Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

25.03.2011 | 18:50

"Eher unterschätzt": Die Wahlen im Südwesten und die Linke

Schafft die Linke am Sonntag im Südwesten den Sprung in die Landtage? Der rheinland-pfälzische Spitzenkandidat ist optimistisch und lässt sich auch durch die Umfragen nicht kirre machen. Es werde „nicht zum ersten Mal so kommen, dass eine demoskopisch klein gerechnete Linke am Ende groß rauskommt“, sagt Robert Drumm in der Jungen Welt voraus. Auch der Friedrichshafener Politikwissenschaftler Joachim Behnke nennt es „nicht ganz unwahrscheinlich“, dass „die Linken in Umfragen eher unterschätzt werden“. Außerdem zeigen sich die Demoskopen selbst eher zurückhaltend über die Sicherheit ihrer Vorhersagen. Man müsse wegen Japan und der Atomdebatte von einer „noch höheren Volatilität als sonst“ ausgehen, heißt es bei der Forschungsgruppe Wahlen.

In Hamburg und Sachsen-Anhalt, aber auch in Nordrhein-Westfalen (2010), Sachsen, Brandenburg und Schleswig-Holstein (2009) lagen die letzten Umfragen bei der Linken  ziemlich nahe am späteren Ergebnis. In Thüringen, Hessen und dem Saarland (2009) kam die Partei dagegen teils deutlich besser ins Ziel als kurz vor der Wahl prognostiziert. Auf den Nachdenkseiten.de hat Albrecht Müller mit Blick auf die Veröffentlichung von Unfragewerten unter fünf Prozent für die Linkspartei – teils sogar mit Angabe von Kommastellen – trotzdem kritisiert, dass damit „gezielt Stimmungsmache“ betrieben und versucht werde, potentielle Wähler zu „entmutigen, ihre Stimme als wertlos wegzuwerfen“. Selbst wenn die Zahlen methodisch korrekt wären, bleiben die Angaben von möglichen Abweichungen nach unten und oben, die für die Interpretation wichtig sind, in der medialen Bearbeitung meist unterschlagen.

Linkenpolitiker wie Oskar Lafontaine appellieren deshalb vor allem mit Blick auf Baden-Württemberg „an die Sympathisanten von SPD und Grünen, taktisch zu wählen. Alle Umfragen zeigen, dass der Regierungswechsel nur sicher ist, wenn die Linke in den Landtag kommt.“ Ähnlich äußerte sich Landessprecher Bernd Riexinger. Rot-Grün habe keine eindeutige Mehrheit gegenüber Schwarz-Gelb, sagte er der Tageszeitung – und: „Das hiesige Wahlrecht bevorteilt die CDU. Der Wechsel klappt nur sicher, wenn wir reinkommen.“ Damit spielt Riexinger nicht zuletzt auf die Möglichkeit an, dass die CDU wegen der großen Zahl wahrscheinlicher Direktmandate und der nicht vollständigen Ausgleichsregelung sogar bei einem kleinen schwarz-gelben Rückstand hinter SPD und Grünen bei den Mandaten im Vorteil sein könnte. Eine entsprechende Simulation von Politprofessor Behnke deutet darauf hin – das im Auftrag der Grünen entstandene Gutachten hatte allerdings angenommen, die Linke schaffe den Sprung in den Stuttgarter Landtag nicht.

Das Argument, nach dem der Wechsel nur bei einem Einzug der Linken sicher sei, hat aber noch eine andere Seite – die koalitionspolitische. SPD und Grüne haben bei aller verbalen Kraftmeierei ein Bündnis mit der Linkspartei nicht völlig ausgeschlossen. Riexinger wagt zwar „keine Prognose“, sagt aber: „Wenn wir das Zünglein an der Waage sind, wird der Regierungswechsel nicht an uns scheitern.“ Der frühere baden-württembergische SPD-Vorsitzende und „Vordenker“ Erhard Eppler hingegen kann sich „nicht vorstellen, dass eine erste Nicht-CDU-Regierung nach beinahe 60 Jahren es sich leisten kann, mit der Linkspartei zu koalieren“ – die Linke werde „das ganze Spiel nur verwirren“.

Wenn man die jüngste Entscheidung der SPD in Sachsen-Anhalt zu Gunsten der CDU als Signal verstehen will, ist aber im Fall, dass es für Rot-Grün nicht reicht, auch eine andere Variante denkbar: die große Koalition. Der baden-württembergische SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid hat ein Bündnis mit der CDU am Freitag im ZDF als „die letzte Ausfahrt“ bezeichnet. Worauf der Fraktionsvize der Bundestags-Linken Ulrich Maurer warnte, dies wäre sicher „das letzte gebrochene Wahlversprechen von Nils Schmid“. Das sieht auch Riexinger so: Zwar gebe es in der SPD-Landtagsfraktion „welche, die lieber mit der CDU wollen. Aber das würde die SPD zerreißen“. Würden sich die Sozialdemokraten gegen die  Wechselstimmung im Lande entscheiden, „wird sie das spalten. Dann werden ganze SPD-Ortsvereine zu uns übertreten“.

 
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Kommentare
Cassandra schrieb am 25.03.2011 um 19:09
Mal im Ernst: Schonmal in RLP gewesen? Den Leuten zugehört? Den Linken zugehört?

www.wahlen.rlp.de/kw/wahlen/2009/index.html
Tom Strohschneider schrieb am 25.03.2011 um 19:25
Allerdings. Der Zoff, die teils quälenden Konflikte, von denen man nicht mehr weiß, ob sie überhaupt noch einen politischen Huntergrund haben. Das bisweilen nicht gerade professionell zu bezeichnende Agieren. Habe hier www.lafontaines-linke.de/ gefühlte 75 mal dazu geschrieben. Und ja, die Kommunalwahlen 2009 - das ist so, wie wenn man jetzt das FDP-Ergebnis von der Bundestagswahl hier verlinken würde. Das würde doch auch nichts über heute sagen, oder?
Cassandra schrieb am 25.03.2011 um 20:15
Natürlich kann man das nicht so machen - wenn man irgendwo anders in Deutschland wohnt.

Die nicht-rlp-Ereignisse werden wohl auch ihren Teil dazu tun, stärker, als das sonst der Fall wäre. Aber es gibt eine bestimmte Mentalität, die ändert sich nicht. Unterstelle ich mal. Man schaue sich allein die Ähnlichkeit von Klöckners und Becks Wahlkampf an: Lokalpatriotismus, darum geht's.

Vielleicht kapriziere ich mich aber auch zu sehr auf den Westerwald. :)
Tom Strohschneider schrieb am 25.03.2011 um 20:27
Gegen das "Lokalpatriotische" wächst wahrscheinlich gerade in Rheinland-Pfalz nur wenig Kraut, zugegeben. Aber, immer dieses aber: Bei der Bundestagswahl 2009 hat die Linke im Westerwald wieviel Zweitstimmen geholt? 8,7 Prozent (WK Montabaur) Würde man ja vorher auch nicht unbedingt gedacht haben.
Cassandra schrieb am 25.03.2011 um 21:06
ui, von denen habe ich auch einiges gehört, in Montabaur. Aber ich trage jetzt nicht den Dorfklatsch ins Internet. :)

Vielleicht ändert sich ja was, so pessimistisch bin ich ja auch wieder nicht. Aber in den 15 Jahren, in denen ich dort gewohnt habe, war das höchste der Gefühle SPD zu wählen, weil die jeweilige Spitzenkandidatin einen alteingesessenen Familienkreis hatte.
Tom Strohschneider schrieb am 25.03.2011 um 21:11
Kurt-Beck-Land-weit waren es 2009 sogar 9,4 Prozent. Gegen den Pessimismus.
Cassandra schrieb am 27.03.2011 um 18:20
Scheint, als hätte ich Recht gehabt.
miauxx schrieb am 25.03.2011 um 19:49
"Selbst wenn die Zahlen methodisch korrekt wären, bleiben die Angaben von möglichen Abweichungen nach unten und oben, die für die Interpretation wichtig sind, in der medialen Bearbeitung meist unterschlagen."

Diesen Satz verstehe ich nicht wirklich. Gerade im Fall der Linken wird doch eine Nachkommastelle angegeben. Das ist doch das auffällige. Ohne dass ich das jetzt im Sinne Albrecht Müllers zu stark interpretieren möchte: Aber die Werte der großen Parteien, wie auch der FDP, sind stets ganze Zahlen. So etwas ist aber unmöglich; es können nur gerundete Werte sein.
Zur Frage der Wiedergabe errechneter und erfragter Umfragewerte siehe auch hier:
www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/baden-wuerttemberg.htm
Auffällig ist dort, dass nur die Ergebnisse von Universitäten durchgeführter Umfragen Nachkommastellen aufweisen.
"Methodisch korrekt" - ja, was soll das heißen? Sollen wirklich Trends wiedergegeben werden, müßte man schon Dezimalstellen angeben. Denn, sagen wir, 4,8% haben das Potential, die Hürde ins Parlament zu nehmen, 4,2% dagegen weniger. Unlauter wäre aber, 4,8% bereits auf 5% aufzurunden. Methode kann aber auch sein, unliebsame Parteien kleiner zu rechnen, als sie sind. Einzusehen wäre freilich auch, dass nur da mit Komma gerechnet wird, wo es eben um die 5 Prozent-Hürde geht. Nur kann dann eben die FDP unmöglich bei glatten 5% stehen. Bangen muss sie da um die Parlamentssitze - aber wohin zeigt der Trend? Liegt sie tatsächlich bei 5,2, bei 5,1 oder bei 4,8% ?
Insofern kann man schon unterstellen, dass zumindest bei der Weitergabe von Umfragewerten, die um den Parlamentseinzug herum kratzen, durch die Institute bzw. die kommentierenden Medien, suggestiv verfahren wird.
Tom Strohschneider schrieb am 25.03.2011 um 20:00
Mir ging es - einmal die grundlegende Frage nach der methodischen "Sauberkeit" und dem politischen Einsatz von Wahlumfragen dahingestellt - darum, dass in den Medienberichten über Umfragen häufig nicht die übliche Fehlertoleranz mit angegeben wird. Die FG Wahlen zum Beispiel gibt sie so an: "Der Fehlerbereich (bei einer Stichprobe von 1.250) beträgt bei einem Parteianteil von 40 Prozent rund +/- drei Prozentpunkte und bei einem Parteianteil von 10 Prozent rund +/- zwei Prozentpunkte." Das heißt ja, das die Angaben, zum Beispiel 4 Prozent, ebenso gut drei oder fünf Prozent heißen könnte, was für die Interpretation durchaus von belang ist. Bei wahlrecht.de geht man davon aus, dass bei 1.000 Befragten der statistische Unsicherheitsbereich bei ca. 3 % liegt.
Achtermann schrieb am 25.03.2011 um 20:24
Bei wahlrecht.de geht man davon aus, dass bei 1.000 Befragten der statistische Unsicherheitsbereich bei ca. 3 % liegt.

Das genau ist der Punkt, weshalb Albrecht Müller von möglichen politischen Zahlen spricht, die hier publiziert werden. Seriös ist es nicht, einen Wahlausgang bei 4,5% anzusiedeln. Das ist nicht möglich.

Die Wahlprognosen am Wahlabend beruhen auf bedeutend höheren Zahlen. Deswegen sind diese auch präziser, auch weil sie am Wahltag als Nachfrage durchgeführt werden.

Riefe mich jemals ein Unbekannter an, um von mir zu erfahren, was ich zu wählen gedenke, bin ich sicher, er würde sehr schnell antwortfrei das Gespräch beenden müssen.
Tom Strohschneider schrieb am 25.03.2011 um 20:36
Jetzt nur aus dem Kopf rekapituliert: Im aktuellen Stern, der sich von Forsa die Umfragen machen lässt, einen Beitrag gelesen, in dem es darum geht, dass einem von Forsa Angerufenen nicht ausreichte, dass nach Beschwerde wegen demoskopischer Belästigung seine Nummer aus der Datei entfernt wurde, sondern er dann noch irgendwas juristisches Durchsetzte (einstweilige Verfügung oder so), was, wenn es viele machen würden und da es ja Geld kostet (RA-Gebühren etc.), der Meinungsforschung die ökonomische Basis entziehen würde.
miauxx schrieb am 25.03.2011 um 21:01
@Tom Strohschneider
"Das heißt ja, das die Angaben, zum Beispiel 4 Prozent, ebenso gut drei oder fünf Prozent heißen könnte, was für die Interpretation durchaus von belang ist. Bei wahlrecht.de geht man davon aus, dass bei 1.000 Befragten der statistische Unsicherheitsbereich bei ca. 3 % liegt."

Ich dachte mir schon, dass Sie sowas wie die statistische Fehlerbereinigung meinen.
Und da haben wir ja wieder das Problem mit Statistiken. "Methodische korrekt" dargebracht, versteht sie der Laie nicht. "Methodisch unkorrekt" präsentiert und sogar noch mit fremder Interpretation versehen, können teils drastische Verzerrungen resultieren.
Tja, warten wir's also ab, wie fern oder wie nah Die Linke den 5% letztendlich sein wird.
miauxx schrieb am 25.03.2011 um 21:13
@Achtermann

Naja, eine Wahlprognose vor der Wahl ist eben auch was anderes, als eine am Wahlabend.
Freilich, keiner kann und sollte behaupten, dass die Stimmungsumfragen vor den Wahlen, den Wahlausgang bereits vorwegnehmen. Allerdings ist das kein Argument, dass gegen solche möglichst repräsentativen Umfragen - 1000 bis 2000 Befragte verschiedenen Geschlechts, Altersgruppe, Wohnregion ... - spricht.
Das Problem ist, was man mit den Ergebnissen anstellt und wie diese kommuniziert werden (eine saubere Auswertung mal als gesetzt gesehen).
born2bmild schrieb am 25.03.2011 um 21:07
Bastel Dir Deine eigene Prognose. Sie kann nicht falscher sein als die von Forsa et al, siehe wahlprognosen-info.de:
tinyurl.com/6grs3ft

Die Thesen dort:

"Wahlprognosen in Deutschland sind Tipps von Meinungsforschern, die als aktuelle Umfrageergebnisse getarnt sind.
( ... )
Das Ausmaß der methodenbedingten Fehler kann nicht eingestanden werden, weil sich sonst niemand für Umfrageergebnisse interessieren würde.
( ... )
Die Medien als Sponsoren/Promotoren und Nutznießer von Umfragen drücken bei diesem Treiben nicht nur beide Augen zu, sie operieren bei der Sonntagsfrage wie beflissene Zuhälter: Alles was die Lust an nackten Zahlen beeinträchtigen könnte, wird unter den Teppich gekehrt."
miauxx schrieb am 25.03.2011 um 21:47
@born2bmild

Das Problem ist eben, dass die Methoden der Statistik vollumfänglich für den Laien nicht verständlich sind. Daher müss(t)en Ergebnisse eben mit dem gebotenen Respekt präsentiert werden. Für ein schnell griffige Ergebnisse ist das aber eigentlich nicht möglich; ansonsten müsste man dem Spiegel-, Stern oder BILD-Leser ja fachliche Erläuterungen dazuliefern.
Das alles spricht aber nicht gegen Statistik als quantifizierndes Hilfsmittel. Eine populär-gerechte Aufbereitung von Daten hat freilich einen gewissen, teils auch großen, Abstand zur tatsächlichen Aussagekraft. So wie die reinen Zahlen nur eine Abstraktion von zu untersuchenden Zuständen sind, ist es ihre Rück-Interpretation durch den Menschen nur umso mehr. Insofern könnte man, i.F. der Meinungsforscher, dann polemisch von "Tipps" sprechen. So ganz verkehrt ist das aber auch nicht.
Lars Galtung schrieb am 25.03.2011 um 21:34
Wieviel Stimmen die Linke auch holen wird, es spielt keine Rolle.
Es werden nicht so viele Stimmen sein, dass es für eine Alleinregierung reicht. Und da alle anderen Parteien von Demokratie nichts mehr wissen wollen und die Wähler der Die Linke beschimpfen, wird auch keine Partei eine Koalition bilden. Ohne Koalition kann Die Linke nichts erreichen.

Das ginge nur dann, wenn die Wähler als Protestwahl oder als Denkzettelwahl mal die Linke bundesweit mit 30% wählen würden, dann könnte man sich dem Wählervotum nur schwerlich entziehen.
Ein 1. Schritt wäre, wenn sie in allen Landtagen vertreten wären.
Tom Strohschneider
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