Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

17.01.2012 | 16:00

Hitler am Kiosk? "Mein Kampf" zwischen Produkt und Aufklärung

Stellen Sie sich vor, Sie haben gerade ein Buch über Adolf Hitler geschrieben. Besser gesagt eines über das ominpräsente, kulturindustriell verzerrte Bild vom „Führer“, das sich für Witze genauso eignet wie als Schreckgespenst, das zur Müllhalde für kollektive Schuld und Verantwortung genauso geworden ist wie zu einer Art Maßeinheit. Stellen Sie sich vor, sie haben das über Jahre beobachtet, sie wissen noch, wie das war als die Bild den „Russen-Hitler“ erfand, können sich bestens daran erinnern, wie der Spiegel alle paar Wochen mit einem Hitler-Titel kam (Hund, Frau, Krankheit und andere Geheimnisse), und kennen den Unterschied, den es machte, als die Titanic schlagzeilte: „Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“ Stellen Sie sich also vor, Sie haben ein kritisches Buch über die „Banalisierung des Bösen“ geschrieben – und dann kommt ein umstrittener britischer Verleger und will was tun? Genau: Hitlers Mein Kampf an die deutschen Kioske bringen. Riesenpresse und so. Und sie können sich darüber gar nicht richtig freuen, weil es dann so aussehen würde, als ob sie von dem Hitler-Hype, den sie gerade noch kritisiert haben, nun profitieren würden.

Nun, das Buch über den „Zeitgenossen Hitler“ hat Daniel Erk geschrieben, der  natürlich ganz genau weiß, dass man mit so einem "Hitler-Medienzirkus-Zug" ganz gut vorankommt. Aber eben dieses selbstreflektierte Wissen macht ja im Glashaus den Unterschied. Seit ein paar Jahren betreibt er unter dem Onlinedach der Tageszeitung das „Hitlerblog“ und sein So viel Hitler war selten wird vom Verlag mit den Worten beworben: „Immer sorgloser gehen wir mit Hitler um.“ Eben diesen Vorwurf machen einige auch dem britischen Verleger Peter McGee, der schon in der kommenden Woche „Mein Kampf“ in Auszügen und mit Kommentaren versehen an die Kioske bringen will: „Das unlesbare Buch“ als etwa 15-seitige Broschüre, drei Folgen sind geplant – mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren.

Es ist keine deutsche Diskussion, nicht etwas, das nur im Land der Täter die Leute umtreibt. Auch in Frankreich wurde gerade erst wieder über Hitlers Mein Kampf debattiert und in Großbritannien sorgte unlängst eine Buchkette für Aufregung, in deren Läden Mein Kampf als Weihnachtsbuchtipp angepriesen wurde – und sich bestens verkaufte. So etwas soll, nein: darf hierzulande nicht möglich sein, findet das bayerische Finanzministerium und hat juristische Schritte angekündigt. Aber es steckt weit mehr darin als eine bloße Urheberrechtsfrage.

McGee will Geld machen, er bedient sich eines sicheren Aufregers und kleidet das alles in einen bildungspolitischen Pelz: Wenn die Leute das „extrem miese Buch“ nur endlich wirklich Lesen würden, kommentiert zudem, dann werde niemand mehr den alten und neuen Nazis auf den Leim gehen. Die Haltung der bayerischen Urheberrechtsinhaber wiederum wird von Experten wie der Historikerin Barbara Zehnpfennig als volkspädagogischer Eifer kritisiert, „den man nur haben kann, wenn man dem Volk kein Urteilsvermögen zutraut“. Auch der frühere Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye rät zur Gelassenheit, schließlich fänden sich im Internet nicht nur die beiden Bände des Hitler-Machwerks, sondern auch jede Menge Hass-Seiten, „die nicht ein Gran weniger menschenfeindlich und unerträglich sind“.

Bernd Matthies hat im Tagesspiegel trotzdem ein wenig verstört zwar aber jedenfalls abgelehnt. Und das mit einem ziemlich eigenwilligen Vergleich, der allein auf die ökonomische Skandallogik abstellt, die McGee verfolge – und bei dem Mein Kampf auf eine Ebene mit „Schmuddelbildern“ aus „den Jugendjahren unserer Republik“ gestellt wird. Nachvollziehbarer erscheinen da schon jene Kritiker, die auf das Auslaufen der Urheberrechte 2015 und die geplante Edition des Münchner Instituts für Zeitgeschichte verweisen, an der bereits seit einiger Zeit gearbeitet wird. „Würde ja auch reichen“, meint Jan Sternberg in der Märkischen Allgemeinen. Würde es wahrscheinlich, wenn man allein von der Frage ausgeht, ob es nicht endlich Zeit für eine wissenschaftliche Ausgabe auch in Deutschland ist. Doch McGees Broschürchen ist als Massenprodukt konzipiert, hat also einen ganz anderen (wohl auch einen unsichereren) Wirkungshorizont als eine noch abzuwartende Historiker-Ausgabe, die ebenso schwergewichtig wie teuer werden dürfte.

Beim Zentralrat der Juden spricht man mit Blick auf die McGee-Pläne von einer „längst notwendigen Entmystifizierung“. Dass dafür Anlass selbst unter Fachkundigen besteht, zeigt die gegenwärtige Diskussion selbst: Unter der Überschrift „Mein Kampf für alle!“ hat in der Welt Zeitgeschichts-Autor Sven Felix Kellerhoff die Herausgabe einer kommentierten Version für Zeitungsleser als „überfällige Beseitigung eines Ärgernisses“ verteidigt, weil bisher die starre Haltung des bayerischen Finanzministeriums dazu beigetragen habe, dass „ein schlecht geschriebenes und wirres Buch“ eine Aura des Verbotenen erhalten habe, was die Nachfrage auf braunen Internetkanälen wohl erhöht haben dürfte. „Ein schlecht geschriebenes und wirres Buch“? Das, entgegnet Historikerin Zehnpfennig, stimme „ja nun überhaupt nicht! Das wird zwar immer wieder behauptet, aber wer hat das Buch schon gelesen, zumindest vorurteilslos gelesen?“

 

(Foto auf der Startseite: Carl de Souza/AFP/ Getty Images)

 
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Kommentare
Magda schrieb am 17.01.2012 um 19:59
Meine Güte, ich lese gerade "Mein Kampf". Als prima E-Book, immer mal nebenher.
Das ist komplett verboten? Noch? Man sollte es lesen. Ich bin noch nicht weit, aber es liest sich - zu Beginn - richtig bieder. Sekundärliteratur, Biographien über Hitler - vieles habe ich gelesen, aber noch nie das Original.
Vaustein schrieb am 17.01.2012 um 21:06
"Das ist komplett verboten? Noch?"

Ich habe "Zugang" zu einem Original aus den frühen 30er-Jahren. Es ist - aus heutiger Sicht - ein ziemlich übles Buch. Allerdings ist es mehr als erstaunlich, dass wesentliche Teile der damaligen sog. akademisch gebildeten Elite auf diesen Mann reinfielen. Eigentlich jeder, der die Grundlagen humanistischen Denkens kennen
gelernt hatte, hätte diese Politikansätze ablehnen müssen.

Dass genau dies nicht der Fall war erstaunt mich noch immer.
GEBE schrieb am 17.01.2012 um 21:44
@ Vaustein schrieb am 17.01.2012 um 21:06

"Eigentlich jeder, der die Grundlagen humanistischen Denkens kennen
gelernt hatte, hätte diese Politikansätze ablehnen müssen.

Dass genau dies nicht der Fall war erstaunt mich noch immer."


Um so mehr erstaunt es mich heutzutage, daß die dort enthaltenen Denkfiguren sich mancherorts subtilst als unverdächtige Gepflogenheit etabliert haben.
Wie ich unten schreib: 'Es' kommt schon etwas unverdächtig vertraut daher. Und darin sehe ich die Gefahr!
I.D.A. Liszt schrieb am 17.01.2012 um 21:05
Eine kommentierte Ausgabe habe ich bereits vor vielen, vielen Jahren gelesen. Das war "Adolf Hitlers Mein Kampf - gezeichnete Erinnerungen an eine große Zeit" von dem Karikaturisten Kurt Halbritter.
Darin sind Kapitelauszüge über bestimmte Themen mit thematisch passenden Karikaturen illustriert. Mehr bedarf es m.E. nicht.

Der Aspekt der Urheberechte ist allerdings interessant. Wer hält denn die? Posthum der "größte Führer aller Zeiten"? Seine Erben?
Und wer ist Nutznießer der weltweiten Tantiemen dieses Werks?
Vaustein schrieb am 17.01.2012 um 21:07
Die Urheberrechte hat der Freistaat Bayern.
I.D.A. Liszt schrieb am 17.01.2012 um 21:12
Im Ernst?

Nun, das könnte erklären, woher ein Teil des relativen Wohlstandes des Landes Bayern (im Vergleich zu anderen Bundesländern) rührt.

Oder werden die Gewinne für Entschädigungen ehemaliger Zwangsarbeiter oder anderer Opfer des NS-Regimes aufgewendet?
Schachnerin schrieb am 17.01.2012 um 23:34
Der Freistaat Bayern läßt mein Kampf nicht nachdrucken, also fließen hier keine Tantiemen.

Der britische Verlag Random House bringt das Geld nicht los, weil es weder die Holocaustopfer über die Stiftung German Welfare Council, noch das Rote Kreuz wollen.

In den USA werden die Tantiemen seit 1980 in Kriegsgeschädigten-Kassen gezahlt. Vorher hat es die Regierung behalten.
Schachnerin schrieb am 18.01.2012 um 00:58
daß das bayerische Finanzministerium die Urheberrechte hat, die 2015 auslaufen, steht im Artikel.
GEBE schrieb am 17.01.2012 um 21:36
Danke, Herr Strohschneider, für diesen Artikel!

Ich habe es gelesen, mehrfach sogar.
Was Frau Zehnpfennig da von sich gibt, er sei ein systematischer Denker, ist hanebüchen.
Ja, klar, kann man irrige Prämissen hinpfählen und dann weiter in ihrer Spinnertheit ausmahlen und das ganze dann als systematisch bezeichnen, doch gibt es immer noch den feinen aber enormen Unterschied von Verstand und Vernunft. Mit letzterer erkennt man die gestellten Fallen.
Was z.B. (ich will hier nicht auf die Kapitel der sogenannten „Judenfrage“ überhaupt eingehen) im 15. Kapitel: ‚Notwehr als Recht’ zur „Waffenniederlegung“ von 1918 an Geschichtsklitterung phrasiert wird, sollte weitestgehend unter Verschluß bleiben.
Es durchzieht das ganze dicke Pamphlet ein Geruch von Verführung durch Falschheit.
Andererseits gibt es Passagen wie ‚Die Rede wirkungsvoller als Schrift’, von der man die Ansicht gewinnen kann, sie ist pures Marketingmanagement, was eben gerade gelehrt werden könnte. (Manchmal denke ich, so manch ein Pappenheimer aus der Werbefuzziszene hat da bestimmt abgekupfert.) Es kommt schon etwas unverdächtig vertraut daher. Und darin sehe ich die Gefahr!
Urmel auf dem Eis schrieb am 20.01.2012 um 21:33
" Es gibt Sätze, die, aus dem Kontext gerissen, und ich bin mir sicher, man würde sie herausreißen, zitiert werden können, die durchaus verwendet werden könnten inbezug auf die heutige sogenannte globale Weltwirtschaftskrise, in Form eines vermeintlich kritischen Prophetentums. "

Wieso aus dem Kontext gerissen ? Bitte Kontext kurz darstellen.

"Was Frau Zehnpfennig da von sich gibt, er sei ein systematischer Denker, ist hanebüchen."

Wie bitte ?
Für wie blöd halten Sie denn Ihre eigenen und meine Vorfahren (sog. Eliten ausgeschlossen) ?

Kennen Sie Haffner´s "Jekyll & Hyde" ?
Edward Barneys, Lanz von Liebenfels, die vielen harten literarischen Jungs des WK I, von denen einzig Ernst Jünger sich nicht in Adolf verliebte ? Alle diese älteren und einflußreichen Schultern und Geister, auf denen "Mein Kampf" und Adolf standen ?

Komm´se mal runter von Ihrem hohen Ross; die Literaturpreise und "Veröffentlichkeitsehrungen" kommen heute ohnehin nicht mehr den Autoren zu, sondern den verständigen Lesern. Analphabetismus ante portas.

"Mein Kampf" ist Geschichte. Aber die Kamele, ähhh Geschichte(n) ziehen weiter...

Neuer Aufreger gesucht ? Nächstes Thema bitte (gääähn).

Marketing ist Marketing, ist PR, ist PR, ist Propaganda. So what !
GEBE schrieb am 20.01.2012 um 23:08
Was fürn Zeug nehmen Sie denn?
h.yuren schrieb am 17.01.2012 um 22:01
recykeln ist unverzichtbar und in. schrott von vorgestern macht nicht neugierig, aber vielleicht reich und dumm. und wenn ein lkw mit 100 000 broschüren auf der autobahn umkippt (das ist ja auch gerade sehr in), ist die welt irgendwie wieder in ordnung.
Tom Strohschneider schrieb am 18.01.2012 um 12:48
Nachtrag: Die langjährige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, ist gegen eine Veröffentlichung von "Mein Kampf": Es handele sich "um eine der übelsten Hetzschriften, die in diesem Land je verfasst worden ist", erklärte die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern am Mittwoch.
GEBE schrieb am 18.01.2012 um 14:28
@ Tom Strohschneider schrieb am 18.01.2012 um 12:48

Ich kann Frau Knoblauch sehr gut verstehen. Ja, es ist insbesondere inbezug auf alles Jüdische eine Hetzschrift! Da insbesondere, aber auch an anderen Stellen.
Das aber ist nur ein Teil, wenn auch der gewichtig-unheilvollste dieses Buches.
Ich möchte noch mal betonen, daß in vielen anderen Passagen des Buches „Thesen“ vertreten sind, die gerade bei aller eingetretenen Entpolitisierung in den letzten Jahrzehnte, bei aller eingetretenen Denkfaulheit durch das morbide Bildungssystem, bei aller Unkritischheit durch konsumorientierte Wollüsternheit heutzutage, bei einer Veröffentlichung als gleichsam sich subtilst etabliert habendes Denkgemüt, eben als, wie ich oben schon geschrieben habe, „unverdächtig Vertrautes“ daher genommen werden können, und womit dann in Folge eine Relativierung des daraus historisch erwachsenen Unheilvollen bewerkstelligt werden kann. Es gibt Sätze, die, aus dem Kontext gerissen, und ich bin mir sicher, man würde sie herausreißen, zitiert werden können, die durchaus verwendet werden könnten inbezug auf die heutige sogenannte globale Weltwirtschaftskrise, in Form eines vermeintlich kritischen Prophetentums. Würden wir heute 1970 schreiben, ich würde es der Gesellschaft zutrauen, durchdrungen von ausreichend kritischer Bewußtseinveranlagung, damit umgehen zu können. Heute aber nicht mehr. Es gibt inbezug auf Entwicklungen zwei Phänomene. Das eine ist, daß, wenn etwas zu früh in einem Entwickelungsprozeß auftritt, es zu retardierender Entwickelung führt; ein anderes ist, daß wenn es zu spät auftritt, es ins Diffuse abgleitet. Es ist der Zeitpunkt für eine im gesellschaftlichen Ergebnis möglichst unideologisch sich auswirkende Auseinandersetzung seit gut 30 Jahren vertan!
Tobi-Eiki schrieb am 18.01.2012 um 14:15
Es ist bemerkenswert, dass selbst Historiker keinen öffentlichen Zugriff auf diese Schrift hatten. Für 2015 ist nun eine umfangreiche Edition angekündigt, die auch in Deutschland legal zu erwerben sein dürfte. Endlich, muss man sagen. Durch das Verbot dieser Hetzschrift wurde gerade zu ein Mythos geschaffen, der diesem Buch mehr Wichtigkeit verschafft als ihm zusteht. Einzelne Ausschnitte werden viele von uns bereits gelesen haben. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich bereits nach wenigen Absätzen Schwierigkeiten hatte, mich weiterhin mit diesem "Werk" auseinanderzusetzen. Trotzdem würde ich einen weiteren Versuch wagen, um es aus historischen sowie politik-theoretischen Gesichtspunkten zu lesen. Dass es jedoch als Heftchen am Kiosk verkauft werden soll, empfinde ich als verfehlt und unangemessen! "Mein Kampf" neben Omas Groschenromanen oder der BRAVO? Das muss nun wirklich nicht sein.
trashbag1 schrieb am 18.01.2012 um 22:43
Interessanterweise wurde auf der Seite des Zentralrats der Juden die Veröffentlichung von Hitlers Mein Kampf gestern noch lässig genehmigt ... von wegen "Längst notwendige Entmystifizierung".

Heute wurde der komplette Artikel in einem Statement vom Zentralrat- Präsidenten umgeändert in dem die Veröffentlichung plötzlich verurteilt wird.
cuchulainn schrieb am 18.01.2012 um 23:01
unfassbar, diese machenschaften!
born2bmild schrieb am 18.01.2012 um 23:50
Frreudig klappert's morsche Gebein & Gebiss vom "Führer" & seinem Stellvertreter:
"Rudi derr Kampf geht weiterrr!
GEBE schrieb am 19.01.2012 um 13:20
Schade, daß dieses Blog so wenig kommenmtiert wird.
:-(
cuchulainn schrieb am 19.01.2012 um 13:31
würden sie denn gern was bestimmtes hier lesen, GEBE?
GEBE schrieb am 19.01.2012 um 14:49
Mehr Aspekte würde ich gerne lesen, cuchulainn.
Michael Angele schrieb am 19.01.2012 um 22:19
Ein Aspekt wäre vielleicht die fatale Aura, die das BUCH "Mein Kampf" ausstrahlt. Ich glaube, die Geschichte um die deutsche (Nicht-) Veröffentlichung von "Mein Kampf" ist nur in der Guttenberg-Galaxis denkbar. Die "Aura des Verbotenen" haftet doch schon sehram Medium: Es ist eben "das unlesbare Buch" (und nicht: der unlesbare Text).

Ich habe es mir vor vielen Jahren in einer Bibliothek ausgeliehen, kam mir dabei beim Ausfüllen der Zettel, ich brauchte es für meine Diss, sehr wichtig und bedeutsam vor, und als ich mich dann im Sonderlesebereich über die beiden Bände beugte, fühlte ich mich wahlweise praktisch schon in einem Film von Dietl oder Eichinger.

Wenn ich nun höre, dass dieser englische Verleger eine fünfzehnseitige Broschüre auf den Markt werfen will, bin ich doch schon sehr beruhigt. Wer es zu missbräuchlichen Zwecken kauft, legt es dann eben auf den Stapel der "Landser"-Heftchen.

Seiner Aura völlig entkleidet ist der Text aber im Internet. Dort kann ihn ja jetzt schon jeder in deutscher Sprache lesen, auch zum Zweck eines Quellenstudiums.
GEBE schrieb am 19.01.2012 um 22:46
Ja, das ist ein wesentlicher Aspekt, Herr Dr. Angele.
Wenn Produkte resp. deren Erwerb und Besitz zur eigentlichen Attitüde verkommen, weil ihnen ein gewisser Nimbus beigemessen wird – den Begriff „Aura“ möchte ich hier ganz bewußt keinesfalls verwenden -, ist davon auszugehen, daß deren Erstellung und Erwerb subluminalen, unredlichen Motivlagen unterliegen.
cuchulainn schrieb am 19.01.2012 um 22:56
guter punkt, michael angele.

das buch ist eben nicht verboten und zwar in keinem wortsinn, denn weder ist sein erwerb noch sein besitz und schon gar nicht die lektüre untersagt. wer immer will, der kann, aus welchen gründen und welchen zwecken auch immer, das buch bereits heute beziehen. es erscheinen halt keine NEUauflagen. warum, steht weiter oben.

zu meiner schulzeit führte das zu der einigermassen komischen situation, dass ich mir den schund erst über barnes & noble kommen lassen musste, weil unser damaliger geschichtslehrer das werk wenigstens einmal überblicksweise und unter kundiger anleitung durchnehmen wollte - und das ist nicht die schlechteste art des umgangs mit diesem werk.

jedenfalls ist das allemal besser als das offiziöse untersagen, verstecken und beschweigen einer historischen quelle - die das werk ja nuneinmal unbestreitbar ist - über den umweg des urheberrechts.
Urmel auf dem Eis schrieb am 20.01.2012 um 22:05
"Wieso aus dem Kontext gerissen ? Bitte Kontext kurz darstellen."

Es gibt kein großes Thema ohne Kontexte. Ohne Kontext bleibt PR oder unbewiesene Behauptung.

(Kommentar von der Moderation editiert)
cuchulainn schrieb am 20.01.2012 um 22:35
urmel - was immer du dir abends reinpfeifst, bevor du hier aufschlägst und so zeug postest ... nimm etwas weniger davon, ok?
Urmel auf dem Eis schrieb am 20.01.2012 um 22:19
"Meine Güte, ich lese gerade "Mein Kampf". Als prima E-Book, immer mal nebenher.
Das ist komplett verboten? Noch? Man sollte es lesen."

Genau, Magda. Meine Meinung.

"Wer es fassen kann, der fasse es" (JChr.)
Georg von Grote schrieb am 25.01.2012 um 16:22
Der Besitz selbst ist nicht strafbar, auch ein Antiquariat könnte das ursprüngliche Buch auch straflos weiter verkaufen.
Bei den Versionen, die im Internet kursieren also auch als eBook wäre ich vorsichtig, denn ist nicht gesichert, dass sie dem Originaltext entsprechen.
Tom Strohschneider schrieb am 25.01.2012 um 15:38
ein Nachtrag noch: Das Landgericht München I hat die Veröffentlichung von Hitlers "Mein Kampf" verboten. Es gab einem Antrag auf einstweilige Verfügung des Freistaates Bayern statt (Az: 7 O 1533/12). Damit ist dem englischen Verleger Peter McGee "die Herstellung und Verbreitung kommentierter Auszüge aus "Mein Kampf" verboten".
Georg von Grote schrieb am 25.01.2012 um 16:16
Und es ist die richtige Entscheidung in diesem Fall.
Ich bin zwar prinzipiell gegen Zenzur oder Index, wer aber sich mit diesem "ouevre" auseinandersetzen musste oder durfte, der erkennt auch das teilweise enthaltene Potiential, in bestimmten Personenkreisen als Bestätigung ihrer jetzt schon kruden Gedankengänge zu dienen. Das müssen gar nicht nur überzeugte Neonazis sein, es reicht schon sich weitläufig im Dunstkreis dieser Ideolgie zu bewegen und dafür anfällig zu sein.
Interessant dürfte sein, was 2015 passieren, wird, wenn 1.1.2016 das Urheberrecht am Nachlass Hitlers erlischt.

Es gibt ja juristische Möglichkeiten, Abdrucke oder Neuauflagen auch nach diesem Zeitpunkt zu verbieten, sei es unter dem Aspekt der Volksverhetzung, möglich wäre auch Verbot auf Grund der Verbreitung verfassungswidriger Propaganda. Ich bin mir aber sicher, dass das nicht stillschweigend ablaufen, sondern wohl heftig diskutiert werden wird.
Vielleicht ist ja mit diesem Vorgang durch McGee die Diskussion angeschoben worden.
visier63 schrieb am 10.05.2012 um 09:34
Während man sich mit dem "Kampf" austobt, vergisst man nicht all die Propagandaschriften, beginnend mit der "Nationalen Erhebung vom 30. 01. z. 21. 03.33“ oder das Zigarettenbilderalbum "A. Hitler" etc.? Wichtig, auch hier Inhalte zu kommentieren.
Schon während des Diktats Bd. I “Mein Kampf“ hatte Hitler „Nachfolgewerke“ geplant, die das Kraut ab 33 erst fett machten. Baldur v. Schirach, Reichsjugendführer d. NSDAP, Goebbels u. a. halfen dabei. Mit “Hitler, wie ihn keiner kennt“ und vielen anderen Titeln ist es munter weitergegangen.
Vokabularbeispiele aus “Mein Kampf“, Bd. I, Kap. 11, Volk/Rasse, die man für den Schulgebrauch bearbeiten muss:
„Es gibt Wahrheiten, die so sehr auf der Straße liegen, dass sie gerade deshalb von der gewöhnlichen Welt(!) nicht gesehen werden.“
Gewöhnliche Welt – die Scheinwelt des Führers?
Oder: „Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu treffen.“
Ungereimtheiten im Text wurden durch Hitlers u. nicht zuletzt auch durch Goebbels´ Rhetorik meist übertüncht.
Literatur zur Nachkriegszeit: „Als wir den II. Weltkrieg ausgruben …“
Tom Strohschneider
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