liebe und Verstehen, und nicht Kritik und Besserwisserei? Titta zitiert meinen Satz, den ich an anderer Stelle gegen Adorno und sein Bild von Wohnen und Familie ins Spiel gebracht habe: "[Der Schreiber dieser Zeilen] ... ist nämlich in einem subproletarischen zehnköpfigen Haushalt aufgewachsen, in dem sich das ganze liebe- und zugleich gewaltvolle Leben der Familie in einer zwölf Quadratmeter großen Wohnküche abspielte." Dieser eine Satz hätte das einzige sein können, was ich geschrieben, von ihm her hätte sich das Verstehen entfalten können. "Ich werde im Gegenteil mit ihr auf der Treppe sitzen ... und unsere Umarmung wird unendlich sein" heißt, verdammt nochmal: Hier ist nicht Soziologie und nicht Psychologie und nicht wissenschaftliche Pädagogik. Heißt: ich streite mich mit euch über den begrifflichen Unterschied zwischen Herrschaft, Macht, Gewalt und Zwang, über Klein-, Mittel-, und Großbürgertum, Proletariat, Arbeiteraristokratie und Subproletariat, über körperliche Gewalt und seelische Unterdrückung in der Erziehung und, wenn ihr mögt, auch über Determinismus und Freien Willen nach Kant, aber nicht hier, verdammt nochmal! Magnus Göller hat das offenbar gespürt, dem ich leider in die Parade gefahren bin, weil ich seine "warmärschige Soziologie" als Kontrapunkt zur Darstellung des unmittelbar Erlebten erst jetzt begreife. Hier sollte LIEBE sein, und merkwürdig, kein Mensch spricht davon. Das Zitat lautete: "das ganze liebe- und zugleich gewaltvolle Leben der Familie in einer zwölf Quadratmeter großen Wohnküche". "liebe- und zugleich gewaltvolle Leben". Das gerinnt den Kritikern zur "Verherrlichung von Gewalt". Das ist doch schrecklich. Hier ist nicht Soziologie usw. bedeutet: hier ist die reine subjektive Erlebnisperspektive, mutig, wie mir zugesprochen wird, von innen nach außen gekehrt. Die EXEMPLARISCHE Darstellung zweier Seelen, die das proletarische Milieu hervorgebracht hat, mit individuellen und klassen- und subschichtenmäßigen Besonderheiten, und auch mit übergreifenden Gemeinsamkeiten mit den Seelen, die aus anderen Schichten kommen. Hier ist nicht Soziologie bedeutet von daher, die Darstellung kann und will nicht Ersatz für verallgemeinernde Theorien sein, kann solche allenfalls vorsichtig illustrierend zur Anschauung bringen. Das diskutiert man doch angemessen nicht kontradiktorisch, sondern mit: "sowas Ähnliches kenne ich auch, kommt mir jetzt erst hoch", was ja zum Glück hier auch passiert und mein ungeteiltes Interesse findet, oder auch: "Ich habe dies oder jenes an Leid-oder Freudvollem erleben müssen oder dürfen". Aber doch nicht: "meins ist größer als deins", ich bitte euch! Wenn Titta schreibt: "Und ich merke, auch dieses Lebensgefühl unterscheidet mich von den Bürgerlichen", ist das doch beileibe keine soziologische Kategorie, sondern es ist in ihrem Text, den ich, glaube ich, hier verstehe wie irgendeiner, eine Chiffre für das Andere, das nicht aus dem Inneren aufgrund eigener Erfahrung "Evozierbare". Und auf den Satz "Ob zB Mama und Papa einen verstehen, ist so was von belanglos und letztendlich unwichtig" stürzt man sich, als würde hier das gezielte Nichtverstehen propagiert, und nicht das "Verstehen" in seiner Bedeutung gegen die Liebe abgewogen. Das ist es, was ich mit verstehender (warum eigentlich nicht liebevoller?) Einfühlung in den besonderen Text meine. Und wenn sie schreibt: "Du hast nur Backpfeifen erhalten? Du Glücklicher du", wieso stellt sich keiner vor, was das gegen solches "Glück" kontrastierte eigene Erleben bedeutet haben muss? An der Stelle heißt es weiter: "Unsere Eltern haben an uns nur das weitergegeben, was sie selbst erleiden mußten. Hätten sie weniger gelitten, hätten wir es auch". In dem Satz ist ein Meer von Tränen verborgen, ich weiß das, und wie man "Ich brauche sie nicht einmal entschuldigen, das Leben tut es". als Rechtfertigung oder Verharmlosung elterlicher Gewalt interpretieren kann, ist mir wirklich schleierhaft. Clara, meine Liebe, ich wüsste gar nicht, wie Titta und ich, die ihr ganz persönlich-individuelles Erleben und Erleiden geschildert haben, auf die Idee kommen sollten, so etwas gäbe es nur in ihrem "Milieu". Wenn du persönlich das erlebt hast, was du "zum Thema: Gewalt" schreibst, dann glaube ich dir das aufs Wort, und ich fühle mit dir wie irgendeiner, mit dir als Kind und mit dir als erwachsener Frau. Noch besser hätte ich es nachfühlen können, wenn du es etwas konkreter gemacht hättest. Dass Magnus Göller das nicht tut, verstehe ich nicht nur, wenn er hier mit seinem bürgerlichen Namen schreibt, sondern finde das unbedingt richtig und hätte es genauso gehandhabt. Da ich aber unter einem Pseudonym schreibe, erzähle ich als letztes folgende Episode zur Verharmlosung elterlicher Gewalt: Ich war so etwa ein Jahr vor dem 80. Geburtstag meines Vaters bei meinen Eltern zu Besuch, und mein Vater, stark und rüstig wie eh und je, erzählte mir empört, dass meine Schwester mit ihrer Familie zu Besuch gewesen sei und dass mein Schwager irgendwann ausgeholt und seinem zehnjährigen Jungen eine Ohrfeige mitten ins Gesicht geschlagen habe. Die Großeltern sind halt milder und verständnisvoller als die Eltern, denke ich heute, aber damals bin ich aufgesprungen, habe mich vor meinen Vater aufgebaut und gesagt: "Was, darüber regst ausgerechnet DU dich auf, der mich in seiner Wut mit einem Knüppel so windelweich geschlagen hat, dass ich drei Tage nicht richtig laufen konnte?" Da wurde er leichenblass, verließ das Wohnzimmer und ließ sich nicht mehr blicken, bis ich abgereist war. Im folgenden Jahr lud meine Mutter (!) mich zu seinem 80. Geburtstag ein, und ich schlug die Einladung ab. Sie fragte: "Kannst du ihm denn nicht verzeihen?", und ich antwortete: "Darum hat er mich nicht gebeten", was er auch weiterhin unterließ. Außer zu einem großen Familienfest zu seinem 90. fertiggebracht, wieder hinzufahren, und, um zu sehen, ob und wie das gehen würde, ein paar Monate zuvor schon einmal. Er lag mehr, als dass er saß, seit drei Jahren auf dem Sofa, las immer wieder dasselbe Buch, und aus dem ehemaligen kräftigen Arbeitsmann war ein in sich zusammengesunkenes kleines Hutzelmännchen geworden. Ich begriff sofort: dem konnte ich nichts mehr tun, nicht ewinmal mehr ein unfreundliches Wort. Ich setzte mich neben ihm aufs Sofa, nahm seine Hand und streichelte über seine durchsichtige Pergamenthaut. Er sagte nichts, schaute mich nur aus großen Augen an und lächelte glücklich, wie ein kleines Kind. Auf dem eigentlichen Geburtstagsfest drehte er nochmal so richtig auf, sang mit uns zu meiner Gitarre und drehte meine Mutter sogar kurz zum Tanz im Kreise herum. Um ihn waren neben ein paar jüngeren Geschwistern und Schwägerinnen acht Kinder und zehn Enkelkinder versammelt. Danach hörte er auf zu leben, wurde immer schwächer, und nach einigen Monaten schlief er friedlich ein, wie meine Mutter bei der Beerdigung zu erzählen wusste. Ich hatte ihn seit dem Geburtstag nicht mehr lebend gesehen. So endete "das das ganze liebe- und zugleich gewaltvolle Leben der Familie" das in einer zwölf Quadratmeter großen Wohnküche begonnen hatte, leise und unspektakulär vom Kopf her. |
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Das hast du schön gesagt, oranier...
und doch... ;) LIEBE ist zu groß für ein Blog - und zu klein. Wir sind zu groß (und zu klein) dafür. (Darf ich "wir" sagen? Also reden wir. Also streiten wir. LIEBE hat nichts mit Arbeitern, Bauern, Kapitalisten oder Bürgerkindern zu tun. Liebe hat auch nichts mit warmärschigen Soziologen zu tun. Adorno (mit Verlaub, bitte!) wäre der erste, der das eingestünde. LIEBE jedoch, oder besser: liebe, existiert nicht virtuell. Nicht hier und nirgendwo anders. Liebe ist Berührung und nicht in erster Linie sprechen. Liebe ist verstehen und zeigen in einem. Mit Liebe kann man weder Argumenten begegnen - noch welche errichten, schon gar nicht als Bollwerk. Wenn dies hier ein Treppen-Zwiegespräch hätte sein sollen, ohne die pädagogischen, warmärschig-soziolgischen, klaraesken, weinszsteinseligen oder sonstigen Einlassungen - dann, pardon, hätte Titta sich mit dir, oranier, irgendwo auf eine stille Treppe setzen sollen, virtuell oder nicht, und nicht in die forale Öffentlichkeit dieses Donnerstags-Freitags. Es fällt doch auch gar keiner über Titta her - wir fallen ihr und einander nur ins Wort. Wie das halt so ist im Arbeiterdiskurs ;) (aber es ist schon sehr "süß" von dir, wie du hier die Stange hältst - ehrlich! Du musst ein Wahnsinnstyp sein, ein irrer Kerl, geworden, selbstgemacht und immer schon gewesen - wow! und die schilderung deines Großvaters macht mich fast weinen. Alles Weitere ist nicht blog-geeignet) herzlich klara |
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„Den leeren Schlauch bläst der Wind auf, den leeren Kopf der Dünkel.“ (Matthias Claudius)
Hallo klara, „wie das halt so ist im Arbeiterdiskurs“, falle ich Ihnen ins Wort. Was soll dieser Dünkel? Was passt Ihnen nicht an oraniers Erinnerungen, an seinen Berichten? Warum kübelweise Gehässigkeit statt Argumente? Was soll das: „Du musst ein Wahnsinnstyp sein, ein irrer Kerl, geworden, selbstgemacht und immer schon gewesen - wow!“ Und merkwürdig: Sie sprechen hier eine ganz andere Sprache, deutlich weniger tüttelig als sonst. Warum plötzlich so ätzend? Wären Sie evtl. So nett, mir den Grund zu nennen? Freundlichst: weinsztein |
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@klara,
das "tüttelig" nehme ich hiermit zurück mit Bedauern. Ich hatte Sie mit einem anderen user verwechselt. Pardon. |
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schrieb am
28.10.2009 um 10:06
@ Klara
Liebe ist das am meisten missbrauchte Wort. |
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@weinsztein
oha, da hab ich mich wohl ungeschickt ausgedrückt. der "arbeiterdiskurs" sollte selbstironisch sein, bzw. humorvoll. pardon, wenn das falsch ankam. gehässigkeit - null, ehrlich. im totalen gegenteil. das kompliment mit dem wahnsinnstypen: ein ehrliches. eine spontane reaktion, bewundernd, für oranier. er MUSS einfach ein wahnsinnstyp sein. solche gibt es selten. "nett" mag ich nicht. @oranier "nicht bloggeignet" meinte meine reaktion auf deine texte und kommentare. zu gefühlvoll (bei MIR). mann, mann, mann, ich war ein paar tage nicht am netz - tut mir leid für das missverständnis. verdammt. |
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Liebe klara,
danke für die späte Aufklärung! Ich hatte deine Antwort auch so verstanden wie weinsztein und war ganz durcheinander davon. Die Abneigung gegen "nett" teile ich mit dir, so ziemlich das niederschmetterndste allerweltskompliment, das man jemandem machen kann. Aber ein "Wahnsinnstyp" bin ich ebenso wenig. Ich bin wie die anderen hier auch, nur anders. Wenn du magst, steige ich auf deine Antworten vielleicht nochmal anders ein, soziopädopsychologisch. Liebe Grüße oranier |
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"Liebe ist das am meisten missbrauchte Wort."
glaub ich nicht. da kommen noch ein paar andere davor. vielleicht eher "das am häufigsten missverstandene bzw. in unpassendem zusammenhang gebrauchte wort" manipulativ? keine ahnung. vielleicht ist liebe als solche ohnehin - manipulativ? |
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@klara
Ob LIEBE zu groß ist für ein Blog oder zu klein, das ist doch nicht der Punkt. Ob man über Liebe gut schreiben kann oder nicht, das ist der Punkt. LIEBE hat nichts mit Arbeitern, Bauern, Kapitalisten oder Bürgerkindern zu tun? Oh doch, sehr wohl. Liebe funktioniert ausgesprochen schichtenspezifisch, denn man liebt am anderen, was einem selbst vertraut ist. Gibt es sogar Bücher/Untersuchungen drüber. LIEBE jedoch, oder besser: liebe, existiert nicht virtuell. Nicht hier und nirgendwo anders... Nein, nein, Liebesbriefe und dergleichen haben nie gewirkt, nie nich, nie eine neckische Bemerkung. Nein, das wirkt alles virtuell nicht. Wie man sieht. Ja, ich glaube es war ein ziemlicher Affront, sich mit diesen Einlassungen hier in die forale Öffentlichkeit zu setzen. Von wg. ins Wort fallen. Der LIEBE kann man gar nicht ins Wort fallen, denn es gibt keine Argumente gegen sie, wie schon richtig von dir angeführt. Deshalb behalte ich mit meinem Essay ja auch immer recht. (aber es ist schon sehr "süß" von dir, wie du hier die Stange hältst - ehrlich! Du musst ein Wahnsinnstyp sein, ein irrer Kerl, geworden, selbstgemacht und immer schon gewesen - wow! und die schilderung deines Großvaters macht mich fast weinen. Alles Weitere ist nicht blog-geeignet) In dem Punkt sind wir dann wieder ganz einer Meinung, liebe klara. Vielen Dank für deine Kritik an meinem Beitrag, denn ohne die wären nie diese wirklich wunderschönen Einlassungen von oranier darauf entstanden, die mir sehr das Herz wärmen. Deshalb diesmal besonders herzlich Titta |
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Lieber Oranier,
ich wollte gerade schreiben "grandioser Text", merkte aber sofort, dass das Deinen Beschreibungen wie auch Titta mit kaltem Lobe entgegenträte. Ich werde mich daher lieber wiederholen und noch einmal sagen: ergreifend. Ich will jetzt auch nichts mehr verwässern, aber die spontane literarische Assoziation, die mir beim Schreiben kommt, doch noch äußern: Dostoijewski. |
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Hallo Magnus, danke, sehr lieb. Aber Dostoijewski: Der Vergleich erschreckt mich. Ich schreibe Blog-Texte!
Habe D. vor 40 Jahre gelesen. Kann man so nachhaltig Einfluss nehmen bzw. einem solchen ausgesetzt sein? An welches Werk denkst du da? Habe deinen Kommentar oben mit Interesse und Zustimmung gelesen. Muss aber ja nicht zu allem meinen Senf dazugeben. Schöne Grüße oranier P.S. Wieso kann man dir keine persönliche Nachricht schicken. Versuchst du es ggf. mal bei mir? o. |
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Lieber Oranier,
ich bin hier nur "Kommentator", da ich einen eigenen Blog betreibe (unzensiert.zeitgeist-online.de; mein Epostkasten: mwgoeller@gmx.de), daher geht das mit der persönlichen Nachricht wohl über den Freitag nicht (oder ich blicke mal wieder netzmäßig noch nicht ganz durch). Zur Dostoijewski-Assoziation: Ein bestimmtes Werk hatte ich nicht im Kopf, und natürlich war Dein Blog-Text weder "Die Brüder Karamasov" noch "Schuld und Sühne", noch auch die "Aufzeichnungen aus einem Totenhause", aber die Beschreibung des Abgründigen, Furchtbaren als so dicht an der Liebe erinnerte mich an die Wesensmerkmale seines Werkes, das für mich persönlich nur noch von dem Cervantes' und Nietzsches übertroffen wird (letzterer bezeichnete Dostoijewski, ohne dessen merkwürdiges russisches Christentum je dass ich wüsste gegen ihn ins Feld zu führen (!) als einen herausragenden Psychologen, den er gerne mal da und dort einer Situation beigewohnt habend erklärend gehört hätte (in welchem Werk Nietzsches weiß ich auch nicht mehr, sollte mal wieder ein paar gute Bücher nochmal lesen...). Tittas Küche, die Deinige ebenso, Not, Gewalt, Liebe in solcher Enge, kleines großes Glück auf einer kalten Treppe, ein Jenseits von Gut und Böse in einer Form, dass kein Geschwafel gegen dessen Echtheit besteht, das war die Verbindung, die mir wirklich erst vorhin einfiel, als ich mit dem "grandioser Text" gestolpert war. Dostoijewski hat nie theoretisiert, welches ihn vor Tolstoi als Literaten entscheiden auszeichnet, nie erklärt, einfach gezeigt. Das, dreimal ist dann wirklich genug, ist das Ergreifende an seinen Romanen. Und wenn wir ihn (oder auch die beiden anderen Erwähnten) nie erreichen sollten, so vermögen wir in dieser spracharmen Zeit doch das Unsere; Deine sprachlichen Mittel sind jedenfalls nicht alltäglich, ebenso wie Deine Binnenlogik in den Texten, die ich bisher sah (der arme Schlesinger...); andernfalls wäre ich vielleicht auch gleich etwas derber geworden, als ich erstmal eine mitbekam (bei Schlesinger wäre etwas weniger heftig vielleicht zielführender gewesen, so konnte er sich zunächst rausreden). Gerade habe ich auch erst Deine Kontaktanzeigensause gelesen und mich köstlich dabei amüsiert; das Futur II werde ich indes hoffentlich dereinst auch noch über meine restlichen Lebensjahre sinnreich anzuwenden gewusst haben. Das Perfekt ist für die Gass'. |
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Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon alles durchgelesen habe. Ich bin mir allerdings sicher noch nicht alles verstanden zu haben.
Daher ein Frage von mir, in der Hoffnung, dass sie nicht redundant ist: Gewalt gehört zum Leben. Gewalt ist inakzeptabel. Beide Sätze unterschreibe ich sofort. Ist das nun dialektisch oder paradox? PS. Gibt es "Adorno für Dummies"? |
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@ merdeister
Was ist eine redundante Frage? "dialektisch oder paradox": möchtest du das allgemein beantwortet haben oder im Hinblick auf die im Blog vertretenen Auffassungen? Da bin ich mir auch nicht sicher, alles verstanden zu haben. Es scheint aber so zu sein, dass die Erfahrung (!) "Gewalt gehört zum Leben." Von anderen dahin missverstanden werden kann, dass man sie damit für akzeptabel hielte. "Gibt es "Adorno für Dummies"?" Keine Ahnung, aber auf jeden Fall gibt es Dummies für Adorno. |
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Lieber merdeister,
"Gewalt gehört zum Leben. Gewalt ist inakzeptabel. Beide Sätze unterschreibe ich sofort. Ist das nun dialektisch oder paradox?" Also, da dir niemand anders auf deine Frage antwortet, versuche ich es. Lieber, ich beantworte eine Frage, die nicht direkt an mich gerichtet ist, als ich schreibe aufwendig und mit viel Herzblut Geschichten, zu denen ich ausdrücklich und mehrfach ermuntert werde, um mir anschließend von derselben Person sagen zu lassen, sie gehörten nicht ins Blog. (Insofern hoffe ich sehr, lieber merdeister, dass ich deine Frage richtig als ernsthaft deute. Denn sonst würde sich die Mühe des Nachdenkens und Antwortschreibens auch hier nicht lohnen.) Ich denke, dass du und ich beide Sätze sofort unterschreiben: "Gewalt gehört zum Leben" - "Gewalt ist inakzeptabel", ist weder dialektisch noch paradox. Zu beidem würde gehören, dass die beiden Sätze in derselben Hinsicht bzw. derselben Perspektive Gegensätzliches von derselben Sache aussagen, das entweder einmal auf einer höheren Stufe sich wieder vermittelt (dialektisch) oder im anderen Fall logisch auschließt (paradox). Doch in unserem Fall sind die Sätze aus ganz unterschiedlichen Perspektiven geschrieben bzw. gehören ganz unterschiedlichen bereichen an: "Gewalt gehört zum Leben" ist ein Erfahrungssatz, "Gewalt ist inakzeptabel" ist ein moralischer Satz. Anders ausgedrückt: ersteres gehört zum Bereich dessen, was den Menschen bzw. mit den Menschen geschieht, das zweite zum Bereich dessen, wie die Menschen handeln (sollen). Da die Sätze formal eine so ähnliche Struktur aufweisen, geraten wir in Versuchung, sie miteinander in Beziehung zu setzen und stoßen auf das Problem, das sich dir stellte und das du mit deiner Frage ansprichst. Löst man sich aber von diesem scheinbaren Zusammenhang, muss man konstatieren, dass das Leben als Schicksal sich nicht unsere moralischen Leitsätze diktieren lässt. Insofern hat Titta auf kluge Weise recht, dass das Leben einerseits "ungerecht" ist, sofern wir es nämlich nach unserem Gerechtigkeitsmaßstab messen. Der gehört aber in den Bereich der Moral, an dem sich das Leben eben nicht orientiert. Insofern ist es dann weder gerecht noch ungerecht, sondern ist, wie es ist, moralisch indifferent. Was es mit uns macht, auch wo handelnde Menschen im Spiel sind, Krankheit, Gewalt, Glück, Schicksalsschläge, macht es mit uns, ob wir es akzeptieren, was wir besser um unserer Seelenhaarmonie willen tun, oder nicht. "Gewalt ist inakzeptabel" als moralischer Leitsatz dagegen gibt unserem Handeln ein "Sollen" vor: Du sollst keine Gewalt an anderen (Kant würde übrigens in Konsequenz seiner Ethik ergänzen: und auch nicht an dir selber) ausüben. Aber damit wird Gewalt nicht eskamotiert, im Gegenteil: Nur dadurch, dass es Gewalt gibt (dass sie zum Leben gehört) werden moralische (im 18, Jh. hieß das auch "sittliche") Maßstäbe und Handlungsorientierungen nötig, aber auch erst möglich. Für etwas, das es nicht gibt oder auf technischem Wege aus der Welt zu räumen wäre, ist Moral überflüssig. Zuletzt: Zur Moral gehört auch immer Freiheit. "Kein Mensch muss müssen", sagt Kant. Das Sollen schließt auch immer ein, dass man dagegen verstoßen kann und damit der (Pflicht) nicht gerecht wird. In diesem wechselseitigen Aufeinander-Bezogensein, als Zusammenhang und als Entgegensetzung, sich die beiden Sätze, wie ich nun feststelle, denn doch auch dialektisch miteinander verwoben. Liebe Grüße oranier P.S. Nicht deine Frage, mein Lieber, mein Text ist ein wenig redundant. Das liegt an meiner Art zu schreiben. Heinrich von Kleist hat dafür über einem Aufsatz den sinnreichen Titel: "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Sprechen". oranier |
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Lieber oranier,
eigentlich hatte ich gestern bereits auf Deinen ersten Kommentar geantwortet, diese Antwort ist nun wech. Egal. Hab vielen Dank für die Antwort, die Frage war ernst gemeint und "Redundant" so, wie Du es verstanden hast. Deine Mühe hat sich zumindest für mich gelohnt. "Ich denke, dass du und ich beide Sätze sofort unterschreiben: "Gewalt gehört zum Leben" - "Gewalt ist inakzeptabel", ist weder dialektisch noch paradox. Zu beidem würde gehören, dass die beiden Sätze in derselben Hinsicht bzw. derselben Perspektive Gegensätzliches von derselben Sache aussagen, das entweder einmal auf einer höheren Stufe sich wieder vermittelt (dialektisch) oder im anderen Fall logisch auschließt (paradox)." Hier dachte ich: Machen sie doch, sie gehen von der Perspektive des Lebens aus. Doch mein Widerstand wurde dann gebrochen von: ""Gewalt gehört zum Leben" ist ein Erfahrungssatz, "Gewalt ist inakzeptabel" ist ein moralischer Satz." Ob ich die dialektische Verwobenheit der beiden Sätze richtig verstanden habe, darüber werde ich dann noch ein bisschen grübeln. |
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Danke, lieber merdeister!
Ja, so ist es richtig, und nur so, mit der kleinen Einschränkung: nicht im Grübeln, sondern im Denken erschließt sich der dialektische Zusammenhang. Den habe ich auch nicht als fixiertes Ergebnis, aber wenn du alleine nicht weiterkommst, denke ich es gerne mit dir zusammen weiter. Schöne Grüße und produktives Denken! |
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Danke, lieber merdeister!
Ja, so ist es richtig, und nur so, mit der kleinen Einschränkung: nicht im Grübeln, sondern im Denken erschließt sich der dialektische Zusammenhang. Den habe ich auch nicht als fixiertes Ergebnis, aber wenn du alleine nicht weiterkommst, denke ich es gerne mit dir zusammen weiter. Schöne Grüße und produktives Denken! oranier |
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@klara, hallo,
vorgestern habe ich Sie gebeten, Ihre Beweggründe dafür zu nennen, dass Sie oranier hier mit Häme überziehen. Schade, sie antworten mir nicht. Also noch mal. Was konkret gefällt Ihnen nicht an oraniers Beiträgen? Geht es um Inhalte? Um seine Sprache? Um was, klara? Auch mir ist aufgefallen, dass Sie oranier erst ermunterten, "dran" zu bleiben. Das tat er. Ich vermute, nicht nur deshalb, weil sie ihn ermunterten. "Sein" Thema beschäftigt ihn, mich übrigens auch. Aber merkwürdig, dann überschütteten Sie ihn mit einer Art karamelligem Sirup, den Sie evtl. für Ironie halten. Warum? Passt nach Ihrer Meinung nicht in diese Community, was oranier hier schreibt? Das deuten Sie an. Aber warum, meinen Sie, passt es nicht? Warum diskutieren Sie nicht offen, mit oranier, mit mir, mit uns hier? Geht es evtl. um Ausgrenzungen? Um Schnauzehalten? So jedenfalls habe ich Ihre Antwort an oranier verstanden. Herzlichst weinstein |
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Hallo weinsztein,
ich habe oranier nicht mit Häme überzogen - was für ein Unsinn! habe oben versucht, das zu klären. Es ist ein Missverständnis (ich war ein paar Tage nicht im Netz). Ich hatte einfach nur meine Bewunderung für ihn und seine Art hier zu schreiben ausdrücken wollen. Wenn Sie noch mal nachlesen, finden Sie vielleicht, dass kein Anlass zu Ironie- oder Hämeverdacht besteht. "nicht bloggeeignet" war ein bisschen kokett auf meine Bewunderung gezielt. Einfach nur Geplänkel. "Arbeiterdiskurs" - was soll daran so schlimm sein? Eine Neckerei? ES ist doch dies hier ein Arbeiterkindsheits-Faden. In dem auch mit Seitenhieben auf "Bürgerkindheiten" nicht gespart wird. Da wird ein lockerer Ton erlaubt sein. Nichts passt nicht in die Community, ich deute nichts an außer Positives, Wohlgesonnenes. Bitte glauben Sie mir das einfach. Ausgrenzungen o. Ä. liegen mir sowas fern! Können wir es dabei bewenden lassen? Einfach nur ein Missverständnis. Und das Beste wird wohl sein, ich halte hier meine Schnauze, wenn sie so unnötige MIssverständnisse produziert. herzlich klara |
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Liebe klara,
ich hatte den entsprechenden Kommentar genauso verstanden wie oranier und weinsztein auch und bin nun froh über die Aufklärung. Übrigens könnte auch ein Schweigen mißverständlich wirken ;-) |
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Du als Frau wirst mir das innigst nachfühlen können, oder muss ich etwa pathetisch werden und dir das erschütternde Beispiel der Penthesilea vor Augen führen?
Man kann es drehen und wenden, wie man will, eine Hoffnung ist nicht in Sicht. Es grüßt dich gleichwohl umso herzlicher oranier |
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Sorry, aufgrund eines Kopierfehlers ist mein Kommentar unvollständig angekommen. Hier die richtige Version:
Liebe klara, nun hast du mich in kay.kloetzers Blog hierher verwiesen, und nun muss denn folglich das Geheimnis gelüftet werden, damit du meine Antworten besser zu verstehen und einzuorden weißt. Du fragst dort: "oranier, kann es sein, dass du meine Kommentare überbewertest?" Aber Natürlich bewerte ich deine Kommentare über, meine Liebe, wundert dich das etwa? Du machst mir Avancen und die großartigste Liebeserklärung, die ich seit je erhalten habe, nennst mich einen Wahnsinns-Typen, entfesseltst derart meine Leidenschaft, und bevor ich noch dir meine Gegenliebe eklären kann, sehe ich mich erschüttert mit deiner General-Absage konfrontiert: Liebe im Internet gibt es nicht. Was, so frage ich dich, liegt da also näher und ist natürlicher für einen Mann mit schwellender Brust und überschäumenden Gefühlen, als zu versuchen, seinen Mut in heftigen Angriffen zu kühlen? Ich weiß, es ist tragisch, und ich sehe uns beide, wenn du nicht umkehrst, noch so enden: Sie liebten sich beide, doch keiner Wollt es dem andern gestehn; Sie sahen sich an so feindlich, Und wollten vor Liebe vergehn. Sie trennten sich endlich und sahn sich Nur noch zuweilen im Traum; Sie waren längst gestorben, Und wußten es selber kaum. (Heinrich Heine) Du als Frau wirst mir das innigst nachfühlen können, oder muss ich etwa pathetisch werden und dir das erschütternde Beispiel der Penthesilea vor Augen führen? Man kann es drehen und wenden, wie man will, eine Hoffnung ist nicht in Sicht. Es grüßt dich gleichwohl umso herzlicher oranier |
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Ich bin hier ins Schmökern gekommen und würde mich freuen, solch ein Blog noch einmal miterleben zu dürfen.
Besonderen Dank nicht nur an die Blogautorin, sondern auch an oranier für die auf seltsame Art und Weise berückend-beglückenden Ethik- wie Erinnerungskommentare. |
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Schön gesagt, Cassandra. Ich stimme Dir zu.
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Schön gesagt, Cassandra. Ich stimme Dir zu.
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@Cassandra & Weinsztein
Was macht ihr denn hier? (Hab jetzt erst bemerkt, daß hier noch jemand in dem uralt Blog unterwegs gewesen ist.) Wie kommt es, daß du dich nach über einem halben Jahr noch mal hierhin verirrt hast, cassie? War wirklich schön, diesen Blog hier wachsen zu sehen mit all den Reaktionen. Dank an euch zwei, und an alle KommentatorInnen. Die Vorgeschichte, der Kommentar von Oranier in einem Blog von klara, ist ja leider nicht mehr zurückzuverfolgen, da klara diesen ja wie üblich gelöscht hat. Von wg. solch ein Blog noch einmal miterleben dürfen: muß halt jemand so etwas Berührendes und Ehrliches schreiben wie Oranier über seine Kindheitserlebnisse, dann kommt vielleicht auch noch mal so ein Blog zustande, wenn jemand genauso authentisch darauf reagiert. In diesem Sinne liebe Grüße an euch beide Titta |
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Du weißt doch, ich suche, archiviere, halte nach, fasse zusammen... :)
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schrieb am
22.06.2010 um 12:56
dann kann ich ja schnell noch
an-/dranhängen, daß ich wegen diesem blog einschließlich+ va kommentarstrang dann doch nicht den "freitag durchgewunken", stattdessen mich nochmal neu angemeldet habe ;-) (war ein angenehmer zufallsfund) lg jana |
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Das wäre ansich ein Anlass, schöne Blogs generell noch einmal hervor zu kramen.
www.freitag.de/community/blogs/spassguerilla/freitag-gleich-anders Die ersten Links müssen mal entfernt werden, die Blogs gibt es nicht mehr. Ist aber trotzdem noch nett zu lesen. |
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@frau g.
Das freut mich jetzt aber besonders! Ihnen an dieser Stelle ein Dank wg. des Links zu den Pirahã. Den finde ich im wahrsten Sinne des Wortes ;-) sehr bedenkenswert. LG Titta |
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Ach Cassie,
du bist ja unermüdlich! (Aber recht hast du, ich finde ja auch, daß das mein schönster Blog ist, wobei "mein" ja ziemlich anmaßend ist, wie frau g. schon richtig festgehalten hat, denn durch die ganzen Kommentare gewinnt er ja erst seine eigentliche Tiefe.) Die Links entferne ich nicht, dienen sie doch als abschreckendes Beispiel. Dir auch danke für den Link. Den hab ich gar nicht mitbekommen, seinerzeit. Richtig schön was zum Stöbern und nostalgisch werden. |
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Ach nein, ich meinte die Links in dem Link (sic), den ich gesetzt habe - also im Spaßguerilla-Blog. Bei dir ist mir das schnuppe, aber bei Sachen, die ich ändern könnte, werde ich seltsam pingelig. Muss man nicht verstehen.
Wie ich das gelesen habe, möchte ich vielleicht ein bisschen wieder diese Art wieder haben. Mal sehen, was geht. Ich erinnere mich übrigens noch ganz genau an die Nacht, in der das hier angefangen hat... Gute Nacht. |
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"Ach nein, ich meinte die Links in dem Link (sic), den ich gesetzt habe"
Siehste, da haben wir das gleiche Problem. "Ich erinnere mich übrigens noch ganz genau an die Nacht, in der das hier angefangen hat..." Ich mich auch! Aus den bekannten Gründen. :-)) Schlaf schön! |
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Cassandra schrieb am 22.06.2010 um 13:23
Ist aber trotzdem noch nett zu lesen. ... es wurde hier mindestens schon "ergreifend" vorgeschlagen. Ich fühlte mich beim Lesen berührt. ut |
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ut, ich auch. Mit 'nett' war aber doch das Spaßguerilla-Blog gemeint. Das ist nun wahrlich nicht ergreifend - sondern einfach nett. Meine Meinung zu diesem Blog hier, also tittas, habe ich doch schon mehrfach kund getan. Sogar auch nicht öffentlich :))
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das 'nicht' muss weg, das 'auch' am besten auch. Ich sollte schlafen.
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... ich auch
gute Nacht |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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