Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

26.11.2011 | 09:52

Gegen den Castor: Medien-Rituale und die „harte Linie“ der Polizei

Der Castor rollt, die Proteste laufen – und Polizei setzt offenbar auf Eskalation. Bereits vor der großen Demonstration am Samstag steigt die Zahl der Festnahmen, werden bei Temperaturen nahe des Gefrierpunktes Wasserwerfer gegen Atomkraftgegner eingesetzt, die in den Nachrichtenagenturen kollektiv als „gewaltbereite Demonstranten“ bezeichnet werden, obwohl es dafür keinerlei Hinweis gibt. Bei Scharmützeln zwischen hoch gerüsteten Einsatzkräften, die Camps umstellten und mit der Ankündigung einer harten Linie für Verunsicherung sorgten, sind Menschen verletzt worden – wohl auf beiden Seiten. Polizeihunde beißen Journalisten, Demonstranten werden im Winter nach Handschuhen durchsucht, es fliegen Steine und Böller. Manche Neuigkeit aus dem Wendland lässt sich schwerlich überprüfen, wird aber zur wortmächtigen Nachricht: Die Polizei spricht von zwei Fällen, in denen mehr als ein Dutzend Molotow-Cocktails auf Einsatzfahrzeuge geworfen worden sein sollen. Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg hingegen erklärten, es habe sich um Bengalische Feuer gehandelt.

Symbolstarke Bilder, auf denen Feuerbälle und Polizeiautos zu sehen sind, werden zu Passepartouts der Interpretation: „Krawalle im Wendland“. Man hat den Eindruck, hier soll auch etwas gegen die ziemlich breite Unterstützung der Proteste in der Bevölkerung getan werden – zwei Drittel finden es richtig, wenn sich Leute aktiv gegen Atommüll-Transporte engagieren, immer noch 27 Prozent unterstützen es, wenn dabei auch Straßen und Gleise blockiert werden. Zu viel Sympathie, findet offenbar der Apparat – weshalb Pressemitteilungen der Polizei dann auch mal mit Sätzen enden wie: „Wir hoffen, dass sich die Demonstranten von diesen Straftätern distanzieren und ihnen weder bei der morgigen Auftaktdemonstration in Dannenberg noch im Anschluss Deckung in ihren Reihen geben, sie nicht bei Ihren Taten unterstützen und sich von ihnen distanzieren.“

         Castor-Ticker - hier
         Castor-Ticker der Taz - hier

         Bündnis gegen Castor - hier

In den Zeitungen wird nun ganz rituell über die „Rituale im Wendland“ berichtet, gern auch in jenem betont „ironischen“ Sound, den der postpolitische Journalismus a la Spiegel-TV vormacht, dem es natürlich nichts ausmacht, seine Beiträge mit „Wasser marsch“ zu betiteln. Besser, oder sagen wir: überhaupt informiert wird man eher woanders – zum Beispiel bei den diversen Castor-Tickers von Tageszeitung oder der Anti-AKW-Bewegung. Die Parteipolitik verhält sich auch erwartungsgemäß: Linkspartei und Piraten verdeutlichen ihre Unterstützung der Proteste durch Sitzungen an der Castor-Strecke, die Grünen sind traditionell im Wendland ganz groß – damit man schneller vergisst, wie ihr erster Ministerpräsident gerade das Engagement für überflüssig erklärt hat: „Protest macht jetzt eigentlich keinen Sinn mehr.“ Es scheint sich um eine grüne Amtskrankheit zu handeln – als Jürgen Trittin Umweltminister war, sah auch er „für Grüne keinen Grund, gegen diese Transporte zu demonstrieren“.

Den Widerspruch schlachten andere Parteien gern aus: CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe bollerte gegen die Grünenspitze, welche „Fahrten zu den Transporten als eine Art After-Show-Party des Parteitags“ organisiere und so „Folklore auf dem Rücken der Polizisten“ betreibe. Außerdem werde die Stimmung „unnötig weiter angeheizt“. Das sehen nicht nur die Grünen selbst anders. „Es hat im Wendland über viele Jahre die Strategie der Deeskalation gegeben“, wird die Grünen-Fraktionsvorsitzende im EU-Parlament, Rebecca Harms, in der Tageszeitung zitiert. „Das jetzt aufzukündigen, dafür sehe ich keine Begründung.“ Linksfraktionschef Gregor Gysi meinte, die Menschen hätten ein Recht zur Demonstration und zum Widerspruch – welches die Polizei nicht nur zu dulden, sondern eigentlich fördern habe. „Doch statt zu deeskalieren, eskaliert sie die Situation – angetrieben von den politisch Zuständigen.“ Auch sein nordrhein-westfälischer Parteifreund Rüdiger Sagel kritisiert das herkömmliche Bild von den rechtswidrigen Protesten gegen den erlaubten und nötigen Castor-Zug: „Die Proteste in Gorleben sind legitim, der Transport jedoch illegal.“

          Castor im Freitag:
          Nichts ist entschieden - hier
          Umweg über Philippsburg - hier

Die Frage, was erlaubt ist und was nicht, wird auch die diesjährigen Aktionen gegen den Strahlenmüll begleiten. „Straßenblockaden werden nicht mehr hingenommen“, warnte bereits ein Sprecher der Bundespolizei. Und der „Gewerkschafter“ Rainer Wendt von der DPolG legte nach: „Rechtsbruch wird nicht geduldet! Die Härte der Maßnahmen ist in jeder Hinsicht gerechtfertigt.“ Was die Castor-Gegner anders sehen – und dabei auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts verweisen: Karlsruhe hatte im Frühjahr die Verurteilung eines Mannes auf, der im März 2004 an einer Sitzblockade vor einem Stützpunkt der US-Luftwaffe bei Frankfurt am Main teilgenommen hatte, um gegen den drohenden Irak-Krieg zu protestieren. Die BI Umweltschutz hatte das Urteil seinerzeit begrüßt: gewaltfreie Blockadeaktionen sind keine strafbare Nötigung, wenn die politischen Ziele der Demonstranten die von der Blockade ausgehende Gewalt überwiegen.

Da fällt einem doch glatt Brecht ein: Was ist die Verhinderung eines Castortransports gegen die Atompolitik, die ihn nötig macht?

 
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Kommentare
Verwendungszweck schrieb am 26.11.2011 um 12:03
Schätze, es wird noch eine Weile dauern, bis Facebook seine Seite so umgebaut hat oder Camapct seine Beschwerde-Mails so raffiniert ausformuliert hat, dass die Bürgerrechte ähnlich medienwirksam und mit ähnlich administrativer Aufmerksamkeit bedacht ausgeübt werden können.
Tom Strohschneider schrieb am 26.11.2011 um 17:05
Finden Sie den Fehler: Bei der zentralen Protestkundgebung in Dannenberg haben nach Angaben der Veranstalter 23.000 Menschen gegen den Castortransport protestiert. Die Polizei hat 8.000 Teilnehmer gezählt.
Tom Strohschneider schrieb am 26.11.2011 um 17:09
Finden Sie den Fehler (II):

aus einer Pressemitteilung: "Die Polizei geht nach wie vor davon aus, dass es sich bei diesen Aktionen um die Handlungen kleinerer Gruppierungen handelt, die nicht stellvertretend für den insgesamt friedlichen Protest stehen. Auch weiterhin wird seitens der Polizei sehr differenziert unterschieden, welche Aktionsform vorliegt und dementsprechend abgestuft gehandelt."

aus Berichten: mehrere Journalisten sind im Wendland von der Polizei attackiert worden - mit Pfefferspray, Fußtritten und Gewalt gegen den Kopf
luggi schrieb am 26.11.2011 um 23:33
Ach man, die dt. Polizeibehörden sind blöd. Können die die Journalisten nicht einbedden? Von den Amis lernen heißt lügen lernen.
"Der Polizei blieb nur noch der Einsatz von Wasserwerfern übrig, um die Wirkung von Transparenten mit demokratischen Forderungen zu unterbinden."
Matto schrieb am 26.11.2011 um 19:22
Was mich bei der ganzen Sache beunruhigt ist, dass die Polizei sich hier mißbrauchen läßt. Gut, durch die Sonderschichten, werden auch beträchtliche Prämien gezahlt.
Trotzdem bin ich der Meinung, dass diese Leute, die ja auch Familie und Kinder haben, sich an diesem widerlichen Vorhaben nicht mehr beteiligen sollten. Sie sollten nicht nur Befehle ausführen, sondern sich um die Materie Verstrahlung und seine Krankheiten auseinander setzen.
Was hier geschieht ist ein einziger Skandal, weil man den nächsten Generationen eine Menge verstrahlten Unrat hinterläßt.
Die Atomlobby lacht sich eins ins Fäustchen, weil Sie bei der Entsorgung dieses verbrecherischen Materials nicht zur Kasse gebeten wird. Und so werden die Kosten dem Volk, dem Steuerzahler aufgebürdet, für mich tiefstes Unrecht.
Matto schrieb am 26.11.2011 um 20:41
Bei dem Castertransport wird von Gewalt gesprochen.
Wie entsteht eigentlich Gewalt?
Wenn ich ein Volk schikaniere und bevormunde, dann rufe ich bei vielen Menschen Gewalt hervor.
Wenn ich hoch radioaktive Stoffe mit Hilfe der Polizei, entgegen des Volkes Wille, durch ein Land karre, betreibe ich als Staat Gewalt pur. Und wenn dann noch ein Gericht beschließt, dagegen nicht klagen zu können, dann ist das für mich noch größere Gewalt. Gerade bei dieser und anderen Aktion beweist die BRD, dass sie eben kein Rechtstaat ist. Der Bürger hat in diesem Staat überhaupt nichts zu melden, so einfach ist das.
Vaustein schrieb am 27.11.2011 um 15:58
Zwei Punkte sind m.E. im Zusammenhang mit diesen Demonstrationen und der Sache wichtig, erwähnt zu werden:
1. Die Eskalationsstrategie der Polizei ist mit dem GG nicht vereinbar

2. Die Frage, ob Gorleben als Endlager geeignet ist, ist wissenschaftlich zu klären. Hintergrund: Mir ist in Erinnerung, vor geraumer Zeit in einer US-Publikation gelesen zu haben: "Salt is out", was hiess, dass u.a. Salzstöcke für die Endlagerung nuklearer Abfälle nicht geeignet seien. Dies deswegen, weil die Erwärmung der Salzstollen in Verbindung mit der Hygroskopie des Salzes Folgen nach sich ziehen kann, die nicht vorhersehbar sind.

Weshalb man hierzulande die diesbezüglichen Forschungsergebnisse aus USA ignoriert ist mir schleierhaft.

Solche Verhaltensweisen unserer politisch Verantwortlichen zeugen durchaus von einer gewissen Beschränktheit der "Obrigkeit". Und das wiederum ist schwer erträglich.
antares56 schrieb am 28.11.2011 um 11:08
Und unsere Kanzlerin soll ja Physikerin sein. Aber von Atommüll hat sie keine Ahnung. Schon bei den Endlagerstätten der ehemaligen DDR hat sie gelogen! Sie hat die Sachen für sicher erklärt! Wahrscheinlich gegen besseres Wissen - damals wollte sie sich noch bei Kohl einschleimen. Aber was sind die Gründe für ihre heutigen Lügen?
antares56 schrieb am 28.11.2011 um 10:20
Die Rechtsbrüche werden hauptsächlich von der Polizei begangen! Denn immer wieder gibt es viele Polizisten, die sich gerne ihren Frust bei solchen Gelegenheiten vom Leib prügeln, die Opfer sind meistens friedliche Demonstranten.
Die Polizei arbeitet hier eindeutig für ein paar Politiker und gegen das Volk! Die Frage ist nur, wie lange wir uns das noch gefallen lassen.
semiramis schrieb am 29.11.2011 um 15:04
Ich versteh die Aufregung gar nicht.
Die deutsche Polizei handelt, wie die deutsche Polizei schon immer gehandelt hat. Befehle werden weder hinterfragt, noch mit dem Gewissen vereinbart.
Das war in 1939 so, die DDR-Mauerschützen haben's weitergeführt und jetzt sind halt wieder ALLE deutschen Polizisten zum Verbrechen am Volk aufgefordert.
Vielleicht haben wir ja Glück und erleben in 20 Jahren die "Wasserwerfer-Fahrer-Prozesse"... :-)

Wie wusste Albert Einstein schon:
Wenn einer mit Vergnügen in Reih und Glied marschieren kann,
dann hat er sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen,
da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde.
Tom Strohschneider
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