Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

15.03.2010 | 18:36

„Akzeptanzprobleme“: Die SPD sieben Jahre nach Schröders Agenda-Rede

Mut zur Veränderung“, davon hatte Gerhard Schröder am 14. März 2003 im Bundestag gesprochen. Es sollte eine berühmte Regierungserklärung werden, es war der Startschuss für die Agenda 2010. „Mut zur Veränderung“ bräuchte die SPD jetzt wieder, sich zu verabschieden von einer Politik, die weder den Menschen noch der Partei etwas wirklich Zählbares brachte. Doch die Sozialdemokraten kommen beim oft zitierten Neuanfang allenfalls zentimeterweise voran.

Am Montag hat das SPD-Präsidium einen Beschluss gefasst, der schon im Vorfeld für einige Beachtung gesorgt hatte: Wie weit werden die Sozialdemokraten gehen? Dass arbeitsmarktpolitische Überlegungen der SPD unmittelbar die Frage hervorrufen, ob die Partei und wenn ja wie deutlich von der Agenda 2010 abrücke, zeigt, wie sehr die Sozialdemokraten im Bann der Schröderschen Reform stehen. Umgekehrt merkt man es an der ausweichenden Sprache des nun vorgestellten Präsidiums-Beschlusses: Nicht ein Mal kommt in dem Papier die berühmte „Agenda“ vor, das Signalwort „Hartz“ gerade an einer einzigen Stelle.

Es ist nicht so, dass die SPD zur Selbstkritik weniger fähig wäre als andere Parteien. Bei den Sozialdemokraten fällt es nur etwas deutlicher ins Gewicht. Wer immer noch von „Akzeptanzproblemen“ der Beschäftigten und Hilfeempfänger redet, muss sich vorwerfen lassen, offenbar weiterhin an das Gute in der Reform zu glauben - statt an das Gute im Menschen. Zuallererst ist vom „Verdienst sozialdemokratischer Arbeitsmarktreformen“ die Rede, auf der zweiten Seite erst will die „SPD sich selbst nicht schonen“. Genau das tut sie aber, indem bei ihr der Arbeitsmarkt stets wie von Geisterhand „unfair geworden“ ist oder „unter Druck“ gerät. Es gerät dabei nicht nur die eigene Regierungsverantwortung für den nun beklagten Zustand aus dem Blick. Wer so argumentiert, wie die SPD es mitunter tut, fürchtet auch die Möglichkeiten politischen Eingriffs selbst. Wenn Politik die Agenda 2010 schaffen konnte, warum soll dann Politik nicht auch eine alternative Agenda auf den Weg bringen können? Schröder hat vom „Mut zur Veränderung“ gesprochen. Wo ist der von Sigmar Gabriel?

Die Sozialdemokraten müssten „Fehler erkennen und auch Korrekturen vorschlagen“, heißt es in dem Papier. Das tut die Partei, jedenfalls in Grenzen: Das Arbeitslosengeld I soll bis zu 24 Monate gezahlt, Leiharbeit eingeschränkt werden und das Vermögen von Hartz-IV-Empfängern nicht mehr geprüft werden. Außerdem spricht sich die SPD für einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro aus, sie will 200.000 zusätzliche Stellen für Langzeiterwerbslose schaffen – für drei Milliarden Euro. Die Annahme solcher Arbeit sei „selbstverständlich freiwillig“, so Gabriel. Allerdings sollen die bereits vorhandenen Sanktionsschrauben weiter gelten. Interessant ist, dass über die nahe liegende Anhebung der Regelsätze des Arbeitslosengeldes II kein Wort verloren wird, obwohl das Karlsruher Urteil noch gut in Erinnerung ist. Lediglich eine weitere Absenkung wird abgelehnt. Vielleicht will man die Forderung nach Aufstockung der Armutspauschale zunächst noch der nordrhein-westfälischen Spitzenkandidatin Hannelore Kraft für den Wahlkampf überlassen.

Die Kritiker haben Recht: Mit ihrem Katalog springt die SPD zu kurz, es ist das Dokument einer zerrissenen Partei. Einer Sozialdemokratie, die einerseits enttäuschte Wähler und Mitglieder zurückholen – und andererseits die Erfinder der Agenda nicht brüskieren will; die einerseits ihre Bündnisoptionen nach links verbessern – und sich andererseits die Chance auf Kooperation mit der Union nicht verbauen möchte; die ihre politischen Forderungen einerseits „von der Arbeit her entwickeln“ – und andererseits trotz fehlender Stellen Nicht-Arbeiten weiter bestrafen will.

Das Konzept soll nun an der Basis diskutiert und im September auf einem Parteitag beschlossen werden. Damals, als „Agenda 2010“ noch für eine Politik der Zukunft stand, stimmte ein Sonderparteitag mit über 80 Prozent für den Leitantrag des SPD-Vorstandes zu den Arbeitsmarktreform. Es wäre an den Delegierten der Gegenwart, einen „Mut zur Veränderung“ an den Tag zu legen, der aus ein paar kleinen Korrekturen erst das macht, was die SPD sich insgeheim wünscht: einen Neuanfang.

 

Mehr zum Thema:

Gerhard Schröders Agenda-Rede vom 14. März 2003 - hier
Die Krise der SPD, Buchkapitel aus: Lafontaines Linke - hier
Fairness auf dem Arbeitsmarkt: SPD-Beschluss vom 15. März 2010 – hier
Weg zur Linkspartei: Erklärung der FDP – hier
Hilfloser Zickzackkurs: Erklärung der CDU – hier
Zu kurz gesprungen: Erklärung der Linkspartei – hier

 

 

 

 

 

 

 
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Kommentare
Demo Krat schrieb am 16.03.2010 um 03:20
Mut zur Veränderung hätte die SPD, wenn sie eine sofortige Demokratisierung der UNO fordern oder zumindest den Anruf der UNPA-Kampagne unterzeichnen und öffentlich bekannt machen würde.

Schröders Reformen waren nötig, um die Position Deutschlands im Wettbewerb um Investitionen vom internationalen Finanzmarkt so zu verbessern, dass eine weitere Verschlechterung der Situation auf dem Arbeitsmarkt abgewendet werden konnte.

Erst wenn die Dominanz der Finanzmärkte aufgebrochen wird, indem die Menschen sich auf globaler Ebene demokratisch organisieren, werden wir das Race-to-the-bottom aufhalten können. Das gilt für den sozialen und auch für den ökologischen Bereich.

Der Wert sozialer Gerechtigkeit ist übrigens gerade durch eine empirischen Studie bestätigt worden: bigthink.com/ideas/18461
weinsztein schrieb am 16.03.2010 um 04:08
Lieber Tom Strohschneider,

danke für diese Einschätzung zur zerrissenen Partei, die jetzt in der Opposition zwar ihren hartz4-Makel erkennt, diesen aber nur kosmetisch kleistern will. Das reicht nicht, aber die Oppositionsrolle scheint ihr gut zu tun ... für die nächsten Jahre, auf Bundesebene.

Also, SPD, was ist mit der Wahl in NRW? Fortsetzung der Schröderei nebst sozialer Kosmetik? Man liest nur vages Zeug bisher. Ich werde die Linke wählen.

weinsztein
Grundgütiger schrieb am 16.03.2010 um 09:32
Gut geschrieben, Tom Strohschneider.
Waren doch noch in der letzten Woche Seufzer aus der SPD über die verlorene grosse Koalition zu hören.
Einen antikapitalistischen Anspruch aus der SPD kann ich mir auch in naher Zukunft nicht vorstellen.
Macht ja auch nix. Aber Einsichten in die Realität wären schon schön.
Das man jetzt das Urteil des BVG als Rückversicherung nimmt, OK.
Eine auch nur im Ansatz richtige Vorstellung, was Hartz4 bedeutet, hat sich bis zu den Vorständlern nicht rumgesprochen.
Da sprechen die Blinden von der Farbe.
Zu sehen an der Freigrenze für Schonvermögen, dasselbige ist mit Zahlen kaum zu erfassen.
Den stellvetretenden Vorsitzenden der Linkspartei plagt jetzt schon der Phantomschmerz, er ist wegen der neuen Erkenntnis der SPD aus dieser herausgeflogen.
Ich fürchte nur, das liebe Geld, welches ja in all die Dinge fliesst, wem sollen wir es nehmen, ich hab noch keinen Vorschlag gehört.
ebertus schrieb am 16.03.2010 um 12:21
Mein Eindruck ebenfalls:

Da zieht niemand, da sinkt kaum jemand dahin. Da wird eimerweise dicke Schminke aufgetragen; und den MünteStones "Kraft"voll hoffiert. Die Opposition tut der SPD gut, wie wahr und hoffentlich über (aktuell) NRW hinaus. Diese Generation von SPD-Führungspersonal ist schrödiert, wird die Wende (zurück/nach vorn) nicht schaffen, nicht mal wirklich wollen - und können sich dennoch nicht so locker absetzen wie die Grünen:

"...und den Grünen ist vorzuwerfen, dass sie das mitgemacht haben."

Der Neu-Grüne Sven Giegold hat den alt/neu-Sprech vom "ich bin klein, mein Herz ist rein" schon sehr gut drauf. Da kann die SPD noch lernen...

jungle-world.com/artikel/2010/08/40410.html
Tom Strohschneider
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