Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

03.08.2011 | 15:28

Hype oder Hegemonie? Die Grünen und der Kapitalismus - eine Debatte

Vor einiger Zeit war unter anderem hier auf einen Beitrag der Redaktion des Prager Frühling hingewiesen worden: Der Text unter dem Titel „Die grüne Herausforderung: Für eine öko-soziale Paradoxie“ hat inzwischen eine Überarbeitung erfahren – und wird weiter diskutiert. Pascal Beucker hatte bereits bemängelt, dass die Argumentation teils „noch zu sehr ‘altem Denken’ verfangen“ sei, die Herangehensweise erschien ihm „zu taktisch, zu instrumentell“. Zuletzt ist von Jörg Deml im Sozialismus eine Kritik erschienen, die PF-Redaktion betreibe „ein Schattenboxen mit Gegnern, die gar nicht im Ring stehen, und verzichtet darauf, die amtierenden Champions herauszufordern“.

Den Kern des Problem sieht er in der „theoretische(n) Negierung der (fortbestehenden) Relevanz fordistischer Strukturen“ und einer „Distanzierung gegenüber denjenigen, die – mehr oder weniger bewusst – dessen Errungenschaften zu verteidigen suchen bzw. in dieser Epoche politisch sozialisiert worden sind“. Die kritischen Bildungseliten müssten zwar „selbstverständlich als Lotsen an Bord der ‘MS Umbau’ willkommen“ sein, so Deml. „Steuer und Befehlsgewalt müssen aber die FacharbeiterInnen und mittleren Angestellten innehaben. Wer ihnen dies aus einer kulturellen Aversion heraus nicht zutraut, braucht sich nicht zu wundern, wenn es keine gesellschaftlichen Mehrheiten für die ökologisch-soziale Modernisierung der Industriegesellschaft geben wird.“

Bereits in der Mai-Ausgabe des Sozialismus hatten Joachim Bischoff, Hasko Hüning, Bernhard Müller, Björn Radke und Bernhard Sander gefragt: „Befinden wir uns in einem Prozess der Herausbildung einer Hegemonie der grünen Partei?“ Gegen die „wenig stichhaltigen These“ werden zwei Punkte ins Feld geführt: Diese werde erstens nicht zu einer Volkspartei, „die alle gesellschaftlichen Schichten ansprechen und einbinden kann“. Als „treibende politische Kraft einer ökologischen Modernisierung der bürgerlichen Gesellschaftsformation“ könnte die Partei „sicherlich Geschichte schreiben, doch damit sind die tiefgreifende soziale Spaltung der Gesellschaft, die Entdemokratisierung und Gefährdung der europäischen Konstruktion sowie die krisenhaften Strukturverschiebungen in der Globalökonomie nicht aufgehoben“.

Zweitens sehen die vier Autoren, die in verschiedenen Landesverbänden der Linken aktiv sind, zwar eine „reelle Chance, dass die Grünen durch direkte Regierungsbeteiligung oder indirekten gesellschaftlichen Druck einen ökologischen Umbau der kapitalistischen Produktionsstrukturen voranbringen. Allerdings teilen wir nicht die Vorstellung, dass ein solches Innovations- und Reformprogramm einen vergleichbaren Charakter haben kann wie der New Deal der 1930er Jahre, aus dem eine langjährige Prosperitätskonstellation samt Umwälzung der gesamten Lebensweise – und damit eine neue soziale und kulturelle Basis für Hegemonie – hervorging.“

Joachim Hirsch sieht das auf links-netz.de ein wenig anders. „Wenn man so will, präsentieren die Grünen ein modernisiertes ‘Modell’ Deutschland, nachdem das alte, sozialdemokratisch-fordistische der neoliberalen Politik zum Opfer gefallen war. Deren Scheitern wird immer offenkundiger, was heißt, dass weder ein Zurück zum Fordismus der Nachkriegszeit noch ein neoliberales Weiter so besonders erfolgversprechend erscheinen. Was damit angezielt wird, ist ein kapitalistisches Vergesellschaftungsmodell nach dem Neoliberalismus. Verglichen mit den anderen kapitalistischen Metropolen wird damit so etwas wie ein deutscher Sonderweg anvisiert, der allerdings den Vorteil hat, nicht reaktionär-rückwärtsgewandt, sondern durchaus fortschrittlich zu sein, der also tatsächlich wieder Modellcharakter erhalten könnte. Gegenüber dieser Kraft sehen die ‘alten’ Parteien, und dazu gehört ihrer Struktur und ihrem Personal nach auch die Linkspartei, ziemlich schlecht aus“, so Hirsch. 

Den Grünen traut Hirsch viel zu: „Wenn es gelingt, diese Politik über konjunkturelle Situationen hinaus im allgemeinen Bewusstsein fester zu verankern, haben die Grünen das Potential eines neuen Typus der Volkspartei.“ Denn die Partei präsentierte „nicht nur ein wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Programm, das künftigen Herausforderungen gerecht zu werden verspricht und damit hegemoniale Qualität hat. Sie stützen sich dabei auch auf eine soziale Basis, die zunehmend an Gewicht gewinnt. Sie sind zu der Partei der modernen Besserverdienenden geworden, einer Schicht, die durch den Wandel zur sogenannten High-Tech- und ‘Wissensgesellschaft’ nicht nur zahlenmäßig an Bedeutung gewinnt, sondern immer wichtigere gesellschaftliche Positionen einnimmt.“

Die Redaktion des Prager Frühling hat ihre Überlegungen mit der bündnispolitischen Option eines Mitte-unten-Bündnis verknüpft, in dem die Grünen eine wichtige Rolle spielen. Georg Fülberth ist in konkret skeptischer – und schreibt, das „strategische Bündnis zwischen Schwarz und Grün“ werde „nicht mehr lange auf sich warten“ lassen. „Ist ein Problem für die Reproduktion des kapitalistischen Systems wirklich dringend, lässt sich gar nicht mehr umgehen, dass die Intelligenz es artikuliert. So sind die Grünen mittlerweile die Hegemonialpartei geworden, nach der sich Union und SPD auch dann schon richten müssen, wenn sie von ihr noch nicht an Wählerstimmen überholt sind." Und: "Wer erkannt hat, dass gegen das Kapital keine Politik gemacht werden kann, wird sich lieber mit einer Partei verbünden, der jenes letztlich mehr vertraut als der SPD.“

Allenfalls, so Fülberth, werde „bevor die strategisch sinnvollste Option – Schwarzgrün – eingesetzt wird, noch einmal eine grünrote Episode gebraucht“: wegen der sozialen Folgen der Energiewende. „Wenn eine neue rotgrüne Koalition den Schichten, bei denen die SPD sich gerade wieder etwas angenehmer machen will, so etwas zumuten muss, dann bleibt der Union diese unangenehme Aufgabe (die die besser verdienenden Wähler der Grünen nicht tangiert) ebenso erspart wie einst die Sache mit Hartz IV. Erst nach diesem taktischen Zwischenspiel wird der strategische Bund zwischen Schwarz und Grün seine langfristige Wirksamkeit entfalten können.“

Die Debatte wird weitergehen. Sie sollte es, denn es geht nicht bloß um die Frage, welche Rolle die Grünen in nächster Zeit spielen könnten. Sondern auch eine über die Strategie einer (nicht bloß parteipolitischen) Linken, die wissen will, ob aus einem potenziellen Bündnispartner nicht doch die Hegemonialpartei der ökologischen Erneuerung des Kapitalismus wird, die lieber in eine andere Richtung geht.

 

auch erschienen auf lafontaines-linke.de

 
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Kommentare
wwalkie schrieb am 03.08.2011 um 15:55
Vielen Dank für den Überblick.

Mein Eindruck (auch nach der Lektüre des Mikfeld-Aufsatzes in den Blättern): Ein Begriff geistert momentan und in der nächsten Zeit durch die Strategiediskussionen der Linken jenseits der Mitte, der Begriff Hegemonie. Wie man an den widersprüchlichen Positionen sieht, kann diese unterschiedliche Inhalte haben. Ich habe - vorsichtig formuliert -, den Eindruck, dass es einige Autoren weniger mit Begriffsvater Gramsci halten (dessen Äußerungen aus den Quaderni zunächst noch einmal (seufz!) zu interpretieren wären), sondern dass sie eher an eine "Meinungsführerschaft" auf dem Politmarkt denken.
Joachim Petrick schrieb am 03.08.2011 um 23:44
@wwalkie

"...sondern dass sie eher an eine "Meinungsführerschaft" auf dem Politmarkt denken."

Trefflich formuliert!
Joachim Petrick schrieb am 03.08.2011 um 23:45
@wwalkie

Wäre das viel oder zu wenig?
j-ap schrieb am 03.08.2011 um 16:10
Ja ist er nicht niedlich, unser aller Joachim Hirsch? Wie er sich seit gut 35 Jahren abstrampelt, um den Fordismus dann doch noch irgendwie und sowieso in den »Dritten Weg« hinein zu retten und damit — wenn das Fritz Naphtali noch erlebt hätte! — die Weimarer Koalition mit ihrer »Wirtschaftsdemokratie« nachträglich am guten Menschen von Godesberg sich gesundstoßen zu lassen?

Was Wunder, daß er jetzt bei den Grünen findet, was ihm schon immer bei der SPD gefehlt hat: das charismatische Potenzial einer Führungsriege, die die klassisch linke Als-ob-Opposition so schön verkaufen kann, daß man's fast schon nicht mehr merkt.

Immerhin: Joachim Hirsch hat mit diesem Unsinn fast drei Regale vollgeschrieben und für eine Habille hat's auch gereicht.

A Hund is er scho, der Hirsch!
Tom Strohschneider schrieb am 03.08.2011 um 16:35
Mikfelds "Überlegungen zur Zukunft der pluralen Linken" gibts hier - für zwei Euro: bit.ly/raPdTP
Joachim Petrick schrieb am 03.08.2011 um 23:41
@Tom Strohschneider

" Allerdings teilen wir nicht die Vorstellung, dass ein solches Innovations- und Reformprogramm einen vergleichbaren Charakter haben kann wie der New Deal der 1930er Jahre, aus dem eine langjährige Prosperitätskonstellation samt Umwälzung der gesamten Lebensweise – und damit eine neue soziale und kulturelle Basis für Hegemonie – hervorging.“

Das wär auch fatal, hat doch der New Deal durch das Tal des Entsetzens und der Tränen bei der Planung, der Organisation des Zweiten Weltkrieges als "modernes" Konjunkturprogramm mit den Mitteln der Aufrüstungs- Kommandowirtschaft auf allen kriegsteilnehmenden Seiten und der absehbaren Nachkriegskonjunkur auf Massengräbern, nur den Wenigen Prosperität in den USA /Kanada/Australien/Südafrika und Europa/West zu lasten des Großen Restes der Weltwirtschaft und Menschheit beschert.

Diese Debatte, will mir scheinen, handelt bisher nur von gesellschaftspolitisch leeren Hülsenfrüchten, denen der politisch relevante Inhalt herausoperiert
Dattel schrieb am 04.08.2011 um 14:00
Die Grünen ernten jetzt die Früchte ihres Verrats gegen die Bewegungen (Frieden,Öko und Antiatom), indem sie sich deren Errungenschaften auf die Fahnen schreiben und die Veränderung statt von unten nun von oben durchsetzen. Sie sind die Partei des guten Gewissens für die kleinbürgerliche Mitte damit die weiterhin den Klimawandel mit Individualverkehr und Kohlestrom vorantreiben können und sich gleichzeitig in ihren modernen (eigentlich unökologischen) Ökoneubauten wohl fühlen. Sie haben es sogar geschafft Krieg als paternalistischer Menschenrechtsexport + "Entwicklungshilfe" an die Massen zu verkaufen. Der grüne Kapitalismus und der grüne Krieg waren die Kassenschlager der letzten Jahre durch das "Ende" der (rhetorisch) neoliberalen Hegemonie.
Das die Linke dem nichts entgegenzusetzen hat liegt daran, dass sie den Lack des Wohlfühldeutschlands ankratzt mit den Themen Prekarisierung, Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit. Der Kleinbürger möchte sich aber im Standort Deutschland rundum wohlfühlen und daher fehlt es der Linken (Partei) an einer Perspektive diesen Lebensentwurf als Lüge entlarft und etwas besseres dagegen setzt. Stattdessen befleckt sie sich gerade nicht mit Ruhm z.B. durch ihren Einsatz für CCS in Brandenburg oder Steinkohle. Genauso wie das Festhalten am Wachstumsparadigma. Die qualmenden Schornsteine der Fabriken scheinen für sie immer noch zu ästhetisch zu sein, weil ansonsten das Arbeiterklassenimage verloren zu gehen scheint.

Mit der traditionell linken, deutschen Kultur des ewigen kritisieren und räsonieren bis der Kopf voller Widersprüche ist und keine Bewegung mehr entstehen kann halte ich es für unmöglich dem Konzept des grünen Kapitalismus etwas entgegenzusetzen, dass die Menschen auch begreifen. Gerade der Verrat der Grünen an die Basis sollten sich Linke zunutze machen, weil die ökologische Frage niemals ohne die Soziale zu Denken ist (nur bei den Grünen). Also gilt es die vor allem energiepolitischen Bewegungen von unten zu unterstützen für das Ziel der Energiedemokratie. Also einer dezentralen, basisdemokratischen, sozialen, 100% erneuerbaren Energieversorgung. So könnte es gelingen nun nicht der Basisbewegungen in den Rücken zu fallen und sie der Ohnmacht zu überlassen, sondern die Selbstermächtigung gegen die zentralisierten Machtstrukturen zu lenken. Im Energiesektor würden diese Energiekämpfe gegen die vier großen Konzerne geführt werden bis zur Vergesellschaftung und Zerschlagung. Das wäre ein erster großer Schritt in ein buen vivir oder gutes Leben.
zelotti schrieb am 04.08.2011 um 14:02
Es fehlt ausserdem ein echter linker Plan für die Zukunft, so wie es vor über einem Jahrzehnt Attac mit der wenig ambitionierten Finanzmarktsteuer ins Spiel brachte, die jetzt plötzlich populär wird. Nach der Krise in den 90ern, dem Kollaps des Sowjetmodells, dem Gerausche der Antideutschen bei denen sich alles um den Zionismus drehte, undogmatischen Kräften, usw. fehlt eben eine echte linke Vorstellung von progressiven Wandel.

Ich denke es ist einfach wichtig eine neue Urbanität und Identität zu schaffen, neue Strukturen der sozialen Absicherung. Das Weichbild des Sozialen, der menschliche Maßstab. Dann werden wir in den nächsten Jahren den weiteren Niedergang der USA erleben und das Aufwachsen der BRIC-Mächte als imperiale Mächte. Dafür brauchen wir eine neue Geopolitik.
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