Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

03.02.2011 | 13:11

Kommunismus im Taka-Tuka-Land: Lötzsch, Ypsilanti und die Hessen-CDU

Nun hat endlich auch der Landtag von Hessen das große Thema unserer Zeit behandelt: Gesine Lötzschs so genannten Kommunismus-Aufsatz. Die Fraktionen von CDU und FDP haben vorsorglich den Stahlhelm aufgesetzt und in einem Antrag ein „Bekenntnis zu Freiheit, Demokratie und sozialer Marktwirtschaft“ gefordert. Die gewünschte „Distanzierung“ betraf dabei nicht etwa nur die „abwegigen Vorstellungen“ der nun einschlägig vorbelasteten Linken-Vorsitzenden. Sondern auch die von Andrea Ypsilanti – der Landtag solle deren „teilweise wortgleichen Forderungen“ ebenfalls eine freiheitlich-demokratische Absage erteilen.

Was war geschehen? Die linke Sozialdemokratin hatte unlängst in der Frankfurter Rundschau die SPD davor gewarnt, „ihre ureigene Idee einer gerechten und solidarischen Gesellschaftsordnung, eines demokratischen Sozialismus“ aufzugeben. Mag sein, dass die Kalten Kriegern in Schwarz-Gelb die Ausweitung der Kampfzone auf den linken SPD-Flügel für einen besonders raffinierten Schachzug halten. Dass sich aber nun ausgerechnet die Hessen-CDU, dieser Ausländer-Raus-Schwarzgeld-Verband, in die kollektive Pose des „aufrechten Demokraten“ wirft, um den „Boden des Grundgesetzes“ von gesellschaftlichen Alternativen freizukehren, ist schon ein starkes Stück.

Die Debatte im Wiesbadener Schloss jedenfalls wurde lebhaft. Der hessische SPD- und Fraktionsvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel wies darauf hin, dass in seiner Partei „jeder seine Meinung sagen“ dürfe, sogar eine Abgeordnete Andrea Ypsilanti, die, als sie es in leitender Funktion schon einmal getan hatte, von ihren eigenen Genossen abgeschossen wurde. Janine Wissler von der Linken zitierte Heiner Geißler und beschied den schwarz-gelben Demokratiehütern, es sei ihnen „doch völlig egal, ob sich ein Land sozialistisch, kommunistisch oder Taka-Tuka-Land nennt, solange die Geschäfte stimmen“.

Weil dann noch ein SPD-Mann die Liberalen daran erinnerte, dass es ihrer Geschichte eher entspreche, als „Mittäter und nicht Ankläger“ aufzutreten, gab es einen Ordnungsruf. Und CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier fragte sich sogar selbst, „ob wir Vertrauen bei der Bevölkerung erlangen, wenn wir so diskutieren“. Das war freilich ebenso wenig Einsicht wie der Satz in der Frankfurter Neue Presse, man habe „zweieinhalb Stunden beschämender Streiterei wegen einer Frau von gestern aus der vorletzten Landtagsreihe und einer Linken-Bundesvorsitzenden“ erlebt, etwas mit Kritik zu tun hat.

Übrigens: Am Donnerstag diskutierte auch der Landtag von Sachsen-Anhalt worüber? Genau: den Kommunismus-Text von Gesine Lötzsch. Einen entsprechenden Antrag unter der Überschrift „Freiheit und Demokratie bewahren“ hatte hier allerdings auch die SPD mit eingebracht.

 

 
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Kommentare
ebertus schrieb am 03.02.2011 um 14:45
Nachdenken über die Zukunft steht nun vollumfänglich unter Generalverdacht.

Regierungsamtlich zugelassene Denkschemata kommen zukünftig und ausschließlich von den dafür vorgesehenen, neoliberalen think tanks. Schulklassen müssen das entsprechende Bekenntnis täglich vor Unterrichtsbeginn ablegen, im öffentlich-rechtlichen Zwangsfernsehen (kommende Haushaltsabgabe) sollte dies zu jeder vollen Stunde wiederholt werden, zumindest die signifikanten Essentials. Der sog. Radikalenerlass darf nun endlich dem herrschenden Diskurs angepasst werden und von McCarthy kann man sowieso noch sehr viel lernen.

Interessant dennoch, Ypsilanti ist also immer noch in der SPD, so wie Ströbele bei den Grünen. Beide sind eher Exoten in ihren jeweiligen Parteien, aber Ypsilanti ist jünger, darf weiterhin Hoffnung auf bessere Zeiten pflegen.

"Für uns, die wir noch hoffen", frei nach Gerulf Pannach.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 04.02.2011 um 19:23
"Das war freilich ebenso wenig Einsicht wie der Satz in der Frankfurter Neue Presse, man habe „zweieinhalb Stunden beschämender Streiterei wegen einer Frau von gestern aus der vorletzten Landtagsreihe und einer Linken-Bundesvorsitzenden“ erlebt, etwas mit Kritik zu tun hat."

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Das war echt umwerfend. Zynismus hoch Unendlichkeit. Anstatt sich mit dem Thema auf sachlicher Ebene auseinander zu setzen, wird an den Persönlichkeiten der Gegenseite rumgezapft. Und wie! Eine Diskussion mit "einer Frau von gestern aus der vorletzten Landtagsreihe und einer Linken-Bundesvorsitzenden" ist also nichts wert? Man diskutiert nur mit den Leuten aus der ersten Reihe und mit den Vorsitzenden von "richtigen" Parteien? Die Restliche sind nicht gut genug, um etwas in diesem Land sagen zu dürfen? Und diejenige, die zu den "Landtagsreihen" überhaupt nicht gehören? Was sind sie in diesem Land und wie viel dürfen sie sagen? Was ist ihre Meinung wert und wer ist bereit, mit ihnen zu diskutieren?
kitty53 schrieb am 05.02.2011 um 14:09
Dass gerade jetzt so viel antikommunistisches Kampf- und Wutgeschrei aus der Ecke von neoliberalen und christsozialen Gralshütern kommt, wundert mich nicht. Und natürlich beschränkt sich die Tirade nicht auf Lötsch und Gen., sondern ergreift alle, die es wagen, sich noch linke Visionen und Utopien zu leisten. Seit langem gab es keine Situation wie diese, in der typische Erscheinungen des herrschenden System in weiten Teilen der Bevölkerung so auffällig daran gemahnten, dass diese Gesellschaft dringend Veränderung braucht (Sozialisierung der wahnwitzigen Bankenrettungskosten und abermalige obszöne Banker-Gier, Ökokrise, Arm-Reich-Schere bundes- und weltweit, Öko-Krise, Horror in den Ställen und Schlachthöfen , Klimakatastrophe, Artensterben, ...)! Und folglich müssen alle Leute, die laut darüber nachdenken, niedergeschrien und mundtot gemacht werden. Ob allerdings gerade das Stichwort Kommunismus dazu angetan ist, die breite Diskussion über grundlegende Veränderungen zu beflügeln, bleibt zweifelhaft. Zu schwer sind die stalinistischen Lasten, und zu erfolgreich alle Scharfmacher, die das Image Kommunismus von Terror und Misswirtschaft gebildet haben.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.02.2011 um 08:59
Nun ja, wenn man betrachtet, wie viel Mist hinter dem Wort Demokratie versteckt wird und wie hemmungslos mit diesem Wort seit Jahrzehnten jongliert wird, um die eigene Interessen durchzusetzen, die mit der Demokratie nichts zu tun haben, dann durfte man dieses Wort in der Diskussion gar nicht verwenden, wenn man ernsthaft diskutieren will? Zu schwer sind die Lasten der Heuchelei und der Verlogenheit, die auf diesem wiet und breit misshandeltem Wort liegen...
Tom Strohschneider
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