Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

06.05.2011 | 13:04

Benfords Gesetz, die PDS und die Bundestagswahlen von 2002

Was hat das Benfordsche Gesetz mit der PDS zu tun? Womöglich eine ganze Menge. Zwei Politikwissenschaftler haben bei der Überprüfung der Wahlkreisergebnisse zurückliegender Bundestagswahlen Unregelmäßigkeiten festgestellt, die womöglich mit der Zusammensetzung der Wahlhelfer vor Ort und ihrer politischen Einstellung zu tun haben. Nach Benfords Gesetz gibt es gewisse Gesetzmäßigkeiten bei der Verteilung der Ziffern in den Zahlen großer Datensätze. Die 0 kommt danach an der zweiten Stelle einer Zahl häufiger vor als die 9. Christian Breunig und Achim Goerres (hier) jagten nun die Auszählungsergebnisse der Bundestagswahlen seit 1990 durch den Computer – und es zeigten sich bei den Zweitstimmen signifikante Verletzungen des Benfordschen Gesetzes: Je dominanter eine Partei in einem Bundesland war, desto eher kam es zur Verletzung.

Breunig und Goerres vermuten, dass „that partisan composition of the volunteers involved in the counting may contribute to electoral irregularities. In particular, the violations for the PDS/Left in 2002, for the CDU/CSU in Baden-Württemberg and Bavaria and for the SPD in North-Rhine-Westphalia allude to the idea that partisan dominance in a Bundesland (and even more so in its sub-regions) or aversion to a former regime party among those citizens involved in the counting might produce higher likelihoods of violations of the Second Digit Benford Law.“ Bei den Wahlen 2002, als die damalige PDS aus dem Parlament flog und danach eine schwere Krise durchlebte, zeigten sich bei den Ergebnissen der Partei in allen Ostbundesländern Verletzungen des Benfordschen Gesetzes.

Die beiden Forscher können allerdings weder sagen, ob Wahlhelfer womöglich zugunsten oder zu Ungunsten der PDS bei der Auszählung nachhalfen. Und auch nicht, welche tatsächlichen Auswirkungen die Unregelmäßigkeiten auf das Wahlergebnis hatten. Sicher scheint nur, dass es sich nicht um zufällige Abweichungen handelt, die durch Zählfehler auftreten – diese nämlich müssten wiederum dem Benfordschen Gesetz genügen. Unsere Analyse funktioniert wie ein Fieberthermometer“, wird der Politikwissenschaftler Goerres im Cicero zitiert, „wir haben gezeigt, dass es ein Problem gibt, können es aber nicht erklären.“ In ihrer Untersuchung regen die beiden Forscher an, Wahlhelferrekrutierung und Auszählungsroutinen in Deutschland einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Die PDS kam 2002 übrigens nur auf vier Prozent – das lag weder an ein bisschen Manipulation, noch hätte diese geholfen, die Partei doch noch über die Fünfprozenthürde zu hieven.

 
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Kommentare
GeroSteiner schrieb am 06.05.2011 um 14:25
Benfords Gesetz besagt, dass bei natürlichen unbeeinflußten(!) Systemen eine bestimmte Anzahl der Ziffern von 1 bis 9 vorgegeben ist. Voraussetzung ist, daß alle Ziffern auch vorkommen. Abweichungen in der Ziffernverteilung zeigen eine Manipulation an.
Zur Überprüfung ermittelt man alle in einem zu beobachtenden Systemen vorkommenden Zahlen und ordnet sie nach ihrer Häufigkeit.
Benford's Gesetz ist erfüllt wenn der Anteil der Ziffern im beobachteten System folgender Verteilung folgt:

1 -- 30,1%
2 -- 17,6%
3 -- 12,5%
4 -- 9,7%
5 -- 7,9%
6 -- 6,7%
7 -- 5,8%
8 -- 5,1%
9 -- 4,6%

Das Gesetz ist überprüft für die Steuererklärungen in den USA, wo die Finanzbehörde auf Abweichungen von Benfords Gesetz achtet, und Abweichungen von der erwarteten Ziffernverteilung bereits einen hinreichenden Hinweis für einen Betrugsverdacht darstellen. Überprüft ist es auch für die Jahresumsätze der 3512 Aktien, die 1997 an der NYSE gehandelt wurden.

Logischerweise kann es dann nicht für die Preise in Supermärkten gelten, da alle Preise "erdacht" sind. Die 9 kommt hier sehr viel häufiger vor, als in natürlichen unbeeinflussten Sytemen.

Ob Benford's Gesetz bei Wahlergebnissen überhaupt gilt ist erstmal zu überprüfen, bevor man jemanden des Wahlbetruges verdächtigt. Denn Wahlergebnisse sind nicht notwendigerweise ein "natürliches unbeeinflusstes System".
Gustlik schrieb am 06.05.2011 um 14:49
Die Herren scheinen Langeweile zu haben. Scheinbar steht auch der Kopf kurz davor, vor Müdigkeit auf der Tischkante aufzuschlagen.

Die Herren können sich bei den nächsten Wahlen gern als Wahlhelfer bewähren und ein Erfrischungsgeld einstreichen, bei dem sie nicht lange nachrechnen müssen.
GeroSteiner schrieb am 06.05.2011 um 15:59
Politikwissenschaftler sollen ja, wie wir normalsterblichen auch bereits Computer benutzen. Da schlägt der Kopf beim Einschlafen nicht auf die Tischkante, sondern auf die Tastatunnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnn nnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnn nnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnn nnnnnnn...
GeroSteiner schrieb am 06.05.2011 um 15:54
Nachschlag.
"Die 0 kommt danach an der zweiten Stelle einer Zahl häufiger vor als die 9."

Benfords Gesetz sagt nichts über die Ziffer NULL "0" aus.
Da die Schlussfolgerung (Betrugsverdacht!) von Politikwissenschaftlern kommt, ist die Relevanz dieser Aussage wissenschaftlich gesehen kurz und knackig für'n Arsch, politisch gesehen ziemlich ärgerlich.

Wenn's denn jemanden interessiert:
Informationen (über Wikipedia hinaus und trotzdem ein bisschen verständlich...) zu Benfords Gesetz finden sich unter
www.benfordonline.net/fullreference/35
tinyurl.com/3he6dkh
tinyurl.com/3ocsekl
GeroSteiner schrieb am 06.05.2011 um 17:24
Nach dem Lesen in der Originalarbeit ziehe ich meine Aussage in der formulierten Schärfe zurück.

Breunig und Görres arbeiten nicht mit der ersten, sondern mit der zweiten Ziffer, oder mit "Second Digit Benford's Law (2BL)". Das hatte ich überlesen und da gibt es in der Tat eine NULL "0" und die Verteilung könnte wirklich zeigen, ob bei sauber definiferten Randbedingungen ein Wahlbetrug vorliegt.

"Our analytical strategy proceeds in three steps. First, we obtain the vote counts for each candidate and all major parties at precinct level. We then calculate the frequencies of all numerals for the second digit on an appropriate subset of these data. The third step checks whether the distribution of all numerals follows the pattern that Benford’s Law predicts for the second digit."
Über eine statistische Betrachtung kann man dann Differenzen zwischen den beobacheten und erwarteten Häufigkeiten auf ihre Siginifikanz hin überprüfen.

Man könnte wirklich den Eindruck haben, dass da was nicht stimmt.

Asche über mein Haupt.
Lesen hilft halt doch manchmal...
8-)
siggy schrieb am 07.05.2011 um 14:30
Wieso Steuerbehörden in den VSA?
Die bundesdeutsche Finanzverwaltung wendet dieses System ebenfalls an (Vordurchlauf bei Betriebsprüfungen)!
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