Seit gestern ist es also da, das "Internet-Manifest", das uns in "17 Behauptungen" erklärt, wie Journalismus in Zeiten des Internets funktioniert. Ein löbliches Unterfangen, bei dem sich die "Top 10" der deutschen Internet-Schreiber das Hirn zermatert haben, um sich der "Debatte über den 'Untergang des sogenannten Qualitätsjournalismus' und der latenten Internetfeindlichkeit in vielen Medien ein zeitgenössisches Manifest", wie es Netzpolitik.org formuliert, zu stellen. So weit, so sinnvoll. Doch was die illustre Runde, die von Mercedes Bunz, Mario Sixtus den unvermeidlichen Sascha Lobo bis zu Stefan Niggemeier (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) reicht, da als Manifest zusammengestellt hat, hat kaum Brennkraft, provoziert nicht und bietet ob der dort gelisteten Selbstverständlichkeiten noch nicht einmal einen wirklichen Diskussionsansatz. Wer würde schon Sätzen wie "Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen." oder "Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen."widersprechen? Dabei sind die 17 Behauptungen nicht falsch, sie sind sogar sehr richtig und es ist schön, dass sie einmal am Stück aufgeschrieben wurden. Das war es dann aber auch schon. Streiten kann man sich allenfalls noch über die blumige Behauptung Nr. 12, die uns erklärt "Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele." Ob das so schlicht und verallgemeinernd zutrifft, halte ich zumindest für die große Masse der Internet-Journalisten für fraglich. Sehr idealistisch gesehen wird die Rolle des Konsumenten: "Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist." Erinnert sich noch jemand an ein Boulevard-Blatt aus dem Hause Springer? Ist das nun herausragend, glaubwürdig oder besonders gut oder warum hat es eine Millionenauflage? Wer dann noch mit Sätzen wie "Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe." den Konsumenten zum Qualitäts-Pfadfinder macht, muss sich zumindest eine gewisse Blauäugigkeit vorwerfen lassen. Hat man unsere schöne bunte Fernsehwelt und die gleichförmige Masse der Agenturmeldungen im Hinterkopf, wird eine Aussage wie die "dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führt – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft" zu einem Irrläufer erster Klasse, denn mehr Freiheit heisst dann auch mehr Aufwand, in einem anwachsenden Heuhaufen eine Nadel zu finden. Die wirklich spannenden Punkte des Manifestes fallen auf den ersten Blick kaum auf, sie machen die Sammlung aber letztlich zu einem wichtigen Dokument. Etwa Behauptung Nr. 4: "Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit." In der aktuellen "Journalismus vs. Internet" -Diskussion bezieht dann auch endlich Behauptung 8 Position: "Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert." Übrig bleibt der Eindruck, dass es besser gewesen wäre, die 17 Behauptungen auf 3 oder 4 einzudampfen und dafür pointierter in die Diskussion einzugreifen. In dem jetzigen allgemeinen Geschwurbel über die Möglichkeiten des Internets gehen die Perlen sehr leicht unter. Da gilt dann, um noch einmal das Manifest zu zitieren, die richtige Aussage "Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus."
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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