Die Zeitungen berichten, dass sich das Berliner Landesunternehmen Charité und die Gewerkschaften im Tarifkonflikt am Universitätsklinikum annähern, von einem „ernstzunehmenden Angebot“ ist bei Verdi die Rede – dies reiche jedoch noch nicht aus, weshalb der am Montag begonnene Streik weitergehen soll. Kollegen in den Krankenhäusern jedoch fühlen sich schlecht informiert, es geht ihnen nicht bloß um mehr Geld. Und mancher wundert sich, von welcher linken Gruppe man alles jetzt Flugblätter lesen kann. Vierter Teil des Berichts eines streikenden Kollegen:
Es gibt nun offenbar ein Angebot des Unternehmen, nach Aussagen der gewerkschaftlichen Verhandler wurde auch über die finanzielle Höhe gesprochen. Aber die Informationspolitik von gkl und Verdi bleibt äußerst mangelhaft. Die vereinzelt erhobene Forderung nach regelmäßigen Streikversammlungen ist bisher nicht aufgegriffen worden. Die Diskussionen bleiben also in kleinen Runden stehen. Was für uns allerdings auch schon etwas Neues und Ungewohntes ist. Wann haben wir auf den Stationen schon mal Zeit, über ein Thema jenseits von Dekubitus und Trachealkanüle zu reden? Jetzt findet sich immer mal wieder eine halbe Stunde, in der man mit einem Kollegen über die Arbeit und den Streik diskutieren kann. Aber Meinungsbilder kann man so nicht ermitteln. Fragen der Umsetzung des Streiks im eigenen Bereich bleiben entweder auf der eigenen Station oder bei der Streikleitung hängen. Dabei haben doch die Kollegen von der anderen Station vielleicht schon die einfachste Lösung für sich gefunden.
Wenn das Gemurmel stimmt, dass es in den Verhandlungen vor allem finanzielle Angebote der Unternehmer gab, heißt es, auf der Hut zu sein. Es wäre falsch, sich von irgendwem nur auf die Lohnforderung festlegen zu lassen. Mehr Kohle brauchen wir dringend – aber was nützt mir die, wenn ich mich im wahrsten Sinne des Wortes kaputt arbeite. Mehr Personal ist dringend notwendig. Die Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen sind ungemein wichtig für uns im Alltag. Und auch das Anstoßen einer Diskussion über die Reformen im Gesundheitssystem sollte aus unseren Kampfmaßnahmen heraus erfolgen. Schließlich können wir nicht alle auf Komfortstationen arbeiten, dort werden Blondinen mit bestimmten Ausmaßen nun mal bevorzugt eingestellt. Und der schmale Geldbeutel wird auch krank.
Auf dem Campus in Mitte und im Virchow beginnt ganz langsam, sich ein Streikleben zu entwickeln. Der Standort in Steglitz hinkt noch etwas hinterher. Das kann auch daran liegen, dass er zu weit draußen in der Stadt liegt und die Unterstützer den Weg dorthin scheuen. Es gibt Demos, es gibt kleine Umzüge durch die Gebäude und Gelände der Kliniken. Am Freitag soll es ab 10 Uhr im Standort Mitte Filmvorführungen geben. Sicher werden dabei auch Ideen von Kollegen aufgegriffen, die selbst nicht an der Charité sind, vielleicht auch umgesetzt. Das ist doch nett. Zumal die unseren Laden zu kennen scheinen. Aber insgesamt erstaunt es täglich, von wem alles man nun Flugblätter lesen kann. Viele der unterzeichnenden Gruppen kennen wir auf den Stationen und in den Bereichen nicht – sie waren bisher nach meinem Wissen und dem der Kollegen bisher nicht vor Ort. Arbeitermacht, Spartakist, Partei für Soziale Gleichheit usw. Auch die SAV (hier eine Auseinandersetzung mit der Haltung der Berliner Linken zum Charité-Streik) kennen wir eher von den bewegten Tagen des Streiks 2006 als aus dem Alltag in den Kliniken.
Auf den Stationen gibt es fortlaufend Auseinandersetzungen mit Nichtstreikenden und den Oberärzten über die Regelungen zu den Notfällen: Wer kann nun wirklich nicht verlegt werden und wessen OP ist unaufschiebbar? Wie schon beim Streik von 2006 geht es da durchaus wild zu. So manch ein Arzt scheint von seinen Kollegen in anderen Kliniken nicht viel zu halten, denn Verlegungen und Behandlungen in anderen Häusern werden ziemlich oft als völlig unmöglich dargestellt: Hallo Vivantes, was habt ihr denn da für medizinische Stümper in euren Häusern beschäftigt? Auch auf den so genannten Normalstationen wird es nicht ruhiger. Nun beginnt der Druck zu steigen. Eine geplante Behandlung oder Therapie mal um zwei Tage verschieben zu müssen, ist längst Alltagsgeschäft. Dafür hat schon die permanente Kürzung von Bettenkapazitäten gesorgt – und jeder Patient, der sich öfter oder regelmäßig in Behandlung begeben muss, weiß das: Anrufen, fragen, ob das Bett frei ist, und vertröstet werden auf Morgen oder Übermorgen. Nun kommt noch der Streit um das durch den Streik gesperrte Bett dazu. Der interne Druck auf die Streikenden nimmt jetzt zu. Und auch die Moralkeule wird immer öfter gezogen.
Bericht vom ersten Tag – hier
Bericht vom zweiten Tag – hier
Bericht vom dritten Tag – hier